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SÜDAFRIKA / VERWOERD Tod im Laager

aus DER SPIEGEL 38/1966

Ungestüm zwängte sich der Parlamentsdiener durch die Sitzreihen der Abgeordneten und nestelte an der Jacke seiner blauen Uniform.

Der Abgeordnete Muller zu seinem Nachbarn: »Schau dir diesen Burschen an. Der scheint sich jetzt erst anzuziehen.«

Ein anderer Parlamentarier, Dr. Radford, wunderte sich: »Der hat's aber eilig. Sicher eine wichtige Botschaft.«

Der Eil-Bote huschte in die erste Reihe zu der mit grünem Leder bezogenen Bank des Kabinetts und stürzte auf den Regierungschef zu. Überzeugt, der Kammer-Diener habe eine Nachricht für ihn, blickte Hendrik Frensch Verwoerd, 64, Premierminister der Apartheid-Republik Südafrika, von seinen Akten auf - und sackte Sekunden später blutüberströmt zusammen.

Statt einer Botschaft hatte der Parlamentsdiener Dimitri Tsafendas einen Dolch im Gewande. Viermal rammte der Südafrikaner griechisch-portugiesischer Abstammmung mit farbigem Einschlag von einer Mulatten-Großmutter dem Premier, der nur noch den rechten Arm abwehrend hochreißen konnte, die 15 Zentimeter lange Klinge in den Leib und traf Lunge, Herz und Halsschlagader.

Die Schulkinder auf den Besucherplätzen, die Abgeordneten im Plenarsaal, die Journalisten auf der Pressetribüne des Parlaments in Kapstadt verharrten einen Augenblick regungslos - dann brach ein Tumult los.

Abgeordnete und Minister stürzten sich auf den Attentäter. Sportminister Frank Waring, einst Rugby-Nationalspieler, warf den tobenden Griechen zu Boden; er schlitzte sich am Mörder -Dolch die Hose auf, ein anderer Abgeordneter hielt seine aus einer Schnittwunde blutende Hand hoch, Tsafendas wurde mit zerschmettertem Nasenbein aus dem Saal gezerrt.

Dr. Fisher, ein Arzt von der oppositionellen United Party, riß Verwoerds

weißes Hemd, auf und mühte sich, mit einem Taschentuch das Blut zu stoppen. Vier andere Ärzte versuchten, dem Premier durch Mund-zu-Mund-Atmung neues Leben einzuhauchen. Verwoerd -Ehefrau Elizabeth ("Betsie") stürmte aus dem Foyer herein und warf sich über ihren Mann. Dann, 19 Minuten nach dem Anschlag, brachte ein Krankenwagen den Premier ins Groote-Schuur -Hospital. Zurück blieb ein großer Blutfleck auf dem grünen Teppich.

Parlamentspräsident Klopper begann Gebete für Verwoerds Rettung zu stammeln. Aber 50 Minuten nach dem Attentat verkündete Verkehrsminister Ben Schoeman, Sprecher der regierenden nationalistischen Verwoerd-Partei, den Tod des Premiers. Parlamentarier weinten wie Kinder; zwei Abgeordnete brachen in der Lobby ohnmächtig zusammen.

Wenige Stunden nach dem Tod des Premiers am Nachmittag des vergangenen Dienstag übernahm Finanzminister Dr. Theophilus Ebenhaezer ("Dr. Eben") Dönges, 68, kommissarisch die Führung der Regierungsgeschäfte - jener Mann, der Verwoerd 1958 bei der Wahl des Regierungschefs in einen zweiten Wahlgang gezwungen hatte und mit nur 75 zu 98 Stimmen unterlegen war. Dönges: »Südafrika verliert einen aufopferungsvollen, erfahrenen und dynamischen Führer.«

Der Premier des ostafrikanischen Staates Uganda, Obote, jedoch konstatierte: »Die Politik Südafrikas hat jene, die an eine freie Gesellschaft glauben, zu so bedauerlichen Methoden gezwungen.« In der Nigeria-Hauptstadt Lagos zogen Hunderte von Schwarzen durch die Straßen und sangen: »Halleluja.« Der linke Londoner »Daily Mirror« widmete seinen Verwoerd-Nachruf dem »Missionar des Hasses« - gegen die Schwarzen und gegen die Briten.

Die Briten hatte der holländische Missionarssohn Verwoerd - 1901 in der Nähe von Amsterdam geboren, 1903 mit seinen Eltern nach Südafrika gekommen - spätestens seit 1914 gehaßt: Als sich burische Nationalisten damals gegen die britische Herrschaft auflehnten, wollte der 13jährige Zögling einer britischen Schule im südrhodesischen Bulawayo den Rebellen helfen. Sein englischer Lehrer stieß den Schüler zu Boden, trat ihn mit Stiefeln und schleifte ihn über den Korridor.

Der hochbegabte Jüngling schlug daraufhin später ein britisches Universitäts -Stipendium aus und studierte statt dessen in Südafrika sowie auch in Deutschland (Hamburg, Leipzig, Berlin). Mit 25 Jahren wurde er bereits Professor für angewandte Psychologie an der Südafrika-Universität von Stellenbosch; das fanatische Mitglied der Nationalisten-Partei wurde auch ein treuer Freund der Nationalsozialisten.

Erbittert kämpfte Verwoerd in den dreißiger Jahren gegen die Aufnahme jüdischer Flüchtlinge aus Deutschland und später gegen die Beteiligung Südafrikas am Zweiten Weltkrieg. In der von ihm und seinem Freund Johannes G. Strijdom gegründeten Zeitung »Die Transvaler« prophezeite er unermüdlich Hitlers Sieg und Englands Untergang.

Folgerichtig widmete der »Transvaler« dem Sieg der Alliierten nur wenige Zeilen. Über den Südafrika-Besuch des englischen Königspaares im Jahre 1947 brachte er nur eine winzige Meldung im Lokalteil: Die Leser möchten bestimmte Straßenzüge meiden, die wegen des Besuches »einiger ausländischer Gäste« verstopft sein würden.

1948 schwemmten die Weißen Südafrikas Lei den Parlamentswahlen die antibritische Nationalistische Partei an die Macht. Nur Verwoerd, damals schon Chefideologe der Nationalisten, scheiterte:

In einem sicheren Buren-Wahlkreis in Transvaal, wo die Afrikaner auch heute noch nach altem Brauch über ihre schwarzen Feldarbeiter herrschen - in der einen Hand die Bibel, in der anderen die Peitsche -, versagten ihm die Buren die Mehrheit: Für sie war der in Holland geborene Verwoerd kein reiner Bure.

Doch Verwoerd wurde voll seiner Partei in den Senat delegiert; und Südafrikas neuer Premier, der Buren -Pfarrer Dr. Malan, machte seinen Vertrauten 1950 zum Chef des wichtigsten Ressorts: Verwoerd wurde Eingeborenenminister und gebärdete sich fortan burischer als die Buren.

Vom legendären Buren-Häuptling und Transvaal-Chef Ohm Krueger (1825 bis 1904) übernahm er die Lehre vom »weißen Laager«, in dem sich die drei Millionen Südafrika-Weißen vor den zwölf Millionen Farbigen verschanzen sollten wie einst der Ohm in seiner Wagenburg vor den Pfeilen der Zulus.

Verwoerd forcierte die »Politik der getrennten Entwicklung«, um das »Versinken der Europäer in der Flut der schwarzen Massen« zu verhindern.

Der tief religiöse Neu-Bure konnte der Trennung von Schwarz und Weiß auch ein christliches Mäntelchen umhängen: Die Niederländisch-Reformierte Kirche predigt die Apartheid und sieht in den Negern Menschen, die gerade gut genug sind »zum Holzfällen und zum Wassertragen«.

In Zügen und Bussen, bei der Post, in Kirchen, auf Sonnenbänken in Parks und vor allem in Wohngebieten wurden Weiß und Schwarz strikt getrennt. Letztes Ziel der Apartheid: Zusammenfassung der Schwarzen in acht halbautonomen Negerrepubliken - »Bantustans«.

Um Weiß und Farbig jeder Abstufung genau unterscheiden zu können, ließ Verwoerd alle Bewohner des Landes in Registrierbüros erfassen. Das Urteil der Registratoren entschied über das begehrte »W« (für Weiß) im Paß, das außer den Vollweißen nur die Japaner erhielten, weil sich Verwoerd den wichtigsten Handelspartner in Asien nicht verprellen wollte.

Um die Flut der Schwarzen aus den Städten fernzuhalten, ersann Verwoerd das Ausweisgesetz: Jeder Farbige über 16 Jahren muß ständig ein Ausweisbuch bei sich tragen, das unter anderem eine Aufenthaltsgenehmigung, eine Steuerkarte, einen Passierschein und eine Bescheinigung des Arbeitgebers enthält, die jeden Monat neu abgestempelt werden muß. Jeder Farbige ohne Ausweisbuch wird sofort verhaftet.

Am 21. März 1960 verbrannten Schwarze, die gegen die »Hundemarke« protestieren wollten, ihre Ausweise und marschierten in Massen zu den Polizeistationen, um sich wegen »Ausweislosigkeit« verhaften zu lassen.

In Sharpeville bei Johannesburg verhafteten die Polizisten nicht, sie schossen auf die Schwarzen. »Die Menschen fielen um wie Kegel«, berichtete ein Augenzeuge. 71 Tote und 150 Verletzte blieben auf dem Platz vor der Polizeiwache.

Knapp drei Wochen später, am 9. April 1960, feuerte David Pratt, ein Farmer britischer Abstammung, bei der Eröffnung einer Landwirtschaftsausstellung in Johannesburg dreimal auf den Apartheid-Apostel Verwoerd. Ein Schuß traf den Hinterkopf, der zweite durchschlug die rechte Wange und zerschmetterte den Premier-Kiefer, der dritte verfehlte das Ziel. Pratts Motiv: Abscheu vor der Apartheid.

Der Premier überlebte das Attentat - dank »göttlicher Vorsehung« (Verwoerd), die ihn nur veranlaßte, die Rassen-Schraube noch fester anzuziehen: Ermächtigungsgesetze gestatteten es fortan jedem Sicherheitspolizisten vom Leutnant aufwärts, Verdächtige ohne richterlichen Haftbefehl festzunehmen und bis zu drei Monaten einzusperren.

Die Gefängnisse füllten sich. Heute sitzt jeder 236. Südafrikaner ein, und nirgendwo in der Welt werden - prozentual - so viele Todesurteile vollstreckt wie am Kap ohne Hoffnung: durchschnittlich 99 im Jahr - pro Kopf der Bevölkerung 60mal soviel wie in den USA. Viele Opfer waren Farbige.

Die Welt rückte immer weiter vom Laager-Kommandanten ab. Die jungen Staaten Schwarzafrikas weigerten sich, diplomatische Beziehungen zu Südafrika aufzunehmen, und zwangen Verwoerds »South African Airlines« bei Flügen nach Europa zu einem 1800-Kilometer -Umweg. Die Uno setzte ein Dauer-Komitee für Fragen der Apartheid ein.

Im Frühjahr 1961 kappte Verwoerd selbst das - neben der Uno-Mitgliedschaft - vorletzte Bindeglied zur Umwelt: Er wandelte die Südafrikanische Union in eine Republik um und trat aus dem britischen Commonwealth aus. Verwoerd: »Südafrika steht an einem Wendepunkt der Geschichte, wie es ihn nur alle 400 oder gar tausend Jahre einmal gibt.«

Demonstrativ zeichnete das skandinavische Nobel-Gremium den gemäßigten südafrikanischen Neger-Führer Albert Luthuli im selben Jahr mit dem Friedensnobelpreis aus. Doch der Schwarze lebte in der Verbannung und durfte den Preis nicht in Empfang nehmen.

Je mehr sich die Weltmeinung gegen ihn kehrte, desto fester scharten sich die Weißen um Hendrik Verwoerd (bei den letzten Wahlen erreichte seine Partei 126 von 170 Sitzen) und desto hartnäckiger wurde der Premier. »Die Welt von heute ist krank«, verkündete Verwoerd. »Südafrika darf sich nicht auf dieses Krankenbett ziehen lassen. Warum sollen wir unsere Zukunft als weiße Nation aufs Spiel setzen, nur um der Welt zu gefallen?«

Briten-Premier Harold Macmillan warnte Verwoerd vor den »Winden des Wechsels« ("winds of change"), die das Konzept der Apartheid hinwegfegen würden. Aber Verwoerd ignorierte die Warnung - und machte den radikalsten Apartheid-Praktiker, Balthazar Johannes Vorster, zum Justizminister.

Vorster, während des Zweiten Weltkriegs wie Verwoerd Hitler-Freund und Briten-Feind, erließ neue, noch schärfere Gesetze. Mischehen wurden verboten, schon der Versuch gemischter Liebe war Verbrechen, das mit Prügelstrafe und Gefängnis geahndet wurde.

Aus Vorsters Feder stammt auch das Sabotagegesetz von 1962: Ohne richterlichen Haftbefehl dürfen der Sabotage

verdächtige - mithin alle - Personen eingesperrt werden. Die Konsultierung eines Anwalts ist ihnen untersagt, Besuch im Kittchen nicht erlaubt.

Die Welt ächtet Südafrika, aber Geschäfte machen alle, selbst die Schwarzen, mit den Apartheid-Aposteln. Immer mehr Industrieunternehmen aus Europa und Amerika gründeten Niederlassungen am Kap; reiche Bodenschätze - vor allem Diamanten und Gold, von dem Südafrika 73 Prozent der Weltproduktion liefert - machten die Republik zu einer wirtschaftlichen Großmacht. Und allein in den ersten vier Monaten dieses Jahres erreichte die Ausfuhr Südafrikas zu seinen schwarzen Nachbarn einen Wert von 312 Millionen Mark - 30 Prozent mehr als im Vorjahr.

Im Lande selbst steigen immer mehr Neger (Mindestlohn für ungelernte Arbeiter: 10,20 Mark am Tag) in Positionen auf, die bislang den Weißen vorbehalten waren, denn trotz 3000 Einwanderern pro Monat gibt es nicht mehr genug weiße Arbeitskräfte. Gemeinsam mit weißen Handwerkern stehen Neger an Fließband und Hochofen; doch abends müssen sie zurück in ihren Vorstadt-Kral.

Südafrikas Wirtschaft ist von den Farbigen, denen es sozial bessergeht als irgendwo sonst in Afrika, derart abhängig, daß ein Wissenschaftler aus Kapstadt aus Sorge um den Fortbestand der Apartheid vorschlug, Paviane (englisch: »baboon") für einfache manuelle Arbeiten abzurichten. Kommentar der »Rand Dally Mail": Verwoerd werde dann sicher bald »Baboonstans«, Pavian-Republiken, gründen.

Am Tage des Attentats, zwei Tage vor seinem 65. Geburtstag, wollte Verwoerd im Parlament über das Verhältnis zu Schwarzafrika sprechen. Ob er etwas Neues zu sagen hatte, wird nie bekanntwerden. Denn Verwoerd - kein großer Redner, aber ein Mann mit beinahe enzyklopädischem Gedächtnis

- sprach stets frei. Bevor ihm der Parlamentspräsident das Wort erteilen konnte, stach Dimitri Tsafendas zu.

Vier Tage nachdem Verwoerd erstmals einen schwarzen Staatsmann empfangen hatte - den Premier der am 4. Oktober unabhängig werdenden Enklave Basutoland, Leabua Jonathan -, verblutete er unter den Stichen eines Mörders, der die Apartheid noch radikaler praktiziert sehen wollte als hr Prophet.

Tsafendas: »Der Premier sollte nicht soviel für die schwarzen Kaffern tun, sondern lieber für die Weißen sorgen.«

»Die südafrikanische Regierung«, kommentierte die »New York Times« den Mord, »wird nun ihren Weg, der zwangsläufig zur Kollision mit dem übrigen Afrika führen muß, noch gradliniger verfolgen. Wir glauben, daß der Mord an Verwoerd der Prolog zu einem langen und tragischen Drama war. Denn Verwoerds Nachfolger werden noch weniger Erbarmen für politische Gegner haben als der Ermordete.«

Favorit für die Nachfolge ist Apartheid-Radikalist Balthazar Vorster. Aber auch die anderen Kandidaten - Finanzminister Dönges und, Verkehrsminister Schoeman - glauben an die Richtigkeit der radikalen Rassentrennung.

Schoeman vor 3000 Schulkindern: »Ihr werdet Südafrika verteidigen müssen, und ihr müßt bereit sein, alles zu opfern

- selbst euer Leben!«

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