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GORLEBEN Tod im Halbgefrorenen

Pfusch und falsche Bewertung von Meßdaten haben dazu geführt, daß es im Bergwerk für das geplante Atommüll-Endlager im Gorlebener Salzstock zu einem tödlichen Unfall kam. *
aus DER SPIEGEL 34/1987

Die Frage überstieg des Ministers zeitlichen Horizont. Was denn mit all dem hoch radioaktiven Müll geschehen solle, der in den neunziger Jahren von ausländischen Plutoniumfabriken in die Bundesrepublik zurückgeschickt werde, wollte ein Zuhörer von Umweltminister Klaus Töpfer wissen.

Töpfer, nach drei Monaten Amtszeit als höchster bundesdeutscher Atomaufseher am Mittwoch letzter Woche erstmals zu Besuch im »Erkundungsbergwerk« Gorleben, mußte passen. Das Problem müsse »erst nach dem Jahr 2000« gelöst werden. Die Frage nach einer möglichen Alternative zum geplanten Atommüll-Endlager im Salzstock im Landkreis Lüchow-Dannenberg, so der Minister, »stellt sich derzeit nicht«.

Töpfer irrt. Die Eignung des Standorts Gorleben für die Endlager-Pläne der bundesdeutschen Atomgemeinde steht mehr in Frage denn je. Weil der Ort für den endgültigen Verbleib des strahlenden Erbes der Atomindustrie seinerzeit nach politischen Gesichtspunkten ausgeguckt wurde, ignorierten die Verantwortlichen jahrelang die Warnungen ihrer Gutachter und Ingenieure und riskieren das Leben ihrer Bergarbeiter.

»Der Ausbau des Salz-Bergwerks Gorleben«, berichtete jetzt Dirk Meinert, _(Name von der Redaktion geändert. ) als Ingenieur bis vor drei Monaten dort beschäftigt, »ist nach dem bisherigen Konzept unverantwortlich.«

Der Vorwurf zielt auf ein in der Welt einmaliges Unternehmen: den Bau kilometerlanger unterirdischer Kavernen, in denen hochradioaktiver Müll aus Atomkraftwerken und Plutoniumfabriken, der noch über Jahrtausende tödliche Strahlung abgibt, bis in alle Ewigkeit von der Umwelt abgeschlossen lagern soll.

Als erstes sollten dazu, so hatte die Bundesregierung 1983 beschlossen, in Gorleben zwei Schächte von je elf Meter Durchmesser bis in 840 Meter Tiefe vorgetriebell werden. Mit ihnen wollten die Endlager-Bauherren der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt einen jener bis zu 3000 Meter tiefen Salzstöcke erschließen, die als Überbleibsel urzeitlicher Meere unter der Norddeutschen Tiefebene liegen.

Doch vor drei Monaten, am 12. Mai, brachte ein folgenschwerer Unfall das ganze Unternehmen zum Stillstand (SPIEGEL 22/1987). Die Endlager-Schürfer waren im Schacht 1 gerade erst bis in 239 Meter Tiefe vorgedrungen, da barst einer von 34 anderthalb Tonnen schweren Sicherungsringen aus Stahl und stürzte auf die fünf Meter darunter stehenden Arbeiter auf der Schachtsohle. Ein Bergmann starb, zwei weitere wurden schwer verletzt. Weil der Schacht einzustürzen drohte, mußte er 14 Meter hoch mit Beton verfüllt werden. Seitdem sind die Gorlebener Bergleute auf Kurzarbeit gesetzt, die Arbeiten ruhen.

Ursache für den Unfall, so erklärte Hans-Werner Tonscheydt, Abteilungsleiter der am Bau beteiligten Firma Thyssen Schachtbau, sei ein plötzlich auftretender hoher Druck des umgebenden Gebirges gewesen. Das habe »niemand voraussehen können«, behauptete Tonscheydt kurz nach dem Unfall vor einem Landtagsausschuß. Das stimmt so nicht. Schon vor Beginn der Arbeiten hatte der Kieler Geologe Professor Klaus Duphorn auf die Gefahren des »schwer beherrschbaren« Deck-Gebirges über dem Gorlebener Salzstock hingewiesen und die Erkundung anderer Standorte empfohlen.

Doch die Genehmigungsbehörden entzogen sich der öffentlichen Debatte. Kurzerhand deklarierten sie das Unternehmen als bloße »Erkundung« des Salzstocks und umgingen damit ein aufwendiges Genehmigungsverfahren nach dem Atomrecht. Das soll erst nach dem Bau durchgeführt werden, wenn sich das Salz als endlagerfähig erwiesen hat.

So konnte die vom Bund und den Atomkraftwerksbetreibern gegründete »Deutsche Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern« (DBE) die Warnung mißachten und im Jahr 1983 die Firmen Thyssen Schachtbau und Deilmann-Haniel beauftragen, die Schächte durch das gefährliche Gebirge zu graben.

Um des »nicht standfesten« Gesteins Herr zu werden, bedienten diese sich des _(Pressephotographen auf dem ) _(Betonverschluß im Schacht beim ) _(Töpfer-Besuch in der letzten Woche. )

»Gefrierschachtverfahrens«. Dabei wird die auszugrabende Erdsäule zunächst tiefgefroren. Im Umkreis von 18 Metern um den Schachtmittelpunkt bohrten die Schachtgräber 43 »Gefrierlöcher« bis in den Salzstock hinein. Durch die darin verlegten Rohre ließen sie die Kühlflüssigkeit zirkulieren, die mit gigantischen Kühlmaschinen entsprechend einer Leistung von 50000 Gefriertruhen auf minus 40 Grad heruntergekühlt wurde.

Mit dieser Anlage, so glaubten DBE-Projektleiter Gernot Grübler und die verantwortlichen Ingenieure, könnten sie die über dem Salzstock liegenden Erd- und Gesteinsschichten festfrieren und gefahrlos durchstoßen. Erst nach Ankunft im Salz sollten die Schächte befestigt und die Kühlanlagen abgeschaltet werden. Doch das Konzept ging nicht auf. Im Übergangsbereich zwischen den mit Wasser getränkten Schichten aus Ton und dem sogenannten Gipshut des Salzstocks blieb das Gebirge weich. Weil dort reine Salzlauge im Gestein stand, gefror dieses selbst bei Temperaturen von 20 Grad minus nicht, die Kühlanlage war zu klein dimensioniert.

Schuld daran tragen die leitenden Ingenieure der DBE. Sie hatten zwar nach den Vorbohrungen schon 1982 an den Bochumer Bergbau-Spezialisten Professor Hans Ludwig Jessberger den Auftrag gegeben, die Festigkeit des Gesteins bei verschiedenen Temperaturen zu untersuchen. Doch ausgerechnet aus der fraglichen Schicht der »Tertiären Tone« kurz über dem Salzstock legten sie dem Gutachter keine Bohrkerne vor.

Folgerichtig schrieb der Bergbau-Experte in sein Gutachten, »daß nicht genügend ungestörte Kerne vorhanden sind«. Offenbar sei aber mit einem »Salzgehalt im Bodenwasser zu rechnen, der die Festigkeitseigenschaften des Gebirges im gefrorenen Zustand nicht unerheblich beeinflußt«. Für den »unteren Tertiärbereich«, so schloß Jessberger seine Expertise, »mußten Schätzwerte angegeben werden...« Eine Überprüfung der Annahmen »im Zuge weiterer Bohrungen ist angezeigt«.

Doch so genau wollten DBE-Geschäftsführer Hans Jürgen Krug und sein Projektleiter Grübler es wohl nicht wissen. »Das wurde«, behauptete Krug letzte Woche, »von allen beteiligten Stellen für überflüssig gehalten.« Ex-Thyssen-Ingenieur Meinert erinnert sich daran ganz anders. Während der Ausschreibungsphase, berichtet er, hätte seine Firma nach den fehlenden Bohrkernen gefragt. Doch bei der Bundesanstalt für Geowissenschaften, die mit deren Lagerung beauftragt war, hätte es damals geheißen, die Bohrproben seien in verschiedenen Instituten unterwegs. Später hätten die Firmen die Untersuchung der Kerne aus den Gefrierbohrungen gefordert, doch die DBE hätte abgelehnt.

»Die wollten wohl«, meint Meinert, »Kritikern wie Duphorn keinen Auftrieb geben und den Schachtbauern eine Knobelaufgabe stellen.«

Die gingen dann auch bereitwillig darauf ein. Ausgerüstet mit den Schätzwerten, berechneten sie die notwendigen Temperaturen für den »Frostkörper« sowie die Größe der Kühlanlage und reichten ihren Betriebsplan beim Bergamt Celle zur Genehmigung ein.

Dessen Gutachter, Hans Neuber vom Geologischen Landesamt Nordrhein-Westfalen, hatte wohl zunächst Bedenken, erteilte dem bergbaulichen Vabanquespiel aber schließlich doch ein amtliches Plazet. Über die Gründe dafür will Neuber heute »gar nichts sagen«.

Dabei hätte er auch ohne Jessbergers Hinweise genügend Anlaß gehabt, an den Berechnungen zu zweifeln. So heißt es etwa in einem Betriebsplan-Nachtrag vom 11. Mai 1984, daß die »Druckfestigkeiten, die an Kernen aus dem Gipshut ... gemessen wurden«, sehr schwankend und »zum Teil sehr niedrig« seien. Das sei jedoch der »Inhomogenität des Gebirges« und zu kurzen Kernproben zu schulden, deshalb könnten die »im Untersuchungsbericht gegebenen Werte keine ... verwertbaren Aussagen liefern«. Jedoch könne man nach Erfahrungen mit anderen Schächten davon ausgehen, »daß das Hutgestein ... insgesamt standfest ist«.

Die Rechnung für derlei technische Ignoranz präsentierte das nur halbgefrorene Gebirge den Arbeitern im Schacht 1 fast auf den Tag genau drei Jahre später. Dabei kündigte sich das Unglück lange vorher an. An Vorwarnungen für die Gräber im Dienst des Atomstroms hatte nicht gefehlt: *___Seit Dezember stellten DBE-Meßtechniker fest, daß der ____Grundwasserspiegel »aus bisher ungeklärten Gründen« ____(Krug) um 16 Meter sank, das Gebirge war in Bewegung ____gekommen. *___Anfang März, so heißt es in einem Vermerk des ____Niedersächsischen Landesamtes für Bodenforschung, waren ____ab Tiefenmeter 212 »große Teile des Schachtstoßes an ____der Oberfläche gering oder nicht gefroren«. *___Mitte März schob sich aus der in der Schachtmitte ____verlaufenden Vorbohrung plötzlich eine meterlange ____Eissäule. Ihr folgten mehrere Kubikmeter flüssiger ____Salzlauge, die abgepumpt werden mußte. *___Im selben Zeitraum wurden mehrere Arbeiter durch ____Steinschlag verletzt. Bis zu anderthalb Zentner schwere ____Erdbrocken lösten sich von dem unteren, ungesicherten ____Teil der Schachtwand. *___Anfang April stieg die Temperatur an einem Meßfühler im ____Frostkörper außerhalb des Schachtes schlagartig von ____minus 17 auf minus 7 Grad das lockere Mauerwerk am ____Schachtrand zeigte erste Verformungen.

Spätestens zu diesem Zeitpunkt, so Meinert, »hätten die Arbeiten gestoppt werden müssen«. Er selbst habe noch, obwohl er wegen eines Steinschlag-Unfalles im Krankenhaus lag, vor der drohenden Gefahr gewarnt.

Um öffentliches Aufsehen zu vermeiden, begnügten sich Projektleiter Grübler und Baustellen-Chef Karl jedoch mit Notmaßnahmen. Sie setzten eine vorübergehend stillgelegte Kühlmaschine wieder in Gang. Im Eilverfahren ließen sie außerdem 34 Stahlringe montieren, die dem schiebenden Berg Widerstand

leisten sollten. Doch auch sie verformten sich in kürzester Zeit.

Trotz der Aufforderungen durch einen Schichtleiter, die Ringe gegen Absturz zu sichern, wie ein Arbeiter berichtete, haben »die einfach weitergraben lassen«. Erst jetzt schickte die Projektleitung Bodenproben der fraglichen Erdschicht zwecks Prüfung ins Bochumer Jessberger-Büro. Erwartungsgemäß stellten die Techniker dort fest, daß diese auch bei minus 20 Grad nicht zu gefrieren waren. Zu spät: Die Ergebnisse kamen erst am 13. Mai, einen Tag nach dem Unfall, bei den Firmen an.

Als dann noch immer Arbeiter in den Schacht geschickt wurden, so Meinert, »konnte ich das nicht mehr verantworten«. Diese Feststellung kostete ihn seinen Job. Drei Tage später mußten seine Chefs den Weg zum Salz mit Beton versiegeln lassen.

Eilfertig erfanden sie anschließend die Mär, »plötzlich von außen zutretendes Wasser« (Grübler) habe das Desaster ausgelöst. Prompt befand auch Minister Töpfer letzte Woche, da sei nur »ein rein bergbauliches Problem entstanden, das eben bergbaulich gelöst werden muß«.

Etwaige Fahrlässigkeiten müsse die Staatsanwaltschaft ermitteln. Im übrigen vertraut der Minister auf meterhohe gußeiserne Sicherheitselemente, mit denen die Schachtbauunternehmen ab Januar nächsten Jahres ihr Werk retten wollen.

Etwa ab Mai 1988, so hoffen sie, könnten die Schachtgräber - bei zusätzlichen Kosten von rund 20 Millionen Mark - wieder dort rein, wo sie ein Jahr vorher auch schon waren: bei Tiefenmeter 239.

Wahrscheinlich ist, daß dann wieder etwas schiefgeht. »Ohne eine Erweiterung des Frontkörpers«, meint Meinert, ist eine Wiederaufnahme der Arbeit unsinnig.« Noch gefährlicher sei jedoch die geplante Aushebung des zweiten Schachtes, mit der schon im nächsten Monat begonnen werden soll. Dort, vierhundert Meter vom ersten Bohrpunkt entfernt, lägen »Tonschichten, die kann man sich gar nicht vorstellen«. Durch solchen - mit Wasser vollgesogenen - »Lauenburger Ton« könnten ungeheure Drücke entstehen. Der Ansatzpunkt der Bohrung sei aber so gewählt, daß man schräg durch solch eine Druckschicht stoße und der Schacht dabei gefährlichen einseitigen Drücken ausgesetzt sei.

Bis 1984 sahen das auch die Vorgesetzten des gekündigten Aufsichtsingenieurs so und forderten die DBE damals auf, die Bohrung an anderer Stelle anzusetzen, wo der Schacht horizontal durch die gefährliche Tonschicht geführt werden könnte. Das hätte freilich eine Erweiterung des jetzigen Endlagergeländes erfordert. Eine solche »Standortverschiebung« jedoch, so Meinert, war für die staatlichen Auftraggeber damals »aus politischen Gründen« unerwünscht. Das könnte, wieder drei Jahre später, ins Auge gehen. Meinert: »Ich gebe denen höchstens 45 Meter.«

Name von der Redaktion geändert.Pressephotographen auf dem Betonverschluß im Schacht beimTöpfer-Besuch in der letzten Woche.

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