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KRIMINALITÄT Tja oder Ja

In dieser Woche beginnt in Hamburg der Prozeß gegen die mutmaßlichen Hintermänner des St.-Pauli-Killers Werner Pinzner. Doch der wichtigste Zeuge droht zu kippen. *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Der Mann stand so auf dem Flur des Polizeihochhauses, wie er kurz zuvor in seiner Wohnung verhaftet worden war: in Socken, ein Knie blutig, um den Bauch eine graue Decke. Er sah erbärmlich aus.

Aber er führte das große Wort. »Das könnt ihr alles wegschmeißen«, sagte er zu einem Staatsanwalt und wies auf eine Kiste mit Ermittlungsakten. »Ich kann Ihnen alles erzählen. Ich habe acht Menschen umgebracht. Ich bin es.«

Das war am 15. April 1986, abends um zehn Uhr. Es war das erste Zusammentreffen zwischen Werner Pinzner, dem Killer von St. Pauli, und dem Staatsanwalt Wolfgang Bistry. »Eine in der Bundesrepublik wohl beispiellose Serie von Morden im Zuhältermilieu«, verkündete am nächsten Morgen der damalige Innensenator Rolf Lange, stehe vor der Aufklärung.

Der Mörder und sein Ankläger - beide sind tot. Pinzner erschoß im Juli vergangenen Jahres den Staatsanwalt, die eigene Ehefrau und sich selbst. Und der Innensenator Lange mußte deshalb zurücktreten.

Angeklagt wird trotzdem. Am Donnerstag dieser Woche beginnt in Hamburg der Prozeß um fünf Tote vom Kiez. Auf der Anklagebank sitzt die zweite Garnitur: der Bordellier Peter Nusser, 37, der an »Mucki« Pinzner vier Mordaufträge erteilt haben soll, und die mutmaßlichen Killer-Komplizen Armin Hockauf, 27, und Siegfried Träger, 30.

Doch auch posthum wird der »Killer der Nation« (Pinzner über Pinzner) seinen großen Auftritt im Gerichtssaal 237 haben, aus dem toten Hauptbeschuldigten ist der Kronzeuge der Anklage geworden. Pinzners Erzählungen, vorgelesen aus den Protokollen des toten Staatsanwalts Bistry, sollen im Mittelpunkt des Prozesses stehen.

Die Rolle hätte ihm gefallen. »Ich bin hier der Leiter eines Marionettentheaters. Ich brauche nur an einer Strippe zu ziehen, und dann springt der Betreffende.« So sprach der Gefangene Pinzner, den lebenslanger Knast erwartete, zu seinen Mitgefangenen. Klar, daß dieses Marionettentheater die hanseatische Justiz sein sollte, für die Pinzner, je nach Laune, die Leichen purzeln ließ.

Auf ein paar mehr oder weniger kam es ihm nicht an. Wegen eines einzigen Mordes - an dem Bordellbesitzer und Kokainhändler Peter Pfeilmaier - war Pinzner verhaftet worden. Doch es wurden schnell mehr.

»Acht Morde ließ er, noch in Socken, bei seiner ersten Vernehmung im Präsidium protokollieren. »von Flensburg bis Salzburg«. Später erhöhte er auf elf.

Als ihm keiner glaubte, beschwerte er sich: »Die Polizei zeigte bisher kein großes Interesse daran, obwohl ich das Thema immer wieder erwähnt habe. Ist wohl ein bißchen viel auf einmal, vielleicht sind die Herren zu überfordert.«

Fasziniert stand die Justiz vor diesem Mörder, der sich ständig neue Leichen zurechnete. Mucki ließ die Herren für sich springen. Er durfte sich in einer Polizeikaserne zum Schäferstündchen mit seiner Frau Jutta treffen, ließ sich sein Essen vom Hotel Atlantic in die Zelle bringen - und Kokain angeblich von seiner Anwältin.

Auftraggeber wie der Kiez-Mann Nusser (Pinzner: »Ein dummer, dummer Boß") waren ihm alsbald zu popelig, er prahlte mit höheren Instanzen: »Das BKA hat sich bei mir schon wieder gemeldet«, schwadronierte er in Briefen an seine Schwester Monika in Lübeck, »der Verfassungsschutz ebenso. Die sprengen nämlich nicht nur Knastmauern, die brauchen auch einen guten Killer.«

Vor seinem letzten großen Auftritt im Polizeipräsidium orderte er belegte Brötchen, dann inszenierte er mit einem eingeschmuggelten .38er-Revolver den Abgang, tötete Bistry, Ehefrau Jutta und sich, Nummer 12, 13, 14 - nach seiner Zählung. »Ich bin Gott«, zitierte »Bild« den Schützen danach.

Ein kleiner, böser Möchtegern-Gott aus den Wohnsilos von Hamburg-Steilshoop, der ein ungelernter Arbeiter war. Die Schlachterlehre schmiß er hin, bei der Bundeswehr flog er raus, bei der christlichen Seefahrt hielt es ihn nur ein gutes Jahr. Auch als Kellner auf St. Pauli bekam er wenig Anerkennung. Da suchte er sich einen Job, der allen Respekt einflößte: Mörder.

»Ich habe nur meine Aufträge«, schrieb er in einem Brief an seine Schwester, »so gut ich konnte, erledigt. Du, das ist ein Job wie jeder andere. Das Arbeitsamt hatte ja doch nichts für mich.«

Den ersten Auftrag, über den nun verhandelt wird, bekam Pinzner noch im Gefängnis, als er wegen eines Raubüberfalles saß. Einem Ungarn-Juden namens Jehuda Arzi in Kiel so schlug laut Anklage sein Knastkollege Hockauf vor, sollte wegen eines Familienstreits und einer offenen Kokainrechnung ein Denkzettel verpaßt werden. Die Methode ist bei chinesischen Rauschgiftgangs üblich: Finger abhacken.

Die »Art der Auftragserledigung gefiel Pinzner nicht«, so die Anklage, er löste den Fall, angeblich in Begleitung von Hockauf, während eines Freiganges aus dem Gefängnis auf »seine Art«.

»Grauenhafte, tierische Schreie«, so eine Zeugin, habe der Mann ausgestoßen, als die beiden Täter ihn auf den Boden seiner Wohnung warfen, sich über ihn knieten, ihn festhielten und die Waffe an seinen Schädel drückten.

Das war im Juli 1984 und brachte schnell verdientes Geld. 30000 Mark kassierte Pinzner über einen Mittelsmann. Dem Mann gefiel seine neue _(Mit einer Freundin auf der Jacht Nussers ) _(im Hafen von Ibiza 1985. )

Rolle. »Ich bin der Eliminator«, erzählte er einem Freund und zeigte die Pistole, die er im Gürtel unter der Joggingjacke trug, »alle haben Angst vor mir.«

Doch Pinzner fehlte, was andere auf St. Pauli hatten: dicke Autos, Rolex am Arm, Jacht auf Ibiza, ein toller Ruf. Die Großen aus dem Milieu handelten mit Kokain und Liebesdiensten und trafen sich im Eiscafe »Chikago« an der Reeperbahn im Hinterzimmer. Der Wirt vom »Chikago«, Reinhard »Ringo« Klemm, wartet nun in der Haft in Costa Rica auf seine Auslieferung, weil er der Kopf der Gruppe gewesen sein soll, die gelegentlich Todesurteile gegen lästige Kokskonkurrenten verhängte.

In die »Chikago«-Gruppe kam Pinzner nicht rein, er war Außenseiter, mit dem man wenig zu tun haben wollte. Die Mordaufträge, so vermuten jedenfalls die Ankläger, vergab der »Wiener-Peter« Nusser, einer der Wortführer im »Chikago«. Dreimal wurde Mucki losgeschickt - von wem auch immer: *___Im September 1984 erschoß Pinzner den Bordellbesitzer ____Peter Pfeilmaier, besser bekannt als »Bayern-Peter«. ____Angeklagt als Mittäter: Hockauf. *___Im November 1984 brachte Pinzner im Riemerlinger Wald ____bei München den »Lackschuh-Dieter« Traub um, auch ein ____St.-Pauli-Bordellier. Mutmaßlicher Mittäter: Siggi ____Träger. *___Am Ostermontag 1985 feuerten Pinzner und wahrscheinlich ____auch Träger auf den Hamburger Bordellbesitzer Waldemar ____Dammer und seinen Wirtschafter Ralf Kühne.

Und Pinzner spielte den Killer perfekt, erledigte seine Aufträge solide wie ein Handwerker - wenig Lärm, wenig Blut.

Von Pfeilmaier ließ er sich in dessen schwarzem Pontiac in eine stille Garageneinfahrt fahren. Pinzner, auf dem Rücksitz, spannte den Revolver. Das arglose Opfer auf dem Fahrersitz drehte sich zu seinem Mörder um, um sich mit ihm zu unterhalten. Von Angesicht zu Angesicht, so die Anklage, »fühlte sich Pinzner am Vollzug des unmittelbar bevorstehenden Todesschusses gehemmt«.

Pinzner wollte ihm von hinten direkt in den Schädel schießen. Also sprach er vom Außenspiegel des großen Autos, der »viel zu klein« sei. Pfeilmaier betrachtete, Blick nach vorn links, den Spiegel - und Pinzner schoß. Die Kugel blieb im Schädel des Toten stecken - sie ragte aus der Stirn, direkt unter der Haut: »So ein Ei«, zeigte Pinzner dem Staatsanwalt Bistry, »hat der gehabt.«

Kein Angstgeschrei, wie beim Arzi-Mord in Kiel. Am nächsten Morgen saß der Tote immer noch friedlich auf seinem Fahrersitz, die Hände im Schoß, »unangeschnallt« (Anklage). Das Autoradio spielte Musik.

So etwas kam an auf dem Kiez. Einen, der sauber schoß, konnte man gebrauchen. Deshalb durfte der Killer schon mal mitmachen beim feinen Leben der St.-Pauli-Bosse. Gern ließ sich Pinzner photographieren, wie er sich auf Nussers Jacht auf Ibiza sonnte. Und ein paar Bordellbeteiligungen versprachen seine neuen Freunde ihm auch.

Doch er blieb immer der Handlanger, an der Reeperbahn hatte er nichts zu sagen. Was Wunder, daß dieser kleine Killer seine große Stunde gekommen sah, als er von schwerbewaffneten Leuten des Mobilen Einsatzkommandos aus seiner Wohnung geholt wurde: Nun mußte das »Chikago« zittern - denn nun entschied Mucki Pinzner, wen er »der Schmiere« ans Messer liefern würde.

Eine Rolle, wieder eine, die er bis zum Schluß mit Vergnügen spielte: In der Zelle fanden die Fahnder nach seinem Tod eine schwarze Kladde, ein Tagebuch, das Pinzner offenbar absichtlich hatte liegenlassen.

Darin ist mit buchhalterischer Präzision jedes Gramm Rauschgift verzeichnet, das seine Anwältin Isolde Oechsle-Misfeld für ihn in den Knast gebracht haben soll. Aber auch dies: _____« 3. Juli. Isolde um neun Uhr. Sie besorgt mir einen » _____« 38er - versucht aber auch alles, damit ich unter die Erde » _____« und sie an die Kohle kommt. » _____« 11. Juli. Im Präsidium soll ich Jutta auch wegmachen. » _____« Was die Weiber da von mir verlangen. »

Mit Bedacht legte Pinzner am Morgen des Tages, für den ursprünglich die Schüsse im Polizeihochhaus geplant waren, eine letzte Spur, die auf seine Anwältin als Mordgehilfin wies: _____« 18. Juli. Heute habe ich Termin und endlich » _____« Entlassung. Isolde weiß, daß ich von der Schmiere auch » _____« welche mitnehme. »

Pinzners Plan ist aufgegangen. Er wurde auf den Stadtfriedhof von Lübeck entlassen, und die anderen sind alle wegen Mordes dran, Nusser und die Pinzner-Kumpel Hockauf und Träger von dieser Woche an, die Anwältin in den nächsten Monaten.

»Sonderband I« heißt der Ordner mit Muckis Erzählungen, aus dem nun in öffentlicher Verhandlung vorgelesen werden soll. Doch ob es dazu kommt, scheint fraglich. Die Verteidiger des Hauptangeklagten Nusser verlangen, daß der Sonderband I verschlossen bleibt. Paragraph 136a der Strafprozeßordnung soll ihnen dabei helfen.

Danach dürfen im Prozeß Aussagen nicht verwertet werden, die durch gesetzlich nicht erlaubte Vergünstigungen erschmeichelt wurden. Vergünstigungen, so der Nusser-Anwalt Klaus Hüser, habe es im Falle Pinzner reichlich gegeben: »Der Mann«, so Hüser, »hat ja nur geredet, wenn ihm jeder Gefallen getan wurde .«

Kaum verhohlen wurde der drogensüchtige Pinzner in der Haft mit Kokain und Heroin versorgt - so offensichtlich war sein ständiger Drogenkonsum, daß nach Ansicht der Anwälte die Staatsanwaltschaft das »zumindest geduldet« haben müsse.

Kann man einen Mordprozeß führen mit der Aussage eines Mannes, der ständig _(Aus der Haft geschmuggelte Nachricht an ) _(seine Schwester Monika, genannt »Hecke«. )

unter Drogen stand? Die Staatsanwaltschaft macht sich da keine Sorgen: »Insbesondere das Aussageverhalten Pinzners in länger andauernden Vernehmungen«, so heißt es zur Rechtfertigung der Anklage, »belegt seine Konzentrationsfähigkeit bei der Darstellung des Tatgeschehens.«

Der politische Druck auf die Ermittler, im spektakulärsten Kriminalfall der westdeutschen Nachkriegsgeschichte einen überlebenden Mörder zu überführen, war so groß, daß sie sich zudem auf ein riskantes Geschäft mit einem Mann einließen, der selber unter Mordverdacht steht: Der Nusser-Partner vom Kiez, Gerd Gabriel, soll der zweite Kronzeuge im Pinzner-Prozeß werden.

Dem Bordellier Gabriel hat die Kripo viel zu verdanken. Er verriet den Killer und seine Auftraggeber bei der Polizei - aus »Angst, selbst Opfer des nächsten Auftrags werden zu können« (Anklage). Und er konnte viel erzählen, schließlich war er selbst oft genug im »Chikago«.

Doch umgekehrt hat auch Gabriel den Ermittlern vieles zu verdanken. Ähnlich wie Pinzner bekam der wegen Kokainhandels inhaftierte Bordellboß hinter Gittern alle möglichen Wünsche erfüllt. Er konnte sogar Puff-Geschäfte weiterbetreiben, ein Polizeibeamter spielte den Geldbriefträger.

Der Prozeß wegen Gabriels Beteiligung am Kokainhandel, unter Ausschluß der Öffentlichkeit geführt, endete mit einem von Kennern der Drogenjustiz als erstaunlich mild empfundenen Spruch: vier Jahre und drei Monate Haft. Unglaublich großzügig ging die Staatsanwaltschaft mit einer Latte von weiteren Vorwürfen gegen den Kronzeugen Gabriel um. Ermittlungen wegen Körperverletzung, Erpressung, Diebstahl, Nötigung und »ausbeuterischer Zuhälterei« wurden als »unwesentlich« eingestellt. Ein Strafverfahren gegen Gabriel wegen »räuberischer Erpressung« - eine Freundin sollte angeblich gezwungen werden, 5O000 Mark an ihn zu zahlen - endete im Nichts: Dem Verdächtigen sei nichts zu beweisen.

Diese Praxis brachte der zuständigen Staatsanwältin eine Strafanzeige wegen »Strafvereitelung im Amt« ein. Die Autorin der Anzeige: Nusser-Verteidigerin Leonore Gottschalk-Solger.

Nach Ansicht der Anwältin gehört Gabriel neben Nusser auf die Anklagebank, auch er wegen »versuchten Mordes«. Denn Gabriel selber hat der Polizei ins Protokoll diktiert, er habe im Auftrag von »Chikago«-Leuten versucht, Pinzner zu einem stillen Treffpunkt zu locken: Dort sollte der »Eliminator« selbst eliminiert werden.

Eine Tonband-Kassette ist es, die den Kronzeugen Gabriel endgültig disqualifizieren könnte. Es ist eine der Kassetten, die Pinzner heimlich auf einem Minirecorder mitlaufen ließ, wenn er mit seinen Auftraggebern über die nächsten Morde sprach.

Die Bänder sucht die Staatsanwaltschaft noch immer-»Chikago«-Leute sollen sie rechtzeitig in einem Schließfach versteckt haben. Doch es gibt einen Zeugen, dem der prahlerische Pinzner so ein Band mal vorgespielt hat. In einer eidesstattlichen Erklärung berichtete der Mann, was er gehört haben will: Gabriel, nicht Nusser, habe von Pinzner verlangt den Bordellier Pfeilmaier umzubringen. Und Gabriel, nicht Nusser, sei der Auftraggeber für den Mord am Konkurrenten Dammer gewesen: »Der Dammer muß weg, der hat mich unmöglich gemacht. Du mußt ihn plattmachen.«

Daß Gabriel jedenfalls dabeisaß, als über Pfeilmaiers Tod verhandelt wurde, weiß auch die Staatsanwaltschaft. »Tja«, habe er gesagt, als er um seine Meinung gefragt wurde. »Tja« oder »ja«?

Wenn es den Verteidigern gelingt, den wichtigsten Zeugen als heimlichen Hintermann Pinzners zu entlarven, wäre der Prozeß um den »Killer der Nation« geplatzt. Vorerst jedoch sind die Ankläger optimistisch: »Ein bißchen dünne bisher« nennt der Staatsanwalt Martin Köhnke die Beweislage gegen seinen Kronzeugen.

Den Zeugen Gabriel kann man nicht fragen. Er wird, mit mehrfach veränderter Identität, seit Monaten an einem unbekannten Ort von bewaffneten Polizisten bewacht. Seine Aussage im Pinzner-Prozeß wird die allergrößten Sicherheitsvorkehrungen erforderlich machen. Denn der Zeuge muß die Leute vom Kiez fürchten.

Die haben, das wissen die Ermittler, schon einen neuen Killer.

Mit einer Freundin auf der Jacht Nussers im Hafen von Ibiza 1985.Aus der Haft geschmuggelte Nachricht an seine Schwester Monika,genannt »Hecke«.

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