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LADENDIEBSTAHL Tod umsonst

Selbstjustiz im Supermarkt: Waren die Täter selber Opfer von Streß und Ausbeutung? *
aus DER SPIEGEL 36/1987

Der Iraner Kiomars Javadi, 20, wollte nicht im Golfkrieg sterben. Vor den Rekrutierungskommandos der Ajatollahs flüchtete er in die Bundesrepublik und beantragte politisches Asyl.

Einem gewaltsamen Ende entging Javadi dadurch nicht: Mittwoch vorletzter Woche kam er im Hinterhof des Lebensmittelmarkts »Pfannkuch« im schwäbischen Tübingen zu Tode. Ein Angestellter 27 Jahre alt, hielt den Iraner an den Beinen fest, ein 18jähriger Auszubildender nahm ihn so lange in den Würgegriff ("Den lasse ich nicht mehr los"), bis Javadi die Luft wegblieb.

Rund 20 Kunden und Passanten sahen zu, trauten sich jedoch nicht, einzugreifen. Amtliches Obduktionsergebnis: Tod durch Erstickung.

Der Anlaß für den Exzeß war alltäglich. Javadi, der in einer Sammelunterkunft wohnte und pro Tag 2,30 Mark Taschengeld erhielt, soll versucht haben,

in der »Pfannkuch«-Filiale Fleisch und Wurst zu stehlen. Statt mit seinem gefüllten Einkaufswagen an die Kasse zu fahren, wollte er sich nach Angaben des Personals durch den Hintereingang absetzen. Einer Festnahme bis zum Eintreffen der alarmierten Polizei habe er sich widersetzt, einem Verkäufer in den Finger gebissen.

Der Tod des Asylbewerbers löste in der Universitätsstadt Tübingen, wo es im Gemeinderat eine Mehrheit aus Sozialdemokraten, Alternativen und Kommunisten gibt, heftige Reaktionen aus. Bürger empörten sich in Briefen an das lokale »Schwäbische Tagblatt« über die »steinzeitliche Lynchjustiz«, bekundeten »Abscheu, Scham und Trauer«. Ein »Aktionskomitee gegen Rassismus und Ausländerfeindlichkeit« organisierte eine spontane Demonstration, an einem Trauerzug für den toten Iraner nahmen über 2000 Menschen teil.

Demonstranten forderten »Pfannkuch«-Kunden zum Einkaufsboykott auf, an die Schaufensterscheiben des Ladens, wo sonst für Sonderangebote geworben wird, wurden Protestplakate geklebt: »Hier gibt es den Tod umsonst.« Nach telephonischen Bombendrohungen und Blockaden vor der Eingangstür wurde die Filiale letzte Woche auf Anordnung der Karlsruher »Pfannkuch«-Zentrale vorübergehend dichtgemacht - offiziell »wegen Umbaus«. Unbekannte ergänzten die Firmenverlautbarung: »Wegen Mordes geschlossen«.

Der Lebensmittelkonzern, der im südwestdeutschen Raum rund 170 Filialen betreibt und 2800 Mitarbeiter beschäftigt, verweigerte zunächst »mit Rücksicht auf die laufenden Untersuchungen« jegliche Sellungnahme,rang sich dann aber zum »Bedauern des Vorfalls« durch. Geschäftsführer Arnold Heizmann sprach von einem »furchtbar traurigen Unfall«

Selbstjustiz gegenüber tatsächlichen und vermeintlichen Ladendieben ist in bundesdeutschen Einkaufszentren und Supermärkten keine Seltenheit. Die Skala reicht von Psychoterror über Erpressung bis zur Gewalt. Ertappte Kunden wurden in der Vergangenheit von einigen Firmen über Lautsprecher mit Namen und Adresse denunziert oder mittels Aushang an den Pranger gestellt.

Der Filialleiter eines Ulmer Supermarktes ließ eine hochschwangere Frau, die ein Päckchen Suppenfleisch für 4,06 Mark geklaut hatte, zur Strafe einen Monat lang den Firmenhof fegen ("Oder ich sag's Ihrem Mann"). Ein Frankfurter Baustoffgroßmarkt verzichtete immer dann auf Einschaltung der Polizei, wenn beim Stehlen erwischte Kunden eine »Bearbeitungsgebühr« von 50 Mark zahlten und sich verpflichteten unentgeltlich auf dem Bauhof zu malochen.

Oft geht es nur um Bagatellen, steht der Wert gestohlener Waren im Umgekehrten Verhältnis zum Übereifer der Verfolger. Ein Münchner Ladendieb der eine Tafel Schokolade entwendet hatte, verlor durch den Karateschlag eines Detektivs seine Vorderzähne; einem Frankfurter Ladendieb, der Lebensmittel im Wert von zehn Mark mitgehen lassen wollte und nach seiner Enttarnung mehrere Fluchtversuche unternahm, wurde von einem Angestellten mit dem Gummiknüppel ein Auge ausgeschlagen.

Der Münsteraner Kriminologe Hans Joachim Schneider glaubt, daß bei der Entdeckung und Bestrafung von Ladendieben auch »sonst nur mühsam unterdrückte kriminelle Sehnsüchte« des Personals frei werden - der einzelne bekämpfe im Dieb »gleichzeitig den eigenen inneren Schweinehund«.

Obwohl Ladendiebstahl ein Massendelikt sei, das von Angehörigen aller sozialen Schichten verübt werde, gerieten vor allem Randgruppen ins Visier, etwa Ausländer, arbeitslose Jugendliche oder Stadtstreicher. Schneider: »Selektive Wahrnehmung.«

So mag es auch in Tübingen gewesen sein. Wäre Kiomars Javadi »nicht Ausländer gewesen«, kommentierte die »Tageszeitung«, hätte der Diebstahlsverdacht »wohl nicht seinen Tod bedeutet«.

Mitarbeiter der Gewerkschaft Handel Banken und Versicherungen(HBV)sind indessen überzeugt, daß der Tübinger Todesfall auch im Zusammenhang mit dem »wahnsinnigen Druck und Streß« gesehen werden müsse, dem die Beschäftigten im Einzelhandel ausgesetzt seien. Der Reutlinger HBV-Sekretär Ernst Bodenmüller: »Aus den Leuten wird doch das Letzte herausgeholt.«

Vor allem in der Lebensmittelbranche, in der sich wenige Supermarktketten einen ruinösen Verdrängungswettbewerb liefern, werden die knappen Gewinnmargen hauptsächlich durch Personaleinsparungen und Niedriglöhne erzielt. Folge: Schlecht bezahlte Mitarbeiter sollen immer mehr leisten. Gewerkschafter Bodenmüller: »Das macht aggressiv.«

Ein Supermarktangestellter, der drei Jahre lang Einzelhandelskaufmann gelernt hat, verdient nach dem gültigen Tarif in Baden-Württemberg in der Endstufe 2215 Mark brutto, bekommt etwa 1500 Mark ausgezahlt. Hat er Frau und zwei Kinder zu ernähren, geht es ihm mit dem Sozialhilfesatz besser.

Eine angelernte Kassiererin, die acht Stunden täglich an der Registrierkasse tippen muß und bei einigen Unternehmen für etwaige Differenzbeträge mit eigenem Geld einzustehen hat, muß sich sogar mit 1755 Mark brutto, etwa 1200 Mark netto, zufriedengeben. Sogenannte Fangprämien, wie sie nach Erkenntnissen der HBV auch bei »Pfannkuch« für die Festnahme von Dieben gezahlt werden, sind als zusätzliche Einnahme allemal willkommen.

Hinzu kommt, daß die aus Ladendiebstählen resultierenden Inventarverluste das Betriebsklima vergiften. Es sei schon vorgekommen, klagt die Gewerkschaft, daß Filialleitern bei Minusbeständen mit Kündigung gedroht worden sei. Der Druck werde an die Untergebenen weitergegeben,

die Wut auf Diebe systematisch geschürt.

Ob der Lehrling, der den Iraner würgte, solche Wut abreagierte, auf eine Prämie scharf war oder sich bei Vorgesetzten andienen wollte, ist noch ungeklärt. Die Tübinger Staatsanwaltschaft, die gegen den 18jährigen und seinen 27jährigen Kollegen wegen Körperverletzung mit Todesfolge ermittelt, will auch prüfen, ob etwa rassistische oder neonazistische Motive eine Rolle spielten.

Die Firma »Pfannkuch« hat den Auszubildenden zunächst einmal beurlaubt.

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