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Am Rande The City of the Äppelwoi

aus DER SPIEGEL 5/1999

In Frankfurt am Main drehen sich die Bembel anders. Während alle Welt von der »Berliner Republik« redet, sucht die Hessen-Metropole, 794 nach Christus zum erstenmal urkundlich erwähnt, immer noch nach dem Label für ihre Patchworkbiographie. Über Jahrhunderte war sie freie Reichsstadt, Ort von Kaiserwahl und Kaiserkrönung, schließlich Geburtsstätte Goethes und Börnes, später die Wiege der »Frankfurter Schule« von Horkheimer und Adorno sowie der »Neuen Frankfurter Schule« von Robert Gernhardt & Co. Heute noch halten sich in ihr so illustre Existenzen wie Sabrina Setlur, Marcel Reich-Ranicki, Joschka Fischer und Ignatz Bubis freiwillig auf. Doch wo leben sie da eigentlich? In »Bankfurt«, »Krankfurt« oder »Gestankfurt«, wie böse Zungen behaupten, in der Messe-, Goethe- oder Bücherstadt? Oder, wie Oberbürgermeisterin Petra Roth (CDU) nun auf allen Ortseingangsschildern plakatieren will, in »The City of the Euro« (sprich: Se Sitti off se Oiro)? Doch reicht der Stolz, Sitz der Europäischen Zentralbank zu sein, für das zeitlose Attribut einer Stadt mit 1200jähriger Geschichte? Mehr noch: Muß es wieder Englisch sein, diese durch und durch ausländische, dabei ganz und gar unhessische Sprache? In einem offenen Brief an die Oberbürgermeisterin ruft denn auch Prof. Dr. Walter Krämer, 1. Vorsitzender des »Vereins zur Wahrung der deutschen Sprache«, zum Widerstand gegen diese »peinliche Anbiederung«, gegen jede Form von »linguistic submissiveness« auf: »Stoppen Sie den Wahnsinn, ehe es zu spät ist.« Doch Frankfurt wäre nicht die Stadt des signifikant Nichtidentischen, gäbe es keine Lösung für das Problem. Wie aus Kreisen der Neuen Frankfurter Schule, der »Heinz-Schenk-Stiftung« und der »Liesel-Christ-Foundation« zu erfahren war, deutet sich ein multikultureller Kompromiß im Namensstreit an: »Euro-Stadt Frankfurt - The City of the Äppelwoi«.

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