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DROGEN Thai und Glücklichmacher

In Bayern beginnt der bisher größte deutsche Anabolikaprozeß. Europaweit sollen Hunderte Kilo Muskelmacher an Bodybuilder verkauft worden sein.
Von Udo Ludwig und Georg Mascolo
aus DER SPIEGEL 50/1998

An das schnelle Geschäft hatte sich Ibrahim U. so gewöhnt, daß er davon selbst hinter Gittern nicht lassen mochte. Per Handy orderte er noch sieben Monate nach seiner Verhaftung aus dem Regensburger Knast heraus »30 Deca, 30 Testo, 1 Thai und 50 Glücklichmacher«.

Der Code bereitete keine Probleme: Ibrahim U. war mit seinem Bruder Metin und fünf Helfern verhaftet worden, weil sie den bisher größten Anabolika-Händlerring in Deutschland aufgebaut und betrieben haben sollen. Die für Laien unverständliche Bestellung war branchentypisch: Ibrahim hatte ein Sortiment von Krafttabletten und Ecstasypillen bestellt, zu liefern per Post an eine konspirative Adresse.

Bis zu ihrer Festnahme haben die Brüder, so die Ermittlungen, weniger en détail denn en gros gehandelt. Ihr Geschäft sollen sie wie ein Pharmaunternehmen geführt haben: Die Rohware kam aus dem Ausland, sie wurde in angemieteten Fertigungsstätten veredelt, abgepackt und dann über ein dichtes Vertriebsnetz europaweit ausgeliefert.

Soll und Haben beim schmutzigen Deal waren ungerecht verteilt. Den Kunden brachten Pillen und Spritzen den begehrten Muskelzuwachs - aber auch großes gesundheitliches Risiko. Die Händler, die das nach Ansicht der Ermittler »billigend in Kauf genommen haben«, legten sich vom Drogengeld einen Fuhrpark mit Luxuskarossen zu: Die Brüder verfügten über einen Ferrari, einen Mercedes 500 und einen BMW 740.

Die Bande, nach Auffassung der Staatsanwaltschaft eine kriminelle Vereinigung, soll Scheinfirmen gegründet, konspirative Produktions- und Lagerstätten aufgebaut und damit gegen das Arzneimittelgesetz verstoßen haben. An diesem Montag beginnt der Prozeß vor dem Landgericht Deggendorf. Und das ist erst der Anfang: Gegen rund 100 Geschäftspartner, die vorwiegend als Endverkäufer für Pillen und Ampullen an die Bodybuilder in den Fitneßstudios verantwortlich waren, wird noch in ganz Europa ermittelt.

Der Prozeß wird wie kein anderer zuvor aufzeigen, in welchem Maße der Kraftsport in Deutschland inzwischen von der Chemie diktiert wird und mit welch krimineller Energie ein weitverzweigtes Netzwerk von Lieferanten vorgeht, die sogar den Exitus von Kunden in Kauf nehmen. Nach Feststellungen der Ermittler häufen sich Todesfälle durch Anabolikamißbrauch dramatisch.

Der Tod brachte die Polizei auch auf die richtige Spur. Am 15. März vergangenen Jahres leerte der Bodybuilder Walter K. aus Verden vermutlich unter der psychischen Wirkung von Anabolika eine Flasche Whisky und versuchte dann, sich die Pulsadern aufzuschneiden. Als dies nicht gelang, schoß sich der depressive Kraftprotz mit einer Pumpgun in den Mund.

In seiner Wohnung fand die Kripo Schachteln mit Präparaten zur Muskelmast. Sie führten die Ermittler nach Bayern - ins Herz des Händlerrings der türkischen Brüder Metin und Ibrahim.

Nach monatelanger Observation beschlagnahmten die Fahnder am 16. Dezember in der Produktionsstätte in Adelsdorf und im Zentrallager in Niederwinkling 302 940 Leerampullen, Etiketten und Faltschachteln sowie eine komplette Produktionsanlage. In den Regalen stapelten sich 52 100 Ampullen und 1 215 000 Tabletten an Anabolika.

Die Händler hatten, so die Fahnder, nahezu alles im Sortiment, was die Muskeln von Kraftathleten mögen: Anabolika aus Rußland, aus den USA und aus Thailand, sogar von der alten DDR-Hausmarke Oral-Turinabol hatten sie noch 40 Kilogramm übrig. Spiropent (66,5 Kilo), das einst Katrin Krabbes Beine schnell gemacht hatte, gab es ebenso wie Ganabol, ein Steroid, das nur in der Tiermast Anwendung findet.

Das Drogenkartell war perfekt organisiert. Über Zwischenhändler, so Ermittler, bezogen die Türken Anabolikapräparate von legalen Pharmafirmen aus Spanien, dealten aber auch mit einschlägig bekannten Händlern in Belgien und dem Engländer Patrick Hyland, der dem britischen Gesundheitsministerium als einer der größten Anabolikaschieber Europas gilt.

Für eine eigene Produktionslinie kaufte Ibrahim U. den Wirkstoff Nandrolon in Ungarn, ein Essener Bodybuilder besorgte Flaschen und Ampullen und ließ den Rohstoff in Holland abfüllen. Die spritzfertigen Präparate gingen dann nach Bayern zurück - zwischen 1994 und 1997 stellte die Gang so Millionen der Kraftportionen her.

Die Brüder beschafften schließlich eigene Abfüllanlagen. Von ihren Mitteln ging laut Gutachten eine »enorme, nicht einschätzbare Gefahr« für die Kunden aus, die Produktion sei nur »auf niedrigstem Niveau möglich gewesen«.

Von Bayern aus wurden die Starkmacher in alle Teile der Republik expediert - entweder auf dem Postweg oder per Auto. Die Deals wurden meist auf Autobahnraststätten abgewickelt. Zu den Kunden, hat Ibrahim U. seinem Verteidiger, dem Münchner Anwalt Ulrich Ziegert, anvertraut, hätten sogar Profisportler gehört. UDO LUDWIG, GEORG MASCOLO

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