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VERKEHR / UNFÄLLE Tödliche Hölzer

aus DER SPIEGEL 1/1967

Auf der Bundesstraße 1 bei Klein Schöppenstedt im Landkreis Braunschweig fuhr 1966 ein Bundeswehrgefreiter das Auto seines Vaters an einem Baum zu Schrott -- drei Tote.

Auf der Bundesstraße 76 zwischen Kiel und Schleswig prallte ein Personenwagen gegen einen Chausseebaum -- sechs Tote.

Auf der Landstraße zwischen den oberbayrischen Ortschaften Starnberg und Herrsching rasten 1966 nacheinander mehrere Kraftfahrer gegen ein und denselben Straßenbaum -- insgesamt vier Tote.

Zur Postkutschenzeit wurden Deutschlands Chausseeränder einst mit Linden, Pappeln und anderen Hölzern bepflanzt, um Pferde und Reisende vor übermäßiger Sonnenhitze zu schützen. Heute stiften die Schattenspender nur noch Unheil.

Erstmals seit in Deutschland eine Unfallstatistik geführt wird (in der es keine spezielle Rubrik Baum-Unfälle gibt), haben Statistiker des Niedersächsischen Landesverwaltungsamtes stichhaltiges Zahlenmaterial über Unfälle an Straßenbäumen geliefert. Anhand von 77 785 Verkehrsunfällen, bei denen 1964 und 1965 auf Niedersachsens Straßen Menschen zu Schaden kamen, ermittelten sie, daß

* mehr als neun Prozent aller Verkehrsunfälle mit Personenschaden Unfälle am Baum waren;

* fast 18 Prozent aller Verkehrstoten (898 von 5103) bei Zusammenstößen mit Straßenbäumen ums Leben kamen.

Das bedeutet: Bei je 1000 Unfällen mit Personenschaden gab es 66 Tote; bei je 1000 Unfällen am Baum jedoch fast doppelt so viele -- 125.

Lebensgefährlich sind nach den Recherchen der niedersächsischen Statistiker vor allem Bäume, die außerhalb geschlossener Ortschaften an den Straßenrändern stehen: In Dörfern und Städten fuhren sich bei 1219 Baum-Unfällen 99 Autofahrer zu Tode -- das waren etwa acht Tote je 100 Unfälle; in freier Landschaft dagegen bei 5974 Kollisionen mit Bäumen 799 -- also 13 je 100 Unfälle.

Obwohl die niedersächsischen Unfallforscher bei ihren Untersuchungen vorerst noch alle jene Unfälle unberücksichtigt ließen, bei denen möglicherweise Straßenglätte durch Laub, Straßenschäden durch Baumwurzeln oder Glatteisbildung unter Bäumen die Ursache gewesen war, brachten die Erkenntnisse bereits lange gültige Vorstellungen zum Wanken.

Immer wieder hatten zum Beispiel Automobilisten-Verbände die Frage aufgeworfen, ob es nicht besser sei, Deutschlands Chaussee-Baumbestand abzuholzen oder wenigstens zu lichten. Noch im Mai 1966 hatte dazu das niedersächsische Ministerium für Wirtschaft und Verkehr in einer Landtags-Fragestunde erklären lassen: »Die Bäume erhöhen die Verkehrssicherheit ... (sie) sind geeignet, die Ermüdungserscheinungen beim Kraftfahrer zu vermindern«; ein »ursächlicher Zusammenhang« zwischen Unfällen und Straßenbäumen sei nicht zu erkennen.

Jetzt nahm das Ministerium die Baumunfall-Statistik »mit Verwunderung zur Kenntnis« und beschloß, »in die Ursachenforschung« von Unfällen an Chausseebäumen tiefer einzudringen.

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