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FERNSEH-UNTERRICHT Teure Reife

aus DER SPIEGEL 37/1966

Lernfreudige Bayern jedweden Alters können sich von Januar 1967 an alljährlich von einer Klasse in die nächste versetzen lassen und doch daheim in ihrem Wohnzimmer sitzen bleiben: In einem »Telekolleg« des Dritten Programms wird jedem Bildungshungrigen der gesamte Lehrstoff der sogenannten Berufsaufbauschule vermittelt, an der Volksschüler die mittlere Reife erwerben können.

Des weißblauen Freistaats Kultusminister Ludwig Huber zeigte sich von dem Projekt der Fernseh-Älterenschule angetan: Hier werde »eine breite Straße der Fortbildung, des beruflichen Aufstiegs-und der Erwachsenenbildung« eröffnet. . Straßen-Wärter ist Alois Schardt, 39, der aus dem benachbarten roten Hessen zugereiste schwarze Abteilungsleiter Kultur beim Studienprogramm des Bayrischen Rundfunks.

Fünfmal wöchentlich gibt es von 18.30 bis -19 Uhr Schule durch die Röhre. In 455 halben Stunden flimmert das gesamte Pensum an den Fernschülern vorüber. Wer will oder es nötig hat, kann von 18 bis 18.30 Uhr eine Wiederholungs-Sendung anschauen.

Für jede Sendung erhält der Tele -Schüler Arbeitsbögen, über denen er eine weitere Stunde sitzen soll. Und alle drei Wochen wird der Lehrer Fleisch und Blut. »Unter schulischen Bedingungen« versammeln sich je 15 bis 20 Fernseh-Schüler zu Sonnabend-Kursen, die der Kontrolle und der »Überwindung eines eventuellen Vereinsamungseffekts« (Schardt) dienen.

Die Vorbereitungen einschließlich umfänglicher Tests kosten das Bayrische Fernsehen fast drei Millionen Mark. Wenn der erste Jahrgang die Prüfung der mittleren Reife bestanden hat, dürften etwa 15 Millionen Mark verbraucht sein. Erst die danach sitzenden Schirm -Schüler werden billiger zu unterhalten sein; dann werden nur noch einzelne Filme auf neueren Stand gebracht. Aber nicht nur die 1,75 Millionen bayrischen Fernseher zahlen mit ihren Gebühren das Röhren-Schulgeld für die rund 5000 Teilnehmer, die erwartet werden. Auch das Kultusministerium schießt zu: »Selbstverständlich müssen wir die Lehrer, die wir für die Sonnabend-Kollegs und die Prüfungen gewinnen, extra honorieren.«

Schon vor der ersten Schulstunde haben Unternehmen und Verbände Interesse an Telekollegianern bekundet: Mittlere Führungskräfte sind knapp geworden.

Als Großverbraucher hat sich die Bundeswehr bereits gemeldet. Soldaten auf Zeit aus bayrischen Garnisonen sollen vor die Telekolleg-Schirme befohlen, werden und per Bildschirm zu gebildeten Staatsbürgern in Uniform werden.

Vorerst freilich wird es Halb-Bildung bleiben: In halb Bayern kann das Dritte Programm nicht empfangen werden.

TV-Erzieher Schardt (r.), Schüler bei Probeaufnahmen: Bildung für halb Bayern

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