Zur Ausgabe
Artikel 20 / 71
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

SCHULE Thema Familie

Die Autoren der hessischen Rahmenrichtlinien versuchten, die wichtigste Quelle für ihre »Unterrichtsmaterialien« zu tarnen: Es ist das Werk eines Ost-Berliner SED-Professors.
aus DER SPIEGEL 8/1974

Vor einem Jahr, am 24. Februar 1973, eröffnete Hessens CDU mit einer Kundgebung in Gießen den Kampf gegen die Rahmenrichtlinien. Hauptargument: Die Richtlinien seien marxistisch.

Seit dem vergangenen Wochenende sehen sich die Autoren Hartmut Wolf und Ingrid Haller einem noch härteren Vorwurf ausgesetzt: Die Richtlinien seien nicht nur marxistisch, sondern sogar leninistisch.

Denn am vergangenen Freitag schlug die Hamburger »Welt« auf der ersten Seite Alarm: »Teile der hessischen Lehrpläne aus »DDR«-Buch abgeschrieben.« Als Quelle für die hessischen Lehrpläne wurde die Ost-Berliner »Geschichte der Lage der Arbeiter unter dem Kapitalismus« genannt. Autor dieses 38bändigen Werkes ist der SED-Professor Jürgen Kuczynski, 69.

Dr. Günther Deschner, kulturpolitischer Ressortchef der »Welt«, gab als eigenen Artikel aus, was er fast wörtlich aus einem internen CDU-Papier abgeschrieben hat. Aus dem »bisher schlimmsten« machte er den »bisher gravierendsten Fall von pseudowissenschaftlichem Schwindel im Gesamtkomplex Rahmenrichtlinien«.

Der Angriff richtet sich nicht (wie die »Welt« Glauben machen will) gegen einen Teil der Rahmenrichtlinien, die irgendwann für Hessens Schulen verbindlich werden. Es geht vielmehr um »Unterrichtsmaterialien"« die es dem Lehrer nur erleichtern sollen, sich auf das jeweilige Thema vorzubereiten.

Und in Hessen soll lediglich als Material verwendet werden, was Kuczynski an historischen Quellentexten in seinem Werk gesammelt hat. Er selbst wird mit zwei belanglosen Sätzen zitiert, noch dazu aus Versehen. Die flüchtigen Hessen hatten nicht bemerkt. wo ein Zitat aus dem Jahre 1868 endet und wo Kuczynskis Kommentar aus dem Jahre 1968 beginnt.

So wenig deshalb die Kampagne berechtigt ist, mit der die »Welt« begann und die von der CDU im Landtag fortgesetzt wird, so wenig war es notwendig, daß Hartmut, Wolf und Ingrid Haller nebst Mitarbeitern die Ost-Berliner Quelle für ihre Unterrichtsmaterialien zu tarnen versucht haben.

Als ihnen nach der CDU-Kundgebung vor einem Jahr häufig vorgeworfen wurde, sie betrieben marxistische Indoktrination, entschlossen sie sich, SED-Kuczynski als Fundort zu kaschieren. Wolfs Begründung: »Es sollte verhindert werden, daß die Diffamierung des Fundorts der Quellen von vornherein die Diskussion um ihre Richtigkeit und Brauchbarkeit blockiert.«

Bei Kuczynski fündig geworden waren die Lehrer Dorothee Grolle und Gerhard Wenz. 54 der 131 Texte, aus denen ihre »Unterrichtsmaterialien« zum Thema »Familie« bestehen, stammen aus dem Werk des Ost-Berliner Wirtschaftshistorikers. Sie beschäftigen sich mit der Lage von Kindern in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts.

Um Kuczynskis Namen so selten wie möglich zu nennen, handelten die hessischen Materialsammler etwa so wie Studenten, die nur ein Buch studiert haben und trotzdem vortäuschen wollen, sie hätten Berge von Literatur durchgearbeitet. Als Quelle gaben sie nur neunmal Kuczynskis »Geschichte« an, im übrigen jene Fundstellen, die der Ost-Berliner Wissenschaftler in seinem Sammelwerk genannt hatte: beispielsweise ein 1835 erschienenes Buch über die »Wahrscheinliche Lebensdauer des Menschen in den verschiedenen bürgerlichen und geselligen Verhältnissen« und ein 1836 veröffentlichtes »Regulativ für die sächsischen Klöppelschulen«. Naive Leser konnten überdies annehmen, die beiden Lehrer hätten das »Regierungsblatt für das Königreich Bayern« des Jahres 1840 und einen Bericht, 1877 »zusammengestellt im Reichskanzleramt«, in einem Archiv entdeckt.

Außerdem verkürzten sie an den wenigen Stellen, an denen sie Kuczynskis Namen doch nannten, den Titel seines Werkes. Sie ließen die letzten Worte unter dem Kapitalismus« weg.

Während diese Tricks selbst Studenten im zweiten Semester nicht erlaubt sind, handelten die hessischen Pädagogen korrekt, als sie bei Zitaten aus Kuczynskis 20. Band dessen Mitarbeiterin Ruth Hoppe als Autorin nannten: Kuczynskis Name steht in diesem Band nur auf dem Leinen-Umschlag, der Name seiner Mitarbeiterin auf der dritten Innenseite.

In den Rahmenrichtlinien selbst wird in der ersten Fassung auf Kuczynski überhaupt nicht, in der zweiten Fassung ein einziges Mal verwiesen. Diese Zurückhaltung hat, wie die Autoren Hartmut Wolf und Ingrid Haller beteuern, keine taktischen Gründe.

Sie hätten sich in der Tat auch zu Kuczynskis Sammelwerk als Quelle bekennen können. Zwar ist der Ost-Berliner Professor, der aus einer Bankiersfamilie stammt und in der NS-Zeit nach England emigrierte, ein stets um Linientreue bemühter SED-Genosse, der öffentliche Selbstkritik nach versehentlicher Abweichung nicht scheut und vom zentralen Parteiblatt »Neues Deutschland« gerühmt wurde, weil er »Tausende von Propagandisten und Agitatoren mit Tatsachen und Problemen der Ökonomie bekannt gemacht« hat.

Aber selbst die gutbürgerliche »Frankfurter Allgemeine« bescheinigte ihm, daß er »bei westlichen Fachkollegen gutes Ansehen genießt«. Und Peter Mitzscherling vom West-Berliner Institut für Wirtschaftsforschung nennt Kuczynskis Buch über die Lage der Arbeiter »ein international angesehenes Werk«.

Die »Unterrichtsmaterialien« werden gegenwärtig überarbeitet, bei dem derzeitigen Umgang mit der Ost-Berliner Quelle soll es trotzdem bleiben. Die Autoren Haller und Wolf bekennen sich zwar zu ihrem mißglückten taktischen Schachzug. können sich aber darauf berufen, daß in Quellenwerken der Schulbuchverlage ähnlich verfahren wird.

Daß die CDU auf ihre Kampagne verzichtet, halten Hartmut Wolf und Ingrid Haller für ausgeschlossen.

Wolf: »Es ist Wahljahr in Hessen, und da geht es um Wirkung. Was wirkt. ist leider nicht immer die Wahrheit.«

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 20 / 71
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.