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USA »Tränen in seinen Augen«

Auszüge aus Bob Woodwards Buch über die Vorgeschichte des Irak-Kriegs
aus DER SPIEGEL 18/2004

Präsident George W. Bush packte seinen Verteidigungsminister Donald Rumsfeld freundschaftlich am Arm, als ein Treffen des Nationalen Sicherheitsrats im Situation Room des Weißen Hauses gerade zu Ende ging. Es war Mittwoch, der 21. November 2001, genau 72 Tage nach den terroristischen Anschlägen.

»Ich muss mit Ihnen reden«, sagte der Präsident zu Rumsfeld. Die beiden Männer gingen in eines der kleinen, kammerähnlichen Büros, die an den Lageraum angrenzen, schlossen die Tür und setzten sich.

»Ich möchte, dass Sie ...«, begann der Präsident und fing den Satz, wie er es oft tut, noch einmal von vorn an. »Was für einen Kriegsplan haben Sie für den Irak? Was halten Sie von ihm?«

In seiner halbprofessoralen Art erklärte Rumsfeld, dass die Erarbeitung von Kriegsplänen Jahre dauere, weil sie so vielschichtig seien. Der vorliegende Plan, erzählte er dem Präsidenten, beruhe auf überholten Annahmen und stelle beklagenswerterweise nicht in Rechnung, dass

eine neue Regierung mit anderen Zielen am Ruder sei. Er sei dabei, den Mangel zu beheben.

»Lassen Sie uns gleich damit anfangen«, habe er darauf gesagt, erinnert sich Bush im Nachhinein. »Und geben Sie Tommy Franks den Auftrag herauszufinden, was nötig ist, Amerika zu schützen, wenn wir, falls nötig, Saddam Hussein aus dem Weg räumen.« Er fragte auch: Kann die Planung so ablaufen, dass es nicht sonderlich auffällt? »Selbstverständlich«, antwortete Rumsfeld.

Der Präsident hatte noch eine zweite Bitte. Reden Sie nicht mit anderen darüber, woran Sie da arbeiten.

Rumsfeld blieb im Glauben, dass Bush mit niemandem sonst gesprochen hatte. Dem war nicht so. Am selben Morgen hatte der Präsident Condoleezza Rice, seine Sicherheitsberaterin, von seiner Absicht in Kenntnis gesetzt, Rumsfeld auf den Irak anzusetzen.

*

Am Freitagmorgen, dem 28. Dezember, stand der Präsident um fünf Uhr auf seiner Ranch in Crawford auf. Normalerweise wäre er drei oder vier Meilen joggen gegangen, aber heute kam ein Besucher früh zu ihm heraus.

Der Präsident ging zu einem besonderen Gebäude auf seiner Ranch, einem abhörsicheren, abgeschotteten Lagezentrum. General Tommy Franks gesellte sich im Videokonferenzraum zum Präsidenten. Auf den Bildschirmen waren Cheney, Rumsfeld, Condi Rice, Powell und Tenet zugeschaltet.

Der Präsident freute sich, die Gesichter seines Kriegskabinetts zu sehen.

»Mr. President, wenn wir so etwas ausführen wollen, dann müssen wir damit anfangen, ein paar Arrangements zu treffen und die Streitkräfte aufzubauen«, sagte Franks. Da die Vereinigten Staaten militärisch noch in Afghanistan zu tun hatten, mochte Saddam einen Truppenaufbau falsch deuten und nicht bemerken. Franks sagte, er wollte Teile der Waffen und Geräte, die die Armee in Katar bereitgestellt hatte, nach Kuweit verlagern. Erstens stehe das Material dann sofort zur Verfügung. Zweitens, sagte Franks, »möchte ich gern ein paar hundert Millionen Dollar in die Stützpunkte in Katar investieren, um sie in ein militärisches Führungszentrum zu verwandeln«.

Dem Präsidenten schien zu gefallen, was er hörte.

»Ich möchte wissen, welche Optionen ich als Präsident habe«, sagte mir Bush zwei Jahre später im Interview. »Ich versuche herauszufinden, welche intelligenten Fragen ich einem Kommandeur stellen kann, der mich in Afghanistan gerade beeindruckt hat. Ich prüfe die Logik. Ich beobachte sorgfältig seine Körpersprache, seine Augen, sein Verhalten. Das war mir wichtiger als einiges von dem, was er vortrug.«

*

Powell, den stolzen Ex-General und Chef-Diplomaten, beunruhigte, was er da sah und hörte. Als junger Offizier hatte er zwei Dienstzeiten in Vietnam abgeleistet, wo er Versagen hautnah miterlebte. Die Generäle hatten der politischen Führung nicht die Wahrheit gesagt, die ihrerseits nicht genügend Skepsis gegenüber den Generälen hegte.

Nun, im Jahr 2001, schienen Washington und das Weiße Haus und sogar manche im Außenministerium dem Glauben anzuhängen, dass der Krieg aseptisch sei, und manchmal meinten sie wohl sogar, der Krieg sei doch nur ein aufregendes Spiel.

Powell wandte sich an Franks. Sie führten einige Gespräche am Telefon. Derlei direkter Kontakt jenseits der militärischen Befehlskette bedeutete ein Risiko für beide, vor allem aber für Franks, der eigentlich Rumsfeld über die Unterhaltungen informieren musste, um sich selbst zu schützen. Powell äußerte große Bedenken, dass das Militär sich dazu überreden lassen könnte, weniger Truppen einzusetzen, als nötig wären. Lass nicht zu, dass du zu verwundbar wirst, weil eine neue Theorie im Schwange ist, warnte er Franks.

*

Mittlerweile war Präsident Bush nach Europa geflogen, um den deutschen Bundeskanzler Gerhard Schröder am 23. Mai 2002 und den französischen Präsidenten Jacques Chirac am 26. Mai zu treffen. Auf Pressekonferenzen in beiden Hauptstädten sagte der Präsident den zwei kontinentalen Verbündeten: »Auf meinem Schreibtisch liegen keine Kriegspläne.« Es gab keine Verpflichtung, die weit gereiften Bemühungen, einen Kriegsplan aufzustellen, schon zu enthüllen. Doch im Rückblick wäre Bush zweifellos gut beraten gewesen, einfach die andere Stellungnahme zu wiederholen, die er drei Monate vorher benutzt hatte: »Ich werde mir alle Optionen offen halten.«

In dieser Woche ging General Franks mit einer irreführenden Bemerkung noch weiter. Am 21. Mai wurde ihm auf einer Pressekonferenz in Tampa die Frage gestellt, wie viele Soldaten zur Invasion des Irak nötig seien und wie lange sie dauern würde. Franks antwortete: »Das ist eine sehr gute Frage und zwar eine, auf die ich keine Antwort habe, weil mein Chef mich noch nicht gebeten hat, einen Invasionsplan aufzustellen.«

*

Das hier ist der Wilde Westen, war Tims erster Gedanke, als er in der zweiten Juli-Woche mit sieben anderen CIA-Agenten unterwegs durch die Türkei in den Irak war. Tim* war Ende dreißig, 1,90 Meter groß, schwarzhaarig, sprach fließend Arabisch. Er sah blendend aus, fast wie ein Filmstar, wenn er lachte. Er war der Chef des CIA-Teams, das in Suleimanija, einer Stadt in einer Gebirgsgegend ungefähr auf halbem Weg zwischen der türkischen Grenze und Bagdad, Quartier aufschlagen sollte.

Tim und seine Jungs begannen am Regimewechsel zu arbeiten. Sie verhörten Flüchtlinge und Überläufer aus Saddams

Regime, die in das Kurden-Gebiet entkommen konnten.

Ende August tauchte ein Kurde auf. »Weißt du, es gibt da eine große religiöse Gruppe«, sagte der Mann, »und sie will dir helfen.« Die Gruppe war von Saddam unterdrückt und grausam misshandelt worden. Es war eine merkwürdige Gruppe, Fanatiker sogar, hungrig nach Macht. Es gab da einen Anführer mit enormem Einfluss über Tausende Mitglieder, die Stellungen in der Armee und den Sicherheitsdiensten innehatten. Sie brauchten Zusagen. Sie verlangten Garantien.

Als Tim in seinem Jeep die tückischen Bergstraßen hinunterfuhr, ahnte er nicht, was er da in Gang gesetzt hatte. Daraus sollten beispiellose Geheimdienstberichte entstehen, die bis in die Hände George W. Bushs ins Oval Office gelangten. Die CIA gab Tims Agenten, die am Ende die Initialzündung zum Krieg liefern sollten, das Geheimkürzel DB/ROCKSTARS.

*

Powell war überaus nervös. Die Irak-Diskussionen konzentrierten sich ganz auf die militärische Planung. Die Zahl der gezeigten Dias wuchs mit jedem Briefing, das Rumsfeld und Franks gaben. Wie der Pedell in einer Grundschule verteilte Rumsfeld das Päckchen mit Dias und sammelte es hinterher wieder ein.

Powell redete mit Rice. Es sei nicht möglich, während des Briefings eine ausführliche politische Diskussion zu führen, sagte er. »Ich brauche dringend privaten Zugang zum Präsidenten, um ein paar Probleme anzusprechen, die noch niemand an ihn herangetragen hat.«

Bush lud Powell und Rice am Abend des 5. August in seine Residenz.

Powells Notizen füllten drei oder vier Seiten. »Sie werden stolzer Gebieter über 25 Millionen Menschen sein«, sagte er zum Präsidenten. »Sie bestimmen über ihre Hoffnungen, Wünsche und Probleme. Alles gehört Ihnen.« Er fügte hinzu: »Das bestimmt Ihre erste Amtszeit.« Die unzweideutige Botschaft lautete: Wollte der Präsident daran gemessen werden? Wollte er, dass der Irak über seine Wiederwahl entscheidet?

Der Präsident hörte zu, stellte einige Fragen, wies ihn aber nicht in die Schranken. Schließlich schaute er Powell an: »Was soll ich machen? Was bleibt mir zu tun?« Powell verstand, dass er einen Vorschlag unterbreiten sollte. »Sie können noch immer einen Versuch unternehmen, für eine Koalition zu werben oder für eine Uno-Initiative.«

Rice ging durch den Kopf, dass die Schlagzeile lauten musste: »Powell tritt für eine Koalition ein als einziges Mittel, das Erfolg garantiert.« Tatsächlich aber hatte Powell versucht, mehr zu sagen, eine Warnung anzubringen, dass allzu viel schief gehen könnte. Der vorsichtige Krieger legte jedoch sein Herz nicht ganz auf den Tisch.

»Das war toll«, sagte ihm Rice am nächsten Tag am Telefon. »Das müssen wir öfter machen.«

*

Tim lernte zwei Brüder kennen, deren Vater der Anführer der religiösen Gruppe war. »Ich werde euch helfen«, sagte Tim, »ich gehe für euch zum Mond, aber ihr müsst mir aktive irakische Offiziere herbeischaffen.« Geht in Ordnung, sagten die Brüder. Sie brachten einen Brigadegeneral an, er war Kommandeur der Heeresflieger auf einem der wichtigsten Luftstützpunkte im Irak. »Das lässt sich gut an«, sagte Tim.

*

Am 21. Dezember 2002, einem Samstag, waren CIA-Chef George Tenet und sein Stellvertreter John McLaughlin auf dem Weg ins Oval Office. Sie sollten auf dieser Sitzung mit dem Präsidenten, Cheney, Rice und Stabschef Andie Card die Beweise für Massenvernichtungswaffen präsentieren. Große Erwartungen. Mit viel Tamtam führte McLaughlin eine Reihe Schaubilder vor: Satellitenaufnahmen von einer Chemiewaffenfabrik und von einem Raketenteststand, abgehörte Gespräche zwischen zwei Offizieren der Republikanischen Garde, in denen das Stichwort »Nervengas« fiel. Als er fertig war, herrschte einen Moment Stille.

»Hübscher Versuch«, sagte Bush. »Nichts aber, was den einfachen Leuten in unserem schönen Land großes Vertrauen einflößen würde.« Bush wandte sich Tenet zu: »Mir ist doch von all den prächtigen Geheimdiensterkenntnissen über Massenvernichtungswaffen erzählt worden. Und das soll alles sein, was ihr habt?«

Tenet stand von der Couch auf, warf die Arme in die Luft. »Das ist eine todsichere Sache«, sagte der CIA-Chef. Bush stieß nach: »George, wie sicher sind Sie?« Tenet, ein Basketball-Fan, lehnte sich vor und warf seine Arme wieder in die Luft: »Keine Sorge, das ist ein Slam Dunk« (ein Volltreffer).

*

»Was denken Sie?«, fragte der Präsident Ende Dezember Condi Rice. »Sollen wir das machen?« Er meinte: Krieg. Nie zuvor hatte er ihr eine Antwort abverlangt. »Ja«, antwortete sie. Bush sagte mir später, er habe außer Rice niemanden gefragt. Er wusste, was Cheney dachte, und er entschloss sich, weder Powell noch Rumsfeld zu fragen.

*

Aus ihren täglichen Gesprächen schloss Cheney, dass der Präsident seine Entscheidung gefällt hatte. Zu den Schlüsselländern, die in Kenntnis gesetzt werden mussten, gehörte Saudi-Arabien. Cheney lud Prinz Bandar, den Botschafter Riads in Washington, am 11. Januar 2003 in den Westflügel des Weißen Hauses. Richard Meyers, der Vorsitzende der Vereinten Stabschefs, zog eine große Landkarte hervor und erklärte den Schlachtplan: massive Luftangriffe in der ersten Phase, Angriff zu Land aus Kuweit, massiver Einsatz von Spezialeinheiten und paramilitärischen Teams.

Bandar starrte angestrengt auf die Karte. Ob er eine Kopie haben könne? »Lieber nicht«, sagte Rumsfeld. »Aber Sie können sich Notizen machen.« - »Nein, nein, das ist nicht wichtig«, sagte Bandar.

Rumsfeld schaute Bandar direkt ins Gesicht. »Das wird passieren, darauf können Sie sich verlassen. Das ist eine sichere Bank.« - »Welche Chance zum Überleben hat Saddam, was passiert mit ihm?«, fragte Bandar. »Prinz Bandar,« antwortete ihm Cheney, »wenn wir erst einmal losschlagen, dann ist Saddam futsch.«

In seinem Wagen zeichnete der Botschafter aus dem Gedächtnis Details nach, die er auf der Landkarte gesehen hatte.

*

Zum Job, den Condi Rice ausfüllen sollte, gehörte es, »die Gedanken der Minister zu lesen« - Powells und Rumsfelds. Da der Präsident Rumsfeld über die Kriegsentscheidung eingeweiht hatte, war es angebracht, auch Powell zu informieren, und zwar möglichst schnell. So trafen sich Powell und Bush am Montag, dem 13. Januar, im Oval Office, diesmal ohne Cheney und Rice.

»Ich glaube, ich muss das wirklich machen«, sagte der Präsident. »Sie sind sich über die Konsequenzen im Klaren«, sagte Powell halb fragend. Ja, das bin ich, antwortete der Präsident. Aber ich glaube, dass ich das tun muss, sagte der Präsident. Ich weiß, sagte Powell. »Sind Sie auf meiner Seite?«, fragte der Präsident jetzt. »Ich möchte Sie dabeihaben.«

Ein historischer Moment: Der Präsident fragte seinen Außenminister - er flehte ihn geradezu an: ja oder nein, Daumen rauf oder Daumen runter. »Ja, ich bin an Ihrer Seite, Mr. President«, antwortete Powell.

»Er wird es machen«, sagte er beim Weggehen zu sich selbst. Er wusste nicht, wann Bush seine Entschlüsse in seinem Innersten wälzte, wann er über die Debatten nachdachte, die Argumente abwägte. Er muss doch in sich gehen, dachte er. Powell jedenfalls grübelte in solchen Fällen unablässig. Vielleicht treibt es ihn spät nachts um, dachte Powell. Oder vielleicht doch nicht? War das möglich? Der Präsident wirkte immer so zuversichtlich.

*

Am Mittwoch, dem 19. März, rief Bush um 7.40 Uhr den britischen Premierminister Tony Blair an. Beide waren guter Laune. Beide streiften die Möglichkeit, dass sich am Kriegsplan noch etwas ändern könnte. Kurz darauf ging Bush in den Situation Room, um Franks und der Truppe den Befehl zum Losschlagen zu erteilen. Wahrscheinlich zum ersten Mal redete ein Präsident am Vorabend eines Krieges direkt mit seinen Kommandeuren im Feld.

Franks und neun seiner Kommandeure tauchten auf dem Videobildschirm auf. »Haben Sie alles, was Sie brauchen?«, fragte Bush. Ja, sagte einer nach dem anderen. Dann sagte der Präsident in einer kleinen vorbereiteten Ansprache: »Um des Weltfriedens willen und zur Wohlfahrt und Freiheit des irakischen Volkes gebe ich hiermit den Befehl zur Ausführung der Operation ,Iraqi Freedom''. Möge Gott mit unseren Soldaten sein.« Er hob die Hand zum militärischen Gruß, stand dann abrupt auf und wandte sich ab. Tränen standen in seinen Augen.

*

Gegen 16 Uhr am selben Tag kam der letzte Bericht eines ROCKSTARS im Situation Room an und wurde sofort ins Oval Office weitergeleitet. »Wir haben zwei Jungs dicht an Saddam«, sagte Tenet. »Sie sagen, beide Söhne sind dort.« (Auf der Dora-Farm bei Bagdad.) Saddam sollte zwei bis drei Stunden später wiederkommen. Es gab einen Bunker auf der Farm, und einer der ROCKSTARS war rausgegangen und hatte die Maße geschätzt. Tenet zeigte Satellitenfotos, auf denen das Farm-Grundstück nahe Bagdad an einer Biegung des Tigris zu erkennen war.

Der Präsident schickte alle außer Cheney aus dem Oval Office. Was denken Sie, Dick? »Kriegen wir ihn, werden Leben geschont, und der Krieg fällt kürzer aus. Und selbst wenn wir ihn nicht kriegen, rütteln wir mächtig an seinem Käfig. Ich glaube, wir sollten es darauf ankommen lassen«, antwortete der Vizepräsident. Um 19.12 Uhr Washingtoner Zeit - in Bagdad schon Donnerstagmorgen - gab Bush den Befehl: »Dann mal los.«

Gegen 4.30 Uhr morgens rief Tenet im Situation Room an und sagte zum Dienst habenden Offizier: »Sagen Sie dem Präsidenten, wir haben den Scheißkerl.« Sie weckten den Präsidenten aber nicht. Und als Bush gegen 6.30 Uhr ins Oval Office kam, waren sie sich nicht mehr so sicher. Es sah so aus, als hätte Saddam den Bombenangriff überlebt.

*

In meinen späteren Interviews mit dem Präsidenten sprach ich immer wieder seine Überzeugung an, dass er die richtige Entscheidung getroffen hatte. Dabei erzählte er mir am 11. Dezember 2003, er habe einmal zu Rice gesagt: »Ich bin bereit, meine Präsidentschaft aufs Spiel zu setzen, um zu tun, was ich für richtig halte.«

Nach zwei Stunden standen wir im Oval Office auf, um hinauszugehen. Draußen breitete sich Dunkelheit aus. Wie wohl die Geschichte einmal über den Irak-Krieg urteilen wird, fragte ich. Bush lächelte. »Die Geschichte«, sagte er achselzuckend und nahm die Hände aus der Hosentasche und breitete seine Arme weit aus - Geschichte, das ist so weit weg, wollte er mir sagen. »Wir wissen es nicht. Wir werden dann allesamt tot sein.«

AUS DEM ENGLISCHEN VON GERHARD SPÖRL

Biograf der Präsidenten

Wie meist, wenn Robert Upshur Woodward ein Ergebnis seiner Recherchen vorlegt, bricht in Washington Unruhe aus. So geschah es auch vorvergangene Woche, als der nur »Bob« gerufene Meisterreporter der Hauptstadtzeitung »Washington Post« den »Plan of Attack« vorlegte - die brisante Vorgeschichte des Irak-Kriegs, dessen Folgen dem amtierenden Präsidenten George W. Bush die Wiederwahl verhageln könnten. Dies umso mehr, als der »Angriffsplan« Risse in der republikanischen Administration offen legt, über die in der amerikanischen Öffentlichkeit bislang allenfalls spekuliert wurde. Noch peinlicher ist die Enthüllung, dass Bush schon drei Monate nach den Anschlägen vom 11. September 2001, bereits während des Kriegs in Afghanistan, seinen Feldzug gegen Saddam Hussein planen ließ. Diese überaus frühe - und bislang stets abgestrittene - Fixierung auf den Irak verschafft dem Vorwurf Raum, das Weiße Haus habe damit Amerikas Krieg gegen den Terror womöglich entscheidend geschwächt. Woodward sprach mit insgesamt 75 wichtigen Akteuren im amerikanischen Regierungsapparat, allein dreieinhalb Stunden dauerten die Audienzen bei George W. Bush. Das Material ist offenbar so sorgfältig zusammengetragen, dass Dementis zu den brisanten Informationen eher halbherzig ausfallen.

Reporter Woodward, 61, wurde 1972 mit seinen Enthüllungen zur Watergate-Affäre berühmt, die Präsident Richard Nixon zu Fall brachte. Im November 2002 kam sein Buch »Bush at War« auf den Markt. Das neueste Werk erscheint in deutscher Fassung unter dem Titel »Der Angriff. Plan of Attack« als SPIEGEL-Buch im Juli bei der Deutschen Verlags-Anstalt.

* Am Tisch von vorn: Außenminister Colin Powell,Verteidigungsminister Donald Rumsfeld, SicherheitsberaterinCondoleezza Rice, CIA-Chef George Tenet, Stabschef im Weißen HausAndrew Card (M.) und Vizepräsident Dick Cheney (r.) am 2. Oktober2001.© Deutsche Verlags-Anstalt.* Ein Deckname, den die CIA ihrem Agenten gab.* Vizepräsident Cheney, CIA-Chef Tenet, Stabschef Card im OvalOffice am 20. März 2003.

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