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UMWELT Toter als jeder Planet

Mit tausend Bildern haben westdeutsche Künstler den Niedergang der Natur dargestellt. *
aus DER SPIEGEL 33/1986

Zwei Krokodile im weißen Kragen reichen sich über entnadelten und entwurzelten Baumskeletten tränenden Auges die Hände - so drastisch-direkt setzt die Malerin Sabine Hoffmann die geheuchelte Trauer der Verursacher des Waldsterbens ins Bild.

Die Radierung (Titel: »Jetzt ist es zu spät") leitet einen Bildband ein, der auf dem Umschlag eine Landschaftsidylle im Warndreieck trägt: »Vorsicht Natur« nennt in ironischer Umkehrung Peter Zahrt aus Konstanz das ölbemalte Verkehrszeichen - gerade so, als werde der

Mensch von der Umwelt bedroht, von Wildwechsel, Unkraut und Wiesenblumen im Vorgarten _(Marianne Oesterreicher-Mollwo: ) _("Vorsicht Natur - Künstler sehen unsere ) _(Umwelt«. Verlag Herder, Freiburg; 80 ) _(Seiten; 29,80 Mark. )

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Diese Landschaftsbilder haben nichts von der Romantik etwa Caspar David Friedrichs, nichts von der heilen, schönen Umwelt eines Claude Monet. Mal agitierend, mal resignierend, »einfach, verständlich, gelegentlich plakativ« (Buchautorin Marianne Oesterreicher-Mollwo) stellen 28 zeitgenössische Bildschöpfer den Niedergang der Natur dar, Landschaftsverbrauch und Luftverschmutzung, Baumtod und Artenschwund.

Für das Buch wurden dreißig Werke ausgewählt, die - mit weiteren 120 Arbeiten von insgesamt 74 Künstlern - zu einer Wanderausstellung des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland gehören. Mit mehr als tausend Bildern hatten sich Maler um die Teilnahme beworben - Beleg dafür, wie hoch das Thema Umwelt auch in der Kunstszene rangiert.

Eine bissige Satire auf die autogerechte Natur, die mit Straßen zubetoniert ist, zeichnete Clemens Hillebrand aus dem rheinischen Bornheim: Im Straßengewirr findet gerade noch ein riesiger Bildschirm Platz, der den Autofahrern »Landschaft im Fernsehen« zeigt - die echte Natur bleibt auf der Strecke.

Der ostfriesische Kunstpädagoge Hermann Buss plaziert ein Neugeborenes in eine sterbende Umwelt: »Eine tote Erde ist um ein ganzes Universum toter als jeder Planet, der schon immer tot war«, kommentiert der Bildband das Buss-Werk »Geburt ins Nichts«.

Wie die drei weisen Affen ("Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen") nehmen sich die Frauen auf dem - 1977 entstandenen - Ölgemälde des Berliners Hans-Jürgen Gabriel aus. Das Gruppenbild mit Gasmasken-Mann (Titel: »Lebensenergie") interpretiert der Maler als »Darstellung unseres Lebens mit all seinen Abhängigkeiten« - eine Parabel auf vermeintliche Sachzwänge.

Uneinsichtigkeit und Inkonsequenz geißelt die in Nürnberg lebende Tschechoslowakin Jitka Lewerentz. Verrückt erscheinen ihr Leute, die »mit ihrem Auto verwachsen sind und sich damit zum Einkauf ''rückstandsfreien, gesunden'' Biomüslis aufmachen«. Sie hat Angst »vor stets nur fordernden Menschen, die nicht einsehen, auch zu verzichten«.

Ihr Bild vom Kleinkind, das, mit einem Modellauto spielend, aus dem Autofenster schaut, nennt sie daher in derber Logik: »Auch ich werde ein großes Arschloch.«

Marianne Oesterreicher-Mollwo: »Vorsicht Natur - Künstler sehenunsere Umwelt«. Verlag Herder, Freiburg; 80 Seiten; 29,80 Mark.

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