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Norwegen Tod im Ödland

Oslo fürchtet, daß der Beitritt zur EWG ein Todesurteil für die Fischer Nordnorwegens bedeutet.
aus DER SPIEGEL 3/1972

Sie fangen Makrele, Lachs und Hering. Aber bald, so fürchten Nordnorwegens Fischer, fangen sie nur noch wenig Meeresgetier.

Denn wenn Norwegen in die EWG eintritt, muß es den Fischern der Mitgliedstaaten grundsätzlich seine 3400 Kilometer lange Küste öffnen, vor der die Norweger -- bis zu einer Grenze von zwölf Seemeilen -- bislang exklusiv jagen. Die Brüsseler Eurokraten wollen ihnen nur befristete Schonzeit gewähren: Sie würden in bestimmten Teilen ihres Küstengewässers nur noch zehn Jahre lang Monopolherren sein.

Drei der vier EWG-Neuen -- England, Irland und Dänemark -- akzeptierten diesen ohne ihre Mitwirkung gefaßten Fischerei-Beschluß, Norwegen aber lehnte ab: In seinen Nordprovinzen Nordland, Troms und Finnmark leben mehr als ein Drittel aller Menschen von der Fischerei.

Die Fischer werden vom norwegischen Staat seit langem subventioniert, voriges Jahr mit 100 Millionen Mark. Ihre Zahl ist von 86 000 im Jahr 1948 auf die Hälfte geschrumpft.

Nur ein knappes Viertel aller Fahrzeuge in Nordnorwegen sind gedeckte Holz- oder Stahlschiffe, der Rest offene Boote. In die insgesamt 36 200 Fahrzeuge teilen sich 43 000 Fischer.

Nur dank dieser kleinen Boote kommen die Fischer mit flachen Naturhäfen ohne kostspielige Anlagen aus; und nur sie bieten die Chance, daß an der Küste im hohen Norden Kleinfischerdörfer, zuweilen mit einem kleinen Verarbeitungsbetrieb, existieren können. Viele sind bereits langsam gestorben: Jährlich wandern 5000 Menschen mehr ab als zu. Die Jugend zieht ins chancen- und kontaktreichere Südnorwegen ab. Der Lehrer geht. Gemischtwarenladen. Poststelle und Telephonzelle zahlen sich nicht mehr aus. Fernsehen und sogar Hörfunk sind oft kaum zu empfangen. Wenn schließlich kein Überland- oder Wasserbus mehr kommt, werden die letzten Alten vom Staat evakuiert.

Norwegen will daher der EWG nicht beitreten, solange sie den Nordprovinzen den schnellen wirtschaftlichen Tod verspricht. Inzwischen ist es bereits in puncto Fischerei als »Sonderfall« anerkannt worden.

In der Hoffnung, mehr Sonderrechte zu bekommen, ging Premier Bratteli letzte Woche auf Tournee durch die EWG-Hauptstädte.

Seine Chancen stehen nicht schlecht: Die EWG-Länder, sämtlich Nato-Mitglieder, möchten das strategisch wichtige, an die Sowjet-Union grenzende Ödland nicht gern entvölkern.

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