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LUFTFAHRT Tigerhafte Härte

Amerikas Fluglotsen streiken. Unter dem Beifall der Bevölkerung greift Präsident Reagan zu harten Maßnahmen.
aus DER SPIEGEL 33/1981

Das New Yorker Bestattungsunternehmen »Brex & Vandersnow« hatte Schwierigkeiten, eine Leiche nach Pittsburgh zu verschicken. Grund: Die Fluggesellschaften wollten keine »verderbliche Fracht« an Bord nehmen.

Probleme gab es auch mit unverderblicher Fracht: Passagiere warteten überall in Nordamerika stundenlang in den Abflughallen, und war an Bord gestiegen war, kam noch lange nicht in die Luft:

Der Bonner AA-Sprecher Karl Theodor Paschke, mit Familie auf Urlaub in Amerika, verbrachte anderthalb Stunden auf der Rollbahn des New Yorker Flughafens, ehe seine Maschine zum 45-Minuten-Flug nach Washington startete.

Manche Maschinen stiegen überhaupt nicht auf, weshalb etwa die Passagiere eines stornierten Fluges von Washington nach Toronto zum Bus-Bahnhof der US-Bundeshauptstadt zogen. Sie wollten Kanada lieber -- langsam, aber sicher -- auf dem Landweg erreichen.

Ausgerechnet auf dem Höhepunkt der Urlaubssaison begannen vorige Woche die Fluglotsen der Vereinigten Staaten ihre ersten landesweiten Streiks. 13 000 von 15 000 Mitgliedern der Gewerkschaft Patco (Professional Air Traffic Controllers Association) brachen ihren Eid, demzufolge sie als Staatsbedienstete ihre Arbeit nicht niederlegen dürfen.

Mit »tigerhafter Härte« (so eine interne Streikanweisung) wollten die Lotsen ihre Forderungen durchsetzen: zusätzlich 10 000 Dollar zum Jahresgehalt (gegenwärtig durchschnittlich 33 000 Dollar), 32- statt 40-Stunden-Woche, Pensionierung nach 20 Berufsjahren. An ihr Gewerkschaftsbüro im Luftkontrollzentrum Leesburg, Virginia, zuständig für den Großraum Washington, schrieben die Lotsen: »Der Himmel werde still.« S.95 Doch das Dröhnen der Düsenmotoren erschütterte den Himmel auch vorige Woche noch.

Denn nichtorganisierte Fluglotsen, rund drei Prozent Streikbrecher, 2500 Flugsicherungsleiter und 400 Mann Militär bewältigten rund 70 Prozent des Flugverkehrs. Reisewillige strömten weiter zu den Flughäfen, obwohl das New Yorker Massenblatt »Daily News« warnte: »Packen Sie eine anständige Menge Geduld, Humor und Selbstbeherrschung zu Ihren Socken und Hemden.«

Mit der Geduld war es dann nicht weit her. Denn wie etwa beim Bummelstreik 1973 in der Bundesrepublik, als die Deutschen den »Tower-Terror« verurteilten und manche, wie Ex-Siemens-Chef Gerd Tacke, »einen redlichen Luftpiraten ... moralisch sympathischer« fanden als den Lotsenführer Kassebohm »und Kumpane«, wendeten sich auch die Amerikaner gegen die Flugleiter.

»Was bilden sich diese Großverdiener ein?« schimpften Anrufer bei Radio-Talkshows und verwiesen auf ihr eigenes Jahreseinkommen von 18 000 Dollar, etwa der Durchschnitt in den Vereinigten Staaten. Von konservativen Provinzblättern bis zur liberalen »Washington Post« verurteilten die Leitartikler den Streik. »Die Fluglotsen«, so die »New York Times«, »haben kein Recht, Amerika die Pistole auf die Brust zu setzen.«

Angesichts solcher Stimmung fand der sonst so freundliche Präsident Ronald Reagan fast nur Beifall für sein knallhartes Durchgreifen: Nach einem Mitte voriger Woche ausgelaufenen Ultimatum verloren alle Streikenden Job, Pensionsansprüche und die Aussicht, je wieder vom Staat angestellt zu werden.

Das Justizministerium leitete ein Verfahren ein, die Patco-Aktion für illegal zu erklären und die Gewerkschaftskasse zu beschlagnahmen. Für jede Stunde Streik wurde Patco zu einer Strafe von 100 000 Dollar verurteilt. FBI-Beamte stellten Namen und Adressen der Streikenden fest, Vollstreckungsbeamte verhafteten am Mittwoch die ersten fünf Streikführer. Steven Wallaert aus Newport News in Virginia, der in seinem ganzen Leben noch nicht einmal einen Strafzettel für falsches Parken bekommen hatte, wurde in Ketten ins Gefängnis von Fairfax abgeführt.

Dort interviewte ihn die Fernsehgesellschaft ABC abends live. Der eingekerkerte Lotse stritt dabei mit dem Flugkapitän Kent van Winkle von Eastern Airlines über die Frage, welche die US-Öffentlichkeit zunehmend beschäftigt: Wie sicher ist Amerikas Himmel ohne die streikenden Lotsen?

Der Kapitän vertrat dieselbe Auffassung wie die Regierung: Auch ohne die streikenden Aircontroller sei der Flugverkehr nicht gefährdet. Wallaert dagegen bestritt, daß die wenigen Lotsen im Dienst und das Ersatzpersonal, zu dem auch Militärlotsen gehören, auf Dauer die Sicherheit garantieren könnten.

Seine Befürchtungen werden von berufener Seite geteilt. Die Internationale Fluglotsenvereinigung forderte am Donnerstag, US-Maschinen auf internationalen Strecken künftig nicht mehr abzufertigen, da »die Sicherheit auf US-Flughäfen nicht mehr garantiert« sei.

Ersatz für die Entlassenen heranzubilden, so Lynn Helms, der Chef der US-Flugaufsichtsbehörde FAA, würde mindestens 21 Monate dauern.

Amerikas flexibler Markt bereitete sich denn auch vorige Woche auf eine Periode mit Schwierigkeiten im Luftverkehr vor. Und wie immer hofften die einen, von den Schwierigkeiten der anderen zu profitieren: Die verbliebenen Eisenbahngesellschaften, die nach landläufiger Meinung zum Untergang verurteilt sind, warben mit neuen Slogans in Radio und Fernsehen: »Man kann überall hinkommen, auch ohne sich von der Erde zu erheben.« Die Bus-Giganten Greyhound und Trailways taten kund, ausreichend Zusatzfahrzeuge bereitzustellen.

Vertreter der American Telephone and Telegraph Company wiesen auf die Möglichkeit von Schaltkonferenzen mit Partnern im ganzen Land hin. Das »Wall Street Journal« prophezeite eine »Bonanza« für Charterunternehmen, die kleine Jets und Turboprop-Maschinen vermieten. Wenn sie die Höhe von 18 000 Fuß nicht überschreiten, dürfen solche Flugzeuge nämlich auf Sicht fliegen, unabhängig von der Radarüberwachung durch die Fluglotsen. Der Preis pro Flugstunde -- rund 1000 Dollar -- schließt allerdings Normalverbraucher von dieser Alternative aus.

Angesichts des andauernden Flugverkehrs, der Ausweichmöglichkeiten und der negativen Reaktion der Öffentlichkeit schienen sich die streikenden Fluglotsen vorige Woche auf einem »Selbstmord-Marsch« (ABC) zu befinden. Da kam Schützenhilfe von unerwarteter Seite:

Der Gewerkschaftsverband AFL-CIO, der dem Streik der staatsbediensteten Fluglotsen zunächst mit gemischten Gefühlen begegnet war, änderte nach dem harten Durchgreifen der Regierung seine Haltung. AFL-CIO-Präsident Lane Kirkland brandmarkte Reagans Maßnahmen als Versuch, »die Gewerkschaft zu sprengen«.

Er hängte sich ein Schild mit Patco-Losungen um den Hals und stellte sich 40 Minuten lang zu den Streikposten am Chicagoer O'Hare-Flughafen.

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