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BREMEN Teure Trümmer

aus DER SPIEGEL 13/1956

Mitte vergangener Woche haben vier neue Beamte in der Bauverwaltung der Freien Hansestadt Bremen ihren Dienst angetreten. Die Herren sollen sich um Aufräumungsarbeiten besonderer Art bemühen. Statt die schleppenden Planungsarbeiten voranzutreiben, sollen sie die Lawine von Entschädigungsforderungen beiseite schaffen, die über die bremische Bauverwaltung hereingebrochen ist, seit sich herausgestellt hat, daß die städtischen Enttrümmerungstrupps allzu großzügig mit den während des Krieges ausgebrannten Ruinen umgesprungen sind.

Der Justitiar der Bauverwaltung, Dr. jur. Reinhold Fade, hatte das Beamten -Sonderkommando eigens angefordert, um der Antragsflut Herr zu werden, die seit Wochen die Bauverwaltung im Bremer Lloydgebäude überschwemmt. Schon jetzt schließt er notgedrungen mit den geschädigten Ruinenbesitzern »Vergleiche, daß die Wände wackeln«.

Indes, auch die Bremer Finanzen drohen ins Wanken zu geraten, wenn es den Sonderbeamten nicht bald gelingt, die Entschädigungsforderungen für die zertrümmerten Trümmer abzuwehren. Eintausendzweihundertundsechs Anträge harren noch der Erledigung. Dreißig Prozesse stehen bei der 1. Kammer des Landgerichts Bremen an. Mindestens sechs Millionen Mark müssen noch aufgebracht werden, wenn weiter wie bisher nachgewiesen wird, daß sich der Bürgermeister Kaisen und seine Räumungstrupps vor zehn Jahren nicht an das hielten, was rechtens ist.

Mit einer lapidaren amtlichen Bekanntmachung im »Weser-Kurier« hatte der Bürgermeister Kaisen am 28. November 1945 den Bremer Bürgern verkündet, daß nunmehr das große Aufräumen in den ausgebrannten Stadtteilen beginne. Die Trümmerberge sollten abgetragen, die Ruinen eingerissen und die vorhandenen Steine und Schrottmassen für den Wiederaufbau genutzt werden.

Um die Meinung der Grundstücks- und Hausbesitzer scherte sich der Bürgermeister dabei nicht. Sie wurden weder um ihr Einverständnis gebeten noch überhaupt benachrichtigt. Lediglich aus der Zeitung konnten sie in den folgenden Wochen und Monaten entnehmen, welche Straßenzüge enttrümmert und welche Häuserwände zum Nutzen des Wiederaufbaues eingerissen wurden.

Die rechtliche Handhabe zu seinem Tun bot dem Bürgermeister das Reichsleistungsgesetz aus dem Jahre 1939. Es besagt, daß die Eigentümer »zur Deckung besonderer wirtschaftlicher Bedürfnisse« derartige obrigkeitliche Maßnahmen zu dulden haben. Allerdings schreibt das Gesetz gleichzeitig vor, daß Entschädigungen und Vergütungen zu zahlen sind. Das aber hatte der Bürgermeister übersehen.

Er hatte auch nicht bedacht, daß »der Empfang der Leistung schriftlich bestätigt werden« muß, was bedeutet, daß eindeutig festgehalten werden muß, welche Werte dem privaten Besitzer von der öffentlichen Hand entzogen wurden. Die Bremer Enttrümmerer ebneten radikal ein, was ihren Baggern in die Greifer kam, ohne sich mit langwierigen Feststellungen über Schadensgrad, Mauerschäden oder Materialwert aufzuhalten. In der westlichen Vorstadt wurden ganze Straßenzüge umgelegt; ob die Häuser noch wiederaufbaufähig waren, interessierte nicht.

Erst dem aus Berlin zur Bremer Bauverwaltung übergesiedelten Juristen Dr. Fade fiel auf, daß der Bürgermeister Kaisen mit seiner Enttrümmerungsmethode nicht nur die Ruinen, sondern auch die verbrieften Rechte der Eigentümer angagriffen hatte. Ihm schwante, daß die plattgewalzten Flächen noch böse Früchte hervorbringen würden. Er setzte daher durch, daß fortan nur noch mit Zustimmung des Eigentümers enttrümmert werden durfte und der Eigentümer überdies vor die Wahl gestellt wurde, entweder seine Hausreste nach baupolizeilicher Anweisung selbst instandzusetzen oder sich mit der kostenlosen Enttrümmerung abzufinden.

Die bösen Vorahnungen des Dr. Fade hatten nicht getrogen. Kaum war der neue Kurs beschlossen, da besuchte - im Herbst 1948 - ein Herr Bertram, ehemals Besitzer einer Ruine, die Bauverwaltung. Er verlangte Entschädigung für seine eingerissenen Hauswände, und am 10. Februar 1949 erkannte die 1. Kammer des Bremer Landgerichts gegen den Protest der Bauverwaltung Bertrams Anspruch an. Ein halbes Jahr später folgte der Schlossermeister Adolf Boetker, dessen gut erhaltene Werkstatt die Aufräumer abgerissen hatten, um an ihrer Stelle eine Trümmerverwertungsanlage zu errichten.

Die Bauverwaltung jedoch dachte nicht ans Zahlen. Sie focht einen Musterprozeß bis zum Bundesgerichtshof in Karlsruhe durch - und verlor. Die Karlsruher Richter entschieden prompt, daß die nachgewiesenen Enttrümmerungsschäden zu ersetzen seien.

Die rührige 1. Kammer des Bremer Landgerichts tat inzwischen ein übriges. Sie berief eine Sachverständigen-Kommission unter Vorsitz des hannoverschen Hochschulprofessors Dr.-Ing. Bieligk, die sich rein theoretisch mit den nicht mehr vorhandenen Ruinen befaßte und Entschädigungsformeln errechnete. Nach diesen Formeln konnten die um ihre Mauern gebrachten Bremer sich ungefähr selbst ausrechnen, welche Entschädigungen ihnen zustehen.

Prompt setzte im Spätsommer vorigen Jahres die Flut der Anträge auf Entschädigung ein. 68 Forderungen wurden durch Gerichtsurteil erledigt, 96 durch Vergleich; sie kosteten die Stadt Bremen rund 650 000 Mark.

Angesichts dieses massiven Angriffs auf die Stadtfinanzen begann die Bauverwaltung fiebernd nach beweiskräftigem Entlastungsmaterial zu suchen. Bis dahin fußten die Entschädigungsbegehren ausschließlich auf dem Zeugnis der Nachbarn, Mieter oder Anverwandten der einstigen Hausbesitzer, die sich stets genau entsannen, was vor dem großen Aufräumen noch gestanden hatte.

Da fiel dem gewitzten Dr. Fade eine Luftaufnahme in die Hände, die britische Flieger im April 1945 von dem zerstörten Bremen angefertigt hatten. Er beantragte eilends Sonderurlaub und fuhr über den Kanal. Im Museum des britischen Kriegsministeriums und in den Archiven der Royal Air Force stöberte er weitere Bilder auf. Er kaufte sie an, fuhr nach Bremen zurück und verschloß die Luftaufnahmen in seinem Panzerschrank.

Im nächsten Gerichtstermin in Sachen Ruinengeschädigter Wilhelmi gegen Stadtgemeinde Bremen legte Dr. Fade die Aufnahmen dann vor. Den Erfolg kommentierte er stolz: »Die Pille hat gewirkt.« Wilhelmi zog verschreckt seine Klage zurück.

Allein, die anderen Kläger ließen sich nicht einschüchtern. Sie verlangten Auswertung der Luftaufnahmen durch einen Sachverständigen. Landgerichtsdirektor Dr. Erik Garms bestellte den Vermessungsingenieur und Fliegerstabsoffizier außer Diensten Hinrich Brandt, der vor einigen Tagen die Hoffnung der Bauverwaltung auf Entlastung jäh zerstörte. Denn, so gutachtete er, mit einer einzigen Luftaufnahme sei nichts anzufangen. Erst die dazugehörenden Anschlußbilder ermöglichten eine einwandfreie Auswertung«. Überdies sei ein Spiegelstereoskop bereitzustellen.

Landgerichtsdirektor Dr. Garms riet dringend zu einer zweiten Reise über den Kanal. Bis dahin sollen die vier neuen Beamten in der Bauverwaltung mit den geldheischenden Ruinenbesitzern weiter Vergleiche schließen.

Luftbild als Schadensbeweis: Was waren die Ruinen noch wert?

* Luftaufnahmen werden meistens im Reihenbildverfahren mit 60 prozentiger überdeckung von zwei verschiedenen Beobachtungspunkten aus aufgenommen.

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