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KANZLER Tief bewegt

In Berlin ist deutsche Geschichte immer präsent - unverdächtige Kanzler-Worte bekommen da schnell eine fatale Bedeutung.
Von Jürgen Leinemann
aus DER SPIEGEL 39/1999

Die Götter blickten ungerührt auf die geschäftige Runde. Um an die erste Sitzung des Bundeskabinetts unter Konrad Adenauer zu erinnern, die der Kanzler vor 50 Jahren ins Bonner Naturkunde-Museum Alexander Koenig einberufen hatte, tagte die Regierung Schröder im alten Museum von Berlin. Das sollte eine heitere Erinnerung an das Bonner Provisorium von einst sein - und auch ein Zeichen von Kontinuität. Denn in Berlin bekommt vieles einen bombastischen Stellenwert, was am Rhein politischer Alltag war.

Auf Schritt und Tritt mussten Bundeskanzler Gerhard Schröder und seine Minister in der vergangenen Woche erleben, wie ihr Reden und Handeln vom historischen Hintergrund verzerrt und überwältigt zu werden drohte. In Berlin wird einfach allzu vieles unversehens symbolisch - und kann auch schon mal gegen die Handelnden verwendet werden.

Der Bundeskanzler scheint sich dieser Situation sogar bewusst zu sein, wie er am vorigen Mittwoch gleich zweimal bewies. Erst verlief der Besuch des israelischen Premiers Ehud Barak in Berlin ziemlich harmonisch - ohne forsche Töne von der neuen Normalität, die Schröder auch gern anschlägt. Und selten äußerte er sich so abgesichert, vorsichtig und politisch korrekt zur Außenpolitik wie wenig später vor den »Schlüsselfiguren des europäischen Journalismus«, die ihm lauschten.

»Deutschlands Zukunftsfähigkeit wird sich beweisen an seiner Zuverlässigkeit und seiner Berechenbarkeit«, versicherte der Regierungschef vor dem hochkarätigen Forum der »Frankfurter Allgemeinen«. Was das für ihn bedeute, lieferte er ausführlich in freier Rede nach: dass es zur Nato keine Alternative gebe; dass die EU erweitert werden müsse; dass Deutschland diese Vorhaben in »enger Abstimmung mit Frankreich« betreiben werde, in Partnerschaft mit den USA und in Hoffnung auf die außenpolitische Stabilität in Russland.

Von Adenauer über Willy Brandt und Helmut Schmidt bis Helmut Kohl hätten alle seine Vorgänger zustimmend genickt.

Auch der vorsichtige Vorschlag ist nicht anstößig, für ganz Europa Verhältnisse zu schaffen, wie sie in der Bundesrepublik Deutschland in den vergangenen 50 Jahren zu materiellem Wohlstand, demokratischer Verlässlichkeit und sozialem Frieden geführt hätten. Und Schröder fasste zusammen: »Das Modell Deutschland muss Modell Europa werden.«

Keiner im Publikum stöhnte auf.

Es liegt wohl mehr an Berlin als an Schröder, dass sein »Modell Deutschland«-Satz wenig später so artikuliert wurde, als habe er gesagt, am deutschen Wesen solle wieder einmal die Welt genesen.

Ein Teilnehmer an einer privaten Gesellschaft hatte - wie die »Süddeutsche Zeitung« tags darauf vermeldete - die Schröder-Äußerung im schnarrend-anmaßenden Tonfall Adolf Hitlers persifliert. Die Leute passierten da gerade am späten Abend per Boot die von Scheinwerfern erhellte monumentale Baustelle des künftigen Kanzleramtes.

Für die Größe des Baus ist Helmut Kohl verantwortlich, nicht der Nachfolger. Aber in dieser Umgebung, in der einst Albert Speer seinem Führer einen gigantischen Germanen-Tempel errichten wollte, sind Emotionen und historische Assoziationen oft stärker als die Realität.

Am selben Tag hatte sich der Kanzler schon einmal bemüht, den Verdacht historischer Verantwortungslosigkeit zu widerlegen. Den israelischen Ministerpräsidenten Barak begleitete er ins KZ Sachsenhausen und versicherte dort: »Wir werden gegen alle Formen des Faschismus und des Rassismus angehen.« Das müsse für die heutige, aber auch für die künftigen Generationen gelten. »Diese tiefe Überzeugung haben wir aus Bonn mitgebracht und werden wir in Berlin bewahren.«

Das ist ziemlich schwer. Der protokollarische Empfang des Staatsgastes Barak durch das Wachbataillon im Hof des Kanzleramtes verwandelte sich bei argwöhnischen Berlin-Skeptikern gleich zur Militärparade. Hatten die Berliner nicht sogar das Brandenburger Tor geschlossen? Ja, sie hatten. Aber nicht die Bundesregierung bat darum, sondern der Verkehrssenator. Und auch nicht wegen des Staatszeremoniells, sondern wegen einer Werbeveranstaltung von VW.

Politik in Berlin, das ist, als ob einer in einem Spiegelkabinett von sich ein klares Bild vermitteln wollte. Was allein hilft, ist offenbar verlässliches und unzweideutiges Handeln.

So war es an diesem Tag vor allem Bundespräsident Johannes Rau, der verkörperte, was Schröder sagte - eine langjährige persönliche Freundschaft zu Israel und eine enge persönliche Bindung zu Barak. Der bekannte ihm, dass er »tief bewegt« sei in Berlin.

Und es war wohl auch kein Zufall, dass in Raus Amtssitz »Bellevue« der geschichtsmächtige Tag mit einer weiteren Symbol-Szene zu Ende ging.

Marcel Reich-Ranicki, in Polen geborener Jude und deutscher Literaturkritiker, las da ein Kapitel aus seinem Buch »Mein Leben«, das vom Ende des Warschauer Ghettos handelte. Als er vom Podium herabstieg, etwas zittrig nach anstrengendem Vortrag, reichten ihm zwei Männer stützend die Hand: der deutsche Präsident Rau und sein polnischer Kollege Adam Kwa sniewski. JÜRGEN LEINEMANN

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