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Briefe

TOUREN-SEGLER
aus DER SPIEGEL 45/1968

TOUREN-SEGLER

(Nr. 41/1968, Forschung)

Den Reiseweg des Odysseus hat bereits Ernle Bradford untersucht (Reisen mit Homer, dtv-Taschenbuch Nr. 431, Juli 1967). Er kommt zu einem zum Teil ähnlichen Ergebnis, aber auch zu einem Abstecher zur Straße von Gibraltar.

Dem interessierten Leser, der keine 39 Mark aufwenden kann, sei das Büchlein empfohlen, das nur 3,80 Mark kostet. Ob der zehnfache Preis Richtigkeit garantiert, bleibt zu bezweifeln.

Frankfurt C. ELLE

Obwohl kein besonderer Fachmann, meine ich doch, es falle mir nicht schwer, entscheidende Einwände gegen die Thesen der Brüder Wolf zu erheben: Warum sollen wir die Alten, Homer, für so ungebildete Geographen halten, daß sie das Mittelmeer mit dem Weltmeer verwechseln? Homer spricht doch oft vom Okeanos. Er hat seine -- kleinere -- Welt gut genug gekannt und brauchte die Begriffe nicht durcheinanderzubringen.

Ferner: Etwa wieviel Seemeilen man in 24 Stunden zurücklegen konnte, das war auch im Altertum ein ungefährer Begriff, nämlich je nach Schriftsteller und früherer oder späterer Zeit etwa 100 bis 120 oder 130, genannt ein Etmal oder Tagesstrecke. Odysseus nun reist einmal 18 Tage lang bei günstigstem, achterlichem Wind in ein und derselben Richtung. Man bemühe sich einmal, eine Strecke von zirka 1750 bis 2100 beziehungsweise 2275 Seemeilen im Mittelmeer unterzubringen, wobei die Richtung noch ungefähr genannt ist!

Dann sei noch au! die Verse 10/82 hingewiesen, in denen eine Erinnerung an die nordische Mittsommernacht gesehen werden muß. Das Land der Lästrygonen im Mittelmeer?

Übrigens: Quelle meiner Weisheit Jürgen Spanuth.

Minden (Nrdrh.-Westf.) DR. HANS WILHELLM RATHJEN

Da die Odyssee zu meinen Lieblingsbüchern zählt, habe ich mich viel mit diesem Problem befaßt. Dies zwingt mich leider zu der Feststellung, daß die neue Interpretation der Brüder Wolf ebenso irrig ist wie die bekannte These Jürgen Spanuths, der zufolge die Insel der Phäaken einst in der Nachbarschaft Helgolands lag! Nun gibt es eine einzige klassische Dichtung, die Licht wirft auf das Rätsel der Odyssee: die Argonautika des Apollonios Rhodios, des alexandrinischen Dichters der Argonauten-Sage. Diese Dichtung schildert die Reise der Argo. Auf ihrer Heimkehr durchreist sie, eine Generation vor Odysseus, manche Meere und Küsten, die uns auch in der Odyssee begegnen. Sie fährt von der Rhonemündung aus über die Kyerischen Inseln und Elba, der Tyrrhenischen Küste Italiens entlang, zu Circe, der Tante Medeas. Diese Dichtung aus dem dritten vorchristlichen Jahrhundert beweist über jeden Zweifel, daß die homerische Insel der Circe identisch ist mit dem heutigen Kap Circeo, südlich von Anzio, das durch die Jahrhunderte den Namen der Zauberin Circe trägt. Da dieses Kap noch heute einer Insel gleicht, ist es kein Wunder, daß Homer sie als Insel beschreibt, Apollonios Rhodios aber als eine Küste des Tyrrhenischen Meeres. Auch Odysseus landet auf Kap Circeo. Von dort aus segelt er durch das Mittelmeer und die Meerenge von Gibraltar nach dem fernen Nordland der Nebel und der Geister. Nach seiner Rückkehr zu Circe nimmt er durch die Straße von Messina den Kurs nach Ithaka. Kurz nachdem er die Küste Siziliens verläßt, gerät er in einen Seesturm; er allein rettet sich auf Schiffstrümmern. Auf diesem improvisierten Rettungsboot wird er durch Meeresströmungen durch die Straße von Messina ins offene Meer getragen, bis er nach neun Tagen auf der Insel der Kalypso, Ogygia, landet. Ogygia ist wahrscheinlich eine kleinere Insel der Balearen. Kalypso als Tochter des Atlas spricht dafür, daß es sich um eine Insel nördlich des Atlasgebirges handeln mag.

Erst nach sieben Jahren gibt Kalypso Odysseus frei. Auf einem selbstgezimmerten Segelfloß segelt er, begleitet von guten Winden, immer nach Westen, bis er am siebzehnten Tag Scheria erblickt.

König Alkinos schickt ihn von dort mit einem Wunderboot zurück nach Ithaka. In einer Nacht. Dieses Tempo erklärt Homer durch den Hinweis darauf, daß Rhadamanthys auf einem ähnlichen Wunderboot in einem Tag von Scheria nach Euböa gereist war -- einer Insel, die viel weiter entfernt liegt als Ithaka. Seit mehr als zweitausend Jahren wird Scheria mit Korfu identifiziert. Aber aus dem Text der Odyssee geht klar hervor, daß Scheria niemals eine Insel gewesen sein kann, die nur einen halben Kilometer vom Festland entfernt liegt. Nach Homer lag Scheria weit entfernt von allen anderen Völkern, am Rande der bewohnten Welt. Unangreifbar für feindliche Invasionen. Infolgedessen brauchte Scheria keine Soldaten, sondern nur Seeleute -- allen überlegen durch ihre Wunderschiffe, die sich fortbewegten ohne Segel und ohne Ruder. Das ganze Volk Scherias konnte sich infolgedessen dem Sport hingeben, dem Spiel und der Kunst.

Eine solche Kultur konnte sich damals nur im fernen Malta entfalten, nicht in Korfu, das sofort von den benachbarten Epiroten geplündert worden wäre. Merkwürdig ist nur, daß die Identität Maltas mit Scheria nicht früher erkannt worden ist.

Für diese Rätsel liefert die Geschichte eine Erklärung:

Kurz nach Homer wurde Malta von den Phöniziern erobert. Es wurde eine Kolonie, erst der Phönizier, dann der Karthager -- der Erbfeinde und Rivalen

der Griechen. Für ein halbes Jahrtausend trennte ein eiserner Vorhang Malta von Griechenland.

Malta entschwand dem Weltbild der Griechen -- als hätte das Meer es verschlungen.

Zürich RICHARD COUDENHOVE-KALERGI

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