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ENGLAND Teurer als Falkland

1,5 Milliarden Pfund kostet der Bergarbeiterstreik bis Weihnachten. Doch unversöhnlich kämpft Margaret Thatcher gegen Arthur Scargill. *
aus DER SPIEGEL 51/1984

Im Wohlfahrtsklub des Zechendorfes Goldthorpe in Süd-Yorkshire war Bergarbeiterführer Arthur Scargill wieder mal in Hochform. Englands Streickumpel, rief er, seien auf dem Weg »zum größten Sieg in der Geschichte«.

Scargill: »Unser Selbstrespekt wurde gewahrt, zum Nutzen unserer Kinder und der herrlichsten Gewerkschaft auf der Welt.« Scargill und über 1000 Fans zelebrierten einen in der Tat erstaunlichen Erfolg der Streikenden.

Beinahe täglich war ihnen von der Kohlebehörde NCB suggeriert worden, die Schlacht um die Gruben sei verloren. Im Dezember, so NCB-Direktor Ian MacGregor, sei »alles vorbei«. Doch der Kollaps an der Streikfront stellte sich nicht ein.

Vorige Woche begann im härtesten britischen Arbeitskampf der Nachkriegszeit bereits der zehnte Streikmonat, ohne daß ein Kompromiß in Sicht kam. »Wie üblich«, bemerkte die »Financial Times«, »wurden alle Nachrufe auf diesen Streik umsonst geschrieben.«

Dabei hatten die Kohlemanager Erkleckliches geboten, um den Streik zu brechen: Weihnachtszuschläge bis 1400, Lohnzulage von 175 Pfund - ein Vermögen für die Streikenden.

Eine Umsiedlungsaktion sollte zudem Arbeitswilligen Schutz vor den Gewalttaten jener Nachbarn bieten, die weiterhin zum Streik entschlossen waren.

Margaret Thatchers Sozialminister verfügte, den Familien der Streikenden 16 statt bisher 15 Pfund pro Woche von der ohnehin schon kargen Sozialfürsorge abzuziehen. Die Minussumme richtet sich nach dem Wert des Streikgeldes, das englische Gewerkschaften normalerweise zahlen. Scargills National Union of Mineworkers (NUM) jedoch erstattete noch nie etwas, da bei 189 000 Mitgliedern und Zusatzgeldern für das Heer der Streikposten ein Arbeitskampf nicht lange finanzierbar wäre. In Not geratene Streikende suchen auf Halden Kohle für den Winter.

Insgesamt arbeiten nun 65 000 Kumpel von rund 189 000. Doch in dieser Zahl sind die Bergleute aus Revieren wie Nottinghamshire enthalten, die sich dem Streik nie angeschlossen hatten. Die Kohleproduktion nahm vorigen Monat nur um zwei Prozent zu und erreichte damit lediglich ein Viertel der sonst erzeugten Menge. Ob sie auch im Winter ausreicht, ohne eine Rationierung des Stroms zu erzwingen, ist unter Energieexperten umstritten.

Zwar konnte die staatliche Strombehörde CEGB den Produktionsausfall bisher leicht wettmachen. Sie stellte die Befeuerung der Kraftwerkskessel zum

Teil auf Öl um und drückte den Kohleanteil bei der Elektrizitätserzeugung von 81 auf nur noch 50 Prozent. Auch Englands Atomkraftwerke laufen seit März auf vollen Touren, sind mit 14 Prozent an der neuen Energiebilanz beteiligt.

Im Winter dürften die Kraftwerke aber gezwungen sein, den Kohleanteil wegen des Spitzenbedarfs von bisher knapp 600 000 Tonnen monatlich auf 1,2 Millionen Tonnen zu heben. Die Verdoppelung würde an den Kern der Kohlehalden rühren.

Wieviel Kohle auf dem Gelände der Kraftwerke lagert, gilt als eine Art von Staatsgeheimnis. Die Kohlebehörde weigert sich seit Juni, Zahlenangaben zu machen.

Unabhängige Experten rechnen daher fest mit einer Energiekrise im Winter. Energiewissenschaftler an der Universität von Sussex etwa halten es »für unwahrscheinlich«, daß Stromknappheit abgewendet werden kann. Sie stützen ihre Aussagen auf Luftbilder der Halden.

Regierungschefin Margaret Thatcher hat sich bereits festgelegt: »Stromabschaltungen wird es bestimmt nicht vor Weihnachten und wahrscheinlich auch nicht danach geben.«

Mit Hilfe der Polizei verhinderte die Tory-Führerin, daß die rabiaten Gewerkschafter außer den Zechen auch die Kraftwerke belagern - was nach der von ihr reformierten Gesetzgebung über die Gewerkschaften illegal wäre. Und anders als der konservative Premier Edward Heath, den 1974 ein Kohlestreik das Amt gekostet hatte, scheut sie auch keine Kosten. Bis Weihnachten, so errechnete das Schatzamt, wird der jüngste Streik 1,5 Milliarden Pfund gekostet haben - mehr als der Falklandkrieg verschlungen hat.

Den Hauptposten macht der Produktionsausfall von Kohle aus, seit März 60 Millionen Tonnen. Dieser Betrag verdeutlicht die Kompromißlosigkeit der verfeindeten Lager, denn Ursache des Streiks war der Beschluß des NCB, bis April nächsten Jahres 20 Zechen stillzulegen, was einem Kapazitätsabbau von vier Millionen Tonnen gleichgekommen wäre. Bisher wurde der Ausfall gleich auf das Fünfzehnfache erhöht.

Wieder, wie während der Falkland-Schlacht, geht es Frau Thatcher ums Prinzip, um die Frage, wer in England herrscht: Margaret Thatcher oder Arthur Scargill.

Frau Thatcher, ergrimmte sich der »Spectator«, Hausorgan der Tories, habe »das Schicksal der Nation dem Wetter überlassen« und sich Scargill ausgeliefert: »Wenn er siegt«, so der »Spectator«, »muß sie sofort gehen.«

Fraglich scheint aber auch, ob Scargill und seine Verschworenen in der Lage sind, noch lange auszuhalten. Denn was weder Polizei noch Regierung schafften, gelingt nun womöglich der Justiz, Englands langsamster, dafür aber am präzisesten arbeitender Institution. »Die NUM«, fürchtet Gewerkschaftsanwalt William Stubbs, »könnte als operationsfähige Einheit ruiniert werden.«

Den Grund für solche Ahnungen gab ein Beschluß des Londoner High Court, der am 30. November die NUM schwer traf: Scargill und sein Stellvertreter Mick McGahey erhielten vom Gericht die Treuhandschaft über das gewerkschaftliche Vermögen entzogen. An ihre Stelle setzte der Richter den 67 Jahre alten Herbert Brewer, einen Rechtsanwalt und Funktionär der Tory-Partei, als Zwangsverwalter ein. Er sollte das millionenschwere NUM-Vermögen beschlagnahmen.

Anlaß dafür ist ein seit Monaten wogender Konflikt zwischen der Kumpelgewerkschaft und dem High Court. Das Gericht hatte im Herbst der Klage von zwei Bergarbeitern stattgegeben, die den Streik in Scargills Hochburg Yorkshire für ungesetzlich hielten, weil ihm angeblich keine Urabstimmung vorangegangen war.

Weil Scargill darauf bestand, der Yorkshire-Streik sei »offiziell«, wurde die NUM wegen »Mißachtung des Gerichts« (Contempt of court) zu einer Geldstrafe von 200 000 Pfund verurteilt. Die Gewerkschaft freilich zahlte nicht, provozierte damit die Beschlagnahme ihres Vermögens und trat obendrein eine Prozeßlawine gegen sich und ihre regionalen Sektionen los. Gegenwärtig sind mehr als 20 Verfahren gegen die Kumpel-Organisation anhängig.

Bis Ende voriger Woche schien das NUM-Vermögen gesichert. Es befindet sich seit Monaten im Ausland, 4,63 Millionen Pfund liegen auf einem Konto der Nobis-Finanz International in Luxemburg, einer Beteiligung der Düsseldorfer Industriekreditbank, 2,78 Millionen auf einem Dubliner, 503 000 Pfund auf einem Zürcher Konto.

An die Konten kamen weder die Gerichtsvollzieher noch der Zwangsverwalter heran. Brewer, der sich mit den Worten »Ich bin die NUM« vorstellte, wurde von den Luxemburger Bankern gar nicht erst ins Büro gelassen. Denn ein Gericht hatte entschieden, daß die Beschlagnahmeorder des Londoner High Court in Luxemburg »nicht bindend« sei. Brewer trat enttäuscht von seinem Job zurück.

Ein neuer Zwangsverwalter ist jedoch bereits in Aktion - mit weitreichenden Vollmachten. Er kann auch die Gehälter der 280 NUM-Angestellten sperren, Telephongespräche untersagen, das Ausstellen von Schecks verbieten und den Jaguar-Dienstwagen von Scargill beschlagnahmen.

Scargill wird außerdem von einer weiteren Klage unter Druck gesetzt. Diesmal soll er die 200 000-Pfund-Geldstrafe aus eigener Tasche zahlen. In diesem Fall würde sein Bankkonto gerichtlich abgeräumt und sein Bungalow in Worsbrough bei Barnsley zwangsversteigert.

In Goldthorpe freilich erwähnte »König Arthur« diese Drohung nicht. Er dankte vielmehr jenen Helfern, die innerhalb nur einer Woche über eine Million Pfund auf ein Weihnachts-Spendenkonto für die Bergarbeiter überwiesen haben. Zu den Spenden hatten Labour-Führer Neil Kinnock und Prominente wie der Oscar-Preisträger und Film-Gandhi Ben Kingsley aufgerufen.

Linkssozialist Scargill erwähnte nur einen einzigen der Wohltäter mit Namen: den Öl-Milliardär John Paul Getty II., der völlig zurückgezogen im Londoner Stadtteil Chelsea lebt. Getty überwies 100 000 Pfund, weil er, so ein Sprecher des Kapitalisten, Gefallen an dem Gemeinschaftsgeist der Streikenden und ihrer Familien finde.

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