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KIRCHE Tolle Leistung

Ein privater katholischer Verein will die Arbeit der kirchlichen Schwangerenberatung übernehmen. Weiterer Ärger mit dem Vatikan ist nicht ausgeschlossen.
aus DER SPIEGEL 39/1999

Von Montag dieser Woche an können die katholischen Bischöfe in den 27 deutschen Bistümern endlich einmal selbst bestimmen - zumindest über den Zeitpunkt, ab wann sie der neuesten Papstorder zur Abtreibung gehorchen wollen.

Ein Drittel von ihnen, darunter der Kölner Kardinal Joachim Meisner, will die kirchlichen Beratungsstellen anweisen, ab sofort keine Scheine mehr auszustellen, die nach dem Schwangerschaftskonfliktgesetz für eine Abtreibung erforderlich sind - so wie es Johannes Dyba, der Erzbischof von Fulda, seinen Amtsbrüdern schon seit 1993 vormacht.

Mindestens zehn Oberhirten, die Bischöfe von Limburg, Trier, Erfurt, Regensburg, Münster, Magdeburg, Essen, Aachen, Osnabrück und Hamburg dagegen wollen erst einmal alles beim Alten lassen und die Sache verschleppen. In sechs Wochen müssen die deutschen Bischöfe und Kardinäle oh-

* Beim Eröffnungsgottesdienst der Deutschen Bischofskonferenz am Montag voriger Woche im Dom zu Fulda.

nehin zu der alle zwei Jahre fälligen Visitation im Vatikan antanzen, jeder von ihnen wird zum Einzelgespräch vom Papst empfangen. Dann können die Abweichler dem Pontifex, so hoffen sie wenigstens, nochmals eindringlich ihre Not mit dem jüngsten Papstbefehl vortragen.

Doch der Heilige Vater dürfte sich nach den Querelen der vergangenen Monate kaum umstimmen lassen. Sein Nuntius in Deutschland, Giovanni Lajolo, revidierte auf der Herbsttagung der Deutschen Bischofskonferenz vergangene Woche in Fulda ausdrücklich seinen Brief vom Juni, in dem er die Zustimmung der römischen Kurie zu dem trickreichen Beschluss der deutschen Oberhirten annonciert hatte, zwar weiterhin den von Rom beanstandeten Schein auszustellen, aber mit dem Zusatz, der könne künftig keinesfalls als Zugang zur Abtreibung benutzt werden.

Noch nie hat ein Thema die katholischen Mitra-Träger der Republik so erhitzt wie die Debatte um diesen Ukas aus Rom. Kaum war der Papstbrief zu Beginn der Bischofskonferenz in Fulda verteilt, da ging es unter den Würdenträgern, Durchschnittsalter 67 Jahre, lautstark zur Sache. Der geballte Zorn traf vor allem den Kölner Kardinal, der durch seine heimliche Intervention beim Papst den Mitbrüdern das Verdikt des Vatikan eingebrockt hat.

Schnell bildete sich um Meisner eine größere Traube schwarzgewandeter Herren: »Joachim, die Nummer mit Rom war keine tolle Leistung«, empörte sich ein Mitbruder. Ein anderer beklagte sich darüber, dass er von Meisners vatikanischer Extratour erst aus der Presse erfahren habe.

Ein dritter schrie Meisner an: »Hast du noch deinen Brief an die Priester in Köln mit dabei, den du gleich nach unserer letzten Konferenz geschrieben hast?« Darin hatte der Kardinal ausdrücklich für einen Verbleib im staatlichen Beratungssystem plädiert.

Als Meisner das verneinte, hielt ihm der Münsteraner Oberhirte Reinhard Lettmann das Schreiben hin: »Lies das mal vor, was du da vor wenigen Wochen geschrieben hast. Da hast du noch unsere gemeinsame Haltung verteidigt.«

Immer wieder kam in den erregten Debatten von Fulda die Besorgnis der Oberhirten durch, wie sie ihren Gläubigen und vor allem den Mitarbeiterinnen in den kirchlichen Familienberatungsstellen den Bannstrahl des Papstes gegen ihre bisherige Arbeit verklaren sollen.

Am Ende stand blanke Ratlosigkeit. Die Minderheit, die sich dem Befehl aus Rom nicht ohne weiteres und widerspruchslos fügen will, verhinderte einen Beschluss der Bischofskonferenz, postwendend aus der staatlichen Schwangerenberatung auszusteigen.

Laut Lehmann, den die große Mehrheit seiner Amtsbrüder auch aus Trotz für sechs weitere Jahre zum Konferenzvorsitzenden wählte, entscheidet ab sofort jeder Bischof für seine Diözese, wie lange er den Schein noch auszustellen gedenkt. Er gehe davon aus, dass »zumindest in den nächsten Wochen« noch fast alle Bistumsleiter bei der bisherigen Praxis blieben.

Doch auch Lehmann weiß, dass der Ausstieg unvermeidlich ist. Wie er sich selbst verhalten wird, blieb bis Freitag ebenso im Nebel wie die Haltung des restlichen Drittels seiner Konfratres. Beraten wollen die Bistümer, beteuerte Lehmann, auf jeden Fall weiter - auch wenn eine Beratung ohne Schein für eine Frau, die abtreiben lassen will, wertlos ist.

Doch sie bringt Geld. Denn der Staat gibt dafür ebenfalls Zuschüsse - nach Paragraf 3 des Schwangerschaftsgesetzes. Dort heißt es, dass die Länder auch für eine allgemeine Ehe- und Familienberatung durch Träger unterschiedlicher Weltanschauung zu sorgen haben.

Die sechs Beratungsstellen in Dybas Diözese Fulda etwa, die sich bereits vor sechs Jahren aus der staatlichen Konfliktberatung verabschiedet haben, erhalten 90,32 Mark für jeden Beratungsfall. Rat suchende Schwangere in Notlagen sind kaum darunter. Die wenden sich an die Gesundheitsämter oder Pro Familia.

Nach den Berechnungen von Caritas und Sozialdienst katholischer Frauen kommen in die bundesweit 264 katholischen Beratungsstellen Jahr für Jahr etwa 20 000 echte »Konflikt-Frauen«. Von mindestens 5000 weiß man, dass sie sich nach der Beratung für das Kind entschieden haben.

Was den - Gewissen hin, Gewissen her - auf strengen Gehorsam gegenüber dem Papst verpflichteten Bischöfen nicht möglich ist, wollen nun prominente Laien versuchen. Am vergangenen Freitag gründete das Zentralkomitee der deutschen Katholiken in Fulda den Verein »Donum Vitae« (Geschenk des Lebens), der die Schwangerenkonfliktberatung der offiziellen Kirche übernehmen soll. Donum Vitae würde zwar als »katholisch« firmieren, unterläge aber nicht der vatikanischen Rechtsgewalt.

Zu den Unterstützern zählen prominente katholische Politiker wie die CDU-Ministerpräsidenten Bernhard Vogel (Thüringen) und Erwin Teufel (Baden-Württemberg), Ex-Arbeitsminister Norbert Blüm, Bundestagspräsident Wolfgang Thierse (SPD) sowie die bayerische Sozialministerin Barbara Stamm (CSU).

Ob die Initiative Erfolg hat, muss sich erst noch erweisen. Die katholischen Beratungsstellen arbeiten bislang nach dem so genannten integralen Konzept: Familienberatung, allgemeine Schwangerschafts- und Konfliktberatung greifen ineinander. Wird die Konfliktberatung von einem Verein übernommen, müsste der nicht nur Personal bei den kirchlichen Stellen abwerben, sondern auch eine ganz neue, kostenträchtige Struktur aufbauen.

Die einfachste Lösung ist allerdings unrealistisch: Dulden die Bischöfe die Konfliktberatung weiterhin in ihren Kirchenräumen, nur unter privater Regie, bliebe die praktische Arbeit die gleiche - und der Vatikan wäre ein weiteres Mal düpiert.

Da aber ist in jedem Fall Joseph Kardinal Ratzinger vor. PETER WENSIERSKI

* Beim Eröffnungsgottesdienst der Deutschen Bischofskonferenzam Montag voriger Woche im Dom zu Fulda.

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