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USA Tödlich langsam

Chaos im Weißen Haus: An seiner eigenen Entschlußlosigkeit könnte Bill Clinton scheitern.
aus DER SPIEGEL 24/1994

Washington hat den Ruf, eine grausame Stadt zu sein. »Sie steckt voller böser Menschen«, sagt US-Notenbankchef Alan Greenspan. Täglich lauere die politische Aristokratie hinter ihren Fenstern, um zu sehen, wer heute wohl zum Schafott geführt werde. Leute fertigzumachen gilt hier als Sport.

Der Journalist Bob Woodward wird in der US-Hauptstadt gewissermaßen als Chefhenker angesehen. Seit er mit seinem Kollegen Carl Bernstein die Watergate-Affäre enthüllt und damit den republikanischen Präsidenten Richard Nixon zum Rücktritt gezwungen hat, löst schiere Furcht vor ihm die Zungen auch solcher Akteure, die dienstlich zum Schweigen verpflichtet wären. Dem investigativen Großinquisitor der Washington Post beichtete sogar der ehemalige CIA-Chef William Casey noch auf dem Totenbett.

Nun hat Woodward seine Recherche über die Clinton-Regierung vorgelegt, und alle, bei Hillary und Bill Clinton angefangen, gaben offenbar freudig Interna der Regierung preis*. Doch für eine Hinrichtung hat es diesmal nicht gereicht.

Im Gegenteil: Trotz aller Peinlichkeiten aus dem Alltag im Weißen Haus schließt sich Woodward am Ende des Buches dem Urteil des Kabinettsseniors an. Finanzminister Lloyd Bentsen, Mitglied des Washingtoner Hochadels seit Jahrzehnten, erkennt in dem Neuankömmling aus Arkansas einen Mann von »herausragendem, wißbegierigen Verstand«, der in vielerlei Hinsicht »sehr geeignet« für das Präsidentenamt sei.

Schade deshalb, daß Clinton gleichzeitig so disziplinlos ist, zu Chaos neigt und sich als unfähig erweist, den permanenten Krieg zwischen seinem Kabinett und seinen aus Wahlkampfzeiten vertrauten Image-Beratern zu beenden. Das könnte ihn 1996 das Amt kosten.

Das Buch schildert minutiös die Entstehung des Haushalts für das Finanzjahr 1994 - die Essenz der Wirtschaftspolitik des Präsidenten. Es beschreibt den _(* Bob Woodward: »The Agenda. Inside the ) _(Clinton White House«. Simon & Schuster, ) _(New York; 352 Seiten; 24 Dollar. ) schmerzhaften Prozeß, der den populistischen Reformer Clinton, den Erneuerer der Demokratischen Partei, in einen »Republikaner der Eisenhower-Ära« (so Clinton) verwandelt. Der Schuldenberg, den seine Vorgänger hinterließen, zwingt zu eisernem Sparen.

Der selbsternannte Anwalt des kleinen Mannes muß zuallererst die Finanzmakler von Wall Street zufriedenstellen, deren Geschäfte die Höhe des Zinssatzes auf dem Rentenmarkt wesentlich bestimmen. Und nur wenn der niedrig ist, kann die Konjunktur brummen, besteht langfristig Aussicht darauf, daß später einmal wieder Geld für aktive Sozialpolitik vorhanden sein wird.

Den Herrschern der Finanzmärkte muß Clinton auch solche Programme opfern, an deren Verwirklichung sich seiner Meinung nach die Zukunft der USA entscheidet. Nicht etwa als Papst oder als Präsident möchte deshalb der Clinton-Intimus James Carville wiedergeboren werden, sondern wenn schon, dann als Rentenmarkt: Der beherrsche offenbar die ganze Welt.

Überhaupt ist es immer wieder der genialische Wahlkampfstratege Carville, der Clintons Schwierigkeiten auf den Punkt bringt: »Warum leckt ein Hund seinen Pimmel? Weil er es kann. Warum gleichen wir das Haushaltsdefizit nicht aus? Weil wir es nicht können.«

Clintons ständiges Aufbegehren gegen die eigene, als notwendig erkannte Sparpolitik macht ihn durchaus sympathisch. Zeigen die Sparkommissare seiner Regierung allzuviel Freude beim Streichen von Sozialprogrammen, erinnert sie Clinton daran, wem sie gerade möglicherweise Lebensnotwendiges verweigern. Raten ihm andererseits seine Image-Ingenieure zu einem Kreuzzug gegen »die Reichen«, um seinen Popularitätswerten aufzuhelfen, bügelt sie Clinton ebenso kaltschnäuzig ab.

Ein angenehmer Chef ist Clinton keinesfalls. Mitarbeitermotivation erfolgt nach Art von Attila: Als der neuernannte Berater David Gergen, der bis dahin für die republikanischen Präsidenten von Nixon bis Reagan gearbeitet hatte, erstmals eine Clintonsche Brüll-Orgie anhören muß, zweifelt er ernsthaft an der Belastbarkeit des Regierungschefs. Erfahrene Mitarbeiter hören gar nicht mehr hin, wenn der Chef seinen morgendlichen Koller bekommt.

Denn der Zorn des Herrn hält für gewöhnlich nur kurz an: Der gleiche Mitarbeiter, den Clinton eben noch »tot, tot« haben wollte, kommt meist mit einer Standpauke davon. In Wahrheit fällt es Clinton schwer, jemanden zu feuern.

Doch was dem guten Menschen mit den vielen schlechten Eigenschaften wirklich schadet, sind seine Entschlußlosigkeit und die Unfähigkeit zu delegieren. Sein Management-Stil ist so erbärmlich, daß ihn Mitarbeiter für »tödlich langsam« halten.

Dabei spielt ihm seine eigene Intelligenz einen Streich. Clinton, der besser vorbereitet und sachverständiger ist als Bush und Reagan, fordert bewußt Widerspruch von seinen Beratern. Jede Konferenz droht auf diese Weise zum Debattierklub zu mißraten.

An entscheidenden Punkten ist es Hillary, die den internen Diskussionen Struktur verleiht und auf Entscheidungen drängt. Laut Woodward ist sie zuweilen die eigentliche Macht im Haus: »ungleich härter, viel zielbewußter und disziplinierter« als ihr Mann.

Die beiden scheinen sich zu ergänzen - trotz aller Belastungen ihrer Ehe, die Woodward einfach nur konstatiert, aber nicht beschreibt. Eine Paula Jones, die ihren einstigen Vorgesetzten Clinton wegen eines längst vergessenen Techtelmechtels verklagt hat, taucht im Namensregister gar nicht erst auf.

Hillary weiß, daß ihrem Mann letztlich das Schicksal Jimmy Carters droht, der nicht wiedergewählt wurde, weil seine Amtsführung allem guten Willen zum Trotz uneffektiv blieb. Sie ist diejenige, die darauf besteht, genau zu erfahren, was die Medien von Clintons Amtsführung halten.

Nur manchmal, wenn es zu dick kommt, wie in der Whitewater-Affäre beispielsweise, hört auch Hillary auf, Zeitungen zu lesen.

Dann erinnern sich die beiden an eine Drohung aus dem Weißen Haus des Vorgängers George Bush: »Wir werden alles dafür tun, Sie zu zerstören.« Und die Clintons glauben, wie noch jeder bedrängte Präsident zuvor, daß finstere Mächte gegen sie am Werk sind. Y

* Bob Woodward: »The Agenda. Inside the Clinton White House«. Simon& Schuster, New York; 352 Seiten; 24 Dollar.

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