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KENIA Totes Holz

Daniel arap Mai, Kenias neuer Präsident, räumt auf, auch mit dem Erbe des toten Jomo Kenyatta.
aus DER SPIEGEL 14/1979

Wann immer Mama Ngina mit einer großen Aktentasche im »Kenyatta Conference Centre« auftauchte, wußte der Portier: Die Chefin kommt kassieren.

Vor kurzem aber mußte die einstmals Erste Dame Kenias mit leerer Tasche wieder abrücken: Die Mieter hatten ihr schlicht die Zahlung verweigert. Das Konferenzzentrum, so begründeten sie, gehöre dem kenianischen Staat und nicht den Kenyattas.

In Kenia gehen viele Notabeln jenes Regimes, das mit dem Tode des Patriarchen Jomo Kenyatta im vorigen Sommer endete, neuerdings leer aus. Denn der neue Mann im »Staate Honse« von Nairobi scheint entschlossen, mit Mißwirtschaft und Korruption aufzuräumen.

Daniel arap Moi, der von Freunden und Gegnern eher als bläßlich eingeschätzte neue Präsident Kenias, hat »Schockwellen durch das Land gejagt und die drastischsten Eingriffe in private Unternehmungen und in das öffentliche Lehen seit der Unabhängigkeit vorgenommen' (so die »Kenya News and Africa Report").

Eingriffe waren dringend notwendig. Kenia gilt zwar als wirtschaftlich gesund, aber auch als moralisch versumpft. Staatschef Kenyatta, sein weitverzweigter Clan und das Staatsvolk der Kikujus hatten fast zwei Jahrzehnte lang den Rahm vom kenianischen Wirtschaftswunder abgeschöpft.

Moi soll nun den Kenyatta-Adepten die zwielichtigen Einkommensquellen verschütten.

Zu den prominentesten Opfern der Säuberung gehört -- neben der Ersten Witwe des Landes -- Bernard Hinga, der noch vor Jahresfrist fast allmächtige Polizeichef Kenias. Hinga mußte unter dem Druck Mois zurücktreten, weil er in eine Schmuggelaffäre verwickelt war. Er hatte versucht, Richter und Geschworene vom Bezirksgericht Kiambu unter Druck zu setzen, um den Freispruch eines Freundes zu erzwingen, der in seinem Auftrag Rohkaffee verschoben hatte.

Ebenfalls den Hut nehmen mußte Jonathan Njenga, Chef der Einwanderungsbehörde und ehemaliger Intimus Kenyattas. Njenga hatte jahrelang von einbürgerungswilligen Europäern und Asiaten stattliche Summen für Bürgerschaftsurkunden kassiert.

Um Devisen zu sparen, ließ Moi mehrere hundert Diplomatenpässe einsammeln, mit denen Kenyatta-Günstlinge im In- und Ausland zollfrei eingekauft hatten. Kenias Botschafter in London, der Mama Ngina als Liegenschaftsverwalter für deren englische Immobilien gedient hatte, wurde in den Ruhestand versetzt.

Auch die Beamten in Ministerien und Kommunalbehörden spüren den frischen Wind. »Totes Holz« soll gnadenlos abgehackt werden. Ergebnis: Hunderte von Beamten, die ihr dienstliches Mandat nicht ausreichend begründen konnten, wurden entlassen.

Der neue Präsident, früher als »Kenyattas Frühstücksdirektor« bespöttelt, fühlt sich sogar stark genug, mit dem Kenyatta-Tabu zu brechen.

Kürzlich ließ er Mama Ngina Kenyatta vorübergehend am Flughafen verhaften und ihr einen Koffer voll Devisen abnehmen, den sie aus dem Land hatte schmuggeln wollen. Die konfiszierte Konterbande spendete er einige Tage darauf unter dem Jubel der Nation für mildtätige Zwecke. Kommentierte der Direktor einer deutschen Firma: »Arap Moi macht alles neu.«

Nur eins bleibt einstweilen beim alten. Der millionenschwere Landbesitz des ursprünglich mittellosen neuen Präsidenten ist für die Korruptions-Jäger tabu.

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