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BILDUNG Teure Wissbegier

Junge Chinesen drängen zum Lernen nach Deutschland - und werden häufig von unseriösen Geschäftemachern abgezockt.
aus DER SPIEGEL 48/2003

Deutschland - ein Bildungsmärchen: »Sie können Ihr Wunschfach belegen und brauchen keine Studiengebühren zu bezahlen. Wer hier studiert, der wird künftig das glänzende Tor zum 21. Jahrhundert durchschreiten.«

Glaubt man der Werbelyrik, die das Trust Europe Education Center in Berlin verbreitet, dann eröffnet eine Ausbildung in der Bundesrepublik jungen Chinesen eine verheißungsvolle Zukunft.

Doch die blumige Beschreibung des akademischen Wonnelebens hat mit dem rauen Alltag oft wenig gemein. Vor allem jene Studenten aus der Volksrepublik, die auf private Initiative zum Lernen kommen, werden häufig mit überzogenen Zusagen gelockt. Nach ihrer Ankunft erleben viele der meist unerfahrenen Jugendlichen Deutschland (Chinesisch: »Land der Tugend") nicht als Heimat von Denkern und Dichtern, sondern eher als Hort von Schwindlern und Schleppern.

Was den wenigsten der wissensdurstigen Chinesen bekannt ist: Ein paar Formalitäten genügen, um in Deutschland private Institute, Fachkollegien und Kulturakademien zu betreiben. Hinter etlichen Schulen, die in der Volksrepublik um Kundschaft wetteifern, stecken private Firmen, die wertlose Zeugnisse und Zertifikate ausstellen.

Mittlerweile sind unseriöse akademische Anbieter in Leipzig, Saarbrücken und Hamburg Gegenstand juristischer Überprüfungen. Auch in Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt, so berichten Anwaltskanzleien in Frankfurt am Main und Berlin, gab es Streit zwischen chinesischen Studenten und deutschen Schulbetreibern.

»Neben den anerkannten Fach- und Sprachschulen gibt es eine ganze Menge grauer und schwarzer Schafe«, sagt Jörg Tramm, in der Berliner Senatskanzlei für die Volksrepublik zuständig: »Mit der Wissbegier der Chinesen kann man leicht Geschäfte machen.«

Kein Wunder: Bildung hat in ihrer Heimat traditionell einen hohen Stellenwert, doch wegen der strengen Aufnahmeprüfungen schafft nur ein Bruchteil der Schulabgänger den Sprung an eine Universität. Wer es sich leisten kann, weicht daher gern auf Colleges und Hochschulen in Amerika, Kanada oder Großbritannien aus.

Finanziell schwächer gestellten Familien erscheint Deutschland als lockende Alternative: Die Kosten sind vergleichsweise niedrig, Bildung made in Germany hat, der Pisa-Studie zum Trotz, einen guten Ruf. Die Chinesen stellen mittlerweile mit über 19 000 die größte Gruppe ausländischer Studenten.

Doch nicht alle akademischen Zuwanderer aus dem Reich der Mitte bringen die nötigen Voraussetzungen mit - wie etwa Hochschulreife und Sprachkenntnisse. Die Nachfrage nach deutschen Diplomen hat geschäftstüchtige Vermittler und Agenturen auf den Plan gelockt, die auch nicht hinreichend qualifizierten Chinesen vorgaukeln, sie könnten an staatlichen Hochschulen unterkommen.

Seit das Pekinger Büro des Deutschen Akademischen Austausch Dienstes (DAAD) die Studienanträge bereits vor Ort überprüft, ist zwar der Handel mit gefälschten Sprachdiplomen und gezinkten Zeugnissen drastisch zurückgegangen. Aber DAAD-Experte Stefan Hase-Bergen kennt schon die neue Masche: »Die Agenturen versuchen, Chinesen direkt an dubiose private Sprach- und Berufskollegien zu vermitteln.«

Die Makler, oft nur über Handy-Nummern erreichbar, versprechen in Anzeigen »erstklassige Sprachausbildung«, »persönliche Betreuung« sowie »garantierte Visa-Beschaffung« und verlangen für ihre Hilfestellung gutes Geld, meist gegen Vorkasse und auf chinesische Konten. »Studieren in der Bundesrepublik? Kein Problem«, verspricht Frau Chen von der Agentur Horse and Dragon in Frankfurt am Main und verweist auf eine Bankverbindung in Peking.

Vor allem chinesische Mittelschüler sind jetzt ins Visier geraten: Sie sollen auf Privatschulen das Abitur erwerben, sich damit die Studienberechtigung sichern und Visa-Restriktionen umgehen.

»Die Abschlussprüfung nach einem Jahr entspricht dem deutschen Abitur«, behauptet die Frankfurter Firma Sunrise von einem »Hochschul-Vorbereitungskurs« an der Zeppelin-University in Friedrichshafen. Doch der Hinweis der Handels- und Servicegesellschaft, die laut Selbstdarstellung über »reiche Erfahrung bei der Vermittlung chinesischer Mittelschüler verfügt«, ist erfunden: »Solche Kurse bieten wir gar nicht an«, so die Auskunft der staatlich anerkannten Privathochschule am Bodensee.

Oft landen die Chinesen an Instituten von zweifelhafter Qualität. Besonders deutlich werden die Probleme am Beispiel der Schlevogt Business School in Mecklenburg-Vorpommern, die sich auf die fernöstliche Klientel spezialisiert hat. Schulbetreiber Kai-Alexander Schlevogt, 32, wirbt mit seiner eindrucksvollen akademischen Biografie: »Visiting Professor« am Henley Management College in Oxford, Gastwissenschaftler in Harvard. Außerdem will er zum »ersten fest angestellten ausländischen Professor an einer chinesischen Universität in der Geschichte der Volksrepublik China« ernannt worden sein und damit »zum jüngsten Professor Deutschlands«.

Nüchtern betrachtet ist die Vita nicht ganz so glänzend: Denn den Titel »Visiting Professor« führt Schlevogt in Ermangelung eines in Deutschland erworbenen Professorentitels. Laut Harvard Business School hatte Schlevogt »nur Zugang zur Institutsbibliothek und sonst nichts«. Die Guanghua School of Management in Peking warf den Nachwuchswissenschaftler hinaus, wegen schlechten Verhaltens und Unzuverlässigkeit. Der eigentliche Grund, behauptet Schlevogt, sei seine Weigerung gewesen, an Sitzungen der Kommunistischen Partei teilzunehmen.

Mehr Schein als Sein auch bei den versprochenen akademischen Graden: Die Abschlüsse, die die Schlevogt Business School in Zusammenarbeit mit einer Einrichtung namens International East-West University in Honolulu vergibt, dürfen in Mecklenburg-Vorpommern bislang nicht geführt werden, wie das dortige Bildungsministerium klarstellt.

Xu Duo, 23, war in einer chinesischen Zeitung auf ein Inserat des Instituts gestoßen. Der junge Mann aus Liaoning schrieb sich für einen Kurs ein, der ihn zum Grad des »Bachelor of Business Administration« führen sollte, und bezahlte 7500 Euro für das Programm sowie 3000 Euro für einen vorgeschalteten Sprachkurs.

In dem Lehrgang hatte er allerdings schnell den Eindruck, dass das Niveau einer Hochschule nicht erreicht wurde: Es fehlte an qualifiziertem Personal und Arbeitsmaterialien, während des sechsmonatigen Sprachkurses wurden fünf Lehrer verschlissen. Xu kündigte, bevor das Wirtschaftsseminar begann. Die von ihm geforderten 7000 Euro bekam er nicht wieder. »Unsere Richtlinien erlauben es nicht, Studiengebühren zurückzuerstatten«, so die Auskunft.

Die Schüler der Schlevogt Business School unterwerfen sich einem harten Regime: Wer innerhalb eines Halbjahrs dreimal unentschuldigt fehlt, zu spät kommt oder mehrfach gegen das Rauch- und Alkoholverbot verstößt, wird vom Schulbetrieb ausgeschlossen - und verliert sämtliche Ansprüche und womöglich die Aufenthaltsgenehmigung. »Wir sind Schlevogt ausgeliefert«, sagt eine Schülerin. »Er hat unser Geld, und wir hoffen weiterhin auf einen Abschluss. Wenn wir die Schule verlassen, müssen wir raus aus Deutschland.«

In dieser Zwangslage stecken fast alle der Chinesen: Sie wollen nicht mit leeren Händen zu ihren Familien zurückkehren. »Viele verschwinden in der Illegalität und arbeiten in den Küchen der China-Restaurants«, sagt ein deutscher Diplomat in Peking.

Als Schlevogt im April vergangenen Jahres in Schwerin den Betrieb aufnahm, stellte ihm die Stadt Unterrichtsräume im ehemaligen Gymnasium Fridericianum zum Betriebskostenpreis zur Verfügung. Weil er nicht das gesamte Schulgebäude billig nutzen durfte, zog er nach Neustrelitz um. Dort kam sein Unternehmen im ehemaligen Wohnsitz des mecklenburgstrelitzschen Herzogs Adolf Friedrich VI. unter - einem Stadtpalais in repräsentativer Lage, aber laut Verkaufsprospekt »restaurierungsbedürftig«. Die Schlevogt-Schüler sind ratlos - laut Vertrag besteht für sie auch bei einem Ortswechsel Residenzpflicht, »damit ein enges Gemeinschaftsgefühl auf dem Campus entsteht«.

Mindestens 130 Euro Kaltmiete sollen sie für ein Zimmer in dem bröckelnden Herrenhaus bezahlen. Sogar zur Mithilfe bei der Renovierung wurden sie aufgefordert, berichtet eine Chinesin. Die meisten Mitschüler wollen in ihre Heimat zurückkehren oder an andere Institute wechseln. Ihr Geld wären sie los. JAN FRIEDMANN,

ANDREAS LORENZ, STEFAN SIMONS

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