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Briefe

Torpedos
aus DER SPIEGEL 52/1971

Torpedos

(Nr. 51/1971, Schriftsteller)

Es scheint zu den unvermeidlichen Zwangsmechanismen der kapitalistischen Geschäftsordnung zu gehören, daß bei der Auseinandersetzung und Neuordnung längst überfälliger Rechtsverhältnisse genau die Gruppen gegeneinander »gehetzt« werden, die natürlicherweise Verbündete sein müßten: Bibliothekare und Autoren, Autoren und lesebuchpflichtige Schüler und deren Eltern. Zunächst verbirgt sich ja in der Feststellung, daß nicht alle erfaßten Autoren ausschließlich von ihren Einnahmen als Schriftsteller leben, eine nicht aufgeschlüsselte Ungenauigkeit. Außerdem: Der Autor, der 3000 Märk im Monat einnimmt, hat -- das gesteht ihm selbst das gestrenge Finanzamt zu -- zwischen 30 und 40 Prozent Unkosten; nimmt man noch die 5,5 Prozent Mehrwertsteuer hinzu, so bleiben von den angenommenen 3000 Mark 1950 bis 1650 übrig. Rechnet der geneigte Leser davon die Einkommensteuer ab, die (billigen wir dem Burschen zu, daß er verheiratet ist und ein Kind hat) 310 beziehungsweise 250 Mark monatlich beträgt, und außerdem noch jene besonders liebenswürdige Abgabe, die man Kirchensteuer nennt, so bleiben 1600 bis 1400 Mark übrig.

Rechnet der immer noch geneigte Leser nun noch aus, daß dieser Autor ja keinen »Geschäftspartner« hat, der im Falle von Versicherungen so etwas Liebes wie den »Arbeitgeberanteil« übernimmt, schrumpft die zunächst bestechende Ursprungssumme um weitere 100 bis 300 Mark. Es ist immer wieder betont worden, daß Beiträge in Schulbüchern den respektiven lesebuchpflichtigen Schülern (und deren Eltern, die die Bücher ja bezahlen müssen) geschenkt werden können, aber nicht den Herausgebern und Verlegern, und weiterhin sollte jeder Buchkäufer wissen, daß jeder Groschen, den ein Autor bekommt oder mehr bekommt, sich im Ladenpreis verfünffacht oder versechsfacht -- so will es die absurde Multiplikationsmechanik.

Es ist unbestritten, daß der »Bibliotheksgroschen« eine so komplexe wie komplizierte Abgabe ist oder wäre; unbestritten auch, daß er nicht den ohnehin erfolgreichen Autoren zugute kommen sollte. Aber kann man denn seine Berechnung nicht auf Grund eines nach den letzten zehn Jahren zu errechnenden Mittelwertes vornehmen, muß das Buch für Buch »skandiert« werden, und gibt es schließlich nicht noch andere Quellen, etwa das Urhebernachfolgerecht, eine Abgabe für tantiemefreie Buchausgaben? Natürlich gibt es starke Lobbys, stärker als die der Autoren. Ich begreife nicht recht die ironische Feindseligkeit der Presse, in der ich unter anderem las, ein Teil der Autoren könne mehr als 3000 Mark im Monat »ausgeben«, ja natürlich, aber wofür? Unkosten, Steuern, Versicherungen. Die Bibliothekare und Autoren sollten sich verbünden, gemeinsam einen Weg suchen, sich nicht aufeinanderhetzen lassen.

Es gibt ja außerdem wohl auch Autoren, deren Frauen mitverdienen, Häuser besitzen oder ähnliches. Das trifft hoffentlich auch für einige Arbeiter, Angestellte und Beamte zu -- niemand wird derlei »Extras« ihrem Einkommen zuschlagen. Es erscheint mir sinnlos, das vorläufige Ergebnis einer Umfrage so undifferenziert zu publizieren, auf diese Weise »Torpedos« loszulassen -- gegen wen und für wen? Schließlich gibt es Dutzende, vielleicht Hunderte von Funk- und Fernsehautoren, die möglicherweise zwischen ihrem 30. und 50. Jahr ganz gut verdienen und plötzlich abgeschoben werden. Die Manieren der Funk- und Fernsehanstalten sind diktatorisch. Mir wurden neulich vom WDR Köln (bekannt für sinnlose Baulustigkeit) 4 Prozent Zinsen für Anwaltskosten abgehalten, die ich schuldete. Mir 4 Prozent für das lang anstehende Honorar zu zahlen, auf die Idee kam keiner.

Köln HEINRICH BÖLL

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