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Ungarn Teuflisches Kind

Antisemitische Haßtiraden aus der Regierungspartei: Der Schriftsteller Istvan Csurka beunruhigt die Juden des Landes.
aus DER SPIEGEL 42/1992

Wie sich die Bildchen gleichen: Auf dem einen ein Kopf mit abstehenden Ohren und knolliger Hakennase, dazu Erläuterungen wie: »Großkapitalist: Jude! Marxistischer Arbeiterführer: Jude!« Auf dem anderen zwei Herren, finstere Bärte, Hakennasen, im Gespräch über Einflußnahme und Geld.

Karikatur Nummer eins stammt aus dem Jahr 1937 und hängt zur abschreckenden Mahnung im Jüdischen Museum der riesigen Synagoge an der Budapester Dohany utca. Karikatur Nummer zwei erschien 1992 in der Zeitschrift Magyar Forum, dem Hausblatt des Dichters und Politikers Istvan Csurka, 58.

Bei Karikaturen blieb es nicht. Ende August legte Csurka auf acht Seiten »einige Gedanken zu den zwei Jahren des Systemwechels« vor. Kernthese: Das wahre Ungartum ist umzingelt von einer judeobolschewistisch-international-großkapitalistischen Verschwörung.

Der alte Ungeist des Antisemitismus, in den vier Jahrzehnten seit dem Holocaust in Ungarn relativ gut verborgen, erlebt ein Comeback auf höchster Ebene. Als »sehr, sehr gefährlich« empfindet das etwa die liberale Oppositionspolitikerin Ottilia Solt, denn: »Csurka will die ganze Macht.«

Tatsächlich wird dem bulligen Volkspoeten, Mitbegründer und einem der Vize-Vorsitzenden der stärksten Regierungspartei, des rechtskonservativen Ungarischen Demokratischen Forums (MDF), die zahlenmäßig größte Anhängerschaft in seiner Fraktion nachgesagt. Seine Theaterstücke sind beliebt, weil sie das trostlose Leben des Kleinbürgers schildern, das auch der Sozialismus nicht verbessert hatte. Csurka wurde von der kommunistischen Regierung zweimal mit dem Staatspreis geehrt, aber einmal auch mit einem befristeten Publikationsverbot bestraft.

Daß er dem kranken Ministerpräsidenten Jozsef Antall nachfolgen möchte, schließen Beobachter aus Csurkas unverhohlenem Appell: »Antall muß seinen Nachfolger benennen und anlernen.«

Obsiegt Csurka, ist in Ungarn außer für völkisch und national Gesinnte wohl nicht mehr viel Raum. Die linksliberale Opposition der Kadar-Zeit - György Konrad, Janos Kis, Laszlo Rajk, Miklos Haraszti - bezichtigt er pauschal, als trojanisches Pferd gedient zu haben, um die »seit 1945 kontinuierliche Macht« der Kommunisten sowie die »Hegemonie des Judentums« über den Systemwechsel von 1990 hinwegzuretten.

Die einstigen Dissidenten vergleicht Csurka mit feindlichen »Fallschirmtruppen im ungarischen Körper«. Gemeint ist damit die gesamte Opposition: der aus der Menschenrechtsbewegung hervorgegangene Bund der Freien Demokraten (SZDSZ), dem viele jüdische Intellektuelle angehören, ebenso wie die zwischen alternativ und neoliberal schlingernde Jugendpartei Verband Junger Demokraten mit ihren rotzfrechen, intelligenten Abgeordneten und natürlich die zu Sozialdemokraten mutierten Exkommunisten.

Dem Staatspräsidenten Arpad Göncz, einem nichtjüdischen, liberalen Schriftsteller, der nach dem Aufstand 1956 lange Jahre im Gefängnis verbrachte, ordnet Csurka Verbindungsleute aus Paris, New York und Tel Aviv als »Hintermänner« zu.

Einen »Molotowcocktail« nannten Oppositionelle das Csurka-Pamphlet. Ministerpräsident Antall rang sich im Parlament eine laue Distanzierung ab und tadelte den Schriftsteller als »teuflisches Kind in der Politik«. Sein Parteivorstand urteilte jedoch: »Der Aufsatz ist ein brauchbarer Beitrag zur Programmdiskussion.«

Diese Versuche der Mehrheit der Regierungspartei, Csurkas wildwütigem Papier noch etwas abzugewinnen, nähren bei der Opposition den Verdacht, da stecke System oder Strategie dahinter.

Nach Ansicht jüdischer Religionsführer gibt es in Ungarn zwei Strömungen des Antisemitismus: den auf der Pöbel-Ebene der Skinheads, Parolenschmierer und Friedhofsschänder und einen intellektuellen, der sich weitgehend aus Eifersucht und sozialem Neid nährt. Zwischen beiden eine Verbindung herzustellen, sei Csurka von seiner Partei »eingeteilt«, mutmaßt ein jüdischer Oppositioneller.

»Die Rechte braucht einen Sündenbock, denn alles geht schief«, sagt G. M. Tamas, SZDSZ-Parlamentarier und Direktor des Philosophischen Instituts der Ungarischen Akademie, »und die Juden waren stets der Sündenbock.«

Anlaß zum Unmut gibt es zur Genüge: Die Privatisierung der Staatsbetriebe kommt nicht voran, die Inflation liegt über 20 Prozent, die Arbeitslosigkeit knapp unter 20 Prozent. Soziale Leistungen werden beschnitten, die Popularität der Regierung sinkt rapide.

Bei seiner Suche nach Feindbildern ist Csurka beim nationalistischen Reichsverweser, dem Admiral Miklos Horthy, fündig geworden. Der hatte 1944 sein Amt auf Druck des verbündeten Hitler-Deutschlands an die mörderischen Pfeilkreuzler-Faschisten abgegeben. Schon unter Horthy war der ungarische Antisemitismus endgültig politisch hoffähig geworden. Der Admiral verband - nach der kurzlebigen Räterepublik des Juden Bela Kun 1919 - Antikommunismus mit Antisemitismus.

Dabei hatte im Jahrhundert zuvor ein fast goldenes Zeitalter für Ungarns Juden geherrscht. Weder im Deutschland noch im Österreich des 19. Jahrhunderts war die äußere Assimilation des Judentums so vollständig und unbehindert wie in Ungarn. »Wir sind Ungarn mit dem Gesicht Moses«, schrieb damals ein religiöser Führer über seine rund 700 000 Glaubensgenossen.

Zu Beginn dieses Jahrhunderts wurde ein Jude Bürgermeister von Budapest. Juden dienten als Kriegs- und Finanzminister, ein Drittel der im Ersten Weltkrieg gefallenen ungarischen Offiziere waren jüdischen Glaubens. Wiens christsozialer Stadtchef, der rabiate Antisemit Karl Lueger, pflegte von der Schwesterstadt als »Judapest« zu sprechen.

Schon 1920 begann das Horthy-Regime mit diskriminierenden Gesetzen. Seit Ungarns Allianz mit den Deutschen im Zweiten Weltkrieg teilten sie das Schicksal aller europäischen Juden - Ghetto, Judenstern, Deportation, Tod im Konzentrationslager.

Allerdings konnte Adolf Eichmann, schließlich selbst zur »Endlösung der Judenfrage« noch 1944 nach Budapest geeilt, sein Werk nicht vollenden. Die sowjetische Armee hatte die Stadt eingekesselt, der schwedische Diplomat Raoul Wallenberg und sein Schweizer Kollege Carl Lutz hatten für Zehntausende Juden Schutzpässe erfeilscht. Budapest, wo jeder vierte Einwohner Jude war, ist die einzige mittelosteuropäische Stadt, die so über 140 000 von ihnen behielt.

Ungarn wie Csurka halten ihrem Volk gern vor, daß vier der »Großen Sieben« der teils aus Rußland heimgekehrten KP-Spitzenkader Juden waren: Der spätere Ministerpräsident Matyas Rakosi, Sohn eines Kaufmanns namens Roth, Ernö Gerö (Singer), Laszlo Rajk (Reich), Zoltan Vas (Weinberger). Die häufige Erinnerung daran, etwa in Zeitungen wie dem Magyar Forum, soll offenkundig nahelegen, daß der Kommunismus eine jüdische Erfindung war.

Unterschlagen werden dabei gern die jüdischen Opfer des Stalinismus in Ungarn. Denkmäler des bereits 1949 in Ungnade gefallenen jüdischen Philosophen Georg Lukacs, dessen 1923 erschienenes Werk »Die Geschichte und das soziale Klassenbewußtsein« auch West-Marxisten nachhaltig beeinflußte, werden heute mit roter Farbe beschmiert.

Juden standen beim Aufstand 1956 mit auf den Barrikaden. Viele gehörten in der Kadar-Zeit Dissidentenkreisen an. Aber die Bezeichnung »Zsido« (Jude), jetzt wieder als Schimpfwort benutzt, war zur Zeit des kommunistischen Internationalismus tabu.

Die 80 000 Juden im heutigen Ungarn - sie leben überwiegend in Budapest und stellen dort fünf Prozent der Bevölkerung - galten auch nach dem Holocaust mehrheitlich als assimiliert, vielleicht stärker denn je. Bis auf die kleine orthodoxe Minderheit im Herzen des alten Judenviertels im VII. Bezirk hat die Nachkriegsgeneration kaum die hebräische oder die jiddische Sprache erlernt. Die großen Synagogen zerfielen. Viele Juden im kommunistischen Ungarn gingen Mischehen ein, viele magyarisierten ihre Namen.

Mit der Wende zur Demokratie krochen alte Vorurteile wieder hervor. Mit Entsetzen nahmen Ungarns Juden zur Kenntnis, wie Sandor Csoori, in Ungarn als »größter lebender Lyriker und Humanist« gefeiert, in einem langen Artikel darlegte, die Juden hätten durch ihr politisches Engagement der letzten 40 Jahre die Chance des Dialogs und der Symbiose mit dem Ungartum verspielt.

Nicht wenige Intellektuelle in Budapest versuchten, die Attacken mit der Wiederbelebung einer Uraltfehde unter Ungarns Geistesgrößen zu erklären: der zwischen den sogenannten Populisten und Urbanisten. Die Populisten - typische heutige Vertreter sind Csoori und Csurka - sind sich einig in der Ablehnung aller Ideologien der Moderne. Im traditionellen Bauerntum liegen für sie die echten Wurzeln der ungarischen Gesellschaft. Die Urbanisten im lockeren Budapest - typische gegenwärtige Vertreter sind die Schriftsteller György Konrad und Istvan Eörsi - schauen gen Westen; statt von der Bauernromantik lassen sie sich von Rationalität und Moderne leiten.

Da Juden bei den Urbanisten stets überrepräsentiert waren, hält der Oppositionelle Tamas die Deutung des neu aufgebrochenen Antisemitismus mit dem alten Antagonismus für einen »Mythos«. Tamas: »Populismus war immer ein Euphemismus für Judenfeindlichkeit.«

An seinem Philosophischen Institut bekommt er die Folgen der neuen Stimmungslage zu spüren: »Es gibt keinen jüdischen Studenten, der nicht raus will.« Aber auch eine Gegenbewegung ist zu registrieren - eine Art Wiedererwachen jüdischen Bewußtseins, von Kultur, Religiosität und Lebensart.

Der Dramaturg Robert Ben Turan etwa ist Mitbegründer eines neuen »Verbandes der Juden in Ungarn«, der sich für die Anerkennung als nationale Minderheit, nicht als religiöse Gemeinde einsetzt. Leitmotiv: »Wir wollen Emanzipation, nicht Assimilation.«

Ein Jüdischer Kulturverein hat sich neu gegründet, der jüngste von drei jüdischen Kindergärten feierte Mitte September - unter Polizeischutz - seine Eröffnung mit dem Lied »Schalom, schalom, Erez Israel«.

Im VII. Bezirk gibt es koscheren Zander und gefüllten Gänsehals in immer mehr Restaurants, am Klauzal-Platz bietet der Laden »Made in Tel Aviv« neben Lebensmitteln aus Israel und Sabbat-Kerzen Salz vom Toten Meer. Und auch der Lubawitscher Rebbe aus New York ist schon präsent, seine giftgrüne Broschüre lädt ein: »Nehmt teil an der Renaissance des Judaismus in Ungarn.«

Möglich, daß derlei Aktivitäten Istvan Csurka reizen. Die Vertreter der Jüdischen Gemeinde jedenfalls haben Mitte September, im Rahmen eines christlich-jüdischen Dialogs, an die Kirchen Ungarns appelliert, öffentlich Stellung zu beziehen gegen Csurkas Gedanken zur Zeit. Sie erhielten eine Abfuhr. Das Thema sei zu »politisch«.

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