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VIETNAM / JOURNALISTEN Tot für den Leser

aus DER SPIEGEL 13/1968

Zum Abendessen serviert das Fernsehen, zum Frühstück liefert die Zeitung Kriegsgreuel aus Vietnam.

Genau und grausam wie noch nie dringt ein Krieg in die Wohnstuben der ganzen Welt. Russen und Amerikaner, Deutsche und Chinesen, Hausfrauen und Schüler sehen die Schlacht um die Dschungelfestung Khe Sanh, sehen Terror, Tod und Verwüstung.

Nie zuvor konnten Journalisten derart ungeschminkt über einen Krieg berichten. Rund 600 Reporter verfolgen jede Schlacht, marschieren mit US-Patrouillen durch den Dschungel, fliegen in Transportmaschinen und Hubschraubern in eingeschlossene Stützpunkte.

Eddie Adams von der amerikanischen Presseagentur AF drückte auf den Auslöser, als der Polizeichef von Südvietnam, Brigadegeneral Nguyen Ngoc Loan, einen gefangenen Vietcong-Offizier mit der Pistole erschoß. US-Reporter krochen morgens um drei Uhr unter parkende Pkw und beobachteten von dort aus einen nächtlichen Raketenangriff auf den Palast des südvietnamesischen Präsidenten.

Mit dem ersten Trupp amerikanischer Militärpolizisten, die Amerikas Saigoner Botschaft von kommunistischen Truppen freikämpfen sollten, kam Fernseh-Reporter Howard Tuckner von der US-Gesellschaft NBC. Seine Crew filmte weiter, obwohl sie in das Feuer beider Seiten geriet.

Der Kampf um Reportagen im Dschungelkrieg ist gefährlich: Bisher

* Schriftsteller Bernard Fall (l.) mit einem Minensuch-TrUpp, einen Tag, bevor er durch eine Mine getötet wurde.

** UPI-Journalist Al Webb (l.) und Photograph John Schneider.

starben in Vietnam zwölf Journalisten, über 50 wurden zum Teil schwer verletzt -- das sind die offiziellen Zahlen: Journalisten großer Zeitungen, Rundfunkanstalten und Agenturen. Wenn man die -- weithin unbekannten -- freiberuflich tätigen Reporter und Photographen mitzählt, starben wahrscheinlich schon über 20 Journalisten.

Anfang dieses Monats stürzte der amerikanische Photograph Bob Ellison, 23, mit einer C-123-Transportmaschine über Khe Sanh ab; die Vietcong hatten die Maschine beim Anflug auf die Festung getroffen.

Der französische Schriftsteller Bernard Fall, 40, der seit 1953 Vietnam bereist und drei Bücher über das verwüstete Land geschrieben hat, trat bei einer Patrouille auf eine Landmine und wurde zerfetzt.

Ein Redakteur der US-Illustrierten »Look«, Sam Castan, der für eine Reportage erkunden wollte, was Soldaten beim Sterben denken, geriet mit einem Infanterie-Zug in einen kommunistischen Hinterhalt und wurde von Granatsplittern im Rücken und durch ein Geschoß am Arm getroffen. Der Journalist verteidigte sich mit einer Pistole -- dann tötete ihn ein Vietcong mit einem Schuß durch die Schläfe.

Fünfmal wurde der UPI-Photograph William Hall verletzt, als er an einem Kontrollpunkt auf nervöse südvietnamesische Soldaten stieß. Den französischen Kriegsberichter Jean-Yves Gautron traf die Kugel, als er einem verwundeten Soldaten helfen wollte; CBS-Kameramann Alex Brauer brach im MG-Feuer schwerverletzt zusammen.

Der japanische UPI-Photograph Hiromichi Mine, 27, dessen Photo -- ein in der Luft zerrissenes US-Flugzeug -- einen Weltpresse-Preis 1967 erhielt, wurde bei den Kämpfen in der Kaiserstadt Hué so schwer verwundet, daß er wenig später starb.

In Hué, zwischen dem Fluß der Wohlgerüche und der Zitadellenmauer, geriet auch SPIEGEL-Redakteur Siegfried Kogelfranz ins Feuer: Die Amerikaner schossen brechreizerregendes Kampfgas, die Vietcong Gewehrgranaten. Eine explodierte neben Kogelfranz -- ohne ihn zu verletzen.

Die amerikanische Journalistin und Schriftstellerin ("Kriegsschauplatz Korea") Marguerite Higgins, 45, die als einzige Frau aus Korea berichtet hatte, entkam dem Kriegstheater Vietnam gleichfalls unverletzt. Aber mehrere Monate später starb sie an einer Tropenkrankheit in Washington.

Nach 18 Monaten in Vietnam bat ABC-Reporter Don North um Versetzung. Auch der Tokioter Bürochef von CBS, Igor Oganesoff; will nicht mehr aus dem Krieg über den Krieg berichten.

»Je länger man hier bleibt«, fürchtet der Hongkonger Bürochef der US-Fernsehgesellschaft ABC Sam Jaffe, »desto wahrscheinlicher ist es, daß man verwundet, verstümmelt oder getötet wird.« Für sich selbst zog Jaffe nach drei Wochen Vietnam-Berichterstattung Konsequenzen: »Ich weigere mich, nach Hué zurückzukehren.«

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