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Nachruf THOMAS DEHLER †

aus DER SPIEGEL 31/1967

Die Spur des Staatsmannes Thomas Dehler, des Bundesjustizministers von 1949 bis 1953, des FDP-Fraktionsvorsitzenden von 1953 bis 1957, des FDP-Bundesvorsitzenden von 1954 bis wiederum 1957 und des Vizepräsidenten des Bundestages, der er von 1960 bis zu seinem Tode am letzten Freitag war -- ach, diese Spur wird vom Winde der Zeit bald verweht sein.

Geschichte hat Thomas Dehler nicht gemacht. Seine Gegner und die von ihm Gekränkten, die vielen, auch die grundlos von ihm Verdammten, sie alle werden vielleicht hinzufügen: »Aber Geschichten hat er gemacht.«

Gewiß, die hat er gemacht, zahllose, und nicht nur gute.

Und doch, um dieser Geschichten willen sollte man ihm ein langes Gedenken wünschen -- nicht seinetwegen, sondern den Deutschen zum Vorteil.

In diesem Land der kleinen Klugen, der ihres Vorteils stets Gewissen, der im Heiklen und Komplizierten unendlich Bewanderten, in diesem Land der Neunmalgeschelten repräsentierte er seltene Tugenden: den Mut des Geradeheraussagens, franken Bürgersinn, moralische Empfindlichkeit, Unabhängigkeit und die stets wache Bereitschaft, neu zu denken.

Wer hätte wie er in jenen dunklen Jahren den Mut gehabt, zu Heydrich zu gehen, dem Chef des Gestapo, um dort, obwohl selbst mit einer Jüdin verheiratet, für die Freilassung eines jüdischen Rechtsanwalts-Kollegen einzutreten?

Ein Parzival, ein Kind, hat man gesagt. Und sicher war er das, aber ein tapferes, vielleicht zuweilen bloß ein aufsässiges.

Wen hat er nicht alles geschmäht! Kurt Schumacher und den damaligen Bischof von Würzburg, Döpfner, die Gewerkschaften und die Rentner, die österreichische Regierung und den französischen Hochkommissar.

Dem Bundesverfassungsgericht bescheinigte er -- er, der damals Justizminister der Bundesrepublik war, der beste übrigens bis zu Gustav Heinemann -, es sei »in einer erschütternden Weise von dem Wege des Rechts abgewichen«.

In der Tat, er war kein Minister, kein Würdenträger. So hatte denn auch Konrad Adenauer, als er im Herbst 1953 sein zweites Kabinett bildete, für Dehler keine Verwendung mehr. Und das war vielleicht gut so -- zumindest für Dehler selbst, obwohl es ihn anfangs schmerzte.

Doch nun hatte er Bewegungsfreiheit, er, der Bewegte. »Weil ich tief bewegt war«, so schrieb er in einem Brief an die FAZ über eine Berliner Versammlung, vor der er 1952 gesprochen hatte, »konnte ich meine Hörer rühren« -- und ein wenig überrascht und ein wenig stolz fügte er hinzu: »Nach meiner Versammlung kamen Frauen auf mich zu und sagten mir, sie wollten mich anrühren, das bringe ihnen Glück.«

Nun, da er nicht mehr im Trott und Troß Adenauers marschierte, durfte er sich rühren. Und er rührte sich. Reiste durch Osteuropa, Skandinavien und Großbritannien, besuchte Rußland und Indien, konferierte mit DDR-Politikern. mit Gromyko und Chruschtschow und muckte gegen den alten Kanzler auf: »Die Ära Adenauer ist eine Periode der Verhinderung der deutschen Wiedervereinigung gewesen.«

1962 empörte er Bonn bis an die Schwelle des Bruchs. In einer Fernsehsendung sagte er, die Bundesregierung setze den 30jährigen Krieg gegen die Sowjet-Union »auf kalter Basis« fort, den 1932 Papen und Hitler begonnen hätten. Am liebsten hätten die Christdemokraten ihn, den Vizepräsidenten des Bundestages, gefeuert -- wie übrigens vor vier Wochen wieder, als er Paul Lücke die sittliche Reife absprach.

Er war ein Ruheloser von Haus aus. Im oberfränkischen Lichtenfels geboren, einem Landstrich also, dem es nicht an antisemitischer Tradition mangelt, heiratete er eine Jüdin. Ein Katholik durch Taufe, verehrte er Luther sein Leben lang.

Ein Liberaler aus Überzeugung, blieb er doch dem deutschen Nationalismus treu, blieb er ein Nationalliberaler, wie es ihn seit Virchows Zeiten nicht mehr gegeben hat.

Nach 1945 meinte er, nun müsse die deutsche Geschichte wieder an 1848 anknüpfen, beim Frankfurter Pauls-Parlament, dem weder die deutsche Demokratie noch die deutsche Einheit gelungen war.

Aus dem Ersten Weltkrieg als Unteroffizier heimgekehrt, war er in München Zeuge der Räte-Revolution. Sie stieß ihn ab -- nicht weil er der gestürzten Obrigkeit nachtrauerte, sondern weil die entfesselte Masse ihn schreckte. Er war Einer, und er wollte es bleiben, auch als Individualist ein Liberaler des vorigen Jahrhunderts.

Er studierte Jura. Er wurde Anwalt. Er gründete einen republikanischen Kampfbund, den er, der Nationalist, »Reichsadler« nannte. und der, als es heißer wurde, im »Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold« aufging.

Die Nazis verhafteten ihn -- 1938 war es und 1944 -- und ließen ihn beide Male nach kurzer Frist frei.

Ein Individualist, ein Liberaler und ein Nationaler -- so betrat er die Bühne der deutschen Politik nach Hitlers Untergang. Als die Münchner Landesversammlung darüber abzustimmen hatte, ob Bayern sich einen eigenen Staatspräsidenten leisten solle, brachte er den Antrag zu Fall. Mit 84 gegen 85 Nein-Sager scheiterte der bajuwarische Separatismus.

Die Reichseinheit war ihm Herzenssache. Ihm fiel es schwerer als anderen, von ihr Abschied zu nehmen, doch er tat den Sprung -- zögernd und mit rührenden Entschuldigungen. »Unter dem Reichsdach«, so erklärte er Anfang 1961, einen Sturm entfachend und am Ende revozierend, seien zwei deutsche Teilstaaten entstanden. Zwar sei das Reich als Rechtssubjekt nicht untergegangen, doch habe auch die Deutsche Demokratische Republik Staatseigenschaften.

Seine politischen Ideen verglühten rasch. Seinen Gegnern ein Spott, gediehen sie seiner Partei nicht selten zur Verlegenheit.

Und doch waren das seine besten Stunden, wenn er auf der Tribüne des Bundestages oder vor dem Fernsehschirm, sich quälend, sich seiner eigenen Vorstellungen erwehrend oder ihnen nachgebend, stockend oder sprudelnd, seinen Gedanken durch alle Widerstände hindurch Bahn brach -- denkwürdig selten durch das, was er sagte, denkwürdig immer dadurch, wie er es sagte: durch seinen Bürgermut.

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