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GESELLSCHAFT / HASCHISCH Tibet ist überall

aus DER SPIEGEL 46/1969

Die jungen Rebellen sitzen stumm in halbdunklen Teestuben und trinken Earl Greys Ceylonesische Hochlandmischung. Warum habe ich so viele Hände? Vorhin hatte ich doch nur zwei ... Warum lache ich?

Selbstvergessen hocken sie im glimmenden Schummerlicht eines weitläufigen Beatschuppens und vibrieren innerlich zu den Conga-Trommeln und Elektro-Orgeln stereophoner Rockmusik. die aus den Verstärkern über ihre geneigten Köpfe taucht. Ich tanze. Meine Augen sind geschlossen, mein Oberkörper kreist, meine Hände spielen in der Luft.

Sie treffen sich in Hauseingängen und geparkten alten Volkswagen wie Schwarzhändler der frühen Nachkriegszeit. Sie ziehen sich in Privatbuden zurück und lagern sich im Kreis auf den Boden. Erwartungsvoll betrachten sie den Mann mit dem Stoff in ihrer Mitte. Ein älterer Beobachter erinnert sich: wie deutsche Gefangene, die in einer sibirischen Baracke darauf warten, daß einer von ihnen aus den letzten Machorka-Krümeln die letzte Gemeinschaftszigarette dreht.

Dann macht der »Joint« die Runde. Ein herbsüller Duft steigt auf, nicht unähnlich dem Geruch von kaltem Weihrauch in katholischen Kirchen. Neulich hat mich ein Kirchenchor um Heulen gebracht, eine Bruckner-Symphonie zur melancholischen Tieffahrt geführt -- heute lassen »Veluet Underground« und »Vanille Fudge« mein Stimmungs-Barometer wieder hochschnellen.

Die jungen Rebellen »kiffen«, »koksen » »dröhnen«, »turnen an«. Sie erschrecken die Elterngeneration, die sich eben erst vom Schock des Studenten-Aufruhrs zu erholen beginnt, neuerdings mit einem uralten »Freudenspender«, wie die Orientalen ihn einst nannten -- und er kommt den Bürgern dieses Landes fast noch unheimlicher vor als Straßenschlachten und Molotow-Cocktails: Haschisch, von den Eingeweihten »Hasch« oder »Shit« genannt, oder einfach nur »Stoff«.

»Eine Rauschgiftlawine bedroht Deutschland« ("Bild am Sonntag"). »Alarmierende Rauschgiftwelle in Hamburg -- Ganze Schulklassen rauchen Haschisch« ("Hamburger Abendblatt") » »Schüler rauchen Hasch heim Schulausflug -- Die Rauschgiftwelle wächst und wächst« ("Frankfurter Rundschau"). »Immer mehr Münchner Schüler »reisen« in das Land der Träume -- Rauschgifthandel an Schulen nimmt ständig zu« ("Abendzeitung«, München). »Auch in Stuttgart riecht es nach Haschisch« ("Stuttgarter Zeitung") » »Rauschgift-Ring in Regensburg« ("Die Woche«, Regensburg).

Seit Sommer dieses Jahres vergeht kaum ein Tag ohne Meldungen über Polizei-Razzien auf Rausch-Partys, über gesprengte Schmuggelringe, über Rauschgift-Fälle aus allen Gegenden der Bundesrepublik, in allen Spielarten zwischen Passe und Drama:

< »Verführung im LSD-Rausch. »Junger Ehemann verfiel einer 14jährigen Chinesin« ("Bild").

< »Neun junge Leute, darunter ein in Nürnberg als vermißt gemeldetes Mädchen, wurden in einer Wohnung des Frankfurter Bahnhofsviertels bei einer Rauschgiftparty überrascht« ("Süddeutsche Zeitung").

< Haschisch auf dem Friedhof. Ausgerechnet einen Friedhof wählten die Jungen und Mädchen als Tagungsort für ihre Ausschweifungen« ("Stuttgarter Zeitung").

< Rauschgift als Todesursache? 18jährige wurde nach Party in Abbruchhaus tot aufgefunden ... Die Nachbarschaft glaubt: »Sie ist durch übermäßigen Rauschgiftgenuß gestorben!"« ("Frankfurter Rundschau").

Im Münchner Pop-Palast »Citta 2000« fragen Händler halblaut in die Runde: »Braucht jemand was?« Wer etwas braucht, folgt dem Händler auf die Straße, nennt die gewünschte Menge und vereinbart einen Übergabe-Treff an einer entfernteren Straßenecke. Auf ähnliche Art ist »Shit« vor vielen Diskotheken und Twen-Treffpunkten käuflich, so etwa in Hamburgs »Grünspan« oder »Speak Easy«, in Münchens »Blow up« oder »Match Box«, in den Frankfurter Bockenheimer Anlagen und in den »Teestuben« rund um den Kurfürstendamm in West-Berlin. Durchschnittspreis für mittlere Qualität: fünf Mark je Gramm.

Zwei Türken. in bayerische Tracht verkleidet, wagten sich sogar in den Tempel des bodenständigen Rausches, das Münchner Hofbräuhaus, um Haschisch feilzubieten. Sie wurden von empörten Alkoholfreunden der Polizei übergeben.

In Berlin wurde die Haschkneipe Zodiak« von der Polizei geschlossen, nachdem das Auto eines Händlers, der schlechten Stoff verkauft hatte, vor dem Lokal von einigen Kunden angezündet worden war. Bald danach machte die Kripo auch das »Unergründliche Obdach für Reisende« zu, das sich schon im Namen als Kiff-Klause zu erkennen gab (Inschrift am Türpfosten: »Wie schön, daß es dich gibt!").

Als sich die Reisenden, mehr als hundert, bei Sommersonnenschein im Berliner Tiergarten zu einem Hasch"Smoke-in« versammelten, umzingelte berittene Polizei die Pärchen, die im Grase ihr »Gras« qualmten, nahm aber, von dieser ungewohnt idyllischen Aktion gerührt, keinen der Raucher fest.

Inzwischen wird das Hasch-mich mit der Polizei auch in Berlin in mehreren neuen Kneipen weitergespielt, so in den »Teestuben« in der Xantener Straße; letzthin wurden auch der Frankfurter »Heidi Love You Shop« und in München »Mariannes Kaschemme« dichtgemacht.

Da alle Rauschmittel (außer Alkohol) gesetzlich verboten sind, hat es noch nie so viele junge Straftäter (wenn auch meist unentdeckt) in Deutschland gegeben wie heute -- »Hasch-Pappis« über 30 sind noch eine verschwindende Minderheit.

20 Heranwachsende tanzten in Kaiserslautern unter Lachanfällen ausgelassen und halbnackt auf der Rathaustreppe, von Hasch animiert. Hätte Schnaps sie beflügelt, hätte niemand außerhalb der Pfälzerstadt Notiz genommen. So ging eine Meldung darüber durch zahlreiche Zeitungen im ganzen Bundesgebiet.

Denn bundesweit beginnen die Erwachsenen zu glauben, daß ihre Kinder einer Krankheit verfallen, die nicht nur von den Springer-Blättern als »Seuche« dargestellt wird.

Die älteren Deutschen, die sich einst tabaksüchtig nach Amt-Kippen bückten und seit 1950 ihren Schnapskonsum versechsfacht haben (Gesamtaufwand für Alkohol 1968: 21 Milliarden Mark). sind fassungslos über Haschisch-Inhalationen und Drogen-Trips, die nach ihrer Überzeugung »in Strafanstalt, Entziehungsheim und Nervenklinik enden« (Rauschgift-Warnblatt der Berliner Kripo), wenn nicht gar im »völligen geistigen, körperlichen und sozialen Verfall« (Rauschgift-War-

* Oben: in der Hamburger Großen Freiheit; unten: am Kurfürstendamm in West-Berlin.

** Ronald Steckel: »Die bewußtseinserweiternden Drogen«. Edition Voltaire, Berlin: 180 Seiten; 9 Mark.

nung im Hamburger Telephon-Ansagedienst.

Auf der Gegenseite stehen neue anarchistische Gruppen wie der »Zentralrat der umherschweifenden Haschrebellen« in Berlin, der in den Drogen eine Chance sieht, »diese Gesellschaft der Halbgreise und Tabus« (Zentralrat-Flugblatt) gewaltlos zu unterwandern.

Genüßlich heizen die Rebellen die bürgerliche Rauschgift-Angst in der Untergrund-Zeitung »883« noch weiter an: »Der Opiumkrieg hat sich in sein Gegenteil verkehrt. Er steht nicht mehr im Dienst des Kapitalismus (wie beim originalen Opiumkrieg von 1840, den England gegen China führte). Jetzt hat das Gift die Bourgeoisie selbst befallen.«

Springers »BZ« schlug zurück: »Sie sind eine große Gemeinschaft zerstochener, schmutziger, taumelnder junger Leute, die der Welt ade gesagt haben und sich dafür eine Scheinwirklichkeit eintauschten.«

Einige wenige Beobachter haben indes begonnen, die internationale Rausch-Woge nachdenklicher zu betrachten. Sie sehen deren Ursprung in einem »ekstatischen Bedürfnis« der Jugend (so der Hamburger Pädagoge Hans Heinrich Muchow), im Verlangen nach »starken Sinnesreizen«, nach verbotenen Abenteuern und nach eben dem gesteigerten Lebensgefühl, das die mechanisch und begeisterungslos dahinvegetierende Kaufhauswelt der Erwachsenen am wenigsten zu bieten vermag.

Der Griff zum Joint, zur selbstgedrehten Hasch-Zigarette, sei ein Ausbruchsversuch aus »jener sterilen Sicherheit von Familienharmonie und Volkswohlfahrt, von Sonntagsspaziergängen und Gärtchenglück«, glaubt Dr. Rudolf Gelpke, Orientalist in Teheran, in seinem Buch »Vom Rausch im Orient und Okzident«. Und ähnlich meint Ronald Stechel, Berliner Hasch-Experte und Verfasser einer gründlichen Hasch-Studie, die in diesem Monat in der Edition Voltaire erscheint**, im Wunsch nach Bewußtseinsveränderung äußere sich der »spirituelle« Hunger eines Teils der Jugend inmitten materieller Verwöhnung. Hier beginne eine Suche nach der visionären Innenwelt, die im industriellen Westen unter Technokratie und Arbeitswut begraben worden sei.

Der Bundesbürger aber gerät nur tiefer in Verwirrung. Denn selten hat es ein Phänomen gegeben, das so von Gerüchten, Fehlinformationen, Bluff und Aberglauben vernebelt worden ist wie die Drogen-Szene.

In feindliche Lager gespalten sind die Wissenschaftler, die sich mit dem Haschisch- und Marihuana-Problem (siehe Kasten Seite 78) beschäftigen. Kaum ein Ärztekongreß, auf dem nicht einige der Referenten abenteuerlich anmutende Thesen zum Hasch-Thema vortragen, offenkundig mehr von Vorurteilen als von wissenschaftlicher Akribie beflügelt -- so etwa vorletzte Woche auf dem Berliner Apothekertag und eine Woche zuvor auf dem Stuttgarter Fortbildungskongreß für praktische Medizin.

Daß »die Hälfte« aller regelmäßig Hasch rauchenden« Jugendlichen »bald auf stärker wirkende Drogen umsteige«, daß »Angstdepressionen, Verfolgungswahn und Delirien« auf das Konto von Haschisch-Genuß zu schreiben und daß schließlich eine »allgemeine Gleichgültigkeit und Apathie« bei Hasch-Rauchern die unausbleibliche, kulturzerstörerische Folge sei, verkündete in Stuttgart etwa der Baseler Psychiatrie-Professor Paul Kielholz. Aber auf derselben Tagung war von Dr. Wolfgang Pfeiffer, Universitäts-Nervenklinik Erlangen, auch zu hören, daß Rauschmittel in alten Kulturen »durchaus stabilisierende und schöpferische Wirkungen entfaltet« hätten.

In der Tat mehren sich -- vor allem in den USA, aber auch schon in der Bundesrepublik -- die Stimmen von Ärzten und Sozialforschern, die Straffreiheit für den Handel mit und den Besitz von Haschisch und Marihuana fordern: Für echte Rauschdrogen wie etwa Opium und Heroin, wohl auch für LSD, seien die schweren Strafandrohungen gerechtfertigt, nicht aber für Haschisch.

Zwar läßt sich bislang noch kein endgültiges Urteil darüber abgeben. welche Wirkungen etwa sozialpsychologischer Art ein weitverbreiteter Haschischgenuß auf lange Sicht in dieser Gesellschaft haben könnte -- dazu reicht das Beobachtungsmaterial noch nicht hin. Übereinstimmend aber haben die nach wissenschaftlichen Kriterien bislang vorgenommenen Studien ergeben:

* Haschisch und Marihuana in die gleiche Gefahrenkategorie einzureihen wie etwa Morphium, Heroin und Opium, ist ungerechtfertigt; die physiologische und psychische Wirkweise ist grundlegend verschieden.

* Es ist erwiesen, daß Haschisch -- im Gegensatz etwa zu den Opiaten -- im medizinischen Sinn des Wortes nicht süchtig macht; bei Absetzen von Haschisch treten keine Entzugserscheinungen auf.

* Haschischgenuß scheint in vieler Hinsicht harmloser als starker Alkohol- und Nikotinkonsum; während Alkohol häufig Aggressionen auslöst, werden sie durch Haschisch eher gedämpft.

* Kriminalität, soweit sie mit Haschisch-Handel und -Genuß zusammenhängt, wird durch das drakonische Verbot begünstigt; sie würde bei Legalisierung des Hasch-Genusses zurückgehen. Zehn Millionen Amerikaner, so ergab Ende letzten Monats eine Gallup-Umfrage, haben gelegentlich schon Pot geraucht; in den amerikanischen Colleges war es schon jeder fünfte. Daß sich die Mode, zunächst vor allem unter Oberschülern und Studenten, nun auch in der Bundesrepublik explosionsartig ausbreitet, steht außer Zweifel, selbst wenn man die Übertreibungen der Tagespresse abzieht.

Sicher ist: daß das High-Sein in die aus Amerika und England importierte Pop-und-Protest-Kultur untrennbar eingebaut war -- sie ist von Pot-Rauchern gemacht worden. Kaum eine Pop-Gruppe, von den »Beatles« bis zu den »Mothers« und den »Fugs«, die nicht seit Jahren kifft und ihre Erfahrungen mit Texten und Klängen preist, auf die westliche Hirne in nüchternem Zustand schwerlich gekommen wären.

Sicher ist auch, daß der bewußtseinsverändernde Stoff ganz überwiegend aus dem Orient kommt und in sprunghaft steigenden Mengen nach Deutschland eingeschmuggelt wird: nach Hamburg per Schiff durch professionelle Großhändler, nach München in den Pappkoffern türkischer Gastarbeiter im Orient-Expreß, den die bayrischen Zöllner längst nur noch »Hasch-Expreß« nennen (siehe Kasten Seite 85). Ein Syrer benutzte sogar die Post, obzwar erfolglos: Aus seiner Heimat schickte er einen Marmeladeneimer voll Haschisch an seine deutschen Wirtsleute in Ratingen, den er als »Geschenksendung -- arabischer Kuchen« deklariert hatte; der Eimer wurde konfisziert.

Noch 1966 hatte Kriminairat Thomsen als zuständiger Beamter im Bundeskriminalamt Wiesbaden erklärt: »Die deutschen Jugendlichen sind nahezu völlig frei von Rauschgift.« Und die bayrische Landeskripo ließ damals verlauten: »Haschisch entspricht dem europäischen Geschmack ganz einfach nicht.«

1966 wurden im Bundesgebiet insgesamt 134 Kilo Haschisch von Kripo und Zoll beschlagnahmt (1960 waren es nur drei Pfund gewesen). 1968 stieg die konfiszierte Menge schon auf 380 Kilo. Und 1969 wurden nach Angaben des Bundeskriminalamtes bereits in den ersten neun Monaten 1560 Kilogramm Haschisch abgefangen. Ende letzten Monats machte die Polizei im Hamburger Freihafen ihre bisher größte Haschisch-Beute: 20 Säcke mit insgesamt 276 Kilogramm »Stoff«. Gegenwert: 1,4 Millionen Mark.

Die wirkliche Höhe der Haschisch-Einfuhren wird von den Kripo-Sachbearbeitern vage und vorsichtig auf das Zehn- bis Hundertfache geschätzt. Händler in West-Berlin und München meinen dagegen, auch das Hundertfache sei noch eine Untertreibung der Polizisten, »damit sie nicht ganz als die Deppen dastehen«.

»Horrend« nennt der Düsseldorfer Kripo-Mann Kurt Schulz-Isenbeck auch die Dunkelziffer bei »Rauschgift-Straftaten«, zumal es hier -- genau wie früher bei der Homosexualität -- keine unschuldigen Geschädigten gibt, die Anzeige erstatten.

Die Zahl der von der Kripo als Händler »festgestellten« Personen hat sich seit 1965 mehr als vervierfacht, die Zahl der beim Bundeskriminalamt registrierten »Fälle von Rauschgift-Kriminalität« hat sich im gleichen Zeitraum etwa verdoppelt. Dabei ist, wie vorletzte Woche das Koblenzer Landeskriminalamt formulierte, »besonders alarmierend die Tatsache, daß junge Menschen im Alter zwischen 15 und 25 Jahren mehr und mehr am Drogengenuß beteiligt sind«.

»Die Zahl der Ermittlungen hängt aber hier nicht vom tatsächlichen Umfang der Kriminalität ab«, kommentierte andererseits ein West-Berliner Kripo-Beamter, »sondern von der Zahl der Beamten, die auf diese Deliktgruppe angesetzt werden können. Soundso viele Polizisten können immer nur soundso viele Fälle bearbeiten, ganz gleich wie viele Delikte in Wirklichkeit passieren.«

Anzeichen von Überforderung und Hilflosigkeit fanden sich bei den meisten Rauschgift-Kriminalisten. die in bundesdeutschen Landeshauptstädten von SPIEGEL-Korrespondenten befragt wurden. Dr. Oskar Wenzky, leitender Kriminalrat im nordrheinwestfälischen Innenministerium, bekennt freimütig, daß er erst bei einem Berlin-Besuch von einem Düsseldorfer Haschisch-Lokal erfahren habe: Auf dem Kurfürstendamm wurde ihm eine

* In Nürnberg, Anfang August 1969; auf den Paketen: die gepreßten Haschisch-Platten.

Karte des Etablissements »Lover's Club« in der Rhein-Residenz mit dem Hinweis zugesteckt, dort könne er sich mit »Pot« eindecken.

Die Beamten der Rauschgift-Dezernate waren bisher nur auf die begrenzte traditionelle Gruppe echter Süchtiger eingestellt -- auf rezeptfälschende Morphinisten in reifem Alter, auf Narkotika spritzende Krankenschwestern und Mediziner. So tun sich die R-Leute schwer, dem »angeturnten« (sprich: angetörnten, von engl. turn on anschalten, aufdrehen) Jugend-Milieu beizukommen und ungewohnte Delinquenten zu verfolgen, die zum großen Teil Pennäler und Studenten aus dem staatstragenden Mittelstand sind. »In letzter Zeit stoßen wir auf erstaunlich viele Söhne und Töchter aus sogenannten besseren Familien«, meldet der Chef der Ermittlungsabteilung im rheinland-pfälzischen Kriminalamt, Erich Strass.

Da kann es den Fahndern passieren, daß sie auf die Tochter des verstorbenen SPD-Führers Fritz Erler treffen, in deren Auto bei einer Razzia im August in München einige Gramm Haschisch gefunden wurden. Oder gar, wie jüngst in Amerika, auf die Tochter des US-Vizepräsidenten Spiro Agnew, die unter Pot-Verdacht einige Tage von ihrer Washingtoner Schule suspendiert wurde, bis die R-Detektive ihre Ermittlungen ohne Ergebnis einstellten.

Herauszufinden, was es mit der am meisten beschrienen Hasch-Welle in deutschen Oberschulen wirklich auf sich hat, ist auch für Zeitungsleute schwierig. »Vielen Pennälern, die von täglichen Hasch-Runden auf Schultoileiten und in den Büschen hinter der Turnhalle erzählen, merkt man leicht an, wieviel Spaß sie daran haben, die ahnungslosen und ängstlichen Erwachsenen mit wilden Geschichten in Panik zu versetzen«, berichtete ein SPIEGEL-Redakteur aus Berlin.

Korrespondenten in den Bundesländern bestätigten diese Erfahrungen. Die Schüler übertreiben, die Lehrer und Direktoren dementieren meist -- gleichfalls oft unglaubwürdig. »Die Schulbeamten tun so erstaunt, als hätten sie das Wort Haschisch noch nie gehört«, heißt es aus Stuttgart.

In Frankfurt gab es einen der wenigen offiziellen Fälle: Ein Junge und ein Mädchen der 12. Klasse sind von der Ernst-Reuter-Gesamtschule verwiesen worden, weil sie sich trotz Verwarnung wiederholt mit Marihuana-Joints haben erwischen lassen. Der Schüler hat gegen den Ausschluß das Verwaltungsgericht angerufen.

Frankfurts Schuldezernent Professor Peter Rein: »Eine Gruppe von Schulaufsichtsbeamten untersucht jeden Einzelfall, der bekannt wird, und berät gleichzeitig die Betroffenen über eventuell notwendig werdende Therapie.«

Konkreter sind die Informationen aus einem Gymnasium in Hamburg-Bergedorf, der Hansa-Schule. Dort hat der Primaner Ulrich Bormann für die Schülerzeitung »Der Wecker« unter seinen Kameraden eine Enquete gemacht, die für einen Lehrer (oder andere Außenstehende) unmöglich wäre.

Bormann ermittelte 50 Schüler mit Drogen-Erfahrungen an der Hansa-Schule (Schülerzahl der drei oberen Klassen: 171). 40 von ihnen sprach er an, 19 davon erklärten sich bereit, einen detaillierten Fragebogen für Bormann auszufüllen.

Auswertung: Alle 19 konsumieren unregelmäßig Haschisch, einer zusätzlich Meskalin, einer LSD (beide Drogen nur in Intervallen von mehreren Wochen), drei nehmen neben Hasch auch Barbiturat-Beruhigungsmittel. Keiner hält sich für süchtig.

Fünf der Pennäler gaben an, sie wollten mit der Droge »den Alltag vergessen und abschalten«, 13 tun es »nur aus Spaß«, »aus Neugier«, »um zu genießen«. Je zwei wollen außerdem »Depression und Minderwertigkeitskomplexe« sowie »Langeweile, Frustrationen« kompensieren.

»Die Begründung für das Rauchen von Haschisch«, konstatierte Umfrager Bormann« »findet sich häufig in Schwierigkeiten mit sich und der Umwelt.« Die Erlebnisse der Befragten während ihrer Trips reichen vom »Gefühl des Beobachtetseins« (1) bis zur »Loslösung von der Realität« (5), von »Lachanfällen« (3) und »Schwebegefühl« (3) bis zu dem »Gefühl, Jesus zu sein« (1).

»Organisierten Hasch-Konsum an fünf Schulen mit 30 Tätern« meldet die niedersächsische Kripo. Ein Pädagoge aus einer Berliner Oberschule erklärte: »Wir bemühen uns« Hasch-Fälle an unserer Schule intern als Familienangelegenheit zu behandeln, damit diese Jugendsünden nicht kriminalisiert werden. Wir wollen verhindern, daß eine Schule gleich als Lasterhöhle hingestellt wird, nur weil in ein paar Klassen mal ein Joint herumgereicht wird.«

Aber auch an Berliner Schulen breitet sich Haschisch-Hysterie aus, gefördert von Lehrern, deren Argwohn durch Veröffentlichungen wie die des Berliner Jugendpsychiaters Dietrich Kleiner geschürt wird: »Schon frühzeitig (ist) gerade bei Haschisch mit einer psychosozialen Desintegration, mit charakterlichem ... Niveauverlust ... und Leistungsabfall, gegebenenfalls mit sozialer und familiärer Entwurzelung zu rechnen«, warnte der auch von Springer-Blättern gern zitierte Arzt kürzlich im Berliner »Abend«.

Merkblätter werden von den Gesundheitsbehörden in Berlin und Hamburg an die Lehrer verteilt, um ihnen »Anhaltspunkte« zu geben, »ob ein junger Mensch Rauschgifte nimmt ... Solche Anhaltspunkte können u. a. sin: eine Art Trunkenheit

ohne Alkohol, gerötete Augen ... stärkerer Durst ... auffallend schwere Vernachlässigung von Pflichten und Aufgaben ... der Körperpflege ... bis zu weitgehender Charakterumgestaltung ...«

So heißt es in dem Merkblatt, das die Städtische Klinik für Jugendpsychiatrie in Berlin produziert hat. Es endet mit Tips, die nur als Aufforderung zu diskreter Hexenjagd wirken können: »Achten Sie auf ungewohnte Substanzen (tabak- oder teerähnlich, Tabletten, Spritzenbestecke oder besondere Rauchutensilien) ... Haschisch-Rauch hat einen starken, charakteristischen Geruch, deshalb werden eventuell gleichzeitig Räucherkerzen abgebrannt.« Der gleiche Text wurde von Dr. Kleiner in der Zeitschrift »Unsere Jugend« bundesweit verbreitet.

Resultat: In immer mehr Klassen können Schüler kaum eine Arbeit mehr verbocken, ohne daß Lehrer sich zu mehr oder minder scherzhaften Rauschgift-Verdächtigungen bemüßigt fühlen. Ergrimmt protestierte die Schülerzeitschrift »Ictus« der Walther-Rathenau-Oberschule in Berlin-Wilmersdorf: »Ist es nötig, daß sich eine der Lehrkräfte ... von ihren privatdetektivischen Ambitionen so weit hinreißen läßt, daß Schüler in ihrer Freizeit bespitzelt werden und hinter geröteten. möglicherweise durch eine schnelle Motorradfahrt tränenden Augen ein Fall von schwerer Sucht gewittert wird?«

Ein absurder Teufelskreis ist in Gang gekommen: Tolpatschige Gegenaktionen, Geheimnistuerei und »Gruselgeschichten wie vom schwarzen Mann« ("Ictus") treiben die Rausch-Welle in der Bundesrepublik erst richtig hoch, steigern nur den Hasch-Hunger aus Trotz und Neugier. Grelle Illustriertenstorys weiten den Anturn-Kult ungleich rascher aus, als es die raffinierteste Hasch-Rebellen-Organisation je könnte.

Zumindest das Haschisch-Problem, meint Joel Fort, amerikanischer Arzt und Drogenberater der Weltgesundheitsorganisation, sei »von einer schlecht informierten Öffentlichkeit ins Leben gerufen worden, nicht von der Droge selbst«. Die auch bei den Experten bestehende Rauschgift-Konfusion wird von der US-Fachzeitschrift »Medical World News« bissig mit der prüden Unwissenheit in Sexualdingen verglichen, wie sie im 19. Jahrhundert herrschte -- als auch die Mediziner glaubten, »daß Onanie unweigerlich zu geistiger Zerrüttung führt«.

Unter dem teutonischen Sammelbegriff »Rauschgift«, der eher ein Bannfluch ist als ein wissenschaftlicher Terminus, werden alle einschlägigen Drogen meist wirr durcheinandergeworfen:

medizinische Beruhigungs- und Schlafmittel in Tablettenform (Barbiturate);

* Belebungsmittel in Tablettenform, auch »Schnellmacher« genannt (Amphetamine, Weckamine), einschließlich anregend wirkender Schlankheitsmittel (zum Beispiel Preludin);

narkotische Drogen, die sowohl betäuben als auch die Wahrnehmungen, das Bewußtsein verändern: Opium, Morphium, Heroin;

die speziell wahrnehmungsverändernden Mittel mit geringem na kotischem Effekt: Haschisch und Marihuana, Meskalin und das synthetische LSD-25. Im Ausmaß ihrer Wirkung unterscheiden sie sich ungleich stärker voneinander als die Drogen der anderen Gruppen. Ein West-Berliner Drogen-Experte fand einen plastischen Vergleich: Haschisch verhalte sich zu LSD »wie ein Moped zu einem Panzer«.

Nur der Konsum von Haschisch aber expandiert sprunghaft im Bundesgebiet und in Westeuropa. In Menge und Verbreitung spielen die anderen Narkotika und Bewußtseinsdrogen eine minimale Rolle, In Hamburg wurden in den ersten neun Monaten dieses Jahres nur 60 »Trips« (Portionen) LSD sichergestellt. Meskalin wurde überhaupt nicht gefunden.

Die Anwendung von Opium, Morphium und Heroin bleibt bisher in engen Grenzen. Der Zuwachs der sichergestellten Mengen ist ungleich geringer als bei Haschisch oder stagniert. Auch in den Vereinigten Staaten, wo die Rausch-Welle schon viel länger rollt, »bleibt der Heroin-Gebrauch vergleichsweise unverändert« ("Time").

Diese Unterschiede werden von den ärztlichen und offiziellen Rauschgift-Warnern nicht wahrgenommen. Typisch ist die Ansicht des Chefs der Gesundheitsabteilung im Kieler Innenministerium, Dr. Fritz Beske: »Zuerst wird Haschisch genommen ... dann reicht die Dosis nicht mehr, dann kommt LSD und schließlich Opium und Morphium dran. Wir nehmen das nicht leicht.«

Ganz ähnlich sprach auch die Bundesministerin für Jugend, Familie und Gesundheit, Käte Strobel, (laut dpa) von »Haschisch und anderen Opiaten. Sie fordert eine Verschärfung der Strafvorschriften und erklärte Mitte letzten Monats vor der Konferenz der Länder-Gesundheitsminister: »Es ist unverantwortlich und unfaßbar, daß das Problem Haschisch derart verharmlost wird, daß der Eindruck entstehen muß, Alkohol sei schlimmer als Haschisch.«

In Wahrheit hat Haschisch nach seiner Herkunft und chemischen Zusammensetzung mit Opium und Opiaten weniger zu tun als mit dem Bier, das in Käte Strobels Nürnberg gebraut wird. Opium (samt seinen konzentrierten Ablegern Morphium und Heroin) stammt von der Mohnpflanze. Haschisch und Marihuana stammen vom Indischen Hanf, der zur gleichen Pflanzenordnung gehört wie der Hopfen und die Brennessel.

Die irrtümliche Auffassung der meisten Deutschen, Haschisch sei ein Opiat, rührt zum Teil daher, daß Cannabis-Produkte als »Indischer Hanf« unter das deutsche »Opiumgesetz« von 1929 fallen (offiziell: »Gesetz über den Verkehr mit Betäubungsmitteln"). das in der 1934 verschärften Fassung unverändert gültig ist.

Nach Paragraph 9 dieses Gesetzes ist ohne weitere Differenzierung verboten jeder »Verkehr« mit den »Rauschmitteln« Opium und »dem aus Indischem Hanfe gewonnenen Harz und den gebräuchlichen Zubereitungen dieses Harzes« insbesondere Haschisch«, bei Androhung von »Gefängnis bis zu drei Jahren«.

Ähnlich pauschale und teils noch schärfere Bestimmungen sind in allen westlichen Nationen in Kraft -- gestützt nicht auf exakte medizinische Untersuchungen, sondern eher auf Legenden und reuige Bekenntnisse wie die des Poeten Charles Baudelaire, der nach seiner Rückkehr aus den »künstlichen Paradiesen« des Hanfharz-Genusses 1851 warnte: »Niemals könnte ein vernünftiger Staat mit dem Gebrauch von Haschisch bestehen, (weil) Haschisch-Liebhaber weder Krieger noch Bürger sind ... Wahrhaftig« wozu sollte man denn schon arbeiten, sich abmühen, schreiben, schaffen, was immer es auch sei, wenn man doch auf einen einzigen Schlag das Paradies gewinnen kann?«

Die alten Chinesen und Inder sahen es ein wenig anders. Sie hielten Cannabis heilig -- als Heilmittel gegen Melancholie, Hysterie, Kopfschmerzen, Katarrh. Gonorrhö, Durchfall und sogar Stottern. Auch die Westeuropäer des 18. Jahrhunderts schätzten Hanfharz als Arznei gegen Bronchitis und Migräne und empfanden. wenn überhaupt, seine Wirkung naiv als willkommene Linderung.

»Es ist eine Ironie unserer Zeit«. schrieb der amerikanische Drogen-Experte Joel Fort, »daß unser geliebter Landesvater George Washington heute ein Krimineller wäre; denn er baute auf seiner Farm (in Virginia) Hanf an. und seine Tagebucheintragungen zeigen, daß er es nicht tat, um Rohstoff für Hanfstricke zu gewinnen.«

1893 versuchte eine siebenköpfige Kommission der britischen Kolonialregierung in Indien erstmals, durch nüchterne Analyse Klarheit in das orientalische Drogen-Durcheinander zu bringen. Die Kolonialherren wollten wissen, ob das Phlegma ihrer indischen Untertanen von kollektiver Hasch-Sucht herrühre und ob die stark verbreiteten Cannabis-Produkte ebenso schädlich wirkten wie das relativ wenig benutzte Opium.

Die Kommission holte die Aussagen von 1193 Zeugen ein, zu denen indische Ärzte und Laien ebenso gehörten wie britische Kolonialbeamte. »Es war ein erstaunliches Merkmal dieser Enquete«, berichtete das Gremium, »wie wenig die Wirkungen der Hanfdrogen sichtbar wurden ... Der mäßige Gebrauch (von Hanfdrogen) erzeugt praktisch keine schädlichen Wirkungen. Außer in den ungewöhnlichsten Fällen sind Schäden durch maßvollen gewohnheitsmäßigen Gebrauch nicht feststellbar.«

Die Kommissionäre empfahlen, von einem Haschisch-Verbot abzusehen, »damit die Konsumenten nicht dazu getrieben werden, auf andere Stimulantien (Alkohol) und Rauschmittel zurückzugreifen, die abträglicher sein könnten«.

Folgerichtig beschränkte sich das 1912 im Haag geschlossene internationale Rauschmittel-Abkommen auf die Kontrolle von Opium. Trotzdem nahmen die meisten Staaten in ihre nationalen Rauschmittel-Gesetze auch die Cannabis-Produkte auf, weil sie meinten, daß Haschisch, was immer die indische Hanfkommission sagen mochte, eben auch zu diesem unheimlichen orientalischen Zeug gehöre, das unter klaräugigen westlichen Tatmenschen keinen Platz habe.

Die erste große Rauschgift-Panik grassierte von 1935 an in den Vereinigten Staaten. als die Opfer der Wirtschaftskrise in den Großstadt-Slums begannen, das aus Mexiko importierte Hanfprodukt Marihuana zu rauchen.

Die Erregung darüber, die bis heute und bis nach Deutschland nachwirkt, wurde freilich von anderen Arbeitslosen geschürt: den Fahndungsbeamten des US-Finanzministeriums, die seit der Aufhebung des gescheiterten amerikanischen Alkoholverbots (von 1920 bis 1933) ohne befriedigende Beschäftigung waren. Geführt von dem Ex-Alkoholjäger Harry J. Anslinger. der das gleichfalls dem Washingtoner Finanzministerium unterstehende »Narkotika-Büro« übernommen hatte, erhoben die frustrierten Schnapsschnüffler das Marihuana dankbar zur neuen Menschheitsgeißel, die es zu bekämpfen galt.

»Hütet euch! Jung und alt, Bürger aller Schichten! ... Hütet euch vor der Todesdroge Marihuana! In diesem schweren Rauschgift lauern Mord! Wahnsinn! Tod!«

Mit solchen Anzeigen und unterstützt von der für Horror-Storys stets erkenntlichen Groschenpresse, überrumpelte Anslinger den US-Kongreß. Im Eiltempo beschloß die Legislative 1937 drakonische Sondergesetze gegen das Cannabis-Produkt Marihuana -- aufgrund der Aussagen von Anslingers Narkotika-Beamten vor den Kongreß-Ausschüssen. Beispiel: »Marihuana wird weithin von Oberschülern in Zigaretten mißbraucht, und zwar mit tödlichem Effekt.«

Der damalige Bürgermeister von New York City, Fiorello LaGuardia, wollte es genauer wissen. 1942 ernannte er ein 31köpfiges Komitee, das aus namhaften Ärzten und Psychologen sowie aus sechs Beamten des städtischen Rauschgift-Dezernats bestand. »Wenn dieses Gremium ein Vorurteil hatte«, notiert Drogen-Experte Juel Fort, »dann gegen Marihuana.«

Die Studie durchleuchtete das Sozialverhalten, die Intelligenzleistung und (per Elektro-Enzephalogramm) das Gehirn langjähriger Pot-Raucher. Das LaGuardia-Komitee kam zu dem Schluß:

»Personen, die Marihuana über mehrere Jahre geraucht hatten, zeigten keine geistige und körperliche Verschlechterung, die der Droge zugeschrieben werden könnte. Marihuana ist kein Suchtmittel, das dem Morphium vergleichbar wäre ... Marihuana führt nicht zu Morphium-, Heroin- oder Kokain-Sucht ... Marihuana ist kein wesentlicher Faktor bei der Verübung schwerer Straftaten ... Die Publicity über die katastrophale Wirkung des Marihuana-Rauchens in New York City ist unbegründet.«

Der LaGuardia-Report kam gegen Harry Anslingers Pot-Mythos nicht auf. Der Einfluß des US-Narkotika-Büros dominierte auch in der Uno-Rauschmittelkommission und in dem 1961 geschlossenen internationalen Rauschmittel-Abkommen, das bestimmt: »Der Gebrauch von Cannabis ... muß so bald wie möglich unterbunden werden, in jedem Fall aber innerhalb der nächsten 25 Jahre« -- kein kleiner Plan, gemessen an dem Umstand, daß die Weltgesundheitsorganisation schon 1951 die Zahl der Cannabis-Benutzer in der Welt auf mindestens 200 Millionen schätzte.

Die neue Rauschgift-Panik, ausgelöst vom Anbruch der Pop-Kultur, griff 1966 auf Europa über, als britische Narkotika-Fahnder in das Haus des »Rolling Stone« Keith Richard eindrangen und dort außer Mick Jagger nebst zwei erschreckten Mädchen auch einige Gramm Hanfharz aufstöberten.

Der Schlagzeilen-Sturm um den Rauschgift-Prozeß gegen die »Stones« bewog den regierungsoffiziellen wissenschaftlichen »Beratungsausschuß zu Fragen der Drogen-Abhängigkeit«, einen Report speziell über die Cannabis-Produkte Haschisch und Marihuana zu erarbeiten. Im November 1968 schickte Ausschußvorsitzender Edward Wayne das Büseitige Resultat an den britischen Innenminister:

»Nachdem wir alles verfügbare Material geprüft haben, finden wir uns in Übereinstimmung mit den Schlußfolgerungen der Indischen Hanfdrogen-Kommission von 1893/94 ... daß der Konsum von Cannabis in mäßigen Dosen keine schädlichen Wirkungen hat.« Wayne fügte freilich hinzu, daß der Ausschuß trotzdem »keinen Zweifel hat, daß der erweiterte Gebrauch von Cannabis nicht ermutigt werden sollte«.

Einen Monat nach dem Londoner Cannabis-Report erschien in den USA ein wissenschaftliches Papier, das nicht nur die Unwissenden verstörte, sondern sogar alte Haschisch-Raucher in Erstaunen setzte. Es berichtete über den ersten exakten Cannabis-Versuch mit Menschen unter Laboratoriumsbedingungen, der je unternommen wurde -- so lange war der sonst vor nichts zurückschreckende westliche Forscherdrang durch die Rauschgift-Furcht der Behörden im Zaum gehalten worden.

Auch die beiden Mediziner an der Bostoner Universität Norman Zinberg und Andrew Weil hatten die Erlaubnis zu ihrem Experiment erst »nach einem Jahr zermürbender Verhandlungen« erhalten. Sie wollten (und durften) nichts weiter tun, als Versuchspersonen, die noch nie vom Hanf gekostet hatten, Pot rauchen zu lassen und ihre Reaktionen mit dem Verhalten einer Gruppe erfahrener Pot-Paffer zu vergleichen.

Der Versuch wäre fast vorzeitig gescheitert, als die beiden Forscher mit ihren Testpersonen anhand gewöhnlicher Zigaretten das tiefe Inhalieren übten, das notwendig ist, wenn der Hanfrauch wirken soll. Obwohl sie zum Teil starke Raucher waren, wurde den Testpersonen vom eingesogenen Tabaksqualm so schlecht, daß die Experimentatoren fünf von ihnen mit »akuten Nikotinreaktionen« (Herzklopfen, Übelkeit, Schwindelgefühl) nach Hause schicken mußten. Zinberg und Weil: »Diese Nikotinreaktionen sollten sich als die heftigsten körperlichen Reaktionen des gesamten Versuchs erweisen.«

Neun männliche Pot-Jungfern blieben übrig. Um den Einfluß von Selbstsuggestion und Vorurteilen bei Testpersonen und Beobachtern auf ein Minimum zu reduzieren, war das Smoke-in der beiden Forscher »doppelt blind« angelegt: Weder Beobachter noch Raucher wußten, ob sich in den verteilten Joints aktiver Stoff (von der weiblichen Cannabis-Pflanze) oder unwirksames Hanfstroh (von der männlichen Pflanze) verbarg.

»Unsere Resultate«, meldeten Zinberg und Weil, »waren eindeutig":

* Pot, selbst in übernormalen Dosen verabreicht, verursacht eine »maßige Beschleunigung des Herzschlags ... Rötung der Augen«, vermutlich »eine Verminderung des Speichel- und Tränenflusses« aber sonst keinerlei körperliche Wirkungen.

* Pot beeinflußt weder den Blutzuckerspiegel (wie Alkohol) noch erzeugt es anomale Reaktionen der unwillkürlichen Muskeln (wie LSD).

* Pot weitet nicht einmal die Pupillen -- was sogar die meisten Kiffer glauben. Erklärung: Es ist das meist gedämpfte Licht bei Pot-Partys, das die Pupillen wachsen läßt, nicht die Droge.

Noch überraschender: Die Pot-Neulinge bekamen »trotz hoher Dosen ... ganz einfach kein Hochgefühl. Dagegen wurden alle erfahrenen Raucher von der gleichen Dosis high, obwohl sie das Test-Milieu für äußerst abträglich hielten ...«

Bei Konzentrations- und Wahrnehmungstests schnitten die Eingeweihten im bekifften Zustand nicht schlechter, bisweilen sogar deutlich besser ab als im nüchternen -- wobei sie durchaus »ein gutes Ausgangsniveau« hatten. Die Kiff er waren darüber selbst am meisten verblüfft und »erfreut«,

Die Neulinge dagegen verschlechterten sich mit zunehmender Dosis. Sie gaben sich ähnlich dumpf und tapsig wie Leute, die ihr Bier mit zu vielen Schnäpsen durch die Kehle gejagt haben. »Anscheinend«, so schlossen Zinberg und Weil, »ist das High-sein eine viel subtilere Erfahrung als ein Alkoholrausch.«

Die Bostoner Pot-Party bestätigte, was auch die Rausch-Berichte deutscher Hascher zeigen: daß die Art des Rauscherlebnisses noch stärker als bei Alkohol (und erst recht bei Opiaten) davon abhängt, wer den Rausch hat (siehe Kasten).

Charles Baudelaire sah im Haschisch-High ein neues Eden. Beatle John Lennon entdeckte Mädchen mit »Kaleidoskop-Augen«, ein gelbes Unterseeboot, Schweinchen im Frack und eine Kirchenputzfrau namens Mac-Kenzie, die ihr Gesicht in »einem Napf bei der Tür« aufbewahrt. Haschern in Hameln indes fiel nicht viel mehr ein als »Ramramram dreimal täglich« (laut von der Polizei gefundenen Notizen).

Charakter, Stimmung, die Atmosphäre und das Verhältnis zu den Mitkiffern können die Wirkung deutlicher beeinflussen, als die Droge selbst es vermag.

Hascher halten eine Party in einer modernen guten Stube mit Palisander-Möbeln und Ledercouch für fast undurchführbar ("Ekelerregend ... da merkt man erst, wie banal und gemein diese Klamotten sind"). Die angeturnte Empfindsamkeit verlangt, daß man keine Geschäftsanzüge trägt, Stühle verschmäht und die Schuhe auszieht.

Das High-Gefühl ist eine »erlernte Erfahrung« (Soziologe Howard Becker). Und viele Indizien besagen, daß die meisten Westmenschen, vor allem die älteren, es nie lernen werden, selbst wenn sie wollten. Auch ein Großteil der Jungen, die es probieren, läßt das Kiffen nach einigem Experimentieren wieder sein: Es gibt ihnen nichts.

Drogen-Philosophen wie der amerikanische Poet William Burroughs meinen, das liege an der anerzogenen inneren Verkrampfung des weißen Mannes (und seiner Frau), die es ihm unmöglich mache, sich ungewohnten Empfindungen entspannt und passiv hinzugeben.

»Unter Hasch habe Ich mit meinem Freund schöner geschlafen als je zuvor. Die Haut am ganzen Körper war viel sensibler als sonst, auch an Stellen, wo ich sonst nicht anspreche, zum Beispiel unter den Schulterblättern ... Mit einer Art sanfter Selbstverständlichkeit tat ich Dinge, die mir sonst, auch im beschwipsten Zustand, unmöglich waren, ich war wirklich frei. Es war nicht so wild und verbissen wie sonst, sondern spielerisch und gelöst« (eine 25jährige Graphikerin in Berlin).

Viele Kiffer behaupten, die Steigerung der erotischen Empfänglichkeit sei die eigentliche Geheimgeschichte der Hasch-Attraktion. Andere erklären ebenso überzeugend, daß sie, wenn sie high sind, die Musik von Johnny Rivers, den Geruch eines Räucherstäbchens, den Geschmack eines Stücks Brot oder den Anblick von Donald Duck hinreißender finden als jede denkbare Umarmung. Auch die Wissenschaftler halten das Hanfharz nicht für ein Aphrodisiakum.

Aber Übereinstimmung besteht, daß Haschisch »entsublimiert": daß es da Wachbewußtsein lockert und die durch Erziehung abgestumpfte Allround-Sinnlichkeit des Kindes wiederbelebt; daß es die Herrschaft der Logik aufhebt und verdrängte lustvolle Phantasien wachruft. William Burroughs: »Cannabis ist wie ein Führer in seelische Bereiche, die sonst unzugänglich sind.« Der Berliner Subkultur-Philosoph Ronald Steckel: »Die Wirklichkeit wird transparent, und die Doppelbödigkeit und Schauspielerei der normalen menschlichen Verhaltensweisen wird offensichtlich.«

Ein 40jähriger Filmautor in München: »Man beginnt, die Umwelt mit den Augen des Kindes zu betrachten, das in dem Märchen von des Kaisers neuen Kleidern ausruft: »Aber er ist ja nackt.« Die Fernseh-Tagesschau wirkt auf einmal komischer als die hirnrissigste Dick-und-Doof-Klamotte. Die pompösen Mienen der Politiker sehen aus wie aufgepappte Faschingsnasen ... Ich habe erkannt, daß Herbert Wehner in Wirklichkeit das Rumpelstilzchen ist. Seit ich Rainer Barzel gesehen habe, als ich stoned war, kann mir Buster Keaton nichts mehr bieten ... Wie die alten Inder fange ich an zu glauben, daß man nur unter Hasch sieht, wie es wirklich ist, und daß das eigentliche Trugbild das ist, was uns unser Wachbewußtsein vorgaukelt.«

Wie die Lust durch Hasch wird auch die Gefährdung durch Hasch von der psychischen Konstitution des Benutzers bestimmt. Die Weltgesundheitsorganisation bringt das Risiko des Cannabis-Konsums auf die Formel: »Mäßige bis starke psychische Abhängigkeit aufgrund der erwünschten subjektiven Wirkungen« -- eine Aussage, die ebenso auch auf Alkohol, Tabak und Geschlechtsliebe zutrifft.

»Psychische Abhängigkeit« und unmäßiger Hasch-Gebrauch aber rühren nicht von der Droge her, sondern von den psychischen (und sozialen) Problemen der Leute, die eine Neigung zu quasi-süchtigem Verhalten schon vorher in sich trugen.

Der Psychiater Samuel Gershon vom Bellevue Hospital Cexiter in New York City berichtete in der Fachzeitschrift »Medical World News": »Die psychiatrische Vorgeschichte einer Zufallsauswahl von 112 Drogenmißbrauchern zeigte, daß die Mehrheit auch der Marihuana-Raucher klare Anzeichen seelischer Störungen aufwies, bevor sie jemals Pot benutzte.«

Im Vergleich zu solchen Erhebungen ist das Beweismaterial, auf das sich die deutschen Haschisch-Warner stützen, eher dürftig. Typisch. ist der Fall des Oberarztes an der Psychiatrischen Universitätsklinik Hamburg-Eppendorf, Dr. Johann Burchard, der sich im »Hamburger Abendblatt«, im ZDF-Magazin und im »Stern« mit Schilderungen schwerer Haschisch-Schäden produzierte und die Resultate des Bostoner Experiments als »Parolen« abtat. Autoritär schrieb er im »Hamburger Abendblatt": »Man hat klar erkannt, daß die (in Haschisch) enthaltenen Gifte gefährlicher sind als Alkohol und Nikotin.«

Reportern des NDR-Jugendfunks gegenüber räumte Dr. Burchard später ein, daß er seine Diagnose aus »sehr wenigen Fällen« abgeleitet habe: aus der Beobachtung von 60 »Rauschmittelkranken«, die im Verlaufe von zweieinhalb Jahren in der Eppendorfer Klinik landeten, darunter nur »zehn bis zwölf reine Haschisch-Marihuana-Fälle«. Bissig veralberte der Jugendfunk diese Methode, psychische Krankheiten von einer Handvoll Haschern unbedenklich auf den Pot-Genuß zurückzuführen: »Stellen Sie sich vor, Sie kennen zwei Alkoholikerinnen, beide sind Witwen. Würden Sie aus diesen beiden Tatsachen schließen, daß Alkohol dazu führt, daß man Witwe wird?«

Zurückhaltender geworden, erklärte Dr. Burchard dem SPIEGEL, daß er sich zur Drogen-Problematik nicht mehr äußern wolle, bis er eine gründlichere Erhebung beendet habe. Er schließt nicht aus, daß er seinen bisherigen Standpunkt dann möglicherweise modifizieren wird.

Freilich, selbst wenn die Diskussion um das Haschisch-Risiko von Gespensterschau und voreiligen Schlußfolgerungen bereinigt würde -- es bleibt ein Kern von ernst zu nehmenden Bedenken übrig, was auch von Liberalisierungswilligen nicht bestritten wird:

* Eine Reihe von wissenschaftlichen Fragen ist bislang unbeantwortet, beispielsweise ob Dauergebrauch von Haschisch oder Marihuana die Zeugungsfähigkeit beeinträchtigen oder das Erbgut schädigen könnte. Solche und andere Fragen werden gegenwärtig vom amerikanischen Gesundheitsdienst mit großem Aufwand (Jahresbudget: eine Million Dollar) untersucht; Dr. James L. Goddard, ehemals Direktor der amerikanischen Nahrungs- und Arzneimittelbehörde (FDA), jetzt Leiter dieser Untersuchung, stellte erste Ergebnisse für Mitte nächsten Jahres in Aussicht.

* Gerade solche Menschen, die es am wenigsten vertragen, neigen zu übermäßigem Konsum von Haschisch -- ganz ähnlich wie beim Alkohol: labile, sensible, traumwandlerische Typen, die häufig aus nicht mehr intakten Familien kommen, an unüberwundenen Kindheitskonflikten leiden und sich mit beruflicher und gesellschaftlicher Verhaltensnorm nicht abfinden können.

* Wie beim Alkohol werden die Probleme, die zu übermäßigem Konsum führen, auch von Haschisch nur verschlimmert. Extremer Mißbrauch von Cannabis kann latent vorhandene Neurosen steigern und zum Ausbruch bringen.

* Nicht hinlänglich abzuschätzen ist vorerst, was der US-Gesundheitsbeamte Goddard als »die Hauptgefahr« einer Legalisierung von Haschisch bezeichnete: daß bei ungehemmtem Gebrauch der Droge doch eine psychische Abhängigkeit sich weithin bemerkbar machen könnte -- ein allzu bereitwilliges Ausweichen in die Traumstunden des High-Seins als Flucht vor der Auseinandersetzung mit den Alltagsproblemen der modernen Arbeitswelt.

Kaum jemand bestreitet auch, daß Jugendliche als ohnehin labile und konfliktgeladene Gruppe für Cannabis-Risiken anfälliger sind als Erwachsene. Mit wachsender Verbreitung des Hanfgebrauchs zeichnet sich allerdings ab, daß die Hasch rauchende Jugend sich über diese Risiken klar wird; sie beginnt, von sich aus Normen zu entwickeln, die exzessives Kiffen verurteilen.

Soziologen fanden bei einer Studie unter Pot rauchenden Jugendgruppen in Oakland (Kalifornien), daß die meisten »Pot-Köpfe« einzelne unmäßige Paffer für »schwache Charaktere« halten.

Auch die deutschen Gelegenheitskiffer betrachten den unkontrollierten Raucher und erst recht den »Schießer«, der sich »O« und »Horse« (Opium und Heroin) spritzt, mit der gleichen Verachtung, mit der gesellige Whisky-Trinker auf eine Schnapsleiche hinabsehen. In der Berliner Subkultur sprechen die Hascher über die Schießer wie eine Familie über den haltlosen Onkel, der ihr Schande macht.

Doch auch unter denen, die nicht »fixen«, nicht zu Opium und Heroin greifen, gibt es einige, die mit der Droge ihre Abkehr von der Gesellschaft vollzogen haben: Studenten, die kurz vor ihrem Jura-Examen aufstecken, weil sie plötzlich zu erkennen glauben, daß die Juristerei ein gigantischer Schwindel sei; junge Männer und Mädchen, die es -- wie einst Oblomow im niedergehenden Zarenreich -- plötzlich für unermeßlich sinnlos halten, überhaupt noch aus dem Bett zu steigen. »Das Leistungsprinzip geht flöten«. erläuterte der Münchner Drogen-Experte Dr. Peter Kirchgässer.

Sie »flippen aus«, heißt es dann im Jargon der Kiffer: Absprung aus einer deprimierend vorgezeichneten Existenz -- ganz ähnlich wie schon früher, lange vor der Hasch-Welle, sensible junge Menschen aus den Alltagsnormen desertiert sind. Sie waren immer die Lieblinge der bürgerlichen Literatur, die Helden der bürgerlichen Tagträume: von den »Räubern« bis zu Hesses »Steppenwolf«.

Manchmal verschwinden die »Ausgeflippten« und »kaputten Typen« in Richtung Orient. Meist hängen sie, von Gelegenheitsarbeit und gelegentlichen Eltern-Schecks unterhalten, in den Großstädten herum, ohne je in Dr. Burchards Klinik oder auf »Bonnies Ranch« zu geraten (so der Spitzname der Berliner »Bonhoeffer-Heilstätten«. die auf Suchtentwöhnung spezialisiert sind).

In keinem Fall aber ist die Wechselwirkung zwischen der Droge, ihrer Dosierung und ihrem Benutzer zu trennen von der Wirkung, die das Verbot der Droge auf den Benutzer ausübt. Drogen-Experte Rudolf Gelpke beschreibt den Typ des »Pseudo-Süchtigen«, der »nur insofern »krank« oder »kriminell« ist -- oder wird-, als er gegen die Vorurteile seiner Gesellschaft verstößt. Je puritanischer und engherziger eine Gesellschaft ist um so mehr solcher Pseudo-Süchtiger wird sie aufweisen«.

Fast ein ganzes Volk kann krank und kriminell werden -- nicht durch ein Rauschmittel, sondern durch sein Verbot: So geschehen in den Vereinigten Staaten unter der »Prohibition«. dem totalen Alkoholverbot, das der rabiate Puritanismus 1920 durchgesetzt hatte.

Das Resultat des »edlen Experiments«

Der Reiz des Haschens für die Jugend ist nicht zu trennen von dem Tabu, das die Gesellschaft darüber verhängt hat. Eben deshalb ist Cannabis zur Lieblingsdroge derer geworden, die ohnehin im Protest gegen die Gesellschaft leben. Und eben wegen des Tabus verschärft das Haschen die Entfremdung zwischen den Jungen und der Elterngeneration« die ihre kiffenden Kinder für kriminell und hoffnungslos verderbt hält -- und sie so behandelt, wenn sie sie erwischt.

»Je mehr der Cannabis-Gebrauch in den Untergrund gedrängt wird, je mehr er bestraft wird«, so formulierte es der britische Regierungsausschuß 1968 in seinem Cannabis-Report, »desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, daß die Cannabis-Raucher permanent auch zu anderen Arten anti-sozialen Verhaltens getrieben werden.«

Auch ganz unmittelbar kann das Verbot mehr Schaden stiften, als es verhindert: Die unkontrollierte Schmuggelware kann verfälscht sein, ohne daß jemand es merkt. Häufig nämlich versetzen Produzenten oder Händler das Hanfharz mit dem billigeren Roh-Opium. Ein ahnungsloser Rascher, der mehrmals an solchen Stoff gerät, kann mithin Symptome echter Süchtigkeit entwickeln, die dann von den Ärzten prompt dem Haschisch zugeschrieben werden -- als Beweise für die Notwendigkeit der Haschisch-Bekämpfung.

Der Anblick des gereiften Partygasts« der mit Cocktailglas und Zigarette in der Hand über die rauschgiftsüchtige Jugend herzieht, ist in den Augen der Jungen zur Symbolfigur der Heuchelei und Borniertheit geworden, die sie an der Elterngeneration so lächerlich und abstoßend finden.

Haschisch erfülle nur eine »Sündenbock-Funktion«, meinte auch der amerikanische Drogen-Experte Joel Fort: An der Minderheit der Kiffer reagiere die ganze Gesellschaft ihre Rauschmittel-Schuldgefühle ab.

Und selbst Dr. Johann Burchard fragt sich: »Haben wir in unserer pharmakologisch verseuchten Gesellschaft überhaupt ein Recht, der Jugend Haschisch zu verbieten?«

In den Vereinigten Staaten, wo Marihuana-Partys nun auch bei Lehrern und Rechtsanwälten, Ärzten und Architekten üblich werden, treibt diese Diskussion gegenwärtig einem Höhepunkt zu.

So empfahl vorletzte Woche die renommierte Anthropologin Margaret Mead vor einem US-Senatsausschuß die Aufhebung des Pot-Verbots »Wir schaden unserem Land, unseren Gesetzen und den Beziehungen zwischen Jung und Alt durch diese Prohibition«, erklärte sie. »Das ist viel gefährlicher als selbst übertriebener Pot-Gebrauch ... Marihuana ist unschädlich, außer wenn es im Übermaß gebraucht wird ... Aber alles, was im Übermaß genossen wird, ist schädlich.«

Einen ebenso angesehenen, wenn auch weniger radikalen Verfechter milderer Pot-Gesetze ließ zwei Wochen später die konservative US-Illustrierte »Life« zu Wort kommen: den ehemaligen FDA-Chef Goddard. Sein Vorschlag: Der bloße Pot-Besitz oder -Gebrauch, gegenwärtig in den USA mit Zuchthausstrafen bis zu 20 Jahren bedroht, sollte künftig allenfalls als Ordnungswidrigkeit geringfügig geahndet, der Marihuana-Handel aber weiterhin bestraft werden.

Wenn Alkohol und Tabak nicht schon legalisiert wären, so erläuterte Goddard, würde man nun, da sich die Schädigungen und Gefährdungen übersehen lassen, vielleicht gute Gründe dafür haben, beide zu verbieten. In ein paar Jahren, meint Goddard, »werden wir über Haschisch und Marihuana soviel wissen wie jetzt über Alkohol und Tabak«. Würde die Harmlosigkeit. für die jetzt vieles spricht, sich bestätigen, »müßten wir uns allzu harter Gesetze schämen, mit denen wir Unschuldige abgeurteilt hätten«.

Würden hingegen Haschisch und Marihuana jetzt legalisiert und sich erst in ein paar Jahren -- was nicht auszuschließen ist -- als schädlich erweisen, so würde es, wie Goddard meint, »aus sozialen und wirtschaftlichen Gründen wahrscheinlich unmöglich sein, die Sache wieder rückgängig zu machen«.

Daß die derzeit noch geltenden Rauschgiftgesetze -- Höchststrafe in der Bundesrepublik: drei Jahre Gefängnis und Geldstrafe -- in bezug auf Haschisch »eine Mischung von Uninformiertheit und falschem Verständnis der abschreckenden Wirkung eines Gesetzes« seien, räumt indes auch Goddard ein -- und ähnliche Stimmen gibt es vereinzelt nun auch schon in Westdeutschland.

So befürwortete der Hannoveraner Psychologie-Professor Peter Brückner kürzlich »die vorläufige Herausnahme des Haschisch aus dem Opium-Gesetz, verbunden mit umfassenderen Untersuchungen der gesundheitlichen Folgen des Haschisch-Genusses«. Unweigerlich aber geraten solche Liberalisierer in ein Kreuzfeuer: zwischen den Hasch-Rebellen und den Konservativen. Die Rebellen sind alarmiert von Zeitungsmeldungen, wonach amerikanische Tabak-Konzerne bereits interne Vorstudien für das Marketing von Pot-Zigaretten treiben. Sie wittern deshalb hinter der Legalisierungskampagne nur einen Plan des Großkapitals, einen neuen profitablen Markt an sich zu reißen.

Entsetzt malt das Londoner Untergrundblatt »Oz« aus, was am Tag nach Aufhebung des Verbots passieren würde: »Dann werden die Werbekampagnen gestartet. Die ganze Prestige-Scheiße des »aufstrebenden jungen Geschäftsmannes« wird sich um die Art von Joint drehen, die man raucht. Photographien mit Marihuana-Zigaretten in Goldpackung« die mit Dunhill-Feuerzeugen angezündet werden ... Wenn Pot legalisiert wird, wird es nicht unser Vorteil, sondern der der Herrschenden sein.

Eine Kampagne gegen Haschisch, zumal wenn sie sich als Kampf gegen »ein orientalisches Laster« artikuliert, das »die traditionellen westlichen Werte bedroht« (so der konservative US-Journalist William Buckley vor einem Senatsausschuß), wird diese Jugend in den Teestuben und Kiff-Häusern kaum mehr beeindrucken. Zu sehr sind ihr die traditionellen Rauschmittel westlicher Prägung -- Religion, Lagerfeuerromantik und imperiales Sendungsbewußtsein -- inzwischen suspekt geworden.

Der westliche Tatmensch, der Eroberer, Pionier und Unternehmer, wird immer anachronistischer in der Welt, die er selbst geschaffen hat. Er wird sich daran gewöhnen müssen, daß ein Teil der Jungen sich gleichgültig von seinem Leistungsethos und seiner dynamischen Rentenanpassung abwendet und auf die neuen Propheten des Lustprinzips hört, die (wie der Rausch-Guru Timothy Leary) verkünden: »Wenn sich jeder in London oder sonstwo anturnen würde, wären die Straßen mit Gras bewachsen, und schuhlose, schlipslose Götter würden durch die Städte tanzen.«

Die Geschichte der menschlichen Kulturen, sagte Friedrich Nietzsche, sei beherrscht vom nie entschiedenen Kampf zwischen Apollo, dem strengen Gott des Lichts, der Zucht, der Ratio, des Fortschritts -- und Dionysos, dem zottelhaarigen Symbol für Rausch, Traum und Ekstase,

Das Jahr 1969 brachte einen Sieg Apollos: Das amerikanische Raumschiff, das nach ihm benannt war, trug zwei Männer auf den Mond.

Aber noch im gleichen Jahr, so scheint es, ist Dionysos zum Gegenangriff angetreten.

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