Zur Ausgabe
Artikel 16 / 104
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel

Töten oder fangen

Autor Ahmed Rashid über die Strategie der Taliban und die Chancen der Nato
aus DER SPIEGEL 22/2007

Der pakistanische Journalist Rashid, 58, lebt in Lahore und hat unter anderem die Bestseller »Taliban« sowie »Heiliger Krieg am Hindukusch« verfasst.

---------------------

SPIEGEL: Herr Rashid, ist der Selbstmordanschlag von Kunduz der Auftakt einer neuen Attentatsserie im Norden Afghanistans?

Rashid: Die Taliban treiben mit den europäischen Nato-Mitgliedern, die nicht an der eigentlichen Frontlinie stehen, ein politisches Spiel. Wir werden immer mehr Attentate erleben, die auf Staaten mit einer starken innenpolitischen Opposition gegen den Einsatz in Afghanistan zielen.

SPIEGEL: Die Deutschen glaubten bisher, mit ihrem Konzept von Wiederaufbau und Volksnähe besser zu fahren als Amerikaner und Briten. War das einfach nur naiv?

Rashid: Dieses Konzept ist jetzt Vergangenheit. Jetzt stehen alle gemeinsam an der Front. Die Deutschen müssen, um weitere Anschläge zu vermeiden, die Taliban-Zellen im Norden auch militärisch offensiv bekämpfen.

SPIEGEL: Afghanistans Präsident Hamid Karzai hat seinen Feinden Verhandlungen angeboten. Aber kann man überhaupt mit den Taliban reden?

Rashid: Ihre Führung und auch ihre Gefolgschaft sind im Kern extremistisch. Sie werden niemals Fremde in Afghanistan dulden und die Regierung Karzai niemals akzeptieren. Mit diesen Leuten lässt sich nicht verhandeln.

SPIEGEL: Was schlagen Sie vor?

Rashid: Man muss sie militärisch besiegen, man muss sie töten oder gefangen nehmen. Natürlich gibt es auch eine Menge Mitläufer, die nur dabei sind, weil sie arbeitslos waren oder weil ihre Verwandten getötet wurden - von der Nato oder den Amerikanern. Diese Gruppe könnte man durchaus zurückgewinnen.

SPIEGEL: Die Taliban köpfen ihre Opfer vor laufender Kamera, sie ermorden Polizisten oder Soldaten, die mit dem Westen kollaborieren. Warum sind sie so unfassbar brutal, selbst gegen Muslime?

Rashid: Die Taliban sind ein grenzüberschreitendes Phänomen. Sie sind zwar Afghanen, wuchsen aber in Flüchtlingslagern und Religionsschulen in Pakistan auf. Sie stehen unter zwei prägenden Einflüssen: dem Krieg gegen die Sowjets, in dem ihre Väter in Afghanistan in den achtziger Jahren kämpften, und dem religiösen Extremismus, dem sie in Pakistan ausgesetzt waren. Diese Radikalisierung und Islamisierung führt dazu, dass einige nun auch sehr leicht die Qaida-Ideologie übernehmen.

SPIEGEL: Andererseits kämpfen alle möglichen Gruppen gegen die Regierung Karzai und die westliche Allianz.

Rashid: Die Taliban haben sich mit verschiedenen einflussreichen Führern zusammengetan. Dazu gehört Gulbuddin Hekmatjar, der in den neunziger Jahren Kabul beschoss, dann den Taliban unterlag und ins iranische Exil ging. Heute lebt er in Pakistan, er verfügt mit seiner Gruppe Hisb-i-Islami über erhebliche Ressourcen und kann jede Menge Selbstmordattentate veranlassen. Der Zweite ist Jalaluddin Haqqani, der aus den Stammesgebieten im Osten heraus operiert, aus dem pakistanischen Waziristan. Er war einmal Taliban-Minister, aber eigentlich nie ein Talib. Dritter im Bunde ist die Gruppe der internationalen Kämpfer, von al-Qaida geführt oder bereits Teil davon: Araber, chinesische Muslime, Tschetschenen, Bangladescher, Sudanesen. Die Taliban haben sich auf ganz breiter Ebene Verbündete gesucht, das ist neu, das haben sie vorher nicht gemacht.

SPIEGEL: Warum sind viele Afghanen, vor allem die Paschtunen im Süden und im Osten, gegen Karzai, und warum bekämpfen sie die westliche Allianz, die ihr Land aufbauen will?

Rashid: Die Taliban bieten den Bauern Schutz und die Möglichkeit, weiterhin Mohn anzubauen, der einträglicher ist als jede andere Pflanze. Ihre Propaganda, wonach die Fremden die Felder vernichten werden, wirkt durchaus.

SPIEGEL: Was kann die Nato tun, um Bauern und Dörfler zurückzugewinnen?

Rashid: Das ist nicht einfach. Keine Hilfsorganisation nimmt es derzeit auf sich, in den Süden zu gehen, um alternative Erwerbsmöglichkeiten aufzubauen.

SPIEGEL: Müssen die Amerikaner und die Nato erst die Taliban besiegen?

Rashid: Im Süden sind die Taliban sehr stark. Man muss sie bekämpfen, man muss ihnen standhalten. Wer das nicht tut, wird die Bewohner dort nicht auf seine Seite ziehen. Sie werden mit euch scheinbar kooperieren, euer Geld nehmen, aber sie werden euch nicht trauen. Viele Nato-Mitglieder, vor allem im Süden, glauben, dass sie Entwicklung und Wiederaufbau auf ihre Weise, anders als die Amerikaner, betreiben können. Das ist eine Illusion.

SPIEGEL: Die Deutschen wollen keine Truppen im Süden stationieren und eigentlich auch nicht kämpfen. Tragen Länder wie Deutschland am Ende zum Scheitern der Afghanistan-Mission bei?

Rashid: Versagt haben die Deutschen tatsächlich beim Aufbau einer afghanischen Polizei. Sie schickten 45- bis 50jährige Provinzpolizisten ins Land, die keine Ahnung von muslimischer Kultur und von den dortigen Erfordernissen besaßen. Ein Desaster. Wir brauchen die Polizei dringend, um Sicherheit herzustellen, um den Frieden aufrechtzuerhalten, um die Drogen zu bekämpfen, um den Staat und die Regierung zu schützen. Jetzt haben die Amerikaner den Löwenanteil dieser Aufgabe übernommen und trainieren 80 000 Polizeikräfte. Das Versagen hat

Afghanistan in eine sehr schwierige Lage gebracht.

SPIEGEL: Sollten die Befriedung und Stabilisierung Afghanistans scheitern, was würde das für die westliche Welt bedeuten?

Rashid: Zum einen würde Afghanistan in weit größerem Umfang eine Terrorbasis werden als vor dem 11. September 2001. Sehen Sie nur, was sich in Waziristan entwickelt hat, dem pakistanischen Stammesgebiet: Es ist heute das Zentrum des internationalen Terrorismus. Die andere Gefahr ist das Auseinanderbrechen des Landes. Der paschtunische Süden könnte sich vom nichtpaschtunischen Norden trennen. Die Folge wäre ein instabiler Staat, der sich wirtschaftlich nicht entwickeln kann, eine Region ohne jede Kontrolle. Hinzu käme ein Bürgerkrieg, noch viel brutaler als der letzte.

SPIEGEL: Wie lässt sich das verhindern?

Raschid: Mit ihren Luftschlägen hat die Nato den Süden Afghanistans gegen sich aufgebracht und die Lage von Grund auf verändert. Sie wollte natürlich ihre eigenen Soldaten schützen. Jetzt braucht sie mehr Bodentruppen. Sollte die Nato das ganze Jahr 2007 wieder mit Luftschlägen bestreiten, dann ist der Krieg gegen die Taliban verloren.

INTERVIEW: SUSANNE KOELBL

Zur Ausgabe
Artikel 16 / 104
Vorheriger Artikel
Nächster Artikel
Die Wiedergabe wurde unterbrochen.