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ERSTER WELTKRIEG Tirpitz, ein verkannter Schurke

Rudolf Augstein über das maritime Wettrüsten zwischen England und dem Deutschen Reich
Von Rudolf Augstein
aus DER SPIEGEL 51/1998

Der Baumeister der deutschen Reichskriegsflotte, Großadmiral Alfred von Tirpitz, ist mit einer im November erschienenen Biographie von Franz Uhle-Wettler, 71, ehemals Generalleutnant der Bundeswehr, zu Ehren gekommen**. Auch wenn der promovierte Autor nach seiner Pensionierung in Zeitschriften publizierte, die als extrem rechtslastig eingestuft werden, ist dieses Buch für alle an Wilhelm II. und am Beginn des Ersten Weltkriegs Interessierten durchaus lesenswert.

Der Leser verdankt dem Bild auf dem Umschlag dieser Neuerscheinung zunächst die Information, daß der Maler Lovis Corinth im Jahre 1917 den Tirpitzschen Gabelbart mit einem Porträt des Großadmirals verewigt hat. Der damals 67jährige Tirpitz war allerdings aus den Diensten des Kaisers bereits ausgeschieden.

Bis heute gilt Alfred von Tirpitz als einer der beiden hauptsächlichen Bösewichte auf deutscher Seite, der neben dem Generalstabschef Alfred Graf von Schlieffen die Konstellation für eine Niederlage der Deutschen im Ersten Weltkrieg herstellte. Doch ließ sich dieser Vorwurf schon bisher nur schwer rechtfertigen.

Die Reichsleitung insgesamt, an ihrer Spitze der für alles und nichts verantwortliche Kaiser Wilhelm II., hat letztlich eben doch den Ersten Weltkrieg angeschoben.

Der maßgebliche Schurke war zunächst aber Reichskanzler Theobald von Bethmann Hollweg. Er, und nicht der Staatssekretär des Reichsmarineamts Tirpitz, hat den Ersten Weltkrieg sehenden Auges in Kauf genommen, denn der Großadmiral zog einen späteren Kriegsausbruch vor.

Nicht weil er so friedliebend gewesen wäre, sondern aus einem praktischen Grund: Er wollte zunächst den Nord-Ostsee-Kanal (damals »Kaiser-Wilhelm-Kanal") tauglich für die Durchfahrt großer Kriegsschiffe machen. Zur Sache selbst wurde er nicht wirklich gehört, wie das so des Kaisers Art war. Nach dem verlorenen Krieg konnte Tirpitz glaubwürdig behaup-

* Ölgemälde von Lovis Corinth (1858 bis 1925).

** Franz Uhle-Wettler: »Alfred von Tirpitz in seiner Zeit«. Verlag Mittler & Sohn, Hamburg; 500 Seiten; 78 Mark.

ten, er sei offiziell vom Plan des Grafen Schlieffen nicht unterrichtet worden.

Richtig ist, daß Wilhelm II. seiner wichtigsten Aufgabe, die Teilstreitkräfte unter Mitwirkung des Reichskanzlers zu koordinieren, nicht nachkommen konnte. Sein höchst kaiserliches Naturell hinderte ihn daran. Zwar waren die Beziehungen zwischen London und Berlin 1914 besser als je, wie man allseits befriedigt feststellte, für eine dauerhaft gute Beziehung reichte dies aber nicht.

England, und speziell dessen deutschfeindlicher Außenminister, Sir Edward Grey, wollte die Ermordung des österreichischen Thronfolgerpaares in Sarajevo im Jahre 1914 nicht benutzen, um einen langfristig vielleicht doch unvermeidlichen Krieg auszulösen. Grey schlug sogar eine Botschafterkonferenz vor und war bereit, dem Wiener Hof auf Kosten Serbiens Genugtuung zu verschaffen.

Die deutsche Heeresspitze aber wollte unter keinen Umständen die unverhoffte Gelegenheit versäumen, über einer Frage der k. u. k. Monarchie »zum Schlagen« zu kommen und den Präventivkrieg zu beginnen. Da der alte Kaiser in Wien ohne Deutschland keinen Krieg gegen Serbien hätte anfangen können, muß auch der neutralste Beobachter zu dem Ergebnis kommen, daß Wilhelms Reich den Krieg angestoßen, ja, ihn sogar entfacht hat.

Thomas Mann rechtfertigte das deutsche Vorgehen unter Hinweis auf Friedrich den Großen und dessen sieben Jahre dauernden Präventivkrieg gegen Österreich 1756.

Es hätte der Reichsleitung auffallen müssen, daß der Bau von Großkampfschiffen beide Länder, Deutschland wie Großbritannien, an die Grenzen ihrer finanziellen Kräfte führen mußte. Tirpitz kann man die politische Verantwortung, die Kanzler und Kaiser trugen, nicht aufbürden. Er war der beste vorhandene Fachmann und handelte nur als solcher.

In der bisher größten Seeschlacht am Skagerrak 1916 konnte das Reich angesichts der überlegenen Seemacht England zwar mit den besseren Schiffen aufwarten, aber die 2500 gefallenen Seeleute starben dort umsonst. Admiral Reinhard Scheer mußte dem Kaiser nach dem Gefecht melden, die von Tirpitz erbaute Schlachtflotte werde den Krieg nicht entscheiden können. Man verlegte sich nun völlig auf U-Boote, deren Kampfkraft zu Anfang dieses Krieges jedoch noch nicht so recht klar war.

Wir wollen hier das Bauprogramm des rührigen Flotten-Propagandisten Tirpitz nicht weiter untersuchen und ebensowenig die Gegenprogramme seiner zahlreichen Feinde in den Rängen der Marine. Tirpitz war nicht zu bremsen. Das aber hätten die Reichskanzler von Bülow und Bethmann Hollweg und das hätte in letzter Instanz der Kaiser tun müssen.

Unser Autor Uhle-Wettler sucht seiner Profession entsprechend die Notwendigkeit der Tirpitz-Flotte zu rechtfertigen. Tatsächlich wäre von ihr etwas mehr auszurichten gewesen, wenn der Kaiser nicht um sein liebstes Spielzeug gebangt und sein Kanzler die englische Mentalität in blinder Hoffnung nicht falsch eingeschätzt hätte.

Die für den Leser interessantesten Darlegungen Uhle-Wettlers sind dem Unterkapitel über die Außenpolitik zu entnehmen. Hier wird widerlegt, was viele von uns bisher geglaubt haben: Erst Kaiser Wilhelm II. und seine Flottenpolitik hätten die Engländer in eine feindselige Stimmung gegen das Reich gebracht. Schon kurz nach der Reichsgründung hatte Premierminister Benjamin Disraeli festgestellt, »das Gleichgewicht der Mächte ist völlig zerstört worden, und das Land, welches am meisten darunter leidet, ist England«.

Die Oberschicht der Insel neigte kulturell ohnehin Frankreich zu. Henry Campbell-Bannerman, Premierminister von 1905 bis 1908, beispielsweise reiste manchen Sonntag mit der Fähre nach Boulogne, um auf französischem Boden ein ausgiebiges Frühstück, eine Art Brunch, zu genießen. Beschwingt kehrte er dann mit der Abendfähre nach Dover zurück.

Man darf zwar annehmen, daß es auch deutschfreundliche Kreise in England gab. Trotzdem war dort schon 1871 von den »Hunnen« des Königs Attila die Rede, von brutalen Folterungen französischer Kriegsgefangener durch deutsche Soldaten. (Vor kurzem erst wurde übrigens der Saarländer Oskar vom Londoner »Independent« als »Hunne« perhorresziert.)

Um so bemerkenswerter ist die Staatskunst der erfahrenen Briten vor 1914. Grey mag mit der unzulänglichen Zerfahrenheit der Reichspolitik gerechnet haben. Aber mit dem Vorschlag, London wolle neutral bleiben, wenn das Reich im Westen nicht angreife, zielte er auf das Gemüt des Kaisers und traf. Eine Zwickmühle entstand: Entweder mußte Wilhelm II. den einzigen vorhandenen Kriegsplan des Grafen Schlieffen fallenlassen und sein an der Westgrenze schon aufmarschiertes Millionenheer nach Osten umdrehen - in der Praxis nicht einmal diskutabel -, oder aber er mußte einer von England angeregten Botschafterkonferenz zustimmen, die das Deutsche Reich aller Glorie und allen Siegesvertrauens entkleidet hätte: Kaiser Wilhelm ohne Kleider.

Grey mag geahnt und vielleicht sogar gehofft haben, daß die Reichsleitung nicht mehr zurückkonnte. Aber er brauchte vor seinem Parlament und vor seinem König den Nachweis, daß Englands Gegenküste, Belgien und Nordfrankreich, geschützt werden müßten. Hier hatte das Inselreich existentiell wichtige Interessen. Tatsächlich konnte Großbritannien nicht warten, bis Wilhelms Streitmacht diese beiden kriegswichtigen Stellungen erreicht haben würde.

Objektiv richtiges Verhalten kann es, weil rückwirkend nicht zu ermessen, kaum geben. Aber man kann durchaus die Ansicht vertreten, daß Grey, sein Premierminister Herbert Henry Asquith und die große Mehrheit des Parlaments damals das Richtige taten. Seit dem Tag von Sedan, 1870, gibt es die englische Unterströmung, die von der offiziellen Diplomatie zu unterscheiden manch einem schwerfällt. Aus Uhle-Wettlers Buch erfährt man, daß antideutsche Stimmungen nicht erst durch ungestüme Taktlosigkeiten des Kaisers hervorgerufen worden waren.

Es macht einen freilich konfus, wenn ein Generalleutnant a. D. in einem historischen Fachbuch behauptet, Deutschland hätte ebensowenig wie England die Mordtat von Sarajevo als einen Kriegsgrund ausnutzen wollen.

Für England trifft das zu, für die deutsche Heeresleitung unter dem Neffen des großen Moltke mitnichten. Dieser Generalstabschef drängte seit 1912 zum Kriege. Er zitterte nicht vor England, sondern vor dem Wankelmut seines Kaisers. Wie sehr die Briten nach Napoleon und den Zaren das neue Deutsche Reich als ärgstes Feindbild ausmachten, zeigen die mir bisher nicht bekannten Artikel der »Saturday Review«. Im August 1895 war zu lesen: »Wir Engländer haben bisher stets gegen unsere Wettbewerber bei Handel und Verkehr Krieg geführt. Unser Hauptwettbewerber ist heute nicht mehr Frankreich, sondern Deutschland.«

Am 1. Februar 1896 folgt ein weiterer Artikel: »Wäre morgen jeder Deutsche beseitigt, so gäbe es kein englisches Geschäft noch irgendein englisches Unternehmen, das nicht zuwüchse. Verschwände jeder Engländer morgen, so hätten die Deutschen im gleichen Verhältnis ihren Gewinn. Einer von beiden muß das Feld räumen. Macht euch fertig zum Kampf mit Deutschland, denn Germania est delenda«, frei nach Cato also: Deutschland muß zerstört werden.

Am 11. September 1897 erschienen folgende Kernsätze: »Überall, wo die englische Flagge der Bibel und der Handel der Flagge gefolgt ist, bekämpft der deutsche Handelsmann den englischen. Aus einer Million von Streitereien um Kleinigkeiten fügt sich die größte Kriegsursache zusammen, von der die Welt jemals gehört haben wird. Würde Deutschland morgen ausgelöscht, so gäbe es übermorgen weltein, weltaus keinen Engländer, der nicht seinen Gewinn davon hätte. Staaten haben jahrelang um eine Stadt oder ein Thronfolgerecht Krieg geführt; und da sollten wir nicht Krieg führen, wenn ein jährlicher Handel von fünf Milliarden auf dem Spiel steht?« Auch dieser Artikel kommt zum Ergebnis des vorangegangenen: Germania est delenda.

Vermutlich trafen diese Einschätzungen die Stimmung vieler Leser; keiner der in der Zeitschrift üblichen zahlreichen Leserbriefe kritisierte sie oder wenigstens die Schlußfolgerung, Deutschland müsse zerstört werden. Tirpitz und seine Flotte konnten die Ursache solchen - wie die Deutschen es nannten - Krämergeistes noch nicht gewesen sein, der Staatssekretär des Reichsmarineamts hatte seinen Posten ja erst im September 1897 angetreten.

Eine andere Frage ist, welchen Einfluß diese angesehene Zeitschrift »Saturday Review«, an der vier spätere Nobelpreisträger mitarbeiteten, auf die Regierungskreise in Whitehall wirklich hatte. Wer kühn ist, mag behaupten, daß weder die britischen noch die deutschen Chefdiplomaten nennenswert von ihr beeinflußt worden sind. Der Frankreichfreund Eduard VII. zum Beispiel ist trotz der massiven Kritik des Blattes an Deutschland von den Parisern alles andere als begeistert empfangen worden.

Großbritannien betrieb, mit einer für deutsche Verhältnisse nicht recht verständlichen Religiosität, seine klassische

* So Admiral Henning von Holtzendorff, Chef der Hochseeflotte (r.), über Tirpitz.

Gleichgewichtspolitik. Grey war damals der wichtigste Außenpolitiker, aber im Kabinett saß schon der 39jährige Winston Spencer Churchill, als »Erster Lord der Admiralität« - ein keineswegs religiöser, dafür aber brutaler Imperialist.

Dieser mit einigem Recht als Abenteurer gehandelte, begabte Mann trug 1936 dem Auswärtigen Ausschuß seiner konservativen Parlamentsfraktion das Folgende vor: »400 Jahre lang war es die Außenpolitik Englands, der stärksten, aggressivsten und dominierendsten Macht auf dem Kontinent entgegenzutreten. Die Frage ist nicht, ob es Spanien oder die französische Monarchie oder das französische Kaiserreich oder das deutsche Kaiserreich oder das Regime Hitlers ist. Es hat nichts mit Herrschern oder Nationen zu tun. Es geht nur darum, wer der Stärkste ist.«

Der Autor dieser neuen Tirpitz-Biographie, Uhle-Wettler, ist kein objektiver Historiker. Es stimmt schon, daß der britischen »Balance of power«-Politik ebenso wie dem »Platz an der Sonne«-Streben der deutschen Reichsleitung ein verstecktes, aggressives Momentum innewohnte. Das ist weiter kein Wunder. Es fragt sich eben nur, ob damals die jüngere Weltmacht Deutschland, ohne Rücksicht auf die ältere und erfahrenere Weltmacht England, so hatte handeln dürfen. Den »Großen Krieg« 1914 wollte die Londoner Regierung nicht, die deutsche Reichsleitung aber hat ihn vom Zaun gebrochen.

Hitlers Überfall auf die Sowjetunion 1941 stellte Uhle-Wettler andernorts als gerechtfertigten Präventivkrieg dar. (Als solchen sah ihn freilich auch Konrad Adenauer.) Da gibt es aber keinerlei Zweifel: Allein Hitler hat den Zweiten Weltkrieg, unter Berufung auf den »Großen Krieg« 1914/18, ins Werk gesetzt. Wer hier von einem Präventivkrieg spricht, wie Uhle-Wettler dies Ende Februar in einem umstrittenen Vortrag vor Burschenschaftlern in Dresden getan hat, sollte einige Semester nachsitzen. Das ist chauvinistischer Unfug.

* Ölgemälde von Lovis Corinth (1858 bis 1925).** Franz Uhle-Wettler: »Alfred von Tirpitz in seiner Zeit«.Verlag Mittler & Sohn, Hamburg; 500 Seiten; 78 Mark.* So Admiral Henning von Holtzendorff, Chef der Hochseeflotte(r.), über Tirpitz.

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