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INDIEN Tödliches Erbe

Im Himalaja lauert eine möglicherweise tödliche Zeitbombe: ein atomarer Generator, den amerikanische Agenten im Quellgebiet des Ganges verloren haben.
aus DER SPIEGEL 17/1978

Amerikas Botschafter in Indien, Robert Goheen, durchleidet die schwersten Tage seiner Diplomatenkarriere. Vor seinem Amtssitz in Neu-Delhi randalieren aufgeregte Demonstranten, rufen »Hände weg von Indien« und »Raus aus Indien«.

Antiamerikanische Hysterie hat das ganze Land erfaßt. In der heiligen Hindu-Stadt Benares am heiligen Ganges wehklagte der Priester Ram Kischen, »Americanone ganga me sahar dal dija hai« -- »Die Amerikaner haben unser Gangeswasser vergiftet.« Im Gaur-Schankar-Tempel von Alt-Delhi beten fromme Hindus Tag und Nacht für ihren heiligen Fluß.

Das Wasser des 2500 Kilometer langen Stromes, in dessen Einzugsgebiet die größte Bevölkerungskonzentration der ganzen Welt lebt -- etwa 300 Millionen Menschen -, gilt den Hindus als heilig. Sie baden im Gangeswasser, um sich rituell zu reinigen, sie trinken es als Nektar für körperliche und seelische Gesundheit, und wenn sie gestorben sind, lassen sie ihre Asche in diesen heiligsten aller Flüsse streuen.

Doch nun trauen sich Pilger nicht mehr zum rituellen Bad in den Fluß, nehmen sie die Flaschen, in die sie »Ganga dschal«, das heilige Wasser für den Hausaltar, abfüllen wollten, leer wieder mit.

In Indien ist Hysterie ausgebrochen -- und schuld ist wieder mal Amerikas mißratener Geheimdienst CIA.

In einer Aktion, die fast alles an bisher bekannt gewordenen Abenteuern der CIA, etwa geplante Mordanschläge auf Castro mit Hilfe von Mafia-Gangstern und vergifteten Zigarren, übertrifft, brachten amerikanische Agenten es fertig, einen atomaren Generator auf einen der höchsten Himalajaberge zu schaffen -- und dort zu verlieren.

Und anders als etwa jener sowjetische Kosmos-Satellit, der mit 45 Kilo Uran an Bord vor drei Monaten über den Eiswüsten Kanadas abstürzte, bedroht der amerikanische Plutonium-Behälter zumindest theoretisch Hunderte Millionen Menschen. Beinahe noch abenteuerlicher als das Ergebnis der mißglückten Geheimdienstoperation sind die Leichtfertigkeit und Stümperhaftigkeit, mit denen sie angepackt wurde.

Enthüllt hat die zunächst kaum glaubliche Geschichte das in San Francisco erscheinende »Outside«-Magazin' ein Ableger des »Rolling Stone«-Verlages. In seiner Mai-Ausgabe schildert »Rolling Stone«-Redakteur Howard Kohn das Agenten-Drama am Berg.

Im Oktober 1964 hatten die Chinesen am Lop-Nor-See in Sinkiang ihre erste Atombombe gezündet. Dann begannen sie mit Raketen-Versuchen.

Washington, das in den Chinesen damals noch Todfeinde sah, gab Alarm. Militärs, die sich eben beim China-Nachbarn Vietnam in einen Dschungelkrieg verstrickten und ein Eingreifen des Kolosses im Norden fürchteten, dachten laut über etwas nach, was angeblich später auch die Russen planten: einen atomaren Präventivschlag gegen die neue Nuklear-Macht.

Präsident Johnson wollte zunächst wissen, wie weit die Chinesen mit Bomben und Raketen seien. Spionage-Satelliten waren zu jener Zeit noch unterentwickelt, doch die CIA. wußte Rat.

Sie entwickelte den Plan, eine Beobachtungsstation im Himalaja einzurichten, auf einem der indischen Grenz-Gipfel, die freien Blick weit nach China hinein gewähren und Signale von den Tests in Sinkiang aufnehmen konnten. Als langlebige Batterie für den Guck- und Horchposten kam nur ein atomarer Generator in Frage.

CIA-Agenten suchten 14 der bekanntesten amerikanischen Bergsteiger auf, um ihnen tausend Dollar im Monat für einen Job anzubieten, bei dem die Interessenten bloß ihrem Hobby nachzugehen brauchten -- und das im Paradies aller Bergsteiger der Welt, im Himalaja.

Zugleich knüpften sie Kontakt zu ihrer indischen Schwester-Organisation, dem CBI (Central Bureau of Investigation) in Neu-Delhi.

Mit den offiziell blockfreien Indern verband die CIA eine damals schon jahrelang bewährte Kumpanei. Seit dem Himalaja-Krieg von 1962. in dem die indische Armee von den Chinesen schmachvoll bis in die Ebene von Assam getrieben worden war, betrachtete Indien seinen mächtigen nördlichen Nachbarn mit Furcht und Mißtrauen.

Die CIA unterstützte mit Wissen und Unterstützung der indischen Kollegen tibetische Khampa-Rebellen gegen die chinesischen Kommunisten. Als der Aufstand trotz amerikanischer Waffenhilfe zusammenbrach, fanden versprengte Khampa-Krieger Aufnahme in der indischen Armee.

Wenn es gegen die Chinesen ging, waren die Inder zu jeder Hilfe bereit -- auch dazu, atomares Gerät auf ihrem eigenen Territorium zu verstauen.

Das CBI schickte vier indische Bergsteiger nach Amerika, die dort zusammen mit ihren amerikanischen Kletter-Kameraden in der Marine-Basis Harvey Point kaserniert wurden. Dort hatte die CIA schon einmal Söldner für einen Einsatz im Ausland trainiert: Exil-Kubaner, die dann bei der gescheiterten Invasion in der Schweinebucht verheizt wurden.

Nach eiliger Agenten-Ausbildung in Harvey Point flog die Bergsteiger-Riege nach Alaska, um am 6193 Meter hohen Mount McKinley zu trainieren. Zwar erreichten die Kletterer den Gipfel nicht, doch die CIA-Leute ließen sich nicht entmutigen.

Im Herbst versammelte sich die gemischte Truppe im äußersten Norden der indischen Provinz Uttar Pradesch, dort, wo mehrere Fast-Achttausender direkt an der chinesischen Grenze als geeignet für Lauschposten ausgemacht worden waren.

Ziel Nummer eins war die 7816 Meter hohe Nanda Devi, die »Glücksgöttin«, ein Gipfel von großer Schwierigkeit, der erst zweimal bezwungen worden war.

Unter dem Code-Namen »Blauer Berg« rückte die gemischte Mannschaft, von Hubschraubern in ein Basislager geflogen, der weißen Göttin zu Leibe. Schwerstes und wichtigstes Gepäckstück war ein 60-Kilo-Behälter mit einem Durchmesser von etwa einem halben Meter -- ein Generator mit etwa zwei Pfund Plutonium 238 als Brennstoff -, genug, um die elektronischen Spione der CIA theoretisch 75 Jahre lang mit Energie zu versorgen.

Das Ungetüm mit einem Aluminiummantel und einem Graphitkern, in dem von Tantal umhüllt das Plutonium lag, war trotz seines Gewichts bei den indischen Trägern der Agenten-Expedition überaus beliebt, weil es heimelige Wärme ausstrahlte. Es sollte zusammen mit der Elektronik-Ausrüstung am Nordhang der Nanda Devi unterhalb des Gipfels installiert werden.

Doch frühe Winterstürme zwangen die Kletterer 600 Meter unterhalb der Bergspitze zur Umkehr. Dabei trafen sie eine folgenschwere Entscheidung: Um das gewichtige Ungetüm nicht zurück- und beim nächsten Versuch wieder hochschleppen zu müssen, deponierten sie es in einer Felsnische.

Im Frühjahr 1966 stiegen sie wieder auf -- und fanden den Plutonium-Generator nicht mehr wieder. Ein Bergsturz hatte ihren Lagerplatz weggerissen, die atomare Zeitbombe war unter Fels, Eis und Schnee begraben.

Während das Team fassungslos beriet, was nun zu tun sei, nützte einer der Kletterer aus USA die Chance, ohne Gepäck schnell mal die Nanda Devi zu erklimmen -- bis heute, wenn auch geheim geblieben, der höchste Solo-Gipfelsturm eines Amerikaners.

Als die Katastrophe im Stab der CIA-Operation bekannt wurde, brach dort hektische Betriebsamkeit aus. Der Südhang der Nanda Devi, wo der womöglich beschädigte Atom-Behälter nun vergraben lag, ist das Hauptquellgebiet des für 500 Millionen Hindus heiligen Ganges, von dessen Wassern die halbe Bevölkerung Indiens lebt.

CIA-Agenten kauften in Delhi alle Feuerwehrschläuche auf, deren sie habhaft werden konnten, und flogen sie zur Nanda Devi. Dort wurden sie von einem Bergfluß zum Unfallort verlegt. Mit Druckwasser versuchte der Spionagetrupp, Schnee, Eis und Geröll wegzuschwemmen, um an den Plutonium-Generator zu kommen.

Es war ein ungleicher Kampf Mensch gegen Berg, die Göttin gab das Atom-Ding nicht mehr frei. Laut »Outside« informierten die beiden Geheimdienste weder Indiens Premier noch Amerikas Präsidenten über das Unglück.

Statt dessen brachten die Amerikaner im Frühjahr 1967 einen neuen Generator nach Indien, der diesmal am »Roten Berg«, so der Code-Name für den Nanda-Devi-Nachbarn Nanda Kot, installiert werden sollte.

Der Nanda Kot, tausend Meter niedriger als seine schwierige Schwester, war den seltsamen Kletterern geneigter. Nach zwei Versuchen befestigten sie Generator und Horchapparate am Nordhang des Berges auf etwa 6500 Meter Höhe.

Ein Jahr lang sendete die Riesen-Wanze Informationen über Chinas Bomben- und Raketentests, dann wurde sie vom Schnee begraben. Nochmals kletterte eine Agentenmannschaft hoch und reparierte den Roboter. Wieder ein Jahr später holten sie ihn vom Berg -- empfindliche Erdsatelliten lieferten unterdessen bessere Informationen.

Aktion Roter und Blauer Berg war, vorerst, zu Ende. Einer der amerikanischen Kletterer erhielt nachträglich für seine Himalaja-Touren eine Auszeichnung -- aber nur für einen Augenblick. Ein CIA-Agent nahm ihm die Medaille sofort nach Überreichung wieder ab und sperrte sie weg -- die ganze Sache mußte geheim bleiben.

Doch die Bergsteiger plauderten. Schon 1976 brachte das amerikanische Linksmagazin »Ramparts« einen Bericht über die Operation. Damals herrschte in Indien Indira Gandhi als Diktatorin, die Neuigkeit fiel der Zensur zum Opfer, kein Hindu konnte sich über die tickende Zeitbombe auf dem Dach der Welt aufregen.

Das holten die Inder nun, nach der »Outside«-Veröffentlichung, um so eifriger nach -- doch sie schossen in die falsche Richtung. Die »Times of India« wütete über die »heimtückische Aktion« der CIA, die Kommunisten brandmarkten Amerika als »Feind der Menschheit«, Anhänger Indira Gandhis befehdeten die Regierung von Premier Desai wegen ihrer angeblichen Amerika-Hörigkeit und wiederholten frühere Warnungen Indiras vor allerlei »CIA-Machenschaften« in Indien.

Doch Desai hatte leicht kontern. Er ist der erste indische Premier, der mit der Zeitbombe im Himalaja absolut nichts zu tun hat.

Sowohl Indiras Vater Nehru, ihr Vorgänger Schastri wie auch Indira Gandhi selbst hingegen wußten, so Desai, um die Operation an der Grenze Bescheid und hatten sie -- wahrscheinlich die volle Bedeutung dieses Tuns nicht erfassend -- gebilligt.

Desai, ganz Staatsmann, wollte »niemandem einen Vorwurf machen«, weil die Aktion aus der »damaligen Situation heraus« gesehen werden müsse -- doch der verschworene Atom-Gegner Desai, der nach seiner Wahl in einem SPIEGEL-Gespräch feierlich versichert hatte, er würde nie und unter keinen Umständen eine Atombombe bauen lassen, fügte glaubhaft hinzu: »Wenn ich verantwortlich gewesen wäre, hätte ich es nicht erlaubt.«

Gleichzeitig versuchte er die erregte Bevölkerung zu beruhigen, die von Atomwissenschaft nichts versteht und daher alle Gerüchte über das angebliche Gift im Ganges und dunkle Machenschaften von Ausländern an ihren heiligen Wassern um so begieriger aufsaugt -- in der Tat hätte niemand, der Indiens Massen aufstacheln wollte, sich etwas Schlimmeres ausdenken können.

»Ich glaube nicht«, beschwichtigte Desai' »daß es Grund für Alarmstimmung gibt. Man hat uns versichert, daß der Behälter, in dem das Plutonium sich befindet, sicher ist.«

Dennoch soll eine Kommission indischer Atomwissenschaftler alle Möglichkeiten prüfen, soll aber auch versucht werden, den Generator nach 13 Jahren doch noch zu bergen.

»Darüber hinaus müssen wir stets das Wasser des Ganges entlang seines ganzen Laufes prüfen«, erklärte der Atomphysiker Dr. Ram Radschan Subramanian dem SPIEGEL. »Das Plutonium bleibt auf Jahrhunderte gefährlich. Sollte es ins Wasser geraten, kann es Knochenkrebs auslösen.«

»Die damalige Regierung«, schilt der Gelehrte, »war äußerst kurzsichtig, dieses gefährliche Risiko einzugehen.«

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