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FORD Teure Löcher

aus DER SPIEGEL 44/1965

Fords Markt-Tester können triumphieren: Deutschlands Autokäufer haben im Wahljahr Ford gewählt. Zum erstenmal im jahrelangen Wettrennen um den zweiten Platz auf dem Markt (hinter VW) holten die Kölner Ford -Werke Ihren Erzrivalen Opel ein, der rund fünf Prozent seines Marktanteils an Ford abtreten mußte.

Fords Auto-Tester können frohlocken: Seit Ende letzter Woche verfügen sie über Europas modernstes, teuerstes und größtes Versuchsgelände - noch intensiveres Testen soll künftig das Markt-Ansehen der Ford-Modelle weiter verbessern und den Aufwärtstrend der Kölner Absatzkurve festigen.

Das Test-Labyrinth der Ford-Werke, angelegt mitten im Wald bei Lommel in der belgischen Provinz Limburg, kostete 20 Millionen Mark. Es ist mit 2,4 Quadratkilometer so groß wie das gesamte Werks-Areal von Opel in Rüsselsheim.

Sorgfältige Erprobung und ständiges weiteres Testen von Automobilen dient längst nicht mehr allein ihrer Sicherheit und Leistungsfähigkeit, sondern auch - vornehmlich bei der Produktion großer Serien - der laufenden Qualitätskontrolle. Die Versuchsabteilungen großer Werke testen daher in Tag- und Nachteinsätzen neben eigenen Prototypen und Modellen der Konkurrenz unablässig Fahrzeuge aus der Serie.

Wohl entwickelten Europas Automobilwerke nach amerikanischen Vorbildern immer raffiniertere Methoden, einzelne Autoteile im Laborversuch auf Haltbarkeit, Zuverlässigkeit und Genauigkeit zu testen. Bauteile werden geschüttelt und gebogen, verdreht und verzogen, eingefroren und erhitzt. Spezielle Apparaturen öffnen und schließen eine einzelne Autotür bis zu 40 000 mal ohne Unterbrechung.

Doch der Fahrversuch, der Autotest im ganzen, blieb unerläßlich. Um sich von den normalen Straßen weitgehend unabhängig zu machen, richteten größere deutsche Werke nach dem Krieg eigene kleinere Versuchsstrecken ein. Das Volkswagenwerk beispielsweise baute bei Wolfsburg einen Rundkurs, der Geschwindigkeiten bis zu 150 Stundenkilometer zuläßt.

Die Testfahrer des Großserienherstellers Ford (Tagesproduktion: 2100 Autos) dagegen mußten ihre Fahrversuche nach Altvätersitte auf offenen Straßen abhalten. Wie die Versuchsfahrer des Klein -Fließbandfabrikanten Glas über wenig befahrene Nebenstraßen durch den Bayrischen Wald preschen, so brausten die Kölner Test-Kavalkaden auf verschwiegenen Pfaden durch die Eifel.

Ford war außerdem gezwungen, einen Teil der Fahrzeugerprobung auf ausländischen Boden zu verlegen. Grund: Prototypen mußten einerseits geheim bleiben, andererseits ausgiebig erprobt werden. So unternahmen die Kölner zum Beispiel alle Fahrversuche mit dem ersten Nachfolger des Modells 17 M in aller Heimlichkeit auf Korsika.

Daher entschloß sich Ford endlich zum Bau einer eigenen Versuchsstrecke, wie sie General Motors, größter Autoproduzent der- Welt, für die Automobilentwicklung schon 1920 als unentbehrlich angesehen hatte. Die amerikanische Ford-Konzernmutter konnte mit einer Fülle von Bau-Tips dienen: Ford besitzt in den USA die größten Prüffelder und läßt jährlich 30 Millionen Testkilometer fahren - drei Millionen Kilometer mehr als General Motors. Kilometerpreis: zwei Mark.

Nach diesem Schema etablierte Ford bei Lommel, rasch erreichbar von den Werken Genk und Köln, einen gigantischen Schüttelrost für Autos. Auf 28 Kilometer Straße, unterteilt in acht Spezialstrecken, konzentrierten die Ford-Techniker jeden möglichen Fahrbahnzustand. Sie errichteten betonierte Bollergassen und Schlaglöcherwege, Schotterpisten und Lehmpfade, sie ließen engste Haarnadelkurven folgen auf steilste Steigungen, sie bauten eine Salzwasserdurchfahrt und schufen Fahrbedingungen, wie sie im Dschungel oder in der Wüste herrschen.

»Auf dieser Versuchsbahn«, sagte Fords Versuchswerkstattchef Steubesand, »reiße ich in nur einer hart gefahrenen Runde jeden Wagen auseinander - auch den Rolls-Royce.«

Konkurrent Opel will sich von Ford weder auf der Testbahn noch auf dem Markt abhängen lassen. Es traf die Rüsselsheimer besonders hart, daß Ford zum erstenmal in einem Monat sogar mehr Autos als Opel verkaufen konnte: Im Juli wurden 28 682 Ford-Wagen (23,5 Prozent Marktanteil) und nur 22 095 Opel-Modelle (18,1 Prozent) abgesetzt.

Opel hat, um technisch auf der Höhe zu bleiben, in Dudenhofen bei Offenbach bereits mit dem Bau einer neuen Versuchsbahn begonnen. Sie wird so aufwendig wie das Ford-Prüffeld und soll im Sommer 1966 betriebsfertig sein.

Neue Ford-Versuchsstrecke, Testwagen: Schüttelrost im Wald

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