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»TÖTET DIE SCHWARZEN SCHWEINE«

aus DER SPIEGEL 31/1960

Das amerikanische Nachrichtenmagazin »Newsweek« veröffentlicht in dieser Woche einen Kabelbericht seines Redakteurs Arnaud de Borchgrave aus Léopoldville, dem die folgenden Auszüge entnommen sind.

Es war der Tag, an dem die ersten Uno-Einheiten eintreffen sollten. Ich begleitete den stellvertretenden Generalsekretär der Vereinten Nationen, Ralph Bunche, zum Flugplatz, um auf die tunesischen Truppen zu warten.

Dort stauchte ein belgischer Oberleutnant seine Maschinenpistole in den Magen von Bunche: »Scheren Sie sich vom Flugplatz.« Bunche identifizierte sich, aber der Belgier fluchte: »Die Vereinten Nationen gehen mich einen Scheißdreck an. Hauen Sie ab.« Als zwei Beamte der Amerikanischen Botschaft versuchten, sich einzumischen, fügte der Oberleutnant hinzu: »Auch um die USA kümmere ich mich, verdammt wenig.«

Aber erst einmal angelaufen, konnte der Uno-Aufmarsch nicht mehr gestoppt werden. Gigantische amerikanische Hercules-Transporter landeten zwei komplette tunesische Bataillone von insgesamt 2000 Mann. Danach trafen von Franzosen ausgebildete Marokkaner ein, von Briten ausgebildete Ghana-Neger, 500 Senegalesen aus Mali und Soldaten aus Guinea und Äthiopien.

Zwischen dem ersten SOS-Ruf aus Kongo und der Ankunft der Truppen hatten nur vier Tage gelegen. Aber was für Tage waren es gewesen. Als Ministerpräsident Patrice Lumumba seinen ersten Hilferuf an die Uno funkte, lag Léopoldville im Sterben. Die Straßen waren verwaist. Hunderte von Automobilen standen verlassen umher. Alle europäischen Ärzte hatten die Krankenhäuser verlassen, und - das war das Schlimmste - die Lebensmittelvorräte reichten nur noch für drei Tage.

In dieser Situation telegraphierte Lumumba nach Amerika, an die Uno und schließlich nach Moskau. Da jedoch die Bedrohung der weißen Bevölkerung von Léopoldville fortbestand, entschied die belgische Regierung, sie könne nicht auf fremde Hilfe warten.

Unter dem Druck der öffentlichen Meinung im eigenen Land, daß ein Fluchtweg eröffnet werden müsse, befahl das Kabinett in Brüssel den Fallschirmjägern, den Flugplatz der Hauptstadt zu besetzen, die Zufahrtstraße in die Stadt zu säubern und die weißen Stadtviertel von Léopoldville zu beschützen.

Vertraulich von der geplanten Operation unterrichtet, fuhr ich zum Flughafen hinaus; im Flugplatzgebäude kauerten 400 Weiße - von Kongo-Soldaten bewacht - auf dem Boden.

Plötzlich drangen belgische Fallschirmjäger durch die Eingangstür. Frauen und Kinder warfen sich auf die Erde, das Gesicht nach unten. Kugeln prasselten in die Wände. Die Kongolesen flohen. Wundersamerweise waren nur vier Flüchtlinge verwundet. Ein schwerverletzter Kongolese wäre verblutet, wenn nicht der AP-Photograph Jean -Jacques Levy und ich darauf bestanden hätten, daß ein belgischer Doktor von ihm Notiz nahm.

Um 16.30 Uhr jenes Nachmittags rollten die ersten belgischen Jeeps über den verlassenen Boulevard Albert in die Stadt hinein. Sekunden später waren sie von Hunderten jubelnder Europäer umringt, die aus dem Nichts aufzutauchen schienen.

Verhandlungen wurden aufgenommen, um gemischte Jeep-Patrouillen mit Kongo-Truppen zu organisieren, als plötzlich ein Neger rief: »Sie haben unsere Soldaten getötet. Wir können nicht neben Ihnen sitzen.« Die Belgier starrten verdutzt. »Ich gehe nicht auf Patrouille mit diesen dreckigen Vergewaltigern«, knurrte ein Fallschirmjäger.

In der Nacht kam es überall in der Stadt zu kurzen Feuergefechten. Ich duckte mich gerade hinter einem belgischen Jeep, als auf der anderen Straßenseite ein Kongolese erschossen wurde. Ich hörte, wie ein belgischer Offizier rief: »Feuer einstellen!« Aber andere Europäer brüllten: »Nein, nein! Tötet die schwarzen Schweine.«

Am nächsten Morgen, angestachelt durch die nächtliche Schießerei, stürmte der Kongo-Mob in die Europäerviertel und begann Autos in Brand zu setzen. Mit Hilfe meines amerikanischen Passes schloß ich mich einem Jeep voll Kongo-Soldaten an und überredete sie, mich durch die EingeborenenQuartiere

zu fahren. Während wir

dahinrollten,

schüttelten Hunderte

wütender Afrikaner, die mich für einen belgischen Gefangenen hielten, drohend die Fäuste.

Im Verlauf der so angebrochenen Woche schienen Ministerpräsident Lumumba und Staatspräsident

Kasavubu mehr und mehr die Kontrolle über das Geschehen zu verlieren. Unglücklicherweise förderten die Belgier offensichtlich die allgemeine Verwirrung. Die Ereignisse eines Tages waren dafür bezeichnend:

Nachdem Kasavubu und Lumumba eines Nachmittags von Léopoldville abgeflogen waren, landeten sie wenige Stunden später wieder auf dem gleichen Flugplatz. Beide Führer dachten zunächst, es sei Stanleyville, wohin sie ursprünglich wollten, ehe sie begriffen, daß ihr belgischer Pilot sie hereingelegt hatte, indem er einfach eine große Schleife über dem Dschungel geflogen war.

Als die beiden aus der Maschine kletterten, wurden sie von einer Ehrengarde belgischer Fallschirmjäger begrüßt. »Ich verwahre mich gegen diese Behandlung«, sagte Lumumba. »Wir brechen unsere Beziehungen mit Belgien ab.«

Dann ging Lumumba in das Flugplatzgebäude, um ein anderes Flugzeug zu mieten. Er wurde von belgischen Flüchtlingen erkannt und angegriffen. Einer knuffte ihn; ein anderer rief: »Geh, sieh dir die Frauen an, die deine Soldaten vergewaltigt haben.«

Noch einmal in der Luft für zwei weitere Stunden, landeten der Präsident und der Premier zum zweitenmal - wieder in Léopoldville. Wieder hatte der Pilot Funkbefehl erhalten,

die beiden Führer nicht nach Stanleyville zu bringen, aus dem Gesichtskreis der mißtrauischen Belgier heraus.

Diesmal wurde die ausrollende Maschine von einer Gruppe randalierender, pfeifender belgischer Soldaten in Empfang genommen. Als die beiden Politiker in einen Wagen der Sabena - Luftlinie umstiegen, schubsten die Landser das Auto vor und zurück. »Werft es um,« rief einer.

Belgische Offiziere unternahmen keinen Versuch, die Ausschreitungen zu stoppen, aber zwei amerikanischen Beamten gelang es schließlich, die Soldaten zu überreden, von ihrem Spaß abzulassen.

Was auch immer an Grausamkeiten im Kongo geschehen sein mag - dies war eine schockierende Art, zwei nationale Führer zu behandeln. Vor Wut zitternd, verkündete Lumumba in der gleichen Nacht seinem Parlament, er sei von belgischen Truppen ein »Affe« genannt worden, mitten im angeblich unabhängigen Kongo.

Er nannte die Vorgänge »eine Aggression«, kabelte an Nikita Chruschtschow, daß eine westliche »Konspiration« sein Leben bedrohe, und bat den Kreml, für eine mögliche »Intervention« bereitzustehen. Chruschtschow beeilte sich, den Wünschen zu folgen. Er warnte den Westen: »Hände weg von der Kongo-Republik«, oder die Sowjets greifen ein.

Welcher Art dieses Eingreifen sein wird, weiß bis heute niemand. Aber ein polnischer Frachter, randvoll beladen mit 500 Tonnen kommunistischer Waffen, dampfte bereits den Kongo-Fluß hinauf...

Bunche

Lumumnba

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