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NORDJEMEN Tor der Begegnung

Fast alle Jemeniten haben ein gemeinsames Laster: Sie kauen Kat. Die grüne Droge hält das Land in Dämmerschlaf und schädigt die Wirtschaft.
aus DER SPIEGEL 21/1981

Der Militärpolizist mit dem roten Barett und der Kalaschnikow über der Schulter sitzt geistesabwesend an der Straßensperre. Der Teeverkäufer hockt mit dicker Backe träumend neben seinem Kupferkessel, der Gewürzhändler im Markt von Sana hat sich kauend hinter seinen Körben mit gelbem und braunem Pulver verschanzt.

Und der Taxifahrer auf dem Platz Bab el-Jemen, dem »Tor des Jemen«, zerbröselt lethargisch kleine grüne Blätter mit der Hand, schiebt sie genüßlich in den Mund und läßt sich nur mit vielen silberglänzenden Rial zu einer Fahrt bewegen.

Nachmittag in Nordjemen. Ein Land fällt in Trance.

Schuld daran ist der grüne Kat-Strauch (Catha edulis), dessen zarte Blätter einen nachhaltigen Rausch erzeugen.

Kaum hat der Muezzin zum Mittagsgebet gerufen, gehen die Jemeniten auf den Markt, um frische Kat-Büschel für den allnachmittäglichen Trip zu kaufen.

Die Droge wurde früher als Gebräu genossen, »abessinischer Tee« heißt sie deshalb auch nach ihrem Ursprungsland. Heute stopfen sich die Bewohner Südarabiens die Backentasche voller Blätter, bis sie wie eine Hamsterbacke anschwillt, kauen den grünen Klumpen genüßlich und spucken den Rest aus. Die Alkaloide in den orangenblattähnlichen Kat-Trieben bewirken leichte Betäubung wie Koffein oder Kokain.

Die sanfte Droge beschert jedoch nicht nur schöne Träume, sondern schädigt vor allem die Wirtschaft des Landes:

* Millionen Arbeitsstunden werden im Kat-Rausch vertan.

* Das Kat verdrängt den Anbau wichtiger Lebensmittel.

* Übermäßiger Genuß schädigt die Gesundheit der Jemeniten.

Zu Zeiten der legendären Königin von Saba war der Jemen die Kornkammer auf der arabischen Halbinsel gewesen, »Arabia felix«, glückliches Arabien genannt. Heute wächst auf den kunstvoll angelegten Terrassenfeldern des Gebirgsstaates am Roten Meer vor allem eins: Kat.

Allein seit 1974 ging der Kaffee-Export um 80 Prozent zurück. Das lag wohl auch an der Weltmarktlage. Doch gleichzeitig stieg der Kat-Anbau um 60 Prozent. Er bedeckt schon mehr als ein Zehntel der Anbaufläche.

Das teilweise sehr fruchtbare Land importiert heute Pulverkaffee aus Europa, Reis aus Asien, Bananen aus Ecuador, Äpfel aus Frankreich, Tomaten aus Italien, Haferflocken aus England, Rindfleisch aus Australien, Ölsardinen aus Jugoslawien, und Mineralwasser kommt aus China und der Sowjet-Union.

Der rohstoffarme Jemen, eines der ärmsten Länder der Welt, hat denn auch eine katastrophale Außenhandelsbilanz: 1978 flossen für 1,3 Milliarden Dollar fremde Güter ins Land, der magere Export von Kaffee, Baumwolle und Häuten brachte gerade 7 Millionen Dollar.

Der Nordjemen lebt überwiegend von den großzügigen Zahlungen Saudi-Arabiens, weil es der Pufferstaat zum roten Südjemen ist, und von den Schecks der einen Million jemenitischer Gastarbeiter, die in den benachbarten Ölstaaten arbeiten: Sie verdienen auch das Geld für den steigenden Drogenkonsum ihrer Landsleute.

Denn gutes Kat ist teuer: 10 Mark kostet ein Büschel billigster Sorte, weit über hundert Mark eine Portion Luxus-Kat, zum Frischhalten in Bananenblätter gewickelt. »Wieviel Schulen, Krankenhäuser und Straßen könnte der Jemen für das Geld bauen, das die Leute verkauen!« stöhnte ein Entwicklungshelfer.

Dabei war Kat-Kauen früher ein Privileg der Reichen, Freizeitbeschäftigung der Adeligen, Händler und Gelehrten. Als »ein Tor der Begegnung« besingt ein Imam im 15. Jahrhundert die Rauschrunden. Selbst die Architektur der hohen Bürgerhäuser in Sana war auf den reich ausgestatteten »Mansar«, eine Art Penthouse für die Kat-Sitzungen des Hausherrn, ausgerichtet. Die Masse der Bauern, Pächter und Handwerker hatte damals kein Geld für solchen Luxus.

Heute ist der »Smaragd«, wie die Jemeniten den grünlichen Kat-Brei in ihren Gedichten nennen, fast jedermanns Genuß. Ob im Jemen ein Streit unter den autonomen Scheichen beigelegt oder Brautgeld ausgehandelt wird, ob zur Begrüßung heimkehrender Pilger aus Mekka oder zur Würdigung eines Toten -- es läuft nichts ohne eine Kat-Sitzung.

»Wenn wir zum Gouverneur gehen, bringen wir unser eigenes Bündel Kat mit«, sagen die Mitglieder eines deutschen Geologenteams in Sada. Tief verschleierte Jemenitinnen lüften bei einer Kat-Party im Hause einer Freundin schon mal ihre Schleier. Kat ist heute ein soziales Phänomen -- mit gesundheitlichen Folgen.

Starker Genuß vor allem billiger Blätter führt, so warnen Ärzte, zu Stumpfsinn, Impotenz und Depressionen, S.166 im Extremfall auch zu Gehirnblutungen. »Das Kat macht Männer zu Greisen, läßt die Brüste der stillenden Mütter versiegen«, sagt ein altes medizinischen Handbuch der Araber.

Während die Reichen den Kat in Muße genießen, kauen ihn Landarbeiter und kleine Handwerker wie die Hochland-Indianer in Peru ihre Kokablätter: als kurzfristiges Stimulans bei schwerer Arbeit und zum Vergessen des Hungers. Je ärmer sie sind, desto mehr kauen sie, um ihre Not zu verdrängen, beobachtete der Völkerkundler Armin Schopen, und leben damit weit über ihre Verhältnisse.

Kurz nach dem Bürgerkrieg, Anfang der siebziger Jahre, fehlte es in der Republik Jemen nicht an wohlgemeinten Initiativen, den Genuß der grünen Blätter einzuschränken. »O Minister, rotte das Kat aus«, ließen die Machthaber 1971 über Radio Sana singen. »Söhne des Volkes, verzehrt kein Kat, laßt ab von dem Unglück«, hieß ein anderes Lied. Doch diese Antidrogen-Lyrik vermochte nur wenig.

Nicht einmal, was die rigide Regierung des sozialistischen Nachbarstaates Südjemen schaffte, nämlich das Kat-Kauen auf die Feiertage zu beschränken, scheint beim alten orientalischen Schlendrian des Nordens möglich. Zu stark erwiesen sich die Lobby der Kat-Händler und die Gewohnheit.

Junge Jemeniten, die im Ausland studiert haben, halten deshalb nichts von Verboten, sondern erhoffen sich Erfolg gegen Kat durch Verbesserung des Lebensstandards, durch Bildung und Einsicht ihrer Landsleute.

Und sie hoffen, daß die Erkenntnis eines früheren Sultans Allgemeingut wird, der einen Abessinier nach den Vorzügen des Kat befragt hatte. »Er läßt dir die Lust auf Essen, Trinken und die Liebe vergehen«, war die Antwort.

Der Sultan entsagte dem Kat.

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