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RADAR-AUFKLÄRUNG Tichorezk hört mit

aus DER SPIEGEL 31/1960

Weil zwei wichtige Einrichtungen der Bundesmarine - der Seefliegerhorst

und die Artillerieschule - von Bundes-Armateur Franz-Josef Strauß auf nachgelassenen Anlagen der verflossenen Reichskriegsmarine bei Holtenau an der Kieler Förde aufgebaut wurden, bietet sich den Sowjets aus einer Entfernung von 800 Metern bequemer Einblick in ein Zentrum westdeutscher Wehrertüchtigung. Die beiden Marinestationen liegen nämlich in unmittelbarer Nähe des Osteingangs zu dem von den Russen stark frequentierten Nordostseekanal.

Innerhalb der letzten vier Wochen

registrierten die Abwehr-Männer des

Kieler Marine-Kommandos drei sowjetische Dampfer, die mit mangelhaft getarnter Zufälligkeit an jenen Stellen der Kanal-Reede Anker warfen, die der Artillerieschule und dem Seefliegerhorst nur einen knappen Kilometer gegenüberliegen.

Die Sowjet-Kapitäne brauchten wegen der Wahl dieser Liegeplätze keinerlei Befürchtungen zu hegen, denn

- es ist durchaus üblich, daß Schiffe vor oder nach der Kanal-Durchfahrt auf der Reede vor Anker gehen, um auf Order ihrer Reeder zu warten, und

- es gibt bislang keinerlei rechtliche Handhabe für die Wasserschutzpolizei oder die Bundesmarine, dort liegende Schiffe auf Spionagetätigkeit zu kontrollieren.

Daran ändert auch die Tatsache nichts, daß sich die Reede innerhalb der Förde und damit innerhalb bundesdeutscher Hoheitsgewässer befindet: Der noch durch den Versailler Vertrag festgestellte Rechtsstatus des Kanals sichert

- im Frieden - Schiffen aller Flaggen

ungehinderte Durchfahrt und Benutzung aller dafür notwendigen Anlagen einschließlich der Zufahrtswege.

Erläutert Professor Menzel, Völkerrechtler an der Kieler Universität: Ein Einschreiten seitens deutscher Behörden sei nur möglich, wenn ein Schiff mit diesen Rechten Mißbrauch getrieben habe. In dieser Hinsicht gelte etwa das Ausloten eines Hafens als unfreundlicher Akt, gegen den eingeschritten werden könne. In jedem Fall bedürfe aber die Feststellung des Mißbrauchs eines Beweises.

Weil solche Beweise faktisch nicht zu erbringen sind, konnten die drei sowjetischen Dampfer »Tichorezk«, »Kolomna« und »Rostow« am 22. Juni, am 23. Juni und am 17. Juli ihre Logenplätze vor den Kieler Marine Stationen ungehindert in Richtung Heimat verlassen, nachdem sie zuvor zwischen zwei Tagen und einer Woche auf der Kanal-Reede gelegen hatten.

Während ihres Aufenthalts fanden sie nicht nur Muße, die bundesdeutschen Marine-Einrichtungen und das Kriegsschiff-Angebot der Kieler Woche zu studieren, sondern gaben sich überdies - nach den Ermittlungen Kieler Abwehr-Dienststellen - einer Tätigkeit hin, die sonst nicht eben Aufgabe von Kauffahrteischiffen ist: Zumindest die beiden Dampfer »Tichorezk« und »Kolomna« waren außer mit den in der Handelsschiffahrt üblichen Antennen mit zusätzlich angebrachten Spezialaufnahme-Anlagen ausgestattet.

Mittels dieser Apparaturen zur Überwachung der Funksprech- und Radarwellen hatten die Sowjetfrachter die Möglichkeit, den geheimen Frequenzen der Bundesmarine auf die Spur zu kommen. Sie brauchten dazu nur ihre Geräte auf Empfang zu schalten und die Frequenzbänder nach den, von der Marine benutzten Wellenlängen abzusuchen; die Funk- und Radarbeobachtung der Marine jedoch konnte allenfalls an der Richtungsänderung der Sowjet-Antennen feststellen, daß die Russen bei der Arbeit waren.

In der Tat bietet sich für Funkaufklärer vor dem Seefliegerhorst und der Artillerieschule von Holtenau ein überaus interessantes Betätigungsfeld. Zu ermitteln sind hier:

- die Frequenzen der Marine-Horizontalsuchgeräte;

- die Wellenlängen der auf deutschen Schiffen verwendeten Radar-Feuerleitgeräte;

- die Frequenzen der Radar-Zielgeräte der fliegenden U-Boot-Jäger vom Typ Grumman »Albatros«.

Schon die Kenntnis der Feuerleit -Frequenzen des möglichen Gegners bietet einleuchtende Vorteile. Nicht nur kann das eigene Schiff feststellen, wann es vom feindlichen Zielsuchgerät erfaßt worden ist, es vermag sich auch - durch Störung des gegnerischen Radars - rechtzeitig vor einem Feuerüberfall zu schützen.

Zwar besteht für das suchende Schiff die Möglichkeit, die Frequenzen zu ändern, doch darf der vor einer Artillerieschule liegende Beobachter sicher sein, daß dort auch die Frequenzumstellung geübt wird - ein Umstand, der es ihm ermöglicht, die gegnerische Frequenzauswahl kennenzulernen und sich darauf einzurichten.

Überdies ergibt sich aus dieser Beobachtung, ob der Gegner nur Feuerleitgeräte für Artillerie oder auch schon entsprechende Einrichtungen für Raketenwaffen besitzt.

Die Bundesmarine sieht sich den sowjetischen Kiebitzen bislang einigermaßen hilflos gegenüber. Praktisch bleibt den Marine-Dienststellen nur eine Abwehrmöglichkeit gegen die östlichen Aufklärer: absolute Funkstille während der Anwesenheit russischer Schiffe.

So wenig freilich solche Enthaltsamkeit der Bundesmarine auf die Dauer genügen kann, so sehr ist die Kieler Verwaltung des Nord-Ostsee-Kanals am Stillhalten interessiert. Die dem Bonner Verkehrsministerium unterstellten Beamten möchten die Rentabilität ihrer Wässerstraße nicht durch Abwehrmaßnahmen des Verteidigungsministers gefährdet sehen.

Sie befürchten, Sowjets wie Polen könnten künftig auf die Durchfahrt zwischen Holtenau und Brunsbüttelkoog verzichten. Das aber würde einen beträchtlichen Einnahme-Ausfall bedeuten: Zehn bis 13 Prozent der Schiffe, die den Kanal passieren, fahren unter sowjetischer oder polnischer Flagge.

Unterdessen stellt das Kieler Marine -Kommando Betrachtungen darüber an, ob es - auf längere Sicht - sparsam gedacht war, die Artillerieschule und den Seefliegerhorst ausgerechnet an Plätzen zu installieren, die sowjetische Ferngläser, Photolinsen und Antennen zur Selbstbedienung geradezu einladen.

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