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Töte, Amigo

Ein Musterprozeß soll klären, ob die Bundesprüfstelle nur jugendgefährdende Schriften oder auch TV-Sendungen auf ihre schwarze Liste setzen darf. *
aus DER SPIEGEL 6/1986

Im Abendprogramm des ZDF massakrierten japanische und amerikanische Krieger des 19. Jahrhunderts einander mit Inbrunst. Hände, Füße, Köpfe, mit Schwertern abgeschlagen, rollten blutig in den Sand - ein turbulenter Wochenbeginn, an einem Montag um Viertel nach acht, mit dem Action-Film »Das Schwert des Shogun«.

Noch während der Sendung im Juli vorigen Jahres kam es in der Mainzer Sendeanstalt zu Protesten. Aufgebrachte Eltern riefen an und beschwerten sich über das »eklige« Schauerstück. Die Präsentation aufgespießter Extremitäten, gesteinigter oder brennender Menschen sei eine »Zumutung«.

Am nächsten Morgen redete der amtierende Programmdirektor in der Redaktion »Tacheles«, wie er sagte - und setzte die geplante vormittägliche Wiederholungssendung ab.

Auch zwei Jugendämter wurden aktiv. Sie stellten bei der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften Indizierungsanträge gegen den »pseudo-dokumentarischen Abenteuerfilm brutalster Machart« (Stadtjugendamt Frankfurt), mit »Nahaufnahmen von Wunden, durchstochenen Körpern« (Stadtjugendamt Neustadt an der Weinstraße).

Die Bonner Jugendschützer erklärten die Anträge für »zulässig und begründet«, lehnten eine Indizierung dann aber doch ab: Zwar sei, so die Entscheidung, der gezeigte Film überaus brutal, »sozial-ethisch desorientierend« und daher eindeutig jugendgefährdend gewesen. Andererseits aber falle ins Gewicht, daß das ZDF spontan auf die Wiederholungssendung verzichtet und überdies versichert habe, künftig »den Erfordernissen des Jugendschutzes Rechnung« zu tragen. Fazit: eine Ermessensentscheidung zugunsten der Mainzer.

ZDF-Intendant Dieter Stolte wollte das so nicht hinnehmen. Er hielt die Bundesprüfstelle gar nicht für zuständig, weil das Fernsehen mitsamt dem »rundfunkrechtlichen Jugendschutz« Sache der Länder sei. Er reichte Verwaltungsklage gegen die Anwendung des Bundesrechts auf das ZDF-Programm ein. Schließlich sei im Gesetz über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften, wie schon der Titel sage, von Funk und Fernsehen keine Rede.

Das sah die Prüfstelle anders. Sie pochte darauf, daß laut Gesetz zu jugendgefährdenden Schriften auch »Ton- und Bildträger, Abbildungen und andere

Darstellungen« zählen. Darauf gestützt, hatte sie in den letzten Jahren jede Menge Gewalt- und Porno-Videos indiziert, die nun nicht mehr frei zugänglich an Jugendliche verkauft werden dürfen (SPIEGEL 11/1984).

Die Jugendschützer verlangen, Fernsehaufzeichnungen und TV-Spielfilme sollten dem Ton- und Bildträgerrecht der Bundesprüfstelle zugerechnet werden; Livesendungen dagegen gingen sie in der Tat nichts an. Nun müssen die Richter entscheiden.

Der seit November beim Kölner Verwaltungsgericht anhängige Musterprozeß spiegelt einen rabiater werdenden Konkurrenzkampf der Fernsehprogramme. So fand offenbar ZDF-Spielfilmchef Dieter Krusche nichts dabei, die laut Bundesprüfstelle »blutigen, tödlichen und scheußlichen Kampfhandlungen« des Shogun-Films zur dreimaligen Ausstrahlung von einer Londoner Firma zu kaufen. Vor allem die privaten Programmanbieter machen das Geschäft mit der Gewalt.

Angefangen hatte der blutrünstige Wettbewerb im Frühjahr letzten Jahres nach dem Start des deutschsprachigen TV-Programms von Radio Luxemburg (RTL). Das war damals nur in den südwestlichen Grenzregionen zu empfangen, wird aber mittlerweile über Satellit und Kabel bundesweit ausgestrahlt. Keine Woche vergehe, schrieb eine der katholischen Kirche nahestehende Luxemburger Fernsehzeitschrift seinerzeit über das »RTL-plus«-Programm, »in der nicht Filme gezeigt wurden, die man nicht zutreffender als mit Schund bezeichnen kann«.

Mal protestierte die Mainzer Landesregierung über das Auswärtige Amt gegen die RTL-Sendung des in der Bundesrepublik indizierten Horrorstreifens »Der Hexenjäger«. Mal verbreiteten Vergewaltigungen, Folterungen und Sexorgien im Film »Kleine Mutter« Empörung bei den RTLplus-Zuschauern.

Die harte Welle läuft bis heute. Das Brancheninstitut »Media Control« wies in einer Monatsstudie RTL-plus den Spitzenplatz bei Gewaltdarstellungen zu: In 8,5 Prozent der Luxemburger Sendezeit wird geprügelt, gehängt, geschossen, gemordet. Den zweiten Platz hält das deutsche Privatprogramm Sat 1 vor ARD und ZDF. Gesamtsendezeit von Brutalszenen in diesen vier Programmen: 15 Stunden im Monat.

In den Kabelinseln der Republik kommt mancherorts noch mehr zusammen, etwa im Ludwigshafener Kabelpilotprojekt für die Vorderpfalz. »Wir haben hier 22 Programme«, sagt Jürgen Andreas Kaub, 39, der Leiter des Stadtjugendamts in Neustadt an der Weinstraße. Ihm fiel auf, daß in der Bundesrepublik indizierte Brutalproduktionen weiter über RTL-plus liefen. Das öffentliche Anbieten solcher Werke ist mit Geldstrafe oder Gefängnis bis zu einem Jahr bedroht.

Nach Kaubs Hinweisen ermittelt die Staatsanwaltschaft Frankenthal daher wegen der Ausstrahlung des Massenmord-Western »Töte, Amigo« und des Killerfetzens »Tödlicher Haß« (mit Alain Delon), die beide auf der schwarzen Liste stehen und im Herbst bei RTLplus zu sehen waren.

Oberstaatsanwalt Bernhard Loos, Leiter der rheinland-pfälzischen Zentralstelle zur Bekämpfung jugendgefährdender Schriften in Koblenz, plädiert dafür nicht das Landesrecht, sondern das Bonner Jugendschutzgesetz auch auf Fernsehfilme anzuwenden. Das zunächst bereits eingestellte Frankenthaler Verfahren gegen RTL-plus wurde daher Mitte Dezember wiederaufgenommen.

Loos revidierte damit die bisher vorherrschende Rechtsauffassung, nach der beispielsweise die Hamburger Staatsanwaltschaft schon vor gut acht Jahren »die Anwendung des Gesetzes über die Verbreitung jugendgefährdender Schriften auf Fernsehsendungen verneint« hatte. Unter anderem mit dieser Begründung stellten auch die Mainzer Staatsanwälte vor einigen Monaten ein Verfahren gegen die Sendung des indizierten zweiteiligen US-Films »Das Omen« im ZDF ein, eines Satansschockers mit blutrünstigen Mord- und Quäldelikten eines besessenen Kindes.

Der andere Grund für die Einstellung der Ermittlungen war, daß das ZDF eine Kinofassung des »Omen« gesendet hatte; _(Oben: »Töte, Amigo«; ) _(unten: »Das Schwert des Shogun«. )

dafür aber war die vorherige Videoindizierung durch die Bundesprüfstelle nicht gültig. Für Kinofilme nämlich ist in der Regel die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft zuständig - eine, wie Loos meint, aufgesplitterte und »sehr unbefriedigende Rechtslage«.

Im wiederaufgenommenen RTL-plus-Verfahren kommt nun noch eine weitere Schwierigkeit hinzu: Radio Luxemburg sendet zwar für Deutschland, doch wäre ein Strafanspruch nach deutschem Recht in Luxemburg kaum durchzusetzen. Loos hält daher im Satellitenzeitalter ein einheitliches, grenzübergreifendes Jugendschutzrecht in Europa für notwendig. Darüber allerdings streiten sich die Politiker seit über einem Jahrzehnt.

Der Neustädter Jugendamtmann Kaub hat dieses Grenzproblem in einem weiteren Fall einfach umgangen. Ihn wurmte, daß ein anderes Auslandsprogramm im Ludwigshafener Kabel, der britische »Sky Channel«, am Sonntagnachmittag vorzugsweise zur Kinderfernsehzeit jede Menge Catcher-Sendungen ausstrahlte, mit maskierten Ringkämpfern und »regelrechten ''Fleischbergen''«, die sich gegenseitig »in äußerst brutaler Art« malträtierten. Kaub: »Kinder können nicht erkennen, daß es sich um eine Show handelt«, auf sie wirke das alles »aggressionssteigernd und verrohend«.

Mit seiner Beschwerde wandte sich Kaub nicht etwa an die Londoner Sky-Channel-Zentrale, die das Programm produziert und über Satellit sendet, sondern an die Ludwigshafener Anstalt für Kabelkommunikation (AKK), die jene Sendungen ins Kabelnetz einspeist. Denn, so Kaub, damit sei »die AKK natürlich verantwortlich für das, was sie verbreitet«.

Als sich auf seinen Protest hin nichts änderte, reichte Kaub bei der Bundesprüfstelle einen Indizierungsantrag gegen die Catcher-Sendungen ein.

Nun geschah doch etwas. Auf Vorhalt der AKK und angesichts der drohenden Einspeisungssperre für deutsche Kabelnetze verlegte Sky Channel den Termin der Shows von Sonntag nachmittag auf den späten Donnerstagabend. Die Bundesprüfstelle ließ das Indizierungsverfahren deshalb erst einmal ruhen.

Eine ähnliche, nur anders betitelte Catcher-Sendung begann daraufhin allerdings am Sonntagabend um Viertel vor neun. Kaub verlangte ihre Verschiebung um eine weitere Viertelstunde, weil nach deutschen Rundfunkgesetzen, beispielsweise auch beim ZDF, die Ausstrahlung kinder- und jugendgefährdender Sendungen auf keinen Fall vor 21 Uhr erlaubt sei.

Auch diesmal fügten sich die Briten, die Catcher-Sendung am Sonntagabend beginnt seit dem Jahreswechsel frühestens um neun. Für das Londoner Kommerzprogramm, das von Finnland bis Malta und Portugal zu empfangen ist,

war Neustadt an der Weinstraße offenbar nicht die richtige Adresse - Kaub besteht unnachgiebig auf Einhaltung des Jugendschutzes nach bundesdeutschen Vorschriften. Ein bißchen mulmig ist dem wackeren Jugendschützer bei alledem schon. Aber, so sagt er, »was kann ich dafür, daß ich der einzige bin, der Anstoß nimmt?«

Oben: »Töte, Amigo«;unten: »Das Schwert des Shogun«.

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