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Brasilien Toter Vater

Vom Urwaldtraum des amerikanischen Autokönigs blieb eine Geisterstadt: Fordlandia.
aus DER SPIEGEL 38/1992

Vera Luz ist eine pflichtbewußte Frau. Jeden Morgen zieht die Krankenschwester ihren Kittel über und stiefelt den Hügel hinauf zum »Hospital Henry Ford«. Sie rührt einen Kaffee an, lüftet das Schwesternzimmer und hält dann in der Leichenhalle einen Schwatz mit der Sekretärin und dem Krankenpfleger Tome Pincho.

Sechs Stunden lang sitzt das Trio in dem großen Saal beisammen. Verstummt das Palaver für einen Moment, senkt sich Stille über das Krankenhaus. Kein Patient ruft nach Vera, auch Todesfälle gibt es nicht zu beklagen.

Punkt zwei Uhr legt Vera Luz ihre weiße Schürze wieder ab und macht sich auf den Heimweg. Es ist Schichtwechsel, und sie _(* Am Steuer des ersten Ford-Pkw, der in ) _(Serie gebaut wurde. ) achtet auf die Einhaltung der Arbeitszeiten. »Machmal wünsche ich mir, wir hätten endlich mal einen Patienten, damit ich nicht aus der Übung komme«, sagt sie. »Aber seit wir keinen Arzt mehr haben, können wir keine Kranken versorgen.«

Der Arzt ging vor etwa 40 Jahren. Ein Nachfolger machte sich nie auf den Weg. Dabei bietet das »Hospital Henry Ford« allerhand Komfort: Es hat mehrere Operationssäle, Röntgenapparate, einen voll elektrischen Zahnarztstuhl und einen Brutkasten für Frühgeburten - alles made in USA. Allerdings stammt das Gerät aus den dreißiger und vierziger Jahren. Die Medikamente in den Schränken sind rund 50 Jahre alt. Das American Journal of Science traf zuletzt 1943 ein.

Um an seinen Arbeitsplatz zu gelangen, müßte ein neuer Doktor außerdem eine beschwerliche Anreise auf sich nehmen. Zunächst würde er in die brasilianische Goldgräberstadt Santarem am Amazonas fliegen und dann zwölf Stunden auf einem Flußdampfer den Rio Tapajos hinunterfahren, einen Nebenarm des Amazonas.

Auf den sanften Hügeln am Flußufer befindet sich ein gespenstisches Idyll - eine Kleinstadt wie in Neuengland, USA. Welcome to Fordlandia, Brazil.

In den gepflegten Eigenheimen stehen Kühlschränke aus Connecticut und Standuhren aus Des Moines. Das Schwimmbad ist zwar vergammelt, der Spielplatz verwaist, und durch den Asphalt der Hauptstraße bricht die Vegetation. Aber ansonsten ist noch alles fast so wie vor 65 Jahren, als ein alter Herr im fernen Detroit von der Eroberung des Amazonas träumte.

Der Mann hieß Henry Ford. In der Zeit des Booms vor der Weltwirtschaftskrise rollten jedes Jahr Tausende von Wagen aus seinen Fabrikhallen. Alles, was so ein Auto brauchte, konnte Ford in den USA produzieren, nur eines nicht: die Reifen, auf denen die Vehikel fahren sollten.

Großbritannien hatte das Kautschukmonopol in seinen Kolonien in Südostasien, auf Ceylon und in Malaysia. Die Briten dachten nicht daran, den Konkurrenten aus der Neuen Welt ihre Gummiplantagen zu öffnen. Dabei waren sie selbst auf recht profane Weise zu dem Wohlstand gelangt: Bereits 1876 hatte der Engländer Henry Wickham 70 000 Samen des »Hevea brasiliensis«, des Gummibaums, vom Amazonas in den Königlichen Botanischen Garten in Kew bei London geschmuggelt - der Grundstock für den späteren Gummiboom in Südostasien.

Der Autokönig aus Michigan sah keine Chance, England den begehrten Rohstoff abzuluchsen. So ließen seine Mitarbeiter den Blick über den Globus schweifen. In Afrika suchten sie nach einem geeigneten Terrain für Kautschuk-Plantagen, auch das Amazonasgebiet von Peru und Kolumbien war im Gespräch. Aber den Zuschlag erhielt schließlich die Regierung des brasilianischen Bundesstaates Para. Sie offerierte den Gringos 10 000 Quadratkilometer Urwald, wenn die Amerikaner dafür die Wildnis zivilisieren würden.

Das Areal war ideal: Über den Tapajos und den Amazonas konnten Maschinen und Gummi bis in die USA und nach Sao Paulo verschifft werden, wo Ford bereits eine Autofabrik aufbaute. Die Gummibäume gediehen prächtig im Urwaldboden. 1927 wurde man handelseinig, und noch im selben Jahr begann eines der bizarrsten industriellen Abenteuer der Neuzeit.

Binnen weniger Jahre stampfte die Ford Motor Company mitten im Regenwald eine Industriestadt für 8000 Arbeiter aus dem Boden. Sie ließ 1,8 Millionen Gummibäume pflanzen und schaffte mit Flußdampfern ein Kraftwerk, Werkstätten und schwere Maschinen nach Fordlandia, wie der alte Henry seinen brasilianischen Ableger nannte.

Aus ganz Brasilien strömten Glücksritter und Abenteuerlustige an den Rio Tapajos, um sich als Kautschuksammler oder Mechaniker in den Fabrikhallen zu versuchen. Mitten im Regenwald wurden sie in die Moderne des US-Kapitalismus gestoßen. Denn für Henry Ford stand fest: Wenn er mit seiner Firma schon ins Ausland ging, dann sollten seine Angestellten unter den gleichen Bedingungen arbeiten wie in USA.

Als erstes führten die amerikanischen Manager die Stechuhr ein. »Ein geregelter Schichtdienst war für uns ungewohnt«, erinnert sich Miguel Guimaraes, 90, der neun Jahre für Ford als Buchhalter arbeitete. »Aber dafür kamen wir in den Genuß neuer Wohltaten.«

Die Gringos ließen sich nicht lumpen: Sie zahlten vergleichsweise gute Löhne und sorgten auch in der Freizeit für ihre Arbeiter. Ein Kino zeigte täglich kostenlos Hollywood-Filme. Nach langem Zögern schenkten die puritanischen Amerikaner in der Kantine sogar Bier aus.

Für die medizinische Versorgung der Arbeiter ließ Ford ein Krankenhaus errichten, dessen guter Ruf bald sogar Patienten aus Sao Paulo an den Amazonas lockte. Die Behandlung war kostenlos, Medikamente, Ärzte und Gerät kamen aus den USA.

»Fordlandia bedeutet für uns: Es war einmal«, erinnert sich Manuel Serigue, 62, der in den vierziger Jahren als Mechaniker bei Ford arbeitete. Denn der Urwaldtraum des Autokönigs endete ebenso plötzlich, wie er begann: Ende der dreißiger Jahre befielen Schädlinge die Gummibäume; gleichzeitig stiegen die Deutschen in die Herstellung von Kunstkautschuk ein.

Fords Gummiplantagen produzierten nur rote Zahlen. Der Enkel des Autokönigs wollte das brasilianische Abenteuer so schnell wie möglich beenden. 1945 schlug er die Anlagen für den symbolischen Preis von 244 200 Dollar an den brasilianischen Staat los.

Seither verwaltet das Landwirtschaftsministerium in BrasIlia Fordlandia. Das heißt, die Behörde zahlt die Gehälter oder Renten an die Einwohner weiter und läßt sie die amerikanischen Anlagen nutzen. Die Bewohner »schieben Stunden«, wie die Krankenschwester Vera Luz das nennt. Für ein kleines Salär vom Staate tun sie einfach so, als sei die Zeit stehengeblieben.

Freundliche Damen aus dem Dorf fegen jeden Morgen die verlassenen Wohnungen der Amerikaner, pflegen das Porzellan und die Möbel. In der großen Fabrikhalle ölen die Angestellten noch immer die Maschinen, die Bewirtschafterin der einstigen Betriebskantine deckt nach wie vor soviel Tische ein, als käme die Nachtschicht von der Arbeit.

Aber die Agonie ist nicht länger zu übersehen: In Fordlandia leben heute nur noch 800 Menschen. Strom und fließendes Wasser sind vor Jahren versiegt, der Fluß ist vom Quecksilber der Goldsucher verseucht. Die alten Männer, die in den dreißiger Jahren für Henry Ford schufteten, blicken trübselig auf die goldenen Zeiten zurück. Sie verklären die Männer aus Detroit zu Göttern.

»Ich sehne mich nach den Amerikanern wie nach meinem toten Vater«, schluchzt Serigue. Traumhaft sei das Leben mit den Amerikanern gewesen, schwärmt auch Giuseppe Pedro de Morais, 72. »Selbst die Gringos haben geweint, als sie gehen mußten.«

»Das einzige, was die Amerikaner hier nicht zurückgelassen haben, ist Disziplin«, sagt der 90jährige Guimaraes verbittert. »Wenn ich jung wäre, würde ich heute nach Detroit auswandern.«

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_211_ Brasilien: Fordlandia

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* Am Steuer des ersten Ford-Pkw, der in Serie gebaut wurde.

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