Zur Ausgabe
Artikel 29 / 84
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

INTERPOL TKS Good bye

Ein Hobbyfunker hat mit einem Heimcomputer den Interpol-Code geknackt. *
aus DER SPIEGEL 7/1985

Donnerstag letzter Woche, 19.06 Uhr, Interpol Wiesbaden an Interpol France, Meldung Nr. 5021: Über den Computerterminal laufen, in hellgrünen Buchstaben abgesetzt, die Daten einer verdächtigten Person, die in einer Freiburger Diskothek gesehen wurde.

Nächste Meldung um 19.10 Uhr: Interpol Wiesbaden will von Interpol London wissen, welche Rolle eine in Portugal festgenommene deutsche Frau bei einem Transport von 1800 Kilogramm Haschisch gespielt hat.

Ohne Pause flimmern die Nachrichten über das Sichtgerät. Meldung Nr. 5091 um 19.25 Uhr: Interpol Wiesbaden gibt Details über einen internationalen Falschgeldring an Interpol Paris. Meldung Nr. 5033 um 19.31 Uhr: Interpol Wiesbaden will über Interpol Neu-Delhi, Islamabad genaue Angaben über einen Herointransport und »Jimmy« haben.

Die geheimen Übermittlungen polizeilicher Erkenntnisse und Fahndungsersuchen durch Interpol, von Hawaii bis Islamabad, waren letzten Donnerstag im Keller eines Dreifamilienhauses im Hessischen zu verfolgen - auf dem Bildschirm eines Heimcomputers.

Ein 27jähriger Hobbyfunker und Computerfreak hat den Code des Interpol-Nachrichtenverkehrs geknackt und kann nun, rund um die Uhr, die brisanten Meldungen mitlesen - und noch mehr.

Um 19.38 Uhr schmeißt der Hacker, »nur mal als Test«, bei einer Nachricht von Interpol Wiesbaden den Adressaten Interpol Den Haag raus und empfängt an seiner Stelle die Meldung Nr. 1734, ohne daß die beiden Polizeidienststellen das merken. Es geht um die Beteiligung eines Lkw-Unternehmens an einem Konkursbetrug.

Und auch das funktioniert: Der Computerbastler schaltet sich unter dem Kürzel IPBQ, der Kennzeichnung für die abgeblockte Dienststelle in Holland, in den Informationsfluß ein. Interpol: »QRU (ich habe nichts vorliegen) TKS (danke) Good bye.« Hobbyfunker: »Hier alles erhalten TKS auch QRU Guten Abend.« Interpol: »Ok Danke.«

Die Einschaltung des Computerfummlers zeigt, wie brüchig das von den Polizeibehörden so gelobte Interpol-Funknetz tatsächlich ist. In den höchsten Tönen hat das Bundeskriminalamt (BKA) die technische Neuerung gepriesen: Das Ausland biete nun »für keinen Täter mehr Schutz«, heißt es in einer BKA-Werbebroschüre, »auch bei eilbedürftigen Warnungen vor geplanten Verbrechen, wie Sprengstoffanschlägen und Flugzeugentführungen, hat sich die Funkübermittlung als sehr wirksam erwiesen«.

Ein Funkspruch, gibt sich das BKA überlegen, »kann schneller warnen, als Kriminellen lieb ist«.

Seit nun aber Computer in den Wohn- und Spielzimmern stehen, können offenkundig Freizeitfunker den Polizei-Code knacken. Und so ist es auch denkbar, daß Kriminelle durch Interpol-Meldungen erst gewarnt werden und sich in Sicherheit bringen. Die gar nicht mehr abwegige Vorstellung, der Schlüssel zum Interpol-Code liege auch in den Händen terroristischer Gruppierungen oder der Mafia, könnte viele Fahndungspannen erklären.

Nicht nur daß Verbrecherorganisationen bei ständigem Mitschnitt der Meldungen erfahren, wann es Zeit zum Abtauchen ist. Sie können durch Einspeisen gezielter Fehlinformationen falsche Spuren legen und dadurch ganze Fahndungseinheiten binden. Und die erschreckende Vision ist näher gerückt, die Datenbanken im BKA könnten von Unbekannten angezapft werden.

Die technische Ausrüstung, die der hessische Amateurfunker zum Aufspüren benutzte, ist gar nicht anspruchsvoll: Das könne man »alles in einem VW-Bus unterbringen«, sagt er, »und von der Autobatterie speisen lassen«. Dem Computerfan steht ein 50-Watt-Sender zur Verfügung, und ein Empfangsgerät, den Decoder zur Übersetzung der Funksignale, hat er »selbst gebastelt«. Das Heimcomputer-Set mit Disketten-Laufwerk, Terminal und Rechner vom Typ Commodore CBM 64 ist für rund 2500 Mark erhältlich - eine »reine Hobbyausrüstung«.

Der Privatfunker hat insgesamt sechs Kurzwellen-Frequenzen ertastet, über die Interpol sendet. Ein »ausgebildeter Programmierer«, so schätzt er seine Leistung ein, müßte »bei zäher Arbeit in einer Woche den Code geknackt haben«.

Seit etwa drei Wochen steht die Keller-Anlage auf Interpol-Empfang, lange genug, um Einblick in alle Interpol-Aktivitäten zu erlangen. Der Computerfan bekam mit, wie polizeiliche Sicherheitsvorkehrungen zum Schutz prominenter Personen im Ausland erteilt wurden, und auch Fahndungshinweise nach der Ermordung des Industriellen Ernst Zimmermann gab es zur freien Ansicht.

Der Interpol-Code wurde, wie der Hobbyfunker verblüfft feststellte, in dieser Zeit nicht verändert. Seine Entdeckung soll dazu führen, hofft er, »daß die Polizei sich was Besseres einfallen läßt«.

Mehr lesen über
Zur Ausgabe
Artikel 29 / 84
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.