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Totale, scheinbare Öffentlichkeit

SPIEGEL-Reporter Gerhard Mauz im Prozeß gegen Claus von Bülow in Providence, Rhode Island *
Von Gerhard Mauz
aus DER SPIEGEL 24/1985

Nein, Provinz ist man nicht in Providence, der Hauptstadt des US-Bundesstaates »State of Rhode Island and Providence Plantations«. Die knapp 160 000 Einwohner der Stadt müssen nicht 70 Kilometer nach Boston im Norden oder gar 280 Kilometer nach New York im Süden reisen, wenn sie die frischesten Sensationen der Gegenwart erleben wollen.

So führt beispielsweise der Ringer Brutus Beefcake, hier würde man ihn einen Catcher nennen, seine derzeit im Mittelpunkt des öffentlichen Interesses stehende Kunst auch in Providence vor.

Zwar kennzeichnet eine gewisse Strenge Providence, doch diese Strenge ist nicht provinziell, sie steht nicht in Gegensatz zur Geschichte der Stadt, die 1636 von Roger Williams gegründet wurde. Denn der Gründer und seine Anhänger zogen der religiösen Intoleranz wegen, die damals Boston regierte, nach Süden, und die Stadt, die sie aufbauten, sollte eine Stätte religiöser Freiheit und nicht etwa ein Platz für weltliche Freizügigkeit sein.

Strenge waltet gegenüber jenen Mitbürgern, die angetrunken oder von Drogen beflügelt im Kraftfahrzeug am Straßenverkehr teilgenommen haben. »The Providence Journal-Bulletin« beteiligt sich an der staatlichen Kampagne gegen den Alkohol im Verkehr. Und so erfährt man einmal wöchentlich, daß zum Beispiel John C. Moody, 64 Harold Street, East Providence, geboren am 22. September 1963, 350 Dollar Strafe zahlen und den Führerschein für drei Monate abgeben mußte.

Nein, Provinz ist man in Providence nicht, und nun hat man ja auch im Strafprozeß gegen Claus von Bülow eine Sensation in der Stadt, die von Cable News Network (CNN) live gesendet wird; eine Sensation, die mit Ausschnitten aus der Sitzung am Abend eines jeden Sitzungstages die Bildschirme der ganzen Nation füllt.

Freilich sind die Hoffnungen, die man sich downtown in Providence geschäftlich gemacht hat, nicht in Erfüllung gegangen. Zu den Höhepunkten des Prozesses waren bis zu 300 Reporter, Photographen und Fernsehtechniker in der Stadt, doch die haben die Kassen nicht klingeln lassen.

Immerhin, die Nation blickt auf Providence, sie nimmt buchstäblich teil an einem sich über Wochen hinziehenden Ereignis, sie ist direkt dabei in einem Strafprozeß fortschrittlichster Art - und diese Teilnahme und dieses Dabeisein werden schon eine Wirkung zugunsten von Providence haben. CNN füllt die Unterbrechungen der Sitzung mit dafür vorbereiteten Filmen über Stadt, Land und Leute.

Doch ist die Nation tatsächlich direkt dabei, findet in Providence wirklich ein Strafprozeß fortschrittlichster Art statt? Der Gast aus der Bundesrepublik betritt am ersten Morgen seines Aufenthalts den Fahrstuhl abwärts im »Biltmore Plaza«, wo jedermann, der etwas darstellt im Prozeß gegen Claus von Bülow (oder darzustellen meint), zu wohnen hat. Ohne eigenes Zutun ist er im 14. Stock untergebracht worden, doch die Direktion hat ihm damit offenbar einen besonderen Service zukommen lassen wollen.

Ein Mann eilt über den Flur des 14. Stocks auf den Fahrstuhl zu, die Tür wird für ihn angehalten, er tritt ein und bedankt sich, die Abfahrt beginnt. Von den umgeschlagenen Ärmelenden des Jacketts aus leichtem hellbraunem Wollstoff gleitet der Blick des Gastes aus der Bundesrepublik hoch und höher, um

endlich, oberhalb von 1,90 Meter, den Kopf von Claus von Bülow zu entdecken.

Im 14. Stock des »Biltmore Plaza« wohnt der Angeklagte, residiert in mehreren großen Räumen (mit einem Aktenlager, einem IBM-Computer, in dem Gerichtsentscheidungen gespeichert sind, einer Anlage zum Abspielen von Videocassetten und einer vor allem mit medizinischen Titeln bestückten Bibliothek) die Verteidigung. Ein Zufall, auf dieser Etage untergekommen zu sein - doch eine Überraschung, fast ein Schock: die erste Begegnung mit Claus von Bülow in Person.

Er ist inzwischen jedem Leser von Zeitungen und Zeitschriften, jedem Fernsehzuschauer bekannt, zumindest in den Vereinigten Staaten. Daß seine Erscheinung, sein Auftreten und seine Wirkung so sehr von seiner Körpergröße bestimmt werden, hat kein Photo und auch keiner der Filme aus dem Gericht erkennen lassen. Man hat sich ein Bild von ihm gemacht, das in dem Augenblick, in dem man ihm gegenübersteht, nicht mehr stimmt.

Claus von Bülow, 58, wurde 1926 in Dänemark als Sohn des Schriftstellers Svend Borberg geboren. Seine Mutter Jonna war die Tochter des dänischen Justizministers von 1910 bis 1913, der Frits von Bülow hieß und dessen Familiennamen Claus Borberg später - unter rechtlich korrekten Umständen - übernahm. Dafür, daß er lieber von Bülow als Borberg heißen wollte, gab es einen Grund. Denn der Vater Svend Borberg schlitterte nach der Besetzung Dänemarks durch die deutsche Wehrmacht als Vorsitzender einer Vereinigung für deutsch-dänische Literatur in eine Mitläuferrolle hinein. Er ist nach der Befreiung Dänemarks als Kollaborateur verurteilt worden und, obwohl er nur 18 Monate einer Freiheitsstrafe von vier Jahren verbüßen mußte, ein Jahr nach seiner Entlassung aus der Haft als ein zerstörter Mann gestorben.

Die Mutter, seit 1930 von Svend Borberg geschieden, lebte bei Kriegsbeginn in London. Ihre gesellschaftlichen Beziehungen machten es ihr möglich, den Sohn 1941 zunächst nach Schweden und von dort (mit einer Kuriermaschine vom Typ Mosquito) nach London zu schaffen. Claus von Bülow besuchte in England die Schule und bestand schon mit 16 Jahren die Zulassungsprüfungen für die Universität Cambridge. 1946 schloß er das Jurastudium erfolgreich ab. Er mußte auf die Zulassung als Anwalt zwei Jahre warten, weil er noch zu jung dafür war.

Als junger Anwalt fand Claus von Bülow einen Platz in einer hervorragenden Anwaltskanzlei, vor allem aber war er gesellschaftlich ein Erfolg. Die Beziehungen der Mutter verschafften ihm Zugang zur Welt der tatsächlich uralten Familien und zur Welt der Reichen. Er war gescheit, witzig, sah blendend aus, hatte »vorzügliche« Manieren. Er war nichts und besaß nichts, aber er dekorierte jede Party. Er verstand es, modische Trends zu stiften und Gespräche zu führen, die den Partnern das Gefühl vermittelten, sie seien intellektuell anspruchsvoll, ohne daß es darüber langweilig wurde. Daß er mehrere Sprachen beherrschte und ledig war, machte ihn noch nützlicher - er war genau der junge, vielversprechende Mann, den sich die feine Welt gerne hält.

1959 begegnete Claus von Bülow in diesem Rahmen, auf einer Party also, J. Paul Getty, einem Superreichen. Er verstand es, ihn für sich einzunehmen. Er wurde Assistent eines der reichsten Männer der Welt, er leistete dem Milliardär Dienste, die dieser mit einem Spitzengehalt für jene Jahre, nämlich mit 12 000 Dollar, honorierte. Vor Claus von Bülow lag eine Karriere im Verbund der Unternehmungen J. Paul Gettys - doch dann heiratete er 1966 die Frau, die er, so die Anklage, zweimal zu töten versucht hat.

Martha Crawford wurde 1931 als Tochter eines Multimillionärs geboren, der sein Geld mit Gas und Elektrizität gemacht und erst mit 66 Jahren geheiratet hatte. Als er 1935 starb, hinterließ er ein auf 700 Millionen Dollar geschätztes Vermögen. Von Mutter und Großmutter aufgezogen, entwickelte »Sunny« sich zu einem klassischen Kind der »High Society«. Ihre Intelligenz zu entwickeln und Gebrauch von ihr zu machen, fand sie kaum Gelegenheit.

Einer nicht standesgemäßen ersten Liebe halber nach Europa verschickt, geriet sie an einen Mann, den ihre Familie genausowenig für einen geeigneten Partner hielt. Doch sie hielt an ihm, allen Warnungen trotzend, die sich nur zu bald bestätigten, fest. 1957 heiratete sie den Prinzen von Auersperg, genannt »Alfie«. Einmal mehr fanden verarmter europäischer Adel und US-Kapital zusammen. Zwei Kinder stammen aus dieser Ehe, Prinz Alexander von Auersperg und Prinzessin Annie-Laurie von Auersperg, genannt »Ala«, heute verheiratet und als »Ala« von Auersperg-Kneissl bekannt.

1965 verließ »Sunny« zusammen mit den Kindern ihren Mann. Sie fand ihn großzügig ab, und so wurde die Ehe reibungslos geschieden. »Sunny« war längst ein Kosename, der auf die geborene Martha Crawford nicht mehr zutraf. Ihre Kontaktschwierigkeiten hatten sich vergrößert, Menschenscheu beherrschte ihr Leben. Doch wer derart reich ist, unterliegt nicht einem Leidensdruck, der ihn Hilfe suchen läßt. In ihrer ersten Ehe hatte sich »Sunny« auf den Lebensstil ihres Mannes einstellen müssen - in ihrer zweiten Ehe meinte sie in Claus von Bülow einen Partner zu finden, der sich ihren Lebensvorstellungen unterordnete.

Als die Tochter Cosima geboren wurde, kein erwünschtes Kind, war Claus von Bülow schon ein Ehemann, der resigniert hatte, der daran trug, ein gemeinsames Leben nicht gestalten zu können, sondern das Leben einer Multimillionärin teilen zu müssen. Das Bild, das man sich von Claus von Bülow nach den Photos in Zeitungen und Zeitschriften und auf dem Bildschirm gemacht hat, paßt nicht zu einem sich resigniert fügenden _("Ala« von Auersperg-Kneissl, Maria ) _(Schrallhammer, von Auersperg. )

Mann, der nur heimlich aufbegehrt. Doch begegnet man ihm persönlich, so wird rasch klar, warum ihm nicht wenige zutrauen, daß er versucht hat, seine Frau zu töten.

Begegnet man ihm, so ist schwer verständlich, warum ein Mann dieser Statur die Millionen heiratete und festhielt - die er selber hätte machen können. Man begegnet einem Bruch zwischen Erscheinung, Auftreten und Wirkung einerseits und der Biographie auf der anderen Seite - einem Bruch, den Photos und Fernsehsendungen nicht vermitteln. Claus von Bülow ist dazu prädestiniert, wenn er schuldig ist, der Schurke in einem Stück zu sein, das kein Bühnenverlag seiner Unwahrscheinlichkeit wegen annehmen würde. Wenn er unschuldig ist, so trifft der falsche Verdacht einen Mann, der die ideale Besetzung für einen unschuldig Verdächtigten darstellt.

Die Photos aus der Hauptverhandlung, die Live-Sendungen von CNN und die Vorführung von Szenen aus der Sitzung in den Abendprogrammen der Vereinigten Staaten vermitteln das völlig unzutreffende Gefühl, man nehme buchstäblich teil, man sei direkt dabei. Doch es wird nicht Material zur Meinungsbildung geliefert, sondern Stoff für Voyeurismus, Breikost für die Illusion, man nehme kontrollierend am ordentlichen Ablauf eines fairen Strafverfahrens teil. Man ist auf eine Weise dabei, die einen von dem, was tatsächlich geschieht, perfekt ablenkt. Man kann sich kein Bild machen, es wird einem ein Bild gemacht. Der Irrtum, ein Bild und gar das bewegte Bild gebe die Realität wieder, wird gekrönt.

Im Juli 1981 klagte die Staatsanwaltschaft Claus von Bülow in Newport, Rhode Island, des zweifachen versuchten Mordes an. Sie warf ihm vor, er habe Weihnachten 1979 und Weihnachten 1980 versucht, seine Frau durch Insulin-Spritzen zu töten. Weihnachten 1979 überstand Martha von Bülow eine schwere Gesundheitskrise, ob sie nun durch ihren Mann herbeigeführt worden war oder nicht. Der Krise, die sie Weihnachten 1980 erlitt, fiel sie zum Opfer. Sie liegt seit damals im Koma, heute in einer Klinik in New York. Ihr Zustand ist hoffnungslos, sie ist ein lebender Leichnam.

1981 hatte der Supreme Court in Washington, das höchste Gericht der Vereinigten Staaten, Photoaufnahmen im und Fernsehsendungen aus dem Gerichtssaal für grundsätzlich zulässig erklärt. Rhode Island war einer der ersten Bundesstaaten, der davon Gebrauch machte und eine Photo- und eine Fernsehkamera im Gerichtssaal, jeweils an einem festen Standort, als Lieferanten für die Pools von interessierten Bildagenturen und Fernsehgesellschaften zuließ. Schon der erste Prozeß gegen Claus von Bülow, der am 16. März 1982 mit dem Schuldspruch der Jury und am 7. Mai 1982 mit der Verurteilung zu 30 Jahren Gefängnis endete, fand inmitten einer mit Photos und Live-Sendungen (beziehungsweise Aufzeichnungen) aus der Sitzung versorgten Öffentlichkeit statt.

Was das bedeutete, wurde jetzt, im zweiten Prozeß, der von Newport nach Providence verlegt wurde, nachdem der gegen eine Kaution auf freiem Fuß befindliche Claus von Bülow in der Berufung die Aufhebung des Urteils erreicht hatte, sehr deutlich. Die Anklage beantragte, die Filmaufzeichnung der Aussage eines inzwischen verstorbenen Zeugen vorzuführen. Die Richterin Corinne P. Grande, 55, wies den Antrag zurück. Sie ließ nur die Verlesung des schriftlichen Wortprotokolls der Aussage des verstorbenen Zeugen zu. Die Kamera habe die Aussage gestaltend aufgezeichnet. Sie habe beispielsweise nicht durchweg den Zeugen, sondern während seiner Aussage immer wieder andere Verfahrensbeteiligte gezeigt, etwa die Reaktion auf die Aussage im Gesicht des Angeklagten.

Die Richterin Grande ist gegen die Zulassung von Photo- und Fernsehkameras gewesen, doch sie hat sich seit 1981 zu fügen. Sie hat lediglich die Geschworenen zu Beginn zu fragen, ob sie im Bild erscheinen wollen oder nicht, und entsprechende Anweisungen an den Photographen und den Kameramann zu geben. Und allenfalls kann sie die Überlegungen deutlich machen, die ihre Stellungnahme gegen die grundsätzliche Zulassung von Photo- und Fernsehkameras begründen, wenn, wie im Fall des verstorbenen Zeugen, die Entscheidung in ihre Zuständigkeit fällt. In der Tat - die Fernsehkamera, genauer: der Mann an ihr, komponiert ein laufendes Bild der Sitzung

Die Defekte, die von der totalen, scheinbaren Öffentlichkeit im ersten Prozeß angerichtet wurden, wiederholen sich im zweiten Prozeß und potenzieren sich. Daß nahezu jeder in einer derartigen Szenerie agiert, über den Saal hinaus seine Wirkung bedenkt und seinen Auftritt gestaltet, bedarf nur der Erwähnung, es versteht sich. Die Zeugen des ersten Prozesses sind im zweiten längst gelernte Zeugen. Und da die Geschworenen des ersten Prozesses nach ihrem Schuldspruch öffentlich erläutert haben, wie sie zu ihrem »schuldig« kamen, was sie gar nicht, was sie sehr und was sie entscheidend beeindruckt hat - weiß jeder Zeuge der Anklage und der Verteidigung, worauf es ankommt.

Wie im ersten Prozeß haben Anklage und Verteidigung im zweiten Mediziner aufmarschieren lassen, die sich derart widersprachen, daß man keinem Mediziner mehr in die Hände fallen mag, denn offenbar gibt es immer zwei - und welcher

von ihnen hat recht?! Ankläger Marc DeSisto, 30, plädierte über diese Widersprüche hinweg, indem er erklärte, nichts könne aus der Welt schaffen, daß Martha 1979 ein Koma erlitt, das sie überstand, und 1980 eines, in dem sie versank - in beiden Fällen, als sie mit Claus von Bülow allein auf ihrem Landsitz, dem Clarendon Court in Newport, war. Verteidiger Thomas P. Puccio, 40, trug vor, die Jagd auf seinen Mandanten sei von den Kindern Martha von Bülows aus erster Ehe inszeniert.

Prinz Alexander von Auersperg und »Ala« von Auersperg-Kneissl haben auch diesmal gegen ihren Stiefvater ausgesagt. Sie mußten allerdings diesmal einräumen, daß Überlegungen angestellt wurden (nachdem ihre Mutter unheilbar im Koma lag), den Stiefvater abzufinden und sich damit seiner weitergehenden Erbansprüche zu entledigen (womit man sich auch seiner Verwaltung des Vermögens von 75 Millionen Dollar bis zum Tod der Mutter, der lange, lange auf sich warten lassen kann, entledigt hätte; der Abhängigkeit von Geldzuweisungen durch den Stiefvater). Es geht um Geld, um unendlich viel Geld. Man muß nur Clarendon Court betrachten, den Besitz, in dem mit Grace Kelly der Film »High Society« gedreht wurde.

Die Aussagen der Kinder von Martha von Bülow aus erster Ehe konnte vor dem Bildschirm keiner bewerten. Die Zeugen der Anklage haben einen Vorsprung: Sie stehen während ihrer Aussage neben der Richterin, dem Saal zugewandt, die Fernsehkamera nimmt sie frontal über den Kopf des zwischen ihr und dem Zeugen placierten Staatsanwalts hinweg auf. Marschiert ein Verteidiger vor dem Zeugen auf, so muß er auf die andere Seite des Saals, auf die der Anklage, gehen, die dann fast immer auch im Bild ist und mit Schulterzucken demonstriert, was sie von einer Frage oder Antwort hält. Fragt der Verteidiger von seiner Seite aus, so bietet der Zeuge mehr als sein Gesicht, sein Profil, Bewegungen und Reaktionen, die Deutungen zuzulassen scheinen.

Die Säulen der Anklage waren auch im zweiten Prozeß zwei Frauen: Maria Schrallhammer, 62, und Alexandra Isles, 39. Die erste war seit der Hochzeit »Sunnys« mit dem Prinzen von Auersperg ihre persönliche Bedienung, ihre »Kammerzofe«, wie man in den Staaten irreführend sagt. Denn eine »Zofe« nach europäischer Vorstellung ist diese Frau nie gewesen.

Das frischvermählte Ehepaar lebte zunächst in München. Dem Prinzen gelang es, die für die im selben Haus wohnende Baronin Anneliese von Krupp arbeitende Maria Schrallhammer anzuwerben. Sie hat »Sunny« gedient, aber sie ist ihrer Herrin wohl auch so begegnet, wie Mutter und Großmutter dem Kind »Sunny« begegneten.

Maria Schrallhammer hat schon zwischen dem ersten und dem zweiten Koma Martha von Bülows jenes Lederetui im Besitz von Claus von Bülow entdeckt, das für einen Taschenrechner gedacht ist, in dem sich jedoch Beruhigungs- und Schlafmittel und Insulin befanden. Sie hat schon damals Schreckliches erwartet. Nach dem zweiten, endgültigen Koma ist dieses Etui in einem schwarzen Metallkasten von einem von den Kindern aus erster Ehe beauftragten Privatdetektiv gefunden worden. Es enthielt auch eine Spritze, drei Injektionsnadeln, zwei noch verpackt, eine angeblich benutzt - doch darüber gehen die Meinungen der Ärzte, wie gesagt, total auseinander.

Für die einen ist die Nadel benutzt, für die anderen nicht benutzt worden. Für die einen fand sich in Martha von Bülows Körper ein überhöhter Spiegel von künstlichem Insulin, für die anderen ist Martha von Bülow nach Überdosen von Alkohol, Aspirin und Süßigkeiten ins Koma gefallen. Die Kinder aus erster Ehe und Maria Schrallhammer beteuern, ihre Mutter beziehungsweise Herrin habe maximal sechs kleine Drinks im Jahr zu sich genommen, nur zu gesellschaftlichen Anlässen. Die drei Zeugen beteuern, sie stünden Claus von Bülow unvoreingenommen gegenüber, und sieht man nur Photos und Filme aus der Sitzung von ihnen, so vermittelt nichts die Beklemmung, die den Ohren- und Augenzeugen überkam.

Alexandra Isles, um das Maß vollzumachen, ist sie einmal die Heldin einer »Seifen-Oper« im US-Fernsehen gewesen, war Claus von Bülows Freundin. Schon im ersten Prozeß hat sie ihn schwer belastet. Sie habe ihm ein Ultimatum gestellt. Er habe sie heiraten wollen, doch sie habe ihm gesagt, daß sie ihm ein halbes Jahr gebe, um aus seiner Ehe herauszukommen. Im zweiten Prozeß macht die Zeugin ihren Auftritt zu einer noch größeren Sensation. Sie ist in Europa verschwunden, will nicht erneut aussagen. Erst in letzter Minute, es hat schon den Anschein, daß die Anklage des Motivs beraubt werden wird, das ihre Darstellung zusammenhält, kommt sie zurück und sagt nun noch belastender aus.

Die Geschworenen des zweiten Prozesses sind Zeitgenossen des ersten gewesen. Sie haben nicht übersehen und überhören können, welche Bedeutung diese Zeugin damals hatte. Der Umstand, daß diese Zeugin nun offenbar erst nach Überwindung tiefster Abneigung gegen einen zweiten Auftritt erscheint, kann steigernde Wirkung tun. Wird ein Strafprozeß nach totaler, scheinbarer Öffentlichkeit wiederholt - so potenzieren sich tatsächlich die Schäden, die in der ersten Verhandlung anfielen.

Am Freitagvormittag vergangener Woche belehrt die Richterin Corinne P. Grande die Jury und schickt sie in die Beratung. Wann und wie die Jury entscheidet, ob vor oder nach Erscheinen dieses Berichts, ob sie auf »schuldig« oder »nicht schuldig« erkennt - ihr Spruch teilt lediglich mit, ob Claus von Bülow in der Lotterie gewonnen oder verloren hat.

Die totale, scheinbare Öffentlichkeit läßt eine faire Hauptverhandlung nicht mehr zu, schon gar nicht im zweiten Anlauf. Die totale, scheinbare Öffentlichkeit macht nicht offenbar und kontrollierbar, wie es um den Strafprozeß steht. Sie verbirgt seinen Zustand. Statt einer derartigen Hauptverhandlung sollte man gleich einen im Atelier gedrehten Film senden.

»Ala« von Auersperg-Kneissl, Maria Schrallhammer, von Auersperg.

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