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Hausmitteilung Titel

aus DER SPIEGEL 30/2010

Es ist eine internationale Kooperation zwischen Redaktionen, wie es sie in der Geschichte des SPIEGEL noch nicht gab: An diesem Montag berichten die amerikanische »New York Times«, der britische »Guardian« und der SPIEGEL aus einer neuen Perspektive über den Krieg in Afghanistan. Grundlage für die bisher unbekannten Einblicke in den Kriegsalltag und die Arbeit des Elitekommandos Task Force 373 ist ein elektronisches Kriegstagebuch der US-Militärs aus den Jahren 2004 bis 2009, das den drei Redaktionen zugänglich gemacht wurde. Es enthält Geheimdienstinformationen, Tausende Warnmeldungen sowie zahlreiche Details über Operationen und Pannen. Wohl noch nie zuvor war es möglich, die Wirklichkeit auf den Schlachtfeldern detailliert mit dem abzugleichen, was die Propaganda-maschinerie der US-Armee darüber verlauten ließ. Ursprünglich war das Material der Internetplattform WikiLeaks zugespielt worden, die schon mehrfach sensible Dokumente und Videos aus seriösen, aber stets anonym bleibenden Quellen ins Netz gestellt hat. Ein Team von SPIEGEL-Redakteuren und -Dokumentaren um Auslandsressortchef Hans Hoyng, 61, wertete die 91 731 überwiegend als »Geheim« klassifizierten Dokumente aus. Darunter sind zahlreiche Hinweise auf die hochgeheime Joint Prioritized Effects List der Alliierten, die festlegt, welche Kämpfer der Taliban festgesetzt oder liquidiert werden sollen. Was sich den SPIEGEL-Redakteuren Matthias Gebauer, 36, John Goetz, 47, Susanne Koelbl, 44, Gregor Peter Schmitz, 35, und Marcel Rosenbach, 38, bei der Auswertung des Materials offenbarte, ist »ein ernüchternder Blick auf das Kriegsgeschehen aus Sicht des US-Militärs, der die desolate Sicherheitslage im Land deutlich macht« (Hoyng). Die Chefredakteure des SPIEGEL, der »New York Times« und des »Guardian« haben vereinbart, besonders sensible Informationen aus dem Geheimmaterial - etwa die Namen von afghanischen Informanten des US-Militärs oder Informationen, welche die Soldaten in Afghanistan zusätzlichen Sicherheitsrisiken aussetzen könnten - nicht zu veröffentlichen. Einig waren sich die Verlagshäuser darüber, dass ein berechtigtes öffentliches Interesse an dem Material besteht: Es ermöglicht ein besseres Verständnis des seit neun Jahren andauernden Krieges. Die Chefredakteure haben verabredet, die Ergebnisse der Recherchen zeitgleich am Sonntagabend im Netz und an diesem Montag in ihren Printausgaben zu publizieren. In London sprachen die Redakteure Goetz und Rosenbach mit WikiLeaks-Gründer Julian Assange, 39 (Seiten 70, 82, 84).

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