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IRAN Teurer Schrotthaufen

Die einst so mächtige Armee des Schah ist auseinandergelaufen, ihre teure Ausrüstung soll, soweit möglich, friedlich genutzt werden.
aus DER SPIEGEL 14/1979

Ein General ohne Soldaten schien dem General Mehdi Schehemir unsinnig. Deshalb zog er seine Uniform aus, verschloß sein Büro in der Kaserne der 16. Panzerdivision in Kaswin und fuhr nach Hause. Das war sein Glück.

General Schehemirs Nachfolger, Nematollah Motamadi, hatte weniger Fortüne. Es gelang ihm zwar, einen Teil der auseinandergelaufenen Division wieder um sich zu scharen. Doch die Truppe hatte nichts Eiligeres zu tun, als ihren neuen Chef abzusetzen und ihm den Prozeß zu machen.

Auf einer Soldatenrats-Sitzung wurde General Motamadi für schuldig befunden, gemeinsam mit dem abgetretenen Schehmir Kantinenmittel zum Einkauf von Alkoholika mißbraucht zu haben. Urteil: Tod durch Erschießen. General Motamadi wurde am 20. Februar frühmorgens zusammen mit einem halben Dutzend Generalstabs-Kollegen in Teheran füsiliert.

Die iranische Armee, noch vor wenigen Monaten von Strategie-Experten -- wohl fälschlich -- als schlagkräftigste Militärmacht des Mittleren Ostens eingestuft, hat aufgehört zu existieren. Die meisten Kasernen sind leer, die Offiziere entlassen, etliche liquidiert, die Soldaten desertiert. Von 450 000 Mann sind noch knapp 100 000 auf ihren Posten.

In den Befehlszentralen haben die revolutionären Amateur-Soldaten der »Mujahedin-Chalk« und der »Fedajin« die Kommandogewalt übernommen, Wenn der Iran je von fremden Mächten bedroht war, wie der Schah immer behauptete, um seine aberwitzige Rüstung zu rechtfertigen, dann müßte die Aggression jetzt anrollen. Denn noch nie war die Gelegenheit so günstig wie heute.

Der tragi-komische Kollaps der Schah-Armee Anfang Februar ist für Kenner der Szene noch immer das rätselhafteste Phänomen der iranischen Revolution. Was Soldaten und Offiziere, die immerhin eine Menge Privilegien zu verlieren hatten, dazu veranlaßte, gleich bataillonsweise Waffen und Uniform abzulegen und vor einem zunächst fast unbewaffneten Mob davonzulaufen, kann sich die Teheraner Tageszeitung »Kayhan« schlichtweg »nicht erklären«.

Nicht einmal des Kaisers »Unsterbliche«, die Palastgardisten, die noch wenige Tage vor dem Umsturz vor breitem Publikum martialisch ins Gewehr getreten waren und gelobt hatten, »den letzten Tropfen Blut für den Schah und Kaiserin Farah herzugeben«, leisteten nennenswerten Widerstand.

Ganz so unerklärlich ist das Debakel nicht. Für die Unfähigkeit zum Widerstand gegen die Revolution hatte der Schah Resa durch ein ausgeklügeltes System partikularistischer Gewaltenteilung selbst gesorgt: Ständig geplagt von der Zwangsvorstellung, die Troupiers könnten sich gegen ihn zusammenrotten, beschränkte der Oberkommandierende die Befehlsgewalt seiner Generäle auf die jeweils ihnen unterstellten Soldaten. Die Divisionskommandeure waren dem Kaiser direkt unterstellt. Für die Soldaten gab es nur einen Vorgesetzten, dem sie unabdingbare Treue schuldeten: den Kaiser.

Als dann der Schah abtrat, brach das Rückversicherungssystem zusammen. Die Soldaten fühlten sich nicht mehr an ihren Treueeid gebunden und ließen ihre Offiziere im Stich. Und den Offizieren fehlte es an der Befehlsgewalt, die Massendesertation zu stoppen.

Der Kahlschlag in den Kasernen war streckenweise katastrophal. Von den acht Divisionen, die den Ausgang des Persischen Golfs bewachten, sind nur Rumpfverbände zurückgeblieben. Allein im Sultanat Oman landeten in den ersten Tagen nach der Revolution mehrere hundert flüchtige Offiziere mit Sportflugzeugen, Segeljachten und grob zusammengebastelten Flößen und baten um politisches Asyl.

Die meisten Kasernen stehen noch immer leer, weil die desertierten Soldaten die Rückkehr-Appelle der neuen Regierung nicht befolgt haben. In der Teheraner Niawaran-Kaserne, in der früher die Elite der Armee zu Hause war, haben sich versprengte Truppen bewaffneter Marxisten, »Chomeini-Komitees«, und entsprungener Krimineller eingenistet. In den verwaisten Unterkünften der Marineeinheiten an der Straße von Honnus wohnen heute die Obdachlosen von Bandar Abas. Auf den Jagdbombern und Fernaufklarem am Rande des Flugfeldes von Bandar Abas spielen Kinder aus den Elendsvierteln der Stadt.

Ajatollah Chomeini und seine Regierung wollen die Streitkräfte auf etwa die Hälfte ihrer ursprünglichen Mannschaftsstärke reduzieren. Überflüssiges Kriegsgerät soll nach Möglichkeit an die Lieferanten zurückverkauft oder ziviler Verwendung zugeführt werden. Den Kriegshafen Bandar Abas möchte Chomeini in einen Fischereihafen umwandeln.

Die Rentabilität ist dabei freilich noch nicht bis ins letzte durchgerechnet. Die Betriebsstunde der zweirotorigen Riesenhubschrauber etwa, die künftig Insektenvertilgungsmittel auf Maisfelder versprühen sollen, kostet rund zehnmal soviel wie eine Flugstunde im herkömmlichen Sprühflugzeug. Jedes der Luftkissenboote der kaiserlichen Marine kostet in der Unterhaltung soviel wie eine ganze Flotille herkömmlicher Motorboote.

Bei allem guten Willen, »Schwerter in Pflüge umzuschmieden«, findet der liberale »Kayhan«, hat die Regierung Basargan eines nicht ändern können: »Der Gerätepark der iranischen Armee ist der teuerste Schrotthaufen der Welt.«

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