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DIPLOMATIE Tit for Tat

Dolmetscher, Dienstmädchen, Boten: Hilfspersonal für Ausländer in der Sowjet-Union besorgt die Service-Agentur UPDK - und oft auch Agenten. Amerika will nun genauso verfahren.
aus DER SPIEGEL 45/1982

Wir sind begeistert«, zitierte die »Los Angeles Times« einen - anonymen - amerikanischen Geheimdienstler.

Was den Agenten so glücklich machte, war ein neues Bundesgesetz, das es den Amerikanern erlauben soll, künftig mit ausländischen Diplomaten genauso umzuspringen, wie die Vertreter Washingtons im jeweiligen Gastland behandelt werden.

Der Kongreßausschuß für Auswärtige Angelegenheiten, dem die Initiatoren des Gesetzes angehören, empfahl zwar nicht »ein quid pro quo« für jeden einzelnen Fall. Nichtsdestoweniger unterstreicht S.182 der Ausschuß seine Ansicht, daß die neue Behörde das Prinzip der Reziprozität wirkungsvoll nützen soll.

Das »Wall Street Journal«, das die neuen Bestimmungen begeistert begrüßte ("Wer sagt, daß aus dem State Department nie was Gutes kommt?"), faßte die künftigen diplomatischen Sitten in Amerika so zusammen: »Wenn ihr nett zu unseren Leuten seid, sind wir auch nett zu den euren.«

Nicht nett zu Washingtons Abgesandten sind laut Bericht des Auswärtigen Ausschusses Staaten wie Kuweit, Indonesien oder Chile, die es amerikanischen Missionen verwehren, Immobilien zu erwerben, oder US-Diplomaten beim Verkauf ihrer Autos behindern. In Malta müssen, so wird beklagt, Washingtons Vertreter Steuern aufs Benzin bezahlen, in Jugoslawien aufs Heizöl.

Auf wen die neuen Grundsätze im diplomatischen Verkehr aber vor allem zielen, verrät schon der Name der Institution, die dafür sorgen soll, daß »der Attache einer Volksdemokratischen Republik von demokratischen Völkern morgens ein bißchen nervös gemacht wird, wenn er die Tür öffnet, um den Klempner einzulassen« ("Wall Street Journal"): »Amt für ausländische Vertretungen«.

Es soll, so das Gesetz, »jene Aufgaben wahrnehmen, die in anderen Staaten sogenannte Diplomatische Servicebüros erfüllen«. Die bekannteste dieser Behörden aber ist die sowjetische »Verwaltung für die Betreuung des Diplomatischen Korps« - das berühmt-berüchtigte, unter Stalin gegründete Moskauer UPDK.

Diese sowjetische Agentur untersteht dem Moskauer Außenministerium. Ihr Chef ist zur Zeit Sergej Grusinow, 62, vorher Botschafter in Burma. In Wahrheit sei sie nach Ansicht des US-Geheimdienstes, berichtet die »Los Angeles Times«, eine Filiale des KGB, »durch die Spione in den Botschaften und Residenzen ausländischer Vertretungen placiert werden«.

Sowohl die Absicht der Reagan-Regierung, mit dem neuen »Amt für ausländische Vertretungen« ihre Politik der Nadelstiche gegenüber den Sowjets wirksamer zu gestalten, als auch die simple Klassifizierung des UPDK als Zweigstelle des sowjetischen Geheimdienstes zeigen freilich, wie wenig Washingtons Politikplaner vom Innenleben dieser Moskauer Behörde wissen.

Das UPDK betreut nicht nur die in Moskau akkreditierten Diplomaten, sondern alle für längere Zeit in der UdSSR ansässigen Ausländer, und dies notfalls von der Wiege bis zum Grabe. Da den Ausländern jeder nichtoffizielle Kontakt zu sowjetischen Bürgern möglichst verwehrt wird, ist UPDK, zumindest theoretisch, für alle Probleme außer Akkreditierung und Visum zuständig, die dem Fremdling in der UdSSR begegnen. Und das sind nicht wenige.

Ob er eine Wohnung, einen Führerschein oder eine Eisenbahnfahrkarte braucht - UPDK sorgt dafür (oder auch nicht). Ein Hotelzimmer in Usbekistan, Schmieröl für das Auto, eine Datscha in der Ausländer-Ferienkolonie von Sawidowo an der oberen Wolga - dort wo Breschnew mit Kissinger jagte -, UPDK beschafft es (oder auch nicht).

Ob es um eine Sekretärin, eine Klavierlehrerin, die Reparatur des Gasherdes, ein Türschild oder die Maßanfertigung von Pelzstiefeln geht, an UPDK kommt der Ausländer nicht vorbei. Stets sind schriftliche Ansuchen und meist Devisen für die gewünschten Dienste vonnöten; ungewiß bleibt in jedem Einzelfall, ob sie erfüllt werden.

Denn der Betreuungsbehörde gebricht es nicht nur, wie allen Institutionen im realen Sozialismus sowjetischer Abart, oft an den praktischen Möglichkeiten. UPDK ist im Bedarfsfall gleichzeitig ausführendes Organ übergeordneter Stellen zur Überwachung oder auch Abstrafung unliebsamer Dauergäste der Fremden gegenüber traditionell mißtrauischen UdSSR.

So passiert es wohl, daß UPDK in seinen Getto-Mietskasernen gerade tatsächlich kein Büro oder keine Wohnung etwa für einen Korrespondenten hat. Es kommt aber auch vor, daß die Behörde durchaus über freie Räume verfügt, sie auch gern gegen eine teure Renovierung und einen, verglichen mit der sowjetischen Normalmiete, 20fachen Mietzins in harten Devisen an einen Ausländer vergeben würde. Doch der Bewerber war unbequem, die Presseabteilung des Außenministeriums, die zuständige Sektion des ZK-Apparats, das KGB oder auch alle drei zusammen meinen, der Mann solle besser noch einige Monate im Hotelzimmer sitzen - UPDK darf ihm die Wohnung nicht vermieten, muß ihm seine Dolmetscherin abziehen oder einen Telephonanschluß verweigern.

Für ihre vielfachen Dienste beschäftigt die Behörde, in dunklen Klinker- und neoklassizistischen Gebäuden um die Kropotkinstraße nahe der Moskwa ansässig, mehrere tausend Mitarbeiter. Sie gliedern sich in vier Hauptgruppen:

* Dolmetscher-Sekretärinnen mit Hochschulabschluß, die stets die Sprache des Ausländers, dem sie zugeteilt werden, fließend sprechen und seinen gesamten dienstlichen Bereich betreuen;

* Dienstmädchen, die im Haushalt helfen, die Kinder betreuen und im Bedarfsfall mit den privaten Problemen der Fremden und ihrer Familien wohlvertraut sind;

* Fahrer-Boten (in Moskau nötig, da aller Behördenverkehr schriftlich, aber nicht per Post, abgewickelt wird), die notfalls Überblick über S.183 die Bewegungen des Ausländers haben;

* Sprachlehrer und spezielle Dienste wie Photographen, Violin- oder Tennislehrer, die meist nur stundenweise arbeiten und daher zur Überwachung weniger taugen.

Bei UPDK zu arbeiten, auf welchem Posten auch immer, ist ein Privileg. Daher muß jeder Bewerber, sofern er nicht ohnehin schon ein Privilegiertensproß ist, besondere Empfehlungen haben - von einer offiziellen Stelle oder von einem bereits bei der Behörde Angestellten, neuerdings auch vom örtlichen Parteikomitee.

In Spezialkursen werden die künftigen Ausländerbetreuer von Veteranen der UPDK-Kaderabteilung auf ihre Aufgaben vorbereitet, vor allem ideologisch. Denn das tägliche Zusammensein mit Ausländern und deren Möglichkeiten von der Versorgung bis zur freien Information kann für den Durchschnitts-Russen einen Kulturschock bedeuten, auf den er vorbereitet werden muß.

Unter dem Einfluß einer Propaganda erzogen, die pausenlos dem absterbenden Kapitalismus die Überlegenheit des sozialistischen Systems gegenüberstellt, werden die UPDK-Bediensteten plötzlich den Realitäten der beiden Systeme konfrontiert, die dann meist seitenverkehrt aussehen: Die Ausländer leben besser, essen besser, kleiden sich besser, können reisen, wohin sie wollen.

Um die UPDK-Leute angesichts solcher Ungereimtheiten ideologisch zu festigen, wird ihnen erklärt, daß die Ausländer, mit denen sie es zu tun haben würden, erstens Feinde, zweitens samt und sonders ausnehmend privilegierte Kapitalisten seien, dazu meist noch Agenten. Keinesfalls seien sie repräsentativ für die Realität in ihren Ländern.

Auch gegen lästige Fragen der Fremden werden die künftigen Betreuer geimpft. Wenn die Ausländer die im Land überall sichtbaren Versorgungsmängel ansprächen, sei zu antworten, dies seien vorübergehende Erscheinungen, überdies mühten sich die Kapitalisten nach Kräften, der Sowjet-Union zu schaden, welche ihrerseits vielen Staaten des sozialistischen Lagers und der Dritten Welt teure Hilfe leisten müsse.

Die Antwort-Schemata gehen bis ins Detail: Als in der UdSSR die Kaffeepreise über Nacht verfünffacht wurden - auf rund 70 Mark pro Kilo -, waren Fragen nach dem Warum mit der Auskunft wegzuwischen, das betreffe kaum jemanden, denn Kaffee sei nicht das Nationalgetränk der Russen.

Daß seither eine Dose Kaffee zu jenen Präsenten zählt, für die UPDK-Bedienstete ihren ausländischen Dienstgebern besonders dankbar sind, gehört zu den vielen Ungereimtheiten, mit denen zu leben beide Seiten lernen müssen.

Dazu gehört auch, daß UPDK-Frauen - sie stellen das Gros der Betreuer - eindringlich verwarnt werden, »nicht auf den angenehmen Geruch der Ausländer hereinzufallen«, oft aber gerade diesem Duft der großen Welt verfallen, der sich so sehr vom »ofizialny wosduch«, dem ebenso unverwechselbaren wie unausrottbaren Mief in der Welt des realen Sozialismus, unterscheidet.

Gegen Liebesverhältnisse mit den Betreuten, zumal wenn die wichtig sind, hat UPDK wenig einzuwenden - die Betreuer können damit im Bedarfsfall nachdrücklicher zur Ausspähung der Ausländer oder gar zu Provokationsversuchen gegenüber den Ausländern gepreßt werden.

Eine Heirat mit anschließender Auswanderung, seit Helsinki legal nicht mehr zu verhindern, gilt jedoch bei UPDK nach wie vor als Verrat der »rodina«, der Mutter Heimat, und als Katastrophe. »Früher hätte man dich erschossen«, mußte sich eine einschlägige Sünderin vom Komsomol-Komitee des UPDK sagen lassen, bevor sie in Unehren aus der Jugendorganisation der Partei entlassen wurde.

Die psychische Belastung vieler UPDKisten ist unter diesen Umständen groß. Wie allen Russen ist ihnen die Heimat teuer, zugleich lassen russische Mentalität und russisches Gefühl in ihnen oft Loyalitäten zu »ihrem« Fremden oder dessen Kindern wachsen, insbesondere S.184 wenn der sie gut behandelt, heißt, sie reichlich mit Geschenken aus der Glitzerwelt des Kapitalismus bedenkt.

So berichten dann schon mit fast rührender Naivität Dienstmädchen bei den regelmäßigen Gewerkschaftsversammlungen der Kader etwa, was »u nas w Anglii« passiert, »bei uns in England«, bei ihrer britischen Familie, der sie sich zuweilen bis zum Regenschirm hin anpassen.

Solch gespaltene Seele beeinflußt auch die Informationen, die im UPDK über die betreuten Ausländer gesammelt werden. UPDK ist nicht dem KGB unterstellt. Das traut, wie die meisten Geheimdienste, im Prinzip nur eigenen Erkenntnissen, die ihm reichlich über die in Ausländerwohnungen eingebauten Abhöranlagen und die als Polizisten verkleideten Geheimdienstler vor Ausländerhäusern sowie individuell angesetzte Agenten zufließen.

UPDK-Bedienstete müssen gleichwohl immer damit rechnen, zur Ausforschung ihrer Ausländer herangezogen zu werden, vor allem, wenn sie Fremden aus der als besonders wichtig und gefährlich eingestuften Ländergruppe A dienen: Nato-Staaten plus Japan, vor allem Amerikaner, Briten, Deutsche und Franzosen.

Im Regelfall werden UPDK-Angestellte dazu in ihre Zentrale zitiert und von Vorgesetzten mündlich über ihre Fremdlinge abgefragt. Zuweilen sitzt ein namenloser Herr dabei, der aus der Lubjanka, der KGB-Zentrale, kommt. In heißen Fällen wird der Angestellte von Spezialisten in einer KGB-Zweigstelle im Parteihotel »Moskwa« nahe dem Roten Platz einvernommen.

Wer dann nichts zu wissen vorgibt oder tatsächlich nichts Konkretes zu berichten hat, wird verwarnt, mit Versetzung zu den bei Russen unbeliebten Farbigen (besonders gefürchtet: arme sozialistische Farbige) oder mit dem Hinauswurf aus dem UPDK bedroht. In ihrer Not erfinden dann zuweilen Betreuer einfach irgend etwas über ihren Ausländer, was schon mehrmals zu diplomatischen Skandalen führte - als etwa ein lateinamerikanischer Diplomat fälschlich des Diamantenschmuggels bezichtigt wurde.

Dem UPDK-Menschen ist sein Job teuer: Er kassiert nicht nur etwa den doppelten Lohn eines sowjetischen Normalverdieners. Er ist darüber hinaus berechtigt, zehn Prozent seiner Bezüge oder ein 13. Gehalt in Naturalien zu verlangen - und dies haben dann möglichst Luxusgüter ausländischer Herkunft zu sein, mit deren Verwertung sich das Gehalt nochmals verdoppeln läßt.

Bis zum Juli 1981 ging es den UPDK-Dienern noch besser: Da durften Ausländer gegen Devisen sogenannte Coupon-Rubel erwerben, mit denen in den Ausländern vorbehaltenen »Berjoska«-Läden zu Vorzugspreisen alle Verlockungen des Kapitalismus erworben werden konnten, von amerikanischen Zigaretten bis zu Stereoanlagen, von Lederstiefeln bis zu Winterreifen fürs Auto. Manche UPDK-Leute verstanden es, bis zur Hälfte ihres Lohnes in solchen begehrten Coupons zu ergattern, die auf dem schwarzen Markt im Verhältnis eins zu fünf gehandelt wurden - und damit ihre Bezüge vervielfachten.

Seit es diese Art von Sondergeld nur noch für Diplomaten gibt, kamen zwei »Genossen« wieder zu hohen Ehren, deren Kataloge seit jeher das größte Abenteuer für den sowjetischen Normalverbraucher waren - die »Genossen Neckermann und Quelle": Einmal im Jahr dürfen viele UPDK-Privilegierte über ihre Ausländer für ein Monatsgehalt Kostbarkeiten bei den Versandhäusern bestellen: Schirme, Schuhe, Lederjacken, S.186 Angorawolle oder Strumpfhosen im Dutzend.

So leben die UPDK-Genossen halb in einer Art kapitalistischen Enklave innerhalb der grauen Realität des sowjetsozialistischen Alltags - und bezahlen dafür ihren Preis: Allabendlich müssen sie zurück in diese Wirklichkeit, die ihnen dann noch trüber scheint. Sie führen ein Doppelleben, dazu noch angefeindet von ihrer Umwelt: Kollegen und übergeordnete Organisationen zweifeln an ihrer ungebrochenen Loyalität zur rodina, die Ausländer sehen in ihnen potentielle Spione, ihre Freunde und Angehörigen neiden ihnen die Privilegien.

Mit dieser seltsamen Welt eines zwischen Staatstreue und ideologischen Zweifeln, Hochmut der Privilegierten und Neid auf die noch privilegierteren Ausländer gespaltenen Korps von Fremden-Betreuern wird Amerikas neues Service-Büro kaum viel gemein haben. Die Umstände sind nicht so in einer offenen Gesellschaft, daß man die Institution einfach kopieren könnte. Ausländer etwa zahlen in der Sowjet-Union für Hotelzimmer zehnmal soviel wie Sowjetbürger. Das neue US-Amt aber wird ein »Holiday Inn« kaum zwingen können, einem Gast aus Moskau statt 70 Dollar 700 pro Nacht zu berechnen.

So wird es wohl mit dem von den Amerikanern geplanten »tit for tat« - Schikane gegen Schikane - nicht viel werden, auch wenn ein Kommentator sich schon freute, das Gesetz werde es der neuen Behörde erlauben, »das Hotel zu bestimmen, in dem der sowjetische Diplomat wohnen darf, welches Dienstmädchen er bekommt, vielleicht sogar den Parkbaum, unter dem er stehen kann«, auch wenn das Moskauer Fernsehen schon lamentierte, das neue Gesetz werde »den amerikanischen Geheimdiensten noch mehr Wege und Mittel geben, ausländische Diplomaten total zu beschatten«.

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