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GREEN CARD Tipps fürs Nachtleben

Bürokratische Hürden, Ausländerfeindlichkeit und Arbeitsminister Walter Riester behindern den Zuzug ausländischer Fachkräfte nach Deutschland.
aus DER SPIEGEL 45/2000

Über seine neue Heimat weiß Rohith Ajjampur bislang vornehmlich Gutes zu berichten. Ende September kam der 24-Jährige aus dem Dorf Dawangere im Süden Indiens via Bangalore und Zürich nach Berlin, um in der Internet-Firma Datango seinen neuen Job als Programmierer anzutreten. Dort haben ihm die Kollegen nicht nur zu einer respektablen Wohnung im Stadtteil Kreuzberg verholfen, sondern auch gleich mit Tipps fürs Nachtleben versorgt. »Unangenehm kalt«, so Ajjampur, »ist neuerdings nur das Wetter.«

Da haben andere schon größeren Ärger gehabt. Knapp 2500 ausländische Informatikexperten sind nach Deutschland gekommen, seit Anfang August die von Bundeskanzler Gerhard Schröder angeregte Green-Card-Verordnung in Kraft trat. Doch anstatt die dringend benötigten Gastarbeiter mit offenen Armen zu empfangen, häufen sich Klagen über bürokratische Hemmnisse und aggressive Fremdenfeindlichkeit.

So musste der Software-Hersteller Debis Systemhaus erfahren, dass der Erfolg von Wohnungssuchenden in der Metropole München offenbar auch von deren Hautfarbe abhängt. Wochenlang fahndete Debis-Projektleiter Michael Rubas vergebens nach einer Bleibe für sieben Computerspezialisten, die er in Südafrika angeheuert hatte. Mehrere Banken weigerten sich zudem, den hoch dotierten Experten eine EC-Karte auszustellen.

Anderswo sperren sich Ausländerbehörden und Arbeitsämter. Vergebens versuchte Felix Frohn-Bernau, Chef der Berliner Internet-Firma Dooyoo, einem Green-Card-Bewerber aus Argentinien zur Anerkennung seines Hochschulabschlusses bei den deutschen Behörden zu verhelfen. »Wer an den falschen Sachbearbeiter gerät«, so Frohn-Bernaus Erfahrung, »muss sich auf einen wochenlangen Papierkrieg einrichten.«

Für Verdruss sorgen die Bedingungen, die Bundesarbeitsminister Walter Riester (SPD) an die Green Card geknüpft hat. So schreibt dessen Arbeitserlaubnis nach der »Verordnung über die Arbeitsgenehmigung für hoch qualifizierte ausländische Fachkräfte der Informations- und Kommunikationstechnologie« vor, dass ausländische Bewerber entweder mindestens 100 000 Mark Jahresgehalt oder aber

einen akademischen Abschluss vorweisen müssen.

Gerade junge Unternehmen wie die Berliner Dooyoo können diese Bedingungen schwerlich erfüllen. Kaum einer der 70 Mitarbeiter, die sich zwischen wackeligen Ikea-Regalen und Tapeziertischen in einer ehemaligen Fabrik im Stadtteil Friedrichshain niedergelassen haben, verdient derzeit mehr als 70 000 Mark im Jahr. Zwar kommen Aktienoptionen hinzu, mit denen die Beschäftigten direkt am Erfolg des Unternehmens beteiligt werden sollen, aber der - noch ungewisse - Wert der Optionen darf laut Green-Card-Verordnung nicht dem Jahresgehalt zugerechnet werden.

Ähnlich praxisfremd ist die Vorschrift, alternativ ein abgeschlossenes Hochschulstudium vorweisen zu müssen. Gleich zwei der sechs Dooyoo-Firmengründer haben ihr Studium abgebrochen. Mindestens 15 ehemalige Praktikanten schmissen die Uni, weil sie im rasant wachsenden Unternehmen auch ohne Diplom einen festen Job bekamen. »Es ist schwachsinnig«, sagt Frohn-Bernau, »dass wir bei Bewerbern aus dem Ausland plötzlich auf Examensnoten achten sollen.«

Derweil ist das Interesse an ausländischen Experten ungebrochen. Allein in der Boombranche Informationstechnologie fehlen den deutschen Unternehmen derzeit etwa 75 000 Fachkräfte. Für die erfolgreiche Vermittlung eines spezialisierten Programmierers kassieren Headhunter mehrere tausend Mark Provision.

Dabei beschränkt sich der Mangel längst nicht nur auf Informatiker. Weil die Zahl der Hochschulstudenten an ingenieur- und naturwissenschaftlichen Fakultäten seit Jahren zurückgeht, sucht die Wirtschaft händeringend auch nach Ingenieuren, Chemikern und Physik-Absolventen. »Wir laufen von einem Engpass in den nächsten«, warnt Bundesbildungsministerin Edelgard Bulmahn (SPD).

Die Bundesregierung denkt deshalb nun darüber nach, die Green Card auf andere Branchen auszuweiten und nach den Computer-Indern auch Biotech- und Maschinenbau-Inder zuzulassen. Derzeit werden ausländische Studenten noch zurückgeschickt, sobald sie ihr Examen in der Tasche haben - selbst wenn ihnen ein Jobangebot vorliegt.

Dabei sei es doch »abenteuerlich«, sagt Bundeskanzler Schröder, »auf die Kenntnisse hoch qualifizierter ausländischer Wissenschaftler zu verzichten«. Bald sollten daher auch Experten ohne Informatikstudium in den Genuss einer Green Card kommen können.

Als Bremser im Bundeskabinett betätigt sich indes Arbeitsminister Riester, der schon der Einwanderung von Computerexperten nur widerwillig zustimmte. »An eine Ausweitung der Green Card«, so Riester kategorisch, »ist derzeit nicht gedacht.« ALEXANDER NEUBACHER

* Am 24. Februar auf der CeBit mit BDI-Chef Hans-Olaf Henkelund Mannesmann-Arcor-Chef Harald Stöber.

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