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USA Teure Tickets

Zweite Amtseinführung des Präsidenten Ronald Reagan - Amerikas Elite drängt sich um die Eintrittskarten. *
aus DER SPIEGEL 2/1985

Aus New York rief eine Baronesse an, aus Ohio ein Lehrer, aus Washington meldete sich, per Ortsgespräch, ein Lobbyist im Auftrag reicher Klienten auf den Marianen, für die Spitzenmanager vieler großer US-Unternehmen wählten deren Sekretärinnen die Washingtoner Nummer 224-4654.

Seit sich herumgesprochen hat, daß der liberale republikanische Senator Charles Mathias aus Maryland den Kongreß-Festausschuß für die (zweite) Amtseinführung Ronald Reagans leitet, ist sein Telephonanschluß der heiße Tip für alle, die meinen, daß sie dazugehören, die aber gleichwohl mit gutem Grund befürchten, man habe sie beim Schreiben der Gästelisten übersehen.

Nun versuchen sie, bei Mathias, bei anderen Senatoren und Abgeordneten, bei wirklichen oder vermeintlichen Freunden in der Regierung oder gar im Weißen Haus doch noch ein Ticket zu ergattern - und nach Möglichkeit das richtige.

Es gibt Tickets zum Sitzen und Tickets zum Stehen, Tickets zum Tanzen, Tickets für Reden und für Galas. Und an jedem Billett läßt sich ablesen, wer was ist in einer Feier-Gesellschaft, in der fast jeder meint, etwas zu sein.

Deshalb genügt es nicht, irgendeine der 140 000 Einladungen zu erhalten, die zum Jubelfest für den Wahl-Triumphator Ronald Reagan ausgegeben werden - mehr als je zuvor bei der Amtseinführung eines Präsidenten.

Als das Beste gelten derzeit gut 12 000 Karten - nicht für den großen Feiertag selbst, sondern für den vorangehenden Samstag. Am Abend des 19. Januar nämlich wird im Kongreßzentrum der US-Hauptstadt wieder einmal Ronald Reagans Traum in die Wirklichkeit umgesetzt, die Symbiose von Hollywood und Washington zum Amerika des Glanzes und der Illusionen. Regie führt der Präsidenten-Spezi Frank Sinatra, Hauptdarsteller ist Ronald Reagan persönlich.

Dessen reiche Anhänger und Wähler würden für eine Eintrittskarte vermutlich gern ein Vielfaches des regulären Preises (bis zu 10 000 Dollar für eine Loge) entrichten. Doch ausnahmsweise ist mal nicht alles käuflich. Und so muß, wer weder durch Verdienste noch durch Verbindungen auf die Liste gelangt, entweder mit dem Fernsehen - ABC überträgt das Spektakel - oder mit weniger Illustrem vorliebnehmen.

Daran wird an den vier Tagen, die Reagans Party-Planer, an der Spitze Nancy Reagan und, offiziell, sein Majordomus, Intimus und Image-Pfleger Michael Deaver, für die Feier der »Inauguration '85« angesetzt haben, kaum Mangel sein.

So wird, ähnlich wie der Meister selbst, auch sein Vize George Bush mit einer eigenen Show dabeisein. In die beiden Galas teilen sich Stars wie Dean Martin, Charlton Heston, Elizabeth Taylor, James Stewart und andere.

In der Spitzengruppe rangieren auch die bis zu 175 Dollar teuren Eintrittskarten für acht Bälle in großer Garderobe sowie einen - erheblich billigeren - Ball für das junge Amerika.

Und auch die Sitzplätze entlang der Pennsylvania Avenue, auf der sich am 21. Januar ab 14 Uhr die »Inaugural Parade« vom Capitol zum Weißen Haus bewegt, sind Statussymbole. Sie kosten, je nach Sicht und Lage, 100, 75 oder 12,50 Dollar.

Daß bei all dem Trubel vorwiegend Reagan-Wähler zum Jubeln kommen, versteht sich beinahe von selbst: Die Einwohner der Hauptstadt, zu 70 Prozent schwarz, haben in ihrer großen Mehrheit für Mondale gestimmt und werden vermutlich nur geringen Anteil am Antritts-Spektakel nehmen. Die anreisenden Gäste andererseits - seit Wochen bereits sind die Hotels der Hauptstadt für die Feiertage ausgebucht - sind fast sämtlich Überzeugungswähler.

Michael Deaver ließ etwa die Hälfte der Einladungen nach Proporz in die einzelnen Bundesstaaten verteilen: Je höher Reagans Stimmenanteil, desto mehr Karten für den jeweiligen Staat.

Die anderen 72 000 Tickets gehen an die Mitglieder des Kongresses: 230 pro Senator, 120 pro Abgeordneten - ohne Rücksicht auf Parteizugehörigkeit -, was einen schwunghaften Handel auf dem Capitol zur Folge hat. Da sich die demokratischen Volksvertreter (und ihre Wähler) kaum für den Republikaner Reagan erwärmen, helfen sie ihren politischen Widersachern, bei erwarteter Gegenleistung, schon mal aus.

Die demokratische Abgeordnete Cardiss Collins etwa möchte ihre Wähler in Chicago lieber mit den stets begehrten Kongreß-Kalendern beglücken, von denen ihr jedoch - wie ihren Kollegen auch - nur 2400 zustehen. Um das Kontingent zu erhöhen, bot sie republikanischen Abgeordneten ein Tauschgeschäft an: ein Jubel-Ticket gegen 20 Kalender.

Keine Karten gibt es für die offizielle Vereidigung. Die findet am 20. Januar unter Ausschluß der Öffentlichkeit statt - in einer, so die Planer, »sehr privaten, sehr persönlichen« Zeremonie im Weißen Haus.

Auf dem Programm steht außerdem nur ein nationaler Gebetsgottesdienst in der Kathedrale von Washington, Thema: »Ein Dankesfest.« Schließlich, so Deavers Planungsvize Ron Walker, »gibt es sehr viel, wofür wir dankbar sein müssen. Die Wirtschaft blüht, und wir haben Frieden in unserem Land«.

Gleichwohl hat Deavers Fest-Komitee Zehntausende von »Einladungen« für den 20. Januar verschickt. Erst im Kleingedruckten erfahren die Empfänger, daß das schwere Bütten nur »zur Erinnerung« an die Inauguration versandt wird.

Der Sinn solcher Schein-Einladungen enthüllt sich aus dem Beigeschlossenen. Da wirbt das Komitee für seine patriotischen Souvenirs, etwa: einen sich himmelwärts schwingenden Adler aus Porzellan (950 Dollar), eine »Nancy Reagan«-Teerose,

ebenfalls Porzellan (475 Dollar), oder, an die Adresse der wahren Reagan-Fans, einen Doppel-Photorahmen für den Schreibtisch - links, in Goldschrift, die Eidesformel aus der amerikanischen Verfassung, rechts, in Farbe, der Präsident und sein Vize. Preis: nur 15 Dollar.

Schon spottete die Kolumnistin Mary McGrory, man solle doch gleich an alle Beteiligten bis auf Reagan, Bush und den für die Vereidigung unentbehrlichen Vorsitzenden des Obersten Bundesgerichts nur »Einladungen zur Erinnerung« verschicken; damit würden sich viele Probleme von allein lösen.

Doch wer wollte das Nancy Reagan antun, die liebevollen Anteil an allen Details des Programms nimmt und auch persönlich interveniert, wenn etwa ihr Bruder nicht rechtzeitig sein Ticket erhält?

Und irgendwie muß sich der Präsident ja auch in Würde von jenen verabschieden, die ihm vier Jahre lang treu gedient haben - Michael Deaver etwa, der nach der Inauguration ins erheblich lukrativere Privatleben zurückkehren will, und William ("Judge") Clark, der für Ronald Reagan in Washington als Stellvertretender Außenminister, als Sicherheitsberater und Innenminister redlich bemüht war, nun seinen breitkrempigen Cowboyhut nimmt und sich auf seine Ranch in Kalifornien zurückzieht (er habe, sagt er, seine Aufgabe erfüllt).

Dem Volk muß also etwas geboten werden, Glanz und Gloria mit Nancy Reagan im langen Nerz und Ronald, der am 21. Januar auf den Stufen des Capitols seinen Amtseid wiederholt, nun für jeden, der kommen darf, einzeln eingeschleust durch ein Spalier von Metalldetektoren.

Für die Menschen an der Strecke steht ein Sonderstab der Streitkräfte bereit mit 120 tragbaren WCs, 58 Wärmzelten, 500 Wegweisern und, für den Fall aller Fälle, 250 Schneeschaufeln. Hinzu kommen Souvenirhändler, die Manschettenknöpfe und Krawattenspangen mit den Porträts von Reagan und Bush feilbieten (25 Dollar), dazu T-Shirts, Aschen- und Kaffeebecher und, natürlich, amerikanische Flaggen.

Wem das alles ein wenig zu profan, zu volkstümlich ist, der kann die Inauguration im großen Stil genießen. Ein Serviceunternehmen mit dem Namen »Washington a la carte« offeriert vier Luxustage in der Hauptstadt. Eingeschlossen sind Hotel, eigene Limousine, Cocktails auf einer privaten Jacht, Gottesdienst in der von früheren Präsidenten geschätzten Kirche St. John's, private Führung durch das Nationale Kunstmuseum und, für die Damen, eine Sitzung bei Nancy Reagans leibhaftigem Coiffeur Robin Weir. Kosten für das Arrangement: 4999,95 Dollar.

»5000«, mokierte sich die »Washington Post«, »wären in der Tat auch etwas viel gewesen.«

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