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Geister Tödlicher Pfeil

Beharrlicher als andere Nationen glauben die Briten an Geister. Ein Buch beschreibt 236 Stätten, an denen es spukt.
aus DER SPIEGEL 15/1972

Den Pferden fehlen die Köpfe, auch die Figur des Kutschers endet am Hals. Im Wagen sitzt eine Dame, ihr Haupt, säuberlich vom Leib getrennt, ruht auf den Knien.

Derart kopflos galloppiert das Gespann alljährlich durch Englands Grafschaft Norfolk. Kein Märchen, Wirklichkeit, behaupten jene, die diese Geister-Kutsche in den letzten Jahrzehnten immer wieder ausmachten.

Kopflose kommen auf den britischen Inseln noch öfter vor: In Oxfords St. John's College etwa rollt der Geist des Erzbischofs Laud zuweilen sein Haupt wie einen Schneeball durch die Bibliothek. Im St. James' Park zu London beobachteten Soldaten. wie eine kopflose Frau, geschmückt im rotgestreiften Nachtgewand, in den Teich glitt.

Öfter als irgendein anderes Volk dieser Welt, glaubt Peter Underwood, 50, Präsident des britischen »Ghost Club«, sehen die Briten Gespenster, entdecken Geister, die nicht im weißen Nachtgewand über Friedhöfen schweben, sondern sich in Brokat zeigen, in Samtjacken, in Reithosen. die zu nächtlicher Stunde in Küchen schrubben oder in Bibliotheken Bücher studieren.

Die Geister Englands schweben, Poltern, singen und pöbeln in der Bank von England wie im Theatre Royal, in der Polizeistation an der Londoner Vine Street wie in der Feuerwache zu Ilford.

236 Ruinen und Residenzen, in denen es spukt, nachts unerklärliche eisige Winde wehen, unsichtbare Figuren schluchzen, registrierte der Gespenster-Autor in einem »Gazetteer of British Ghosts«, einem illustrierten Reiseführer durch Britanniens wundersame Geisterwelt, der Zweifler davon überzeugen könnte, daß zumindest in England ein jeder hoffen darf, eines Tages um die Kirchturmspitzen der Insel zu wehen.

Meist sind die Geister scheu, doch ein Mönch namens Ignatius, etwa 33 Jahre alt, mit schönem Antlitz und dunklem Haar, stellte sich in Elm (Cambridgeshire) der Pastorenfrau Bradshaw vor und verriet ihr, daß er vor über 700 Jahren gestorben sei.

Mehrfach plauderte das Eheweib des Geistlichen im Morgengrauen mit ihrem Geist über Leid und Leben, heute und vor 700 Jahren.

In der Ortschaft Basingstoke (Hampshire) hingegen scheinen die Mönchsgeister aggressiver: Ein Basingstoke-Bürger traf vor der Ortschaft auf einen betenden Mönch, der ihn aus »starren Augen« ansah und plötzlich mit unerklärlichen Kräften anzog. Die Geister stritten im Körper des Fußgängers. »Ich wurde geschüttelt, mein Körper schmerzte«, berichtete er später, doch es gelang ihm »abzuschütteln«, was ihn »ergriffen« hatte.

»Wochenlang«, berichtet Autor Underwood in seinem Geister-Werk, war die Familie Barningham in Grimsby (Lincolnshire) von einem Nachtgespenst gestört worden. Gesehen hatte sie ihren Geist nie. Schließlich aber wurde eine TV-Kamera in ihrem Schlafzimmer installiert. Und tatsächlich: Sechs Personen beschworen, sie hätten auf dem Bildschirm im Nebenzimmer den Geist gesehen, einen »alten Mann mit scheußlichem Äußeren«.

In einer Kirche zu Caistor (Lincolnshire) spielte nachts stets ein heiliger Geist auf der Orgel. Nur der Pastor wollte es nie glauben. Eines Nachts aber versteckte er ein Tonbandgerät im verschlossenen Gotteshaus, und siehe da, am nächsten Morgen klangen Geistertöne und Fußtritte vom Band.

Auch der Geist König Harolds, der 1066 gegen Wilhelm den Eroberer focht, muß existieren, denn er ward in Sussex auf dem Schlachtfeld gesehen, und der Pfeil, der ihn tödlich traf, steckte noch im Auge, das Monarchenhemd war mit Blut besudelt.

T. E. Lawrence (Lawrence von Arabien) starb zwar vor Jahrzehnten bei einem Motorrad-Unfall, die Bauern von Dorsetchire aber sind sicher: Sein Geist rast noch auf dem Zweirad durch die Grafschaft, einige sahen den Radler im arabischen Gewand.

Autor Underwood weiß nicht zu erklären, warum die Briten weniger an ihren Geistern zweifeln, weniger respektlos von ihnen reden. »Vielleicht ist es unsere Abstammung, die Mischung aus Mittelmeervölkern, Kelten und Skandinaviern«, spekuliert der Gespenster-Experte, das Insulaner-Dasein, die neugierige Natur, »vielleicht aber auch unsere Bereitschaft, eine übersinnliche Erklärung für seltsame Ereignisse zu akzeptieren«.

Denn nicht Träumer und Trinker allein sehen auf der Insel Gespenster. Selbst respektierliche Männer wie Pastor Merryweather in Langenhoe (Essex) zweifeln nicht an der Existenz der Geister.

Der Geistliche sang gerade von den Augen, die »mit Wasser fließen, daß man dein Gesetz nicht hält« (Psalm 119, Vers 136), als er hinter sich eine Frau bemerkte, die ihn aus ihren blauen Augen »befremdlich traurig ansah«, und sich dann in Luft auflöste.

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