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ANSCHLÄGE Tödliche Mission

Ein neuer Haftbefehl zeigt, dass die Terrorfahnder nach den Attentaten in den USA vorankommen. Im Umfeld deutscher Moscheen suchen sie nach Hintermännern.
Von Dominik Cziesche, Cordula Meyer und Andreas Ulrich
aus DER SPIEGEL 43/2001

Zuletzt hing in der Studenten-Wohngemeinschaft der Haussegen schief. Die Nachmieter und Freunde des mutmaßlichen Terrorpiloten Mohammed Atta in der Marienstraße 54 in Hamburg-Harburg kamen nicht gerade gut miteinander aus.

Die Studenten ärgerten sich besonders über ihren Mitbewohner Zakariya Essabar. »Mit dem gab es dauernd Probleme«, sagt der Marokkaner Abdelghani Mzoudi, der sich eine Weile mit dem Landsmann das Zimmer teilte. Nie putzte der die Küche, seine Besucher kamen zu unmöglichen Zeiten, und ansonsten gab sich der 24-Jährige ruppig und zugeknöpft. Wenn Essabar wegging, sagte er nur nebulös: »Ich muss noch etwas erledigen.« Als die Wohnung im Februar dieses Jahres aufgegeben wurde, murmelte er noch etwas von »in den Süden Deutschlands gehen«.

Seit August ist Essabar verschwunden, und seit Donnerstag vergangener Woche sucht nun Generalbundesanwalt Kay Nehm Mzoudis Zimmerkumpan per Haftbefehl - wegen des Verdachts des »mehrtausendfachen Mordes und anderer schwerer Straftaten«. Der aus der Küstenstadt Essaouira stammende Marokkaner Essabar, so der Verdacht, soll zu jener Terrortruppe um Atta gehört haben, die am 11. September in New York und Washington zuschlug. Essabar soll nicht nur einem der flüchtigen Unterstützer der Terroristen, dem Jemeniten Ramzi Binalshibh, Geld überwiesen haben, er hat auch zweimal versucht, ein US-Visum zu bekommen. Beide Anträge wurden abgelehnt.

Der Essabar-Haftbefehl zeigt, dass die Fahnder der »Soko USA« des Bundeskriminalamts immer tiefer in das Netz der Terroristen aus Deutschland vordringen. Nur stellen sie dabei fest, dass hier noch sehr viel mehr zu entdecken sein dürfte. So hatten Experten wochenlang angenommen, die Attentäter seien vielleicht im Ausland radikalisiert und auf ihre mörderische Tat vorbereitet worden. Inzwischen sind sich die Fahnder aber sicher, dass die religiösen Einflüsterer und einige der Hintermänner in der Bundesrepublik sitzen.

Nach bisherigen Erkenntnissen scheint klar, dass Mohammed Atta, der beim Angriff auf das World Trade Center starb, und Ziad Jarrah, der mit einem entführten Flugzeug bei Pittsburgh abstürzte, zunächst aber gemäßigt auftraten. Und keiner von beiden verließ offenbar Deutschland für längere Zeit.

Zwar teilte das FBI dem Bundeskriminalamt unlängst mit, dass Atta und Jarrah in einem Lager Osama Bin Ladens nahe der afghanischen Stadt Kandahar ausgebildet worden sein sollen.

Zu der Zeit, glauben deutsche Fahnder, seien die beiden längst radikale Islamisten gewesen. Doch wo wurden aus Studenten Fanatiker? Bei ihren Ermittlungen blicken die Kriminalisten vor allem auf Moscheen in Deutschland, die zumindest als Treff-

punkte von Terroristen und ihren Helfern missbraucht worden sein können. In der Hamburger al-Kuds-Moschee trafen sie sich alle - die drei Todespiloten Atta, Jarrah und Marwan al-Shehhi, ihre mutmaßlichen, mit Haftbefehl gesuchten Helfer Essabar, Said Bahaji und Binalshibh, dazu dubiose Geschäftsleute und religiöse Eiferer.

Heute wollen alle die Attentäter nur oberflächlich gekannt haben. Der Marokkaner Hassen R. etwa will Essabar kaum je gesehen haben - obwohl der Flüchtige die Wohnung von R. an der Dortmunder Straße als Scheinadresse nutzte.

Ebenso ahnungslos gibt sich der Hamburger Post-Mitarbeiter Mohammed B.; er gilt unter Glaubensbrüdern als Religionsgelehrter. Bei ihm erhielt der inzwischen weltweit gesuchte Binalshibh Unterschlupf.

B. pflegte auch gute Beziehungen nach Greifswald. Dort half er etwa, den Gebetsraum, der vor allem von Studenten besucht wird, aufzubauen. Für den Leiter der Gebetsstätte, einen jemenitischen Zahnmedizinstudenten im 23. Semester, interessieren sich die Ermittler. Der radikale Muslim soll enge Beziehungen zum »al-Aqsa e. V.« in Aachen gepflegt haben, wo sich Jarrah nach seinem Aufenthalt in Greifswald zeitweise aufhielt. Der als gemeinnützig anerkannte Verein wird wegen mutmaßlicher Hamas-Kontakte seit Jahren vom Verfassungsschutz beobachtet.

Irgendwo aus diesem Geflecht heraus, vermuten die Ermittler, könnten einst harmlose Studenten wie Atta und Essabar auf tödliche Mission geschickt worden sein.

1998 immatrikulierte Essabar sich an der Hochschule für Angewandte Wissenschaften in Hamburg-Bergedorf für Medizintechnik. Besonders eifrig studierte er nicht: Nach sechs Semestern hatte er nicht einmal sein Vordiplom geschafft und gerade mal 11 von 23 Prüfungen abgelegt. Zwischenzeitlich hatte er bei VW in Wolfsburg als Werkstudent am Band gejobbt, in der Fertigung »Karosseriebau Kleinwagen«.

Seinen Professoren fiel der säumige Student nur einmal auf: Sie erwischten ihn, als er bei einer Prüfung schummelte.

DOMINIK CZIESCHE, CORDULA MEYER,

ANDREAS ULRICH

* In der Hamburger Marienstraße.

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