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PHILIPPINEN Tod in Manila

Der Staatspräsident warnte den Oppositionspolitiker im Exil, in die Heimat zurückzukehren. Der reiste trotzdem nach Manila - und wurde ermordet. *
aus DER SPIEGEL 35/1983

Imelda Marcos, 53, Präsidentengattin und mächtigste Frau der Philippinen, gab ihrem politischen Gegner, einem ehemaligen Senator, einen guten Rat. Am 21. Mai dieses Jahres traf sie ihn in New York - sie weilte dort auf Staatsbesuch, er lebte im Exil.

Wenn er denn unbedingt auf die Philippinen zurückkehren wolle, so Frau Marcos in vertraulichem Gespräch, dann solle er damit der Regierung ihres Mannes helfen, das Volk zu einigen. Er entgegnete, eigenen Aufzeichnungen zufolge: Wenn er wieder Heimatboden betreten habe, werde er nur helfen, die Opposition gegen Präsident Marcos zu einigen.

Wenn das aber sein Ziel sei - Frau Marcos wurde deutlich -, werde ihn die philippinische Regierung bei seiner Rückkehr sofort festsetzen lassen müssen - zu seinem eigenen Schutz, denn es gebe Menschen auf den Philippinen, die ihm Böses wollten.

Benigno Aquino, 50, Ex-Senator und Ex-Präsidentschaftsanwärter, schlug die Warnung aus - er wollte in die Heimat, nach drei Jahren der selbst gewählten Verbannung in den USA.

Imelda-Gatte Ferdinand, seit 18 Jahren autokratischer Herrscher der Philippinen, schob eine unmißverständliche Warnung nach. Ende Juli schickte Manilas Außenministerium ein Telex an sein New Yorker Konsulat. »Der Präsident verlangt«, hieß es darin, daß diese Nachricht Aquino übermittelt werde: _____« Geheimdienst-Berichte bestätigen, daß gewisse Gruppen » _____« Sie ermorden wollen, wenn Sie zurückkehren. Da die » _____« Regierung für alles, was Ihnen in den Philippinen » _____« zustoßen wird, verantwortlich gemacht werden wird, möchte » _____« die Regierung Sie ernsthaft bitten, so lange in den » _____« Vereinigten Staaten zu bleiben, bis sie diese Gruppen » _____« identifiziert und neutralisiert hat. »

Marcos verlieh seiner Botschaft Nachdruck: Er ordnete an, Aquinos ungültigen Reisepaß nicht zu erneuern.

Doch den starrköpfigen Benigno Aquino schreckte auch das nicht ab. Von der US-Einwanderungsbehörde soll er sich ein Behelfsdokument besorgt haben, daß er legal in die USA und wiederausgereist sei, und ließ verbreiten, er werde am 21. August in Manila eintreffen.

Eine Maschine der taiwanesischen »China Airlines« brachte den Oppositionspolitiker in die Heimat. (Dafür wurden der Fluggesellschaft einen Tag später von Marcos die Landerechte in den Philippinen entzogen.) Kurz vor der Landung in Manila erzählte Aquino einem Journalisten, er habe »Geheimdienstmeldungen« aus der philippinischen Hauptstadt gehört, er solle bei der Ankunft erschossen werden und auch der Attentäter werde getötet.

Dann legte Aquino eine kugelsichere Weste an: »Natürlich, wenn sie mir in den Kopf schießen, bin ich sowieso hin.«

Das Flugzeug landet. Über eine Gangway, nicht über die an der anderen Seite der Maschine herangefahrene Passagierbrücke, dringen Uniformierte und Polizisten in Zivil ein; Aquino wird von zwei Soldaten abgeführt; die Zivilbeamten hindern die anderen Passagiere, darunter ein gutes Dutzend Journalisten aus mehreren Ländern, am Aussteigen.

Der Internationale Flughafen Manila ist abgeriegelt, Abfertigungshalle wie Rollfeld sind von schwerbewaffneten Soldaten besetzt. Niemand kommt durch.

Vor dem Terminal warten rund 30 000 Aquino-Fans mit Plakaten und Spruchbändern auf den Politiker, den populärsten Demokraten der Philippinen, den charismatischen Volkstribunen, der heimgekehrt ist, dem Diktator und dessen Militär-Clique die Stirn zu bieten.

Benigno Aquinos erster Schritt auf Heimatboden ist sein letzter. Er wird erschossen - von wem, bleibt im Verlauf der folgenden Tage ungeklärt. Amerikanische und japanische Reporter wollen aus dem Flugzeug gesehen haben, daß nicht der angebliche Attentäter, sondern Aquinos Bewacher, Soldaten, den Politiker erschossen. Das Informationsministerium hat gegen diese Journalisten Strafantrag wegen Verleumdung gestellt.

Die Militärs, für die Flughafenbewachung zuständig, weisen einen anderen Täter vor, einen 20jährigen Mann.

Den weiteren Verlauf des Dramas schilderte der Polizeichef von Manila, Generalmajor Prospero Olivas, militärisch knapp: »Die Aquino zugeteilten Sicherheitsbeamten erwiderten das Feuer und töteten den Attentäter auf der Stelle.«

Aquino wurde von seinen beiden Militär-Bewachern in einen etwa fünf Meter abseits wartenden Polizeiwagen geworfen, der den Politiker eigentlich ins Gefängnis bringen sollte. Bei der Ankunft im Militärhospital stellten die Ärzte den Tod fest. _(Soldaten heben den tödlich getroffenen ) _(Politiker in ein Fahrzeug. )

Der angebliche Attentäter, von Kugeln durchsiebt, blieb in seiner Blutlache auf dem Rollfeld liegen, über vier Stunden lang. Es kümmerte niemanden.

Staatspräsident Ferdinand Marcos zeigte sich in »Sorge« über den gewaltsamen Tod Benigno Aquinos. Doch er kam ihm nicht ungelegen.

Vor 18 Jahren wurde Ferdinand Marcos, damals 48, in freier demokratischer Wahl Präsident der Philippinen. An ihm führte kein Weg vorbei: Er war General, Befreier des Vaterlandes im Zweiten Weltkrieg, höchstdekorierter philippinischer Offizier aller Zeiten, Populist.

Nur ein Mann hatte die Statur, ihm seinen Machtanspruch streitig zu machen: sein ehemaliger Parteifreund und der spätere Parteichef Benigno Aquino. Marcos war in den 60er Jahren von den Liberalen zur erzkonservativen »Nationalistischen Partei« übergetreten.

Aquino hatte keine militärischen Meriten vorzuweisen, aber einen gescheiten Kopf: Der gelernte Journalist wurde nacheinander jüngster Bürgermeister der Philippinen, jüngster Provinz-Gouverneur der Philippinen und jüngster Senator - der Senat mußte auf Antrag der Marcos-Rechten Aquinos Wahl noch einmal bestätigen, weil Senator Aquino noch keine 35 Jahre alt war, wie gesetzlich gefordert.

1972 - Präsidentschaftswahlen standen an, der junge liberale Aufsteiger machte dem Amtsinhaber nachdrücklich die Macht streitig - schlug Marcos zu: Er verhängte das Kriegsrecht über die Philippinen, gab sich dadurch selbst die Handhabe, politische Gegner zu Hunderten ins Gefängnis zu bringen und mundtot zu machen, auszuschalten. Unterstützt von seiner Frau Imelda, inzwischen Ministerin, Gouverneurin und Nachfolgekandidatin ihres Mannes, bestimmte Marcos fortan allein die Geschicke der Nation. Das Militär war ihm zu Diensten.

Benigno Aquino wurde als einer der ersten verhaftet und in eine Einzelzelle des Militärlagers »Forte Bonifacio« gesperrt. Ein Militärgericht - es herrschte ja Kriegsrecht - verurteilte ihn 1977 wegen »Subversion, Mord und unerlaubten Waffenbesitzes« zum Tode durch Erschießen.

Ein Gnadenakt des Präsidenten bewahrte Aquino damals vor der Exekution. Marcos ordnete eine Wiederaufnahme des Verfahrens an.

1980 gestattete der Staatschef seinem Gegner, den er fürchtete wie keinen anderen auf den Philippinen, sogar die Ausreise in die USA - für eine komplizierte Herzoperation. Es war ein Hafturlaub auf Ehrenwort, doch Aquino kehrte nicht zurück, bis es ihm selbst opportun erschien und er den Präsidenten von eigenen Gnaden wieder herausfordern konnte.

Vor wenigen Wochen wurde das Todesurteil gegen Senator Aquino vom Militärtribunal der Philippinen bestätigt - ein zwielichtiger Vorgang, denn 1981 hatte Marcos das Kriegsrecht per Dekret beendet und damit ja wohl auch die militärische Gerichtsbarkeit in zivilen Straffällen.

Aquino sagte vor drei Wochen in einem Interview mit »Newsweek": »Ich habe schon seit langem Mord als Teil des politischen Lebens akzeptiert. Ich bin bereit, meinem Mörder gegenüberzutreten. Wissen Sie, die (auf den Philippinen) warten mit der Todesstrafe auf mich. Das ist die Art von Mord, vor der ich Angst habe.«

Er wurde exekutiert - und einigt vielleicht auf diese Weise doch die Marcos-Gegner. Hunderttausende folgten dem Sarg zur katholischen Kirche Santo Domingo, wo der Leichnam bis zum vergangenen Sonnabend aufgebahrt wurde. Schon mehr als 100 000 Philippiner defilierten bis zum vergangenen Freitag am toten Oppositionsführer vorbei.

US-Präsident Ronald Reagan, der im November die Philippinen zu bereisen wünscht, forderte vergangene Woche eine schonungslose Aufklärung des Todes von Aquino.

Polizei und Militär, Politiker und vor allem Präsident Marcos seien - heißt es - mit Nachdruck bemüht, dies »abscheuliche Verbrechen« (Marcos) aufzuklären.

Fragen über Fragen bleiben: *___Wieso konnte der Attentäter, bewaffnet, die angeblich ____sichere Sperrkette von mehreren hundert Soldaten ____ungehindert passieren und sich seinem Opfer bis auf ____einen halben Meter nähern? *___Woher wußte der Attentäter, daß Aquino nicht wie ____üblicherweise über die Passagierbrücke, sondern über ____eine Gangway auf das Rollfeld abgeführt werden sollte? *___Wieso bemerkten Aquinos Wachsoldaten den Attentäter auf ____dem sonst menschenleeren Flugplatz erst, als er schoß? *___Warum wurde Aquino sofort mit dem bereitstehenden ____Transporter ins Krankenhaus geschafft, der Attentäter ____aber nicht?

Vor allem aber: Photos zeigen, daß der tote Todesschütze etwa zwei Meter links neben dem ermordeten Senator Aquino liegt.

Ärztlicher Befund aber, regierungsamtlich: Benigno Aquino wurde von einer Pistolenkugel getötet, die aus nächster Nähe »unterhalb des rechten Ohres ein- und beim Kinn austrat«.

Soldaten heben den tödlich getroffenen Politiker in ein Fahrzeug.

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