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»Tödliches aus dem Zaubersack«

aus DER SPIEGEL 39/1972

SPIEGEL: Mr. MacStiofain, die Leiterin Ihres Pressebüros, Maria McGuire, ist nach England geflüchtet. Im »Observer« und im Fernsehen werden Sie von ihr ein »bigotter, machtbesessener und sektiererischer Marder« genannt, wird der IRA-Kampf als gescheitert hingestellt. Das ist ein schwerer Schlag für die IRA.

MACSTIOFAIN: Nein, das ist es nicht. Es ist alles erlogen; sie kann von dem, was sie behauptet, nichts beweisen. Aber: Sie hat den Feind informiert und wird sich dafür vor einem IRA-Kriegsgericht verantworten müssen.

SPIEGEL: Und zum Tode verurteilt werden?

MACSTIOFAIN: Ich will dem Urteil nicht vorgreifen, aber das ist wahrscheinlich.

SPIEGEL: Miss McGuires Anschuldigungen treffen die IRA in einer Phase schwerer Niederlagen: »Free Derry«, der bis vor kurzem von Ihnen kontrollierte Teil Londonderrys, ist von britischen Soldaten besetzt; immer häufiger werden IRA-Kämpfer von eigenen Sprengsätzen getötet; die katholische Bürgerrechtsbewegung klagt die IRA des verantwortungslosen Bombenkriegs an; die katholischen Politiker im Norden werden wahrscheinlich an der Konferenz des britischen Nordirland-Ministers Whitelaw teilnehmen, von der die IRA ausgeschlossen ist. Ist der Kampf der IRA, der in den vergangenen drei Jahren fast 600 Menschenleben gekostet hat, gescheitert?

MACSTIOFAIN: Im Gegenteil, die IRA ist stärker als je zuvor. Wir haben in den letzten Wochen unsere Operationen verstärkt. Noch nie sind so viele britische Soldaten getötet worden, 70 in den vergangenen drei Monaten, davon allein 30 durch Landminen, andere durch unsere Scharfschützen, andere durch Bomben.

SPIEGEL: Vor allem aber haben diese Bomben unschuldige Zivilisten und eigene Leute getötet, aus Versehen ...

MACSTIOFAIN: Ja, aus Versehen, bei Unfällen wie sie in jedem Krieg geschehen. Wir bedauern solche Unfälle, aber sie sind nicht immer zu vermeiden.

SPIEGEL: Genau das ist die Frage; das alles wäre doch zu verhindern, wenn Ihr »provisorischer« Flügel der IRA täte, wozu sich Ihre marxistische Konkurrenz, der »offizielle« Flügel der IRA, schon vor Monaten entschlossen hat: den Kampf ohne Bomben und Minen mit politischen Mitteln weiterzuführen.

MACSTIOFAIN: Das mische Volk hat seit 800 Jahren immer wieder versucht, mit friedlichen, mit politischen Mitteln seine britischen Unterdrücker zum Rückzug zu bewegen. Aber die Briten verstehen nur die Sprache der Gewalt. Deshalb mußte Zypern, deshalb mußten die Israelis sich ihre Freiheit in Palästina erkämpfen.

SPIEGEL: Wie hoch darf Ihrer Meinung nach das Opfer sein, das die Iren für ihren jahrhundertealten Traum von Freiheit und Einheit zahlen sollen?

MACSTIOFAIN: Wir zahlen jeden Preis. Algerien hat sieben Jahre gekämpft, hat mit einer Million Toten für die Freiheit der restlichen elf Millionen gezahlt. Ich hoffe, wir werden nicht eine Million Tote verlieren.

SPIEGEL: Das wäre fast ein Viertel aller Einwohner von Eire und Nordirland

MACSTIOFAIN: Wir haben schon zu viele Tote gehabt in Irland -- aber: Wir werden kämpfen bis zum Sieg, ohne Rücksicht auf Verluste für uns und andere.

SPIEGEL: Bis zum Sieg -- was versteht die IRA darunter? Den Abzug des letzten britischen Soldaten von frischer Erde, die Vereinigung beider Teile Irlands? Wann wird die IRA die Waffen aus der Hand legen?

MACSTIOFAIN: Die Säuberung der sechs Nordirland-Grafschaften von britischem Militär ist nur ein erster Schritt. Denn während die Briten im Norden unverhüllt als Unterdrücker regieren, regiert das Dubliner Regime nur auf eine feinere, weniger offensichtliche Art unterdrückerisch. Die IRA wird die Waffen erst aus der Hand legen, wenn alle 32 Grafschaften Irlands eine nationale Regierung haben, die von allen Iren gewählt wurde und die alle Iren repräsentiert.

SPIEGEL: Und wer stellt fest, ob eine nach gesamt-irischen Wahlen zustande gekommene Regierung dem Willen des Volks entspricht?

MACSTIOFAIN: Ein Konvent der IRA, an dem Delegierte aller Einheiten und Stäbe teilnehmen. Dieser Konvent wird beschließen, ob die gewählte Regierung dem Willen der Mehrheit des irischen Volkes entspricht -- wenn ja, wird die IRA dieser Regierung Treue geloben.

SPIEGEL: Das heißt, die IRA wird erst nach den Wahlen entscheiden, ob die Iren auch richtig gewählt haben. Warum dann überhaupt Wahlen? Und wer soll sie abhalten?

MACSTIOFAIN: Die bestehende Maschinerie.

SPIEGEL: Also die Regierung der Republik Eire, deren Verfassung nach frischer Auffassung auch für Nordirland gilt? Diese Republik aber erkennen Sie doch gar nicht an.

MACSTIOFAIN: Nein, natürlich nicht. Die Briten, die keine Achtung haben vor dem irischen Volk, zwangen den Iren diese als endgültig gedachte Lösung in dem sogenannten Anglo-Irischen Vertrag 1921 auf. Das war nicht der freie Entschluß Irlands, das Dubliner Parlament wurde nicht von allen Iren gewählt.

SPIEGEL: Vertritt denn etwa die IRA alle Iren?

MACSTIOFAIN: Die IRA, das ist die republikanische Freiheitsidee, die seit Jahrhunderten für ein einiges, freies Irland kämpft. Deshalb sind wir, ist die IRA die wirkliche Vertretung des irischen Volkes.

SPIEGEL: Also kämpft die IRA gegen London und gegen Dublin?

MACSTIOFAIN: Ich will das ganz klar machen: Wir wünschen uns keinen bewaffneten Konflikt mit der Armee oder der Polizei in Eire. Aber auch das muß klar sein: Wir werden eine Internierung der IRA nicht hinnehmen.

SPIEGEL: Anläßlich der Olympischen Spiele ist es in München zu einem Treffen zwischen den Premiers Heath und Lynch gekommen. Der britische Premier hat von seinem irischen Kollegen schärfere Maßnahmen gegen die IRA gefordert. Lynch scheint nicht abgeneigt zu sein. Würden Sie für einen solchen Fall eine bewaffnete Auseinandersetzung mit der Republik Irland ausschließen?

MACSTIOFAIN: Entsprechende Beharrlichkeit der Republik vorausgesetzt, würde das notwendigerweise unseren Widerstand auslösen.

SPIEGEL: Unter Gewaltanwendung, mit Waffen?

MACSTIOFAIN: Widerstand bedeutet Anwendung von Gewalt. Über die Art der Gewaltanwendung möchte ich jetzt keine Angaben machen.

SPIEGEL: Würde die IRA, heute schon in einer schweren Krise, eine solche weitere Belastung durchstehen können?

MACSTIOFAIN: Wir sind stärker als jemals zuvor -- wir werden das den Briten und der Welt beweisen. Innerhalb der nächsten Zeit, der nächsten zwei Monate, werden wir diesen Krieg noch ausweiten. Wir werden noch größere Erfolge haben, wir werden die Zahl getöteter britischer Soldaten drastisch erhöhen, wir werden tödliche Neuigkeiten aus unserem Zaubersack ziehen -- fragen Sie nicht, welche, ich werde es Ihnen nicht sagen.

SPIEGEL: Und Ihr Gewissen? Sie sind ein gläubiger Christ, sehr religiös, wie Sie selbst sagen. Sie sind verantwortlich für den Tod so vieler Menschen -- macht Ihnen Ihr Gewissen keine Schwierigkeiten?

MACSTIOFAIN: Ich habe keine Zweifel an der moralischen Rechtfertigung des bewaffneten Kampfes. Katholische Moraltheologen haben Richtlinien festgelegt, die ihn rechtfertigen: Es ist ein Kampf gegen Unterdrücker. andere Mittel haben versagt, wir haben eine reelle Erfolgschance -- und das· Ergebnis unseres Kampfes wird eine Verbesserung der ursprünglichen Verhältnisse sein. Ich kann ruhig schlafen -- sonst wäre ich nicht in der Republikanischen Bewegung.

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