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DIPLOMATIE Toyota verdrängt die Ladas

Im Streit zwischen Tokio und Moskau um die Kurilen-Inseln verhärten sich die Fronten: Seit russische Bewohner sich etwas Wohlstand erwirtschaften, wollen sie nicht mehr weg.
aus DER SPIEGEL 2/2003

Wie auf Kommando klicken die Kameras der Schiffsreisenden, hastig werden Ferngläser herumgereicht. Im Morgendunst ragt die Südkurilen-Insel Kunashiri aus dem Pazifik. Die Japaner fiebern ihrer Landung entgegen, als gelte es, einen fremden Stern zu erkunden.

Nur gut 20 Kilometer trennen das Eiland von Hokkaido, Japans nördlichster Hauptinsel. Doch dazwischen liegen Welten: 1945, kurz nach der Kapitulation des japanischen Kaiserreichs im Zweiten Weltkrieg, ließ Sowjetdiktator Josef Stalin die Südkurilen besetzen, die Einwohner vertreiben und eigene Bürger ansiedeln. Seit Jahrzehnten fordert Tokio von Moskau seine so genannten nördlichen Territorien zurück. Neben Kunashiri sind das die Inseln Etorofu, Shikotan und die Habomai-Gruppe.

Längst ist die Inselkette zu einem bizarren Symbol des Nationalstolzes geworden - für die abgestiegene Supermacht Russland ebenso wie für das krisengeplagte Industrieland Japan. Gut ein Dutzend Jahre nach Ende des Kalten Kriegs blockiert der Streit um die Kurilen noch immer den Abschluss eines Friedensvertrags zwischen den ungleichen Nachbarn in Fernost.

Am Donnerstag will Nippons Premier Junichiro Koizumi nach Moskau fliegen, um mit Russlands Präsidenten Wladimir Putin auch über die Kurilen zu sprechen. Doch die ersehnte Heimkehr der Inseln unter japanische Hoheit scheint so fern wie lange nicht mehr.

Das liegt nicht nur an den atomaren Drohgebärden Nordkoreas, welche die Regierung in Tokio derzeit zu besonderer Rücksicht auf Moskau zwingen; schließlich ist Russland ein einflussreicher Vermittler gegenüber Pjöngjang. Inzwischen haben auch die russischen Bewohner der Inseln, vom fernen Moskau lange Zeit im Stich gelassen, gelernt, sich selbst zu helfen. Viele denken deshalb nicht mehr daran, ihre Heimat wieder aufzugeben.

Dabei treibt sie ein Überlebenswille, wie er am Ende der Welt unabdingbar ist. Zwischen Kunashiri und dem nächsten größeren Stützpunkt russischer Zivilisation, der Insel Sachalin, liegen 350 Kilometer Ochotskisches Meer. Eis und Stürme schneiden die rund 1500 Quadratkilometer große Insel im Winter häufig von der Außenwelt ab. Selbst im Sommer verschwindet sie meist im Nebel und ist nur mit Glück per Flugzeug zu erreichen.

»Freundschaft« und »Hoffnung« heißen die beiden Boote, welche die japanischen Besucher in den Hafen von Juschno-Kurilsk, den größten Ort auf Kunashiri, übersetzen. Tokio spendete die Boote einst als Zeichen der Entspannungsbereitschaft. Durch einen Schiffsfriedhof aus Rostkähnen und halb versunkenen Wracks steuern sie den Pier an. Zerfallende Lagerhäuser bilden eine geisterhafte Kulisse für das triste Willkommen auf Moskaus fernöstlichem Außenposten.

Vom Hafen führt eine holprige Schlaglochpiste zum Ort hinauf. Juschno-Kurilsk - das sind ein paar Reihen verwahrloster Holzhäuser und bröckelnder Betonblocks aus der Sowjetzeit. Nach dem Kollaps der Planwirtschaft Anfang 1991 ähnelte der Ort immer mehr einem bewohnten Schrottplatz. In seiner Mitte trotzt eine Lenin-Büste auf einem Waschbetonsockel dem Verfall. Seit einem schweren Erdbeben vor gut acht Jahren ist das zerstörte Haus der Stadtverwaltung mit Brettern vernagelt. Der Kommune fehlen die Rubel zum Abriss.

Geld fehlt auch, um die meisten Häuser und Wohnungen der etwa 7800 Insulaner in Stand zu halten. Zerbrochene Fensterscheiben sind notdürftig mit Plastikfolie verklebt, rostige Eisenplatten aus Militärbeständen dienen als Zäune. Die Armee hat ihre Präsenz auf der Insel drastisch verringert. Aber der Müll, den die russischen Soldaten hinterließen - kaputte Panzer, leckende Ölfässer -, verschandelt allenthalben die Landschaft.

Das reiche Japan denkt nicht daran, die russischen Bewohner seines »angestammten Territoriums« durch offiziell genehmigten Handel am Wohlstand teilhaben zu lassen. »Ich verstehe die Japaner nicht«, sagt Nikolai Owtschinnikow, Bürgermeister von Juschno-Kurilsk. »Ich lade sie ständig ein, Touristen und Investoren in unsere fischreiche Region zu schicken. Doch sie reiten stur auf ihrer Territorialfrage herum.«

Zwar einigte sich die Regierung in Tokio mit dem letzten Sowjetpräsidenten Michail Gorbatschow auf einen visafreien Grenzverkehr. Reisen in die alte kurilische Heimat aber reserviert Tokio vorwiegend früheren japanischen Bewohnern. Knapp die Hälfte der etwa 17 000 Vertriebenen leben noch in Japan. Auf den Kurilen selbst leben derzeit etwa 18 500 Russen und praktisch keine Japaner mehr.

Den diplomatischen Stillstand im Inselstreit nutzten japanische Politiker und Bürokraten bereits für dubiose Geschäfte. Aus dem Topf für die humanitäre Kurilen-Hilfe ergatterten sie lukrative Aufträge. Nun verschönern die von Tokio als »Zeichen japanischer Freundschaft« gepriesenen Gaben die Tristesse von Juschno-Kurilsk: ein Gästehaus, in dem nur japanische Besucher nächtigen dürfen und vor dem die beiden einzigen Straßenlaternen des Ortes brennen, sowie ein Dieselkraftwerk und der neue Hafenpier.

Wenn Tokios Regierung mit diesen Geschenken Stimmung für eine Rückgabe der Südkurilen machen wollte, hat es wenig genutzt. »Wir helfen uns lieber selbst«, sagt Konstantin Korobkow. Der 32-Jährige macht derzeit eine Fischfabrik in Juschno-Kurilsk wieder flott. Zu Sowjetzeiten beschäftigte das einstige Kombinat über tausend Menschen und sicherte die Versorgung der Insel. Inzwischen ist der Betrieb privatisiert und gibt 200 Einwohnern Arbeit. Im Tiefkühlhaus stapeln sich die Fischkisten für den Versand nach Japan.

Denn so hartnäckig Japan alle offiziellen Wirtschaftskontakte mit den Südkurilen ablehnt - für Meeresfrüchte aus der Region öffnet die fischhungrige Nation ihre Häfen weit. Die Folge: Unter den russischen Bewohnern der Insel bildet sich allmählich eine Zweiklassengesellschaft heraus - die Geschäftstüchtigen, die Fisch auf eigene Rechnung an Japan verkaufen, und die Verarmten, die weiterhin auf Gaben aus Moskau hoffen.

Zu den Neureichen auf Kunashiri gehört auch der Krabbentaucher Anatolij Bobrow, 32. In seinem vornehm renovierten Haus stammt fast alles aus Japan, von der Zahnpasta bis zur Ledercouch, von der Karaoke-Anlage bis zur Digitalkamera. Wenn Anatolij mit seinem Kutter nach Hokkaido tuckert, bringt er auf dem Rückweg ganze Warenlager mit. Auch seine Kollegen verdienen im großen Stil und transportieren auf ihren Trawlern Gebrauchtwagen aus Japan auf die Inseln. Toyota, Nissan und Honda haben längst die Ladas verdrängt.

Nach Feierabend speist Anatolij mit Frau Ljuba, die als Sekretärin bei der Armee arbeitet, und den beiden kleinen Töchtern an einer üppig gedeckten Tafel. Auf der Anrichte prangen japanische Whiskys in üppigen Schmuckkartons wie Schutzheilige auf einem Hausaltar. Doch am liebsten trinkt Anatolij russischen Wodka, und etwa nach dem sechsten Glas wird er wehmütig: »Die Japaner reißen uns die Krabben aus den Händen, aber unsere Fanggründe sind überfischt. Wie lange können wir so weitermachen?«

Der neue bescheidene Wohlstand bestärkt viele Russen darin, auch weiterhin auf den unwirtlichen Inseln auszuharren. Das ist neu: Noch vor fünf Jahren war die Stimmung so verzweifelt, dass laut Umfragen auf der Nachbarinsel Shikotan zwei Drittel der Einheimischen die Rückgabe ihrer Insel an das reiche Japan herbeisehnten. Gleichzeitig wanderten Tausende auf das russische Festland ab.

Inzwischen habe sich die Stimmung gewandelt, sagt Fabrikmanager Korobkow und spricht von geplanten Investitionen. Sogar die Regierung im fernen Moskau habe wieder Geld bewilligt, um die Landepiste des Flughafens sowie den Hafen von Juschno-Kurilsk auszubauen. Ein neues Erdwärme-Kraftwerk, das langfristig japanische Diesellieferungen überflüssig machen könnte, läuft bereits im Probebetrieb.

Vom russischen Behauptungswillen zeugt auch die neue orthodoxe Holzkirche in Juschno-Kurilsk, das erste Gotteshaus auf den Kurilen. Ein altes Mütterchen lädt japanische Besucher großzügig ein: »Sie dürfen hier gern Kerzen für Ihre Ahnen anzünden.«

Bei dieser Geste soll es dann aber auch bleiben. »Japan kann mit uns über alles reden«, sagt Bürgermeister Owtschinnikow, »nur nicht über politische Fragen.« Dann steigt er in seinen Toyota-Geländewagen und fährt in einer dichten Staubwolke davon.

WIELAND WAGNER

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