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»Träume im Kopf, Sturm auf den Straßen«

SPIEGEL-Reporter Jürgen Leinemann über Verdrängung und Folgen des Revolte-Jahres '68 (VII)
Von Jürgen Leinemann
aus DER SPIEGEL 20/1988

»Willy Brandt, der war immer ganz toll, das war der Mann überhaupt für meine Eltern. Das war der einzige Politiker, den ich kannte, Willy Brandt.« Katharina, die jetzt 22jährige Tochter des Landarztes Volker L. und seiner Frau Irmgard, ging noch nicht zur Schule, als der SPD-Chef am 21. Oktober 1969 Kanzler wurde.

Sie übertreibt den Enthusiasmus ihrer Eltern spöttisch, nicht nur, weil für sie und ihren Bruder Johannes fortan »der Staat«, in den sie hineinwachsen und mit dem sie zunehmend Schwierigkeiten bekommen sollten, der Sozi-Staat war, sondern auch, weil sie die Geschichte von »diesem ganz großen Erlebnis« schon bis zum Überdruß gehört haben.

Daß Irmgard vor Rührung geweint hat; daß es für Volker »die Erfüllung einer Hoffnung« war; daß die Eltern mit vielen Freunden vorm Fernseher gesessen haben; daß der Sieg ihnen viel Sekt wert gewesen war, und und und. Für Volker und Irmgard war »Willy« die Erfüllung all dessen, worum es in der 68er-Revolte, so wie sie sie aus der Entfernung verstanden hatten, gegangen war.

Volker: »Diese Ankündigung - mehr Demokratie wagen - darin ging für mich alles auf.« Irmgard: »Und wir haben auch wirklich geglaubt, es würde sich was ändern.«

Warum? »Nicht zuletzt wegen dieser Verleumdungen alias Frahm«, sagt Volker, »wir wurden ja auch beschimpft. Das war so ein Solidarisierungseffekt. Die haben den ja beschimpft als Landesverräter. Und dann war er eine positive Vaterfigur. Und die Ostpolitik, das war Balsam gegen dieses ewige Gejammer meiner Mutter und ihr Nicht-in-derjetzigen-Wirklichkeit-Leben, weil damals in Ostpreußen, da war alles schöner. Und nun sagte endlich mal einer: Das ist Vergangenheit. Jetzt wird reiner Tisch gemacht, und so sehen die Folgen aus. Das war für mich eine Erlösung.«

Zwischen der Bundestagswahl 1969 und dem Sieg Willy Brandts 1972 - Entscheidungen, die für über ein Jahrzehnt Konrad Adenauers Erben in Bonn auf die Oppositionsbänke verbannen sollten - liefen der SPD über 300 000 neue Mitglieder zu. Wählerinitiativen und Literaten trommelten für »Willy«. Der Grüne Rainer Trampert, Jahrgang '46, vermutet, daß neun Zehntel der Studentenbewegung sich »versozialdemokratisieren« ließen. Für den harten marxistischen Kern der Apo war diese Rückkehr ins verhaßte System Verrat.

Im Nachhall der wilden Monate, deren Auswirkungen in der Provinz gerade erst anzukommen begannen, als an den Hochschulen längst die selbstzerstörerische Suche nach den Gründen für das Scheitern im Gange war, bekam Willy Brandt einen völlig neuen Stellenwert. Der Außenminister der Kiesinger-Regierung, der in der Großen Koalition die Notstandsgesetze mit durchgepaukt hatte, war vergessen. Kaum noch erinnerte man sich an den »Frontstadt«-Bürgermeister, der nach dem Bau der Mauer 1961 von der SPD zu einer Art Vorposten des Antikommunismus stilisiert worden war.

Jetzt war »Willy« vor allem antibürgerlicher Außenseiter wie die 68er selbst. Jetzt - da vier Monate zuvor auch der streitbare Kämpfer gegen die Wiederaufrüstung in den fünfziger Jahren, Gustav Heinemann, Bundespräsident geworden war - jubelte selbst ein so gezügelter Mann wie Jürgen Schmude, der spätere Minister:

Willy Brandt Bundeskanzler! Der Uneheliche, der Emigrant. Höhnisch hatten die brutalen Spießer auf seine Herkunft angespielt, mit nblankem Haß hatten sie mir auch im Wahlkampf auf der nStraße zugeschrien: »Ja, wo war er denn, als wir unsere nKnochen hingehalten haben?« Nein, bei euch war er nglücklicherweise nicht geblieben, auf der Gedenktafel neines Konzentrationslagers steht sein Name nicht. Ist es das, was ihm jetzt eure ausgespiene Wut einbringt? Der nalso Bundeskanzler! Und der noch vor 15 Jahren restlos ngescheiterte gesamtdeutsche Träumer, Christ zwar, aber nals Erfolgloser auch seiner Kirche verdächtig geworden, nwar Bundespräsident. Die Rechten hatten also nicht die nMehrheit, sie waren nicht typisch für unser Land. Der nwirklich neue Anfang nach der Schande des Nazireiches.

»Wir bauen das moderne Deutschland«, diese Ankündigung traf den Nerv der Apo-Sozis und derer, die es nun wurden, »Genossen innerhalb und außerhalb der Partei«, wie Brandt sie zu nennen pflegte.

Thomas Ziehe zum Beispiel in Hannover: »Die Mitgliedschaft war gar nicht wichtig für mich. Irgendeiner kam und sagte: Du, wir brauchen in unserem Ortsverein linke Leute, und dann bin ich eben eingetreten.« Damals, 1971, waren seine schulterlangen Haare in der Provinz immer noch ein revolutionäres Fanal - »Ausdruck des Freiheitswillens und Selbststigmatisierung in einem«. Den biederen kleinbürgerlichen Genossen an der Leine mußten sie als Provokation erscheinen, immer noch.

Die Kulturrevolution fand jetzt in der Partei statt, eine Reformbegeisterung brach aus, zum Erschrecken und zum Zorn der alten Genossen. Vor allem die Jusos, die im Verlauf der Revolte in der Partei eine radikale Anti-Notstandskampagne geführt hatten - Johano Strasser, Jahrgang '39: »Wir krempelten den Unterbezirk bei uns ziemlich brutal um« - fühlten sich als gesellschaftliche Avantgarde. Damals hatte Altgenosse Georg Leber noch zornig die Anti-Notstands-Jusos von seinem Grundstück gejagt: »Runter von meinem Rasen.« Jetzt hatten die Jungen den Segen von oben. Heidemarie Wieczorek-Zeul, Jahrgang '42: »Wir haben die dicken Hintern ganz schön ins Schwingen gebracht.« Sie haben es bis heute nicht vergessen.

Aber nicht nur für die SPD, die sich seither in einem quälenden Umbruchsprozeß befindet, der noch längst nicht beendet ist, war es ein zweischneidiger Erfolg, daß sie mit dem geborgten Geist der Apo an die Regierung gelangte. Auch die Jüngeren zogen aus Willy Brandts Kanzlerschaft nicht nur Gewinn, wenn es auch die wenigsten erkannten.

Die Töchter und Söhne aus bürgerlichen Familien, die auf die Straße gegangen waren, um gegen ihre bösen Väter zu putschen, scharten sich nun begeistert hinter einen guten Vater. Sie hatten zwar den antiautoritären Aufstand gewagt, aber erwachsen waren sie damit noch lange nicht. Für künftige Enttäuschungen - am 28. Januar 1972 beschlossen die Regierung Brandt und die Ministerpräsidenten der Länder den »Radikalen-Erlaß« - waren sie so schlecht gerüstet wie die SDS-Genossen, die schon jetzt an ihren zerplatzten Träumen litten.

Willy Brandts Ostpolitik, vor allem seinen Kniefall in Warschau, haben Irmgard und Volker »innerlich sehr bejubelt«. Irmgard sagt: »Ich habe damals auch so Münzen gekauft als Erinnerungsstücke an seine Reisen nach Israel und in den Osten.« Ein Versuch aber, die Versöhnungspolitik auch in die Familie zu tragen, schlug fehl.

Zusammen mit Volkers linker Schwester Isolde und deren Mann luden sie Volkers Eltern, die aus Ostpreußen geflüchtet waren, 1974 zu einer Reise nach Polen ein. Volkers Mutter weigerte sich, der Vater fuhr mit. Es wurde, sagt Irmgard, »ganz schlimm. Alles, was wir da gesehen haben, hat der Vater nicht gesehen. Wir haben Polen erlebt, und er hat »unser gutes altes Deutschland« gesucht«.

Der auch 1968 in Volkers Familie nicht offen ausgetragene Konflikt über die Nazivergangenheit der Eltern wurde wieder zum Thema. Volker versuchte, sich nachträglich zu erklären, wie das war: »Die Auseinandersetzung mit meiner Mutter und meinem Vater, die fand nie statt, weil ich in dem Moment, wo ich mich für Irmgard entschieden habe, praktisch auf dem Holzweg war für meine Mutter. Alles, was ich politisch machte, zeigte, daß ich irgendwie verführt war vom Bösen. Ich fand als handelndes Subjekt überhaupt nicht statt. Und außerdem - daß sich das Dritte Reich irgendwo bei uns fortsetzte, solche Gedanken hatte ich als Jüngerer nicht. Deswegen kam es auch bei uns politisch nicht zu einer Konfrontation.«

»Mein Vater war wohl auch nicht die richtige Figur dazu. Als der nach dem Krieg 1949 als Verlierer nach Hause kam, da war ich zwölf. Und da war ich erschüttert und gerührt, weil er so ein kleines schrumpeliges Männlein war.«

Irmgard: »In seiner Familie wurde nie was deutlich ausgesprochen. Die haben auch nicht gesagt, du gefällst uns nicht als Schwiegertochter, weil du keinen akademischen Titel hast und weil du außerdem noch einen Sozi-Vater hast und selbst, na ja, vielleicht sehr links stehst. Genauso läuft das auch in politischen Diskussionen. Da kommt nichts klar raus. Es werden immer so Pauschalurteile gefällt, und du merkst, sie meinen: Alles, was links ist, das ist einfach lächerlich.«

Ob sie nun schroff, verächtlich oder ängstlich dem Gespräch mit den Eltern über die Nazizeit auswichen ("Hat ja sowieso keinen Zweck, die verstehen gar nicht, was ich meine") oder ob sie es im Krach abbrachen - immer standen die Söhne und Töchter aus der 68er-Generation ihren Eltern in der Pose des Anklägers gegenüber. Und sie führten, so Georg Heinzen, Jahrgang '53, und Uwe Koch, Jahrgang '54, »das Verfahren nach einer autoritären Prozeßordnung: Wer sich verteidigt, klagt sich an«.

Gereizt durch die schroffe Ablehnung der Eltern, sich überhaupt auf irgendwelche Selbstzweifel einzulassen, enthielten sich die Jungen zumeist jeder einfühlenden Nachfrage nach den tatsächlichen Verstrickungen, den Umständen und Motiven. Die antiautoritäre Revolte um 1968 abstrahierte die moralischen Auseinandersetzungen in Hunderttausenden deutscher Familien und brachte sie auf den Begriff Faschismus.

Einerseits ist das bis heute ihr bleibendes Verdienst. Es bildet für viele »die bedeutsamste Zäsur, die es in der Geschichte dieser Republik bislang gegeben hat«, schreibt der Politologe Wolfgang Kraushaar, Jahrgang '48. Denn in der Auseinandersetzung darum, wie ihre Republik auszusehen habe und von wem sie wie regiert werden wollten, zogen die Jungen - gestützt auf die marxistischen Theorien der von den Nazis vertriebenen alten Linken wie Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Georg Lukacs und Herbert Marcuse - den Schleier von den sozialen Grundlagen und politischen Machtbündnissen, die Hitler und die Barbarei ermöglicht hatten.

Zugleich hatte dieser Faschismusbegriff eine seltsame, literaturgetränkte Wirklichkeitsferne. Es war ein Möglichkeits-Begriff, »faschistoid« war alles, was eine Wiederholung heraufzubeschwören drohte.

»Noch heute sind viele ehemalige Genossen überrascht«, schreibt der ehemalige Apo-Genosse Klaus Hartung, Jahrgang '40, daß im SDS-Zentrum am Kurfürstendamm 140 einst »die Referate IV A 2 (Sabotagebekämpfung) und IV F 1 (Grenzpolizei) des Reichssicherheitshauptamtes residierten. Faschismus war ein Begriff, der uns vielmehr gegen die Gegenwart stellte - und zugleich die Mühen der Vergegenwärtigung als überflüssig erscheinen ließ. Der gegenwärtige Ort des Schreckens, das war die Gesellschaft selbst. Das war die 'formale Demokratie', das 'System'.«

Den totalen Bruch mit den Vertretern dieses »Systems«, den Mitläufern und Befehlsempfängern des alten und »tendenziell« neuen Faschismus, vollzogen die 68er mit einer im nachhinein viele selbst erschreckenden Härte und Kälte. Es waren ja ihre Mütter und Väter, ihre Großeltern, Onkel und Tanten, mit denen sie abrechneten - »gnadenlos«, »knallhart«, »eiskalt«, »rücksichtslos«.

»Wir haben gegen unsere Väter geputscht, die bis heute nicht einsehen, welche Verantwortung sie tragen für den Mord an sechs Millionen Juden«, verteidigte der damalige SDS-Aktivist Tilman Fichter, Jahrgang '37, die Revolte: »Und ich bin nach wie vor der Meinung, wir mußten scheitern und wir mußten putschen.«

So war es wohl. Nur, in ihrer Härte wurden die Jungen den Alten ähnlicher, als ihnen lieb sein konnte und bewußt war. Jürgen Habermas hatte schon sehr früh vor dem »linken Faschismus« gewarnt, der in den aggressiven und abstrakten Theorien der Studenten steckte.

Obwohl ihn nicht erst der Beifall von der falschen Seite veranlaßte, den Ausdruck zu bedauern - die Beobachtung war nicht falsch. Nahezu alle Veteranen der Bewegung haben inzwischen die autoritären Strukturen bestätigt, und die späteren Terroristen der RAF trieben die Fehlhaltung bis zu mörderischer und selbstmörderischer Konsequenz. In einem letzten Brief vor seinem Tod nach dem Hungerstreik für menschlichere Haftbedingungen schrieb Holger Meins:

entweder schwein oder mensch
entweder überleben um njeden preis
oder kampf bis zum tod entweder problem oder lösung
dazwischen gibt es nnichts

Nicht so brachial, aber selbstzerstörerisch genug, autoritär und gefühlskalt ging es auch in der antiautoritären Bewegung zu. Ein Rigorismus der Konvertiten prägte den Ton, Prinzipientreue nahm zwanghafte Züge an. Michael Schneider: »Die Denk- und Lebensformen der Protestgeneration waren in vieler Hinsicht nur das spiegelverkehrte Abbild, das Negativ-Klischee der Denk- und Lebensformen ihrer Väter und Mütter.«

Pochten die auf Sauberkeit und Ordnung, gaben sich die Kinder als Gammler. Die Sexualtabus der Alten beantworteten die Jungen mit einem oft nicht minder zwanghaften »sozialistischen Bumszwang«. Gegen das politische Vakuum daheim setzten sie die rigide Politisierung aller Lebensbereiche.

Das alles konnte unter den historischen und biographischen Umständen kaum anders sein. Die von Alexander und Margarete Mitscherlich bei den Eltern beobachtete »Unfähigkeit zu trauern« war mit 1969 nicht zu Ende. Diesen Teil des Erbes - die »auffallende Gefühlsstarre«, den »schlagartig einsetzenden Mechanismus der Derealisierung«, das »manische Ungeschehenmachen« durch Hyperaktivität - haben viele Aktivisten der Protestbewegung nur allzu bereitwillig übernommen.

Erst heute können viele, wie die frühere SDS-Aktivistin Sibylle Plogstedt, Jahrgang '45, erkennen: »Wir haben es unseren Eltern auch nicht leicht gemacht, über ihr Leben zu sprechen.« Sie selbst haben es ihren Kindern und jungen Geschwistern dann nicht viel leichter gemacht, ihnen über '68 zuzuhören.

1970 eröffnete Volker seine Praxis, 1973 bauten »Doktors« ein Haus. Er war der einzige Arzt in einem kleinen Eifelort und hatte sofort viel zu tun. Volker: »Mich trieb eine Art Schizophrenie. Einerseits wollte ich den Sozialismus, andererseits hatte ich Angst davor, daß das Gesundheitswesen tatsächlich verstaatlicht würde. Und wegen dieser Unsicherheit sagte ich mir: So, jetzt klotzt du ran, jetzt machst du aus deiner Praxis ein wirtschaftlich tolles Unternehmen. Ich habe dann von früh bis spät geackert.«

Für den »Willy«-Wahlkampf haben Volker und Irmgard privat kräftig geworben, aber darin erschöpfte sich ihre politische Aktivität auch. Irmgard: »Ich wollte eigentlich häufig politisch tätig werden hier. Aber was in so einem Nest an Politik gemacht wird und wer die macht - also das war mir dann doch zu primitiv und schlimm. Außerdem habe ich es auch wegen der Praxis gelassen.«

Volker hat »nie ein Plakat bei mir aufgehängt oder so. Ich bin zur Wahl gegangen, und wenn mich einer fragte, hab' ich ihm auch gesagt, daß ich SPD wähle. Aber ich hab' damals nie irgendwen politisch agitiert«. Irmgard: »Im Ernst haben wir nur noch gerackert.«

Die Politologin Franziska Sperr, Jahrgang '49, die 1970 in München an die Uni kam, mochte »die 68er« nicht. Sie nannte die Helden des Aufruhrs »die muffige Familie«. Sie hockten mit Holzsandalen und zotteligen Haaren im Institut herum, nuckelten an Strohhalmen aus ihren Milchtüten, waren »sehr aggressiv nach außen« und stießen sie ab in ihrer »deutschen Zopfigkeit und Spießigkeit«. Sie »schienen ins Mißlingen verliebt«. Früh begann, was Klaus Hartung unlängst in der »taz« auf den Nenner brachte: »Alle lieben '68, niemand die 68er, nicht einmal sie sich selbst.«

Nachdem sich der SDS im März 1970 aufgelöst hatte, verbiß sich die theoriebesessene Linke in »die Organisationsfrage«. Sie verschliß sich in gnadenlosen sektiererischen Auseinandersetzungen zwischen Stalinisten, Maoisten, Trotzkisten, Leninisten um die richtige Linie. Genossen und Freunde, die noch zwei Jahre zuvor im Rausch des Aufschwungs gemeinsam die rote Fahne geschwenkt hatten, gingen jetzt schon mal mit Eisenstangen aufeinander los. Bespitzelung und inquisitorische Fragen wuchsen sich zum Binnenterror aus.

Einzelne Gruppen, darunter auch eine von Daniel Cohn-Bendit, Jahrgang '45, in Frankfurt linkssyndikalistisch inspirierte, versuchten sich den Arbeitern in den Betrieben anzunähern. Der »anstudentisierte« Joschka Fischer schuftete in Rüsselsheim am Band: »Von Cohn-Bendit damals einen Auftrag zu kriegen, das war, wie wenn man bei Cäsar persönlich Latein lernte.«

Aber die »Sklavenarbeit« brachte nach einem Streikaufruf außer einer Rangelei mit dem Werkschutz nur den Rausschmiß. Fischer: »Wir erkannten, daß wir das lebensgeschichtlich nicht durchhalten.« Eine neue Kampfszene tat sich ihm erst 1971/72 bei den Hausbesetzern in Frankfurt auf.

Viel besser, wenngleich auf Anhieb weniger spürbar, erging es auch jenen Tausenden nicht, die - sich im Auftrag Rudi Dutschkes wähnend und oft mit dem Parteibuch der SPD ausgerüstet - zum Marsch durch die Institutionen aufbrachen, von der Bundeswehr bis zum Bundestag. 1971 beklagten sich die Kompaniechefs der Bundeswehr über mehr als 27 000 Anträge auf Kriegsdienstverweigerung und zunehmende Disziplinarvergehen bei der Truppe.

Die inzwischen von ihrem Schock erholten »autoritären Scheißer« begannen, den noch vom 68er-Geist beflügelten Marschierern bald höhnisch und genüßlich das »richtige Leben« vorzuführen. Die Protestgeneration lernte eine Form von autoritärer Herrschaft kennen, auf die sie gar nicht vorbereitet war - die Abstraktion und Anonymität unpersönlicher Bürokratien. Nicht wenige zerrieben sich im Kampf gegen »Sachzwänge«, paßten sich an oder resignierten.

Björn Engholm erinnert sich: »Wir sind ja '69 noch mit den Flausen dieser Zeit im Kopf in den Bundestag gekommen. Da haben uns die Kanaler schlichtweg verhungern lassen. Das war eine Riesenenttäuschung.« Die »Kanalarbeiter« waren eine Gruppe rechter Sozialdemokraten, die sich die »Freunde sauberer Verhältnisse« nannten und auf Postenverteilung spezialisiert waren.

Daß schon schnell, schneller, als die meisten merkten, »alles wieder festgezurrt wurde« (Engholm), das lag aber nicht nur daran, daß die Reformbegeisterung der Brandt-Regierung sich totlief. Das lag vor allem an jener Gruppe, die den allgemeinen Realitätsverlust der 68er ins Extrem trieb - der RAF. Zwar wurden Führungsfiguren - Andreas Baader, Holger Meins, Jan-Carl Raspe, Gudrun Ensslin und Ulrike Meinhof - schon 1972 festgenommen. Der wahnhafte »bewaffnete Kampf« hörte damit aber nicht auf. Nun zeigte der alte Obrigkeitsstaat den Jungen, daß es ihn noch gab.

Ein Photo im Familienalbum zeigt Katharina, etwas linkisch lächelnd, 1973 mit einem Protestplakat vor der Brust: »So nicht, Herr Minister.« Da ist die Tochter von Irmgard und Volker acht Jahre alt. Die Eltern hatten eine Bürgerinitiative gegen die Schließung des örtlichen Krankenhauses organisiert, und natürlich waren die Kinder dabei. Katharina weiß davon nur noch aus Erzählungen.

Johannes hat seine erste politische Erfahrung nicht vergessen, sie stammt aus dem Jahr 1975, Johannes ist elf. »Da sagte der Papa einmal am Fernsehen: Der Vietnamkrieg ist zu Ende. Daran kann ich mich noch wörtlich erinnern. Ich habe dann gefragt, was denn das für ein Krieg gewesen sei. Und da hat er mir davon erzählt, und dann sah man diese Bilder im Fernsehen«, Bilder von der Flucht der letzten Amerikaner in überfüllten Helikoptern aus Saigon.

Mit 13 schrieb Johannes ein Gedicht über Che Guevara, den er bewunderte. In seinem Kinderzimmer hing das Poster des Revolutionärs, der poppige 68er-Klassiker. Johannes glaubt heute, er sei durch Freunde seiner Eltern beeinflußt worden, eine Buchhändlerin und einen Lektor: »Die hielt ich irgendwie für kompetent zu sagen, wie das war. Die schenkte mir dieses Buch über Che. Das hat mich wahnsinnig beeindruckt.«

Sonntags bei langen Frühstückssitzungen redete die Familie damals viel über Politik, das finden Kinder und Eltern noch heute uneingeschränkt gut.

Wer noch so jung war, daß er um zehn ins Bett mußte, als um 1968 die älteren Geschwister vor den Springer-Häusern Randale machten, wer gar erst, wie der 23jährige Autor Tobias Mündemann, »gerade die Segnungen des Sandkastens entdeckte« - der bekam gleichwohl in Elternhaus, Schule oder Fernsehen eine Prägung fürs Leben*. Erwachsen zu werden, das hieß für viele fortan nicht mehr Heiraten und Geldverdienen, sondern, so die damals vierjährige Claudia Herzog: »Pille nehmen und Marx lesen.«

Georg Heinzen und Uwe Koch stellten sich - so schrieben sie 1985 in ihrem Buch »Von der Nutzlosigkeit, erwachsen zu werden« - die Zukunft vor wie die Pop-Festivals jener Jahre:

Eine sanfte Republik von freundlichen Leuten mit nlangen Haaren. Dort konnte man jeden um Zigarettenpapier bitten, und wenn einer dem anderen über den Schlafsack nstolperte, dann sagte er »Sorry«, und der andere »Ist nschon in Ordnung, Mann«. Immer wieder wurde ich von nwildfremden Menschen zu einer Pfeife eingeladen. Dann nversicherte man sich gegenseitig, daß der Shit nungewöhnlich gut war und man selbst richtig schön zu. Die » Stars auf der Bühne waren auch freundlich. Sie redeten nvon Peace und Friendship, und das reichte völlig aus, uns » das Gefühl zu geben, es gehe voran. Wir waren sehr ndankbar, und wenn einer von oben herunter fragte, ob wir »ready« wären, dann riefen wir freudig »Yeah«.

In Wohngemeinschaften improvisierten junge Menschen überall im Lande Versuche eines neuen Zusammenlebens. »Und wo immer die Bewegung die Forderung 'Das Private ist politisch' von der Theorie in die Praxis umgesetzt hat, da verdankt sie es den Frauen«, sagt Sibylle Plogstedt. Von den männlichen Kadern als »idealistische Abweichler« geschmäht, hatten Tausende ihr ganzes Leben zum Projekt gemacht. Sie versuchten, die hedonistische Grundstimmung, die das 68er Abenteuer in seiner Anfangsphase getragen hatte, gegen die starren und noch immer autoritären Institutionen - und die inzwischen nicht minder versteinerten eigenen Theorien - zu behaupten. Selbsthilfe wurde zum Schlüsselwort.

Vom Frust wurden auch die Freaks bald heimgesucht. Doch mochte der Preis für die Lebensprojekte auch die uneingestandene Selbstausbeutung aller Beteiligten sein; mochte der prinzipienfeste »gute Wille« auch unter der Hand wieder in Leistungsdruck und Kontrolle umschlagen; mochten am Ende die meisten Projekte an Dauererschöpfung und totaler Überforderung scheitern oder in Spießigkeit und Dilettantismus verkümmern - eine gelebte, nicht nur gedachte Alternative zur herrschenden bürgerlichen Lebensform ist seither in der Bundesrepublik eine alltägliche Tatsache.

»Rückblickend«, sagt Horst-Eberhard Richter, lassen sich Wohngemeinschaften und Kinderläden »als Keimzellen aller späteren Selbsthilfe-Initiativen und der neuen sozialen Bewegung ausmachen«. Quer zu allen deutschen Traditionen hatte sich eine politisch-kulturelle Gegenwelt etabliert, die nicht ideologische Basis für eine Partei ist, sondern »eine Methode politischen Handelns, eine Auffassungsweise gesellschaftlicher Beziehungen« (Peter Brückner).

Nach dem Rücktritt Willy Brandts im Mai 1974 war es bei Irmgard und Volker L. mit der Begeisterung für die Sozialdemokraten nicht mehr weit her. »Da überlegten wir schon, ob wir überhaupt noch mal SPD wählen sollen«, sagt Irmgard. Volker: »Mit dem schneidigen Nachfolger hab' ich mich nie identifiziert. Alle waren sie stolz auf Helmut Schmidt, auch die Konservativen. Aber ich hab' ihn nie gemocht.«

Doch so klar sie in ihren Vorlieben für politische Führungsfiguren sind, so uneindeutig sind Irmgard und Volker in ihren pädagogischen Leitvorstellungen. Einerseits bekommen die konservativen Lehrer den politisch aufsässigen Geist der Kinder zu spüren, »und das hat dann viel Spaß gemacht«, findet Katharina. Johannes ergänzt: »Vor allem haben die Eltern immer hinter uns gestanden. Das war prima. Ich hatte immer das Gefühl, ich darf das alles machen.«

Andererseits schränkt Katharina ein: »Das galt aber nur politisch.« Johannes: »Ja, leistungsmäßig durfte man keine Scheiße bauen. Wenn ich schlechte Noten hatte, dann gab es immer Knies.« Katharina hat unlängst ein altes Zeugnis gefunden, darauf hatte sie notiert: zweimal fünf Mark. »Für 'ne Eins habe ich eine Zeitlang fünf Mark gekriegt.«

Einen Modellversuch in antiautoritärer Erziehung haben Johannes und Katharina im Elternhaus nicht absolviert, aber so wie die Eltern sind sie schon gar nicht erzogen worden. Volker: »Das war so 'ne Mischung. Von mir kam: Nur nicht fromm werden. Sie sollten nur nicht ideologisch vernagelt werden, das war meine Hauptangst, nicht politisch und auch sonst nicht. Mein Ziel war deshalb schon, daß sie doch möglichst viel Bildung in sich reinfressen« - »daß sie möglichst Abitur machen«, wirft Irmgard ein. Volker: »Wo ich sie gehen ließ, das war Tischmanieren und Umgangsformen. Und auch bei der Rechtschreibung, da bin ich lockerer gewesen. Das erschien mir als Formsache, was ich heute auch anders sehen würde.«

Irmgard: »Also, ich habe sie nicht einfach antiautoritär laufen lassen. Es gab immer Sachen, die sie nicht durften. Sie wußten das. Bei mir konnten sie nicht einfach Geschirr zerdeppern.« Volker: »Als dann das Sexuelle losging bei den Kindern, waren wir sehr großzügig. Also ich war sehr großzügig.« Irmgard entschieden: »Nee, ich nicht. Ich war immer ein bißchen autoritärer als Volker.«

Volker: »Insgesamt haben wir sie vielleicht oft ein bißchen zu allein gelassen, auch in der Schule. Wir haben sie da gegen die mächtigen Lehrer anrennen sehen - und waren stets stolz auf sie, und da sind sie eigentlich ins offene Messer gelaufen. Im nachhinein muß ich sagen, wir haben unsere Kinder nicht recht geschützt.«

Irmgard: »Aber sie wissen sehr gut, was sie wollen und was sie nicht wollen. Oder? Jedenfalls wußten wir das in dem Alter nicht so. Und sie sind auch unabhängiger von uns, von unserer Meinung. Sie kennen sich selbst besser, glaube ich, als wir uns damals kannten. Sie lernen besser über Gefühle.« Volker: »Ja, sie haben mehr Antennen ausgefahren, sind viel offener, nehmen mehr wahr als wir im gleichen Alter. Sie sind reifer in bezug auf Partnerschaft, haben überhaupt schon so viele Überlebensstrategien. Aber die brauchen sie ja auch. Wir hatten damals den Riesenvorteil, ein festes Ziel vor Augen zu haben in einer Welt, die in sich irgendwo noch irgendwie heil war.«

»Über die als Anmelderin der Druckschriften-Verteilung und des Schweigemarsches vom 18. Oktober 1975 angegebene N.N. liegen in kriminalpolizeilicher Hinsicht keine Erkenntnisse vor. In staatsabträglicher Weise trat die N.N. bereits am 5. April 1975 und am 6. September 1975 für Aktionen der Organisation 'Amnesty International' in Erscheinung« (aus den Akten des Niedersächsischen Verfassungsschutzes).

Sicherheitsrisiko. Staatsabträglich. Antidemokratisch. Regelmäßige Beobachtung. Erfassung. Anhörung. Dossier. Verunglimpfung der Bundesrepublik. Sympathisant - Worte, die einen Zustand beschreiben, für die Martin Walser die Formulierung fand: »Eine Gegenrevolution machen, wo gar keine Revolution stattgefunden hat.« Der Etat des Bundeskriminalamtes stieg von 22,4 Millionen Mark im Jahre 1969 auf 200,1 Millionen im Jahre 1978, die »sächlichen Verwaltungsausgaben« des Bundesamtes für Verfassungsschutz von 10 Millionen auf 134,2 Millionen Mark.

Beschlagnahmen. Verbote. Durchsuchungen. Überprüfungen. Einschüchterungen. Ausgrenzung. Kriminalisierung.

Seit der Verabschiedung des Radikalen-Erlasses im Januar 1972, mit dem vom Staatsdienst ausgeschlossen werden darf, wer einer »extremen Organisation« angehört, sind bis 1976 »nur« 430 Bewerber abgewiesen worden. Freilich wurden dafür annähernd 500 000 junge Menschen auf etwaige Zweifel an der Verfassungstreue überprüft.

Der Hamburger Richter Ernst Grothe, Jahrgang '39, ein Marschierer durch die Institutionen im Geist von '68, erinnert sich:

Es war eine grauenhafte Zeit. In der Justiz war es nlediglich so, daß gesehen wurde: Da gibt es revolutionäre und revoltierende Kräfte, die es zu bekämpfen gilt; die nwurden intern mit einem Selbstverständnis als Feindbilder nhingestellt, wer auch nur im entferntesten etwas damit zu tun hatte, wurde abserviert.
Es gab Initiativen, in denen man gerne etwas gemacht hätte, Mieterinitiativen zum Beispiel. Aber da habe ich nmich nicht hingetraut. hätte ich da mitgemacht, und wäre es auch nur ein Transparent gewesen, so wäre das nmitgeteilt worden. Man hat damals einfach nicht den Mut ngehabt.

Große Umsicht war auf einmal bei der Wortwahl nötig. Wer »BRD« sagte oder »Berufsverbote«, stand schon sehr am Rande unserer »freiheitlich demokratischen Grundordnung«. Studenten baten darum, daß auf Seminarscheinen das Wort »Marx« nicht auftauchte. »Klasse« hieß jetzt »Schicht«, Klassenkampf »gesellschaftliche Auseinandersetzung«, Ideologie war »Widerschein«.

Selbstzensur. Duckmäuserei. Anpassung. Depression und Angst.

Mit jedem Terrorakt der RAF wuchs die Hysterie der rachelustigen Reaktionäre, die für 1968 zurückzahlen konnten.

Die Konservativen, die bis 1969 die Macht hatten und nun in der Opposition saßen, glaubten oder behaupteten gar, aufgrund einer Revolution dort gelandet zu sein. Der Journalist Hendrik Bussiek, Jahrgang '44, schrieb 1978: »Die zeitliche Parallelität von Jugendrevolte und Machtbeteiligung der Sozialdemokraten auf Bundesebene hat sie zu dem Trugschluß verführt, diese vermeintlich stattgefundene Kulturrevolution sei von der SPD angestiftet worden.«

So schürten sie die Angst der seit '68 verunsicherten Elterngeneration zur Hysterie. Und die sozialliberale Regierung unter Helmut Schmidt führte mit effektiver, computergesteuerter Kühle den Nachweis, daß der Staat auch bei den Sozis in guten Händen ist. Aufkeimendes schlechtes Gewissen gab oft Kraft zum härteren Zuschlagen.

War die Revolte von '68 endgültig erledigt? Im November 1976 liefern 30 000 Demonstranten in der eiskalten Marsch vor dem Baugelände für das Atomkraftwerk Brokdorf einer brutalen Polizeitruppe eine wilde Schlacht. Die Kerntruppe der Widerständler, martialisch und vermummt, blickte nur noch mit Mitleid und Verachtung auf die Reste der ängstlichen Nachschlapper von '68, die nicht mal Turnschuhe trugen und älter waren als die Polizeibeamten, in denen sie früher ihre Väter zu bekämpfen gewöhnt waren.

Aber einer, der bei solchen Auseinandersetzungen an den Bauzäunen der Republik am Megaphon das große Wort führte und nachher als Verantwortlicher vor Gericht stand, Josef ("Jo") Leinen, Jahrgang '48, sagt heute: »Ich habe im Wintersemester 1967/68 angefangen zu studieren. Das war ein heilsamer Schock nach meiner Kindheit und Schulzeit in einer prüden und autoritären Dorfatmosphäre. Ohne die Erfahrungen von damals hätte ich nie den Zugang zur Politik gefunden.« Jo Leinen ist jetzt Minister im Saarland.

In ihrem sehr konservativen Gymnasium fielen Katharina und Johannes schon früh unangenehm auf. Beide arbeiteten in der Schülermitverwaltung, schrieben in der Schülerzeitung, organisierten Schulfeste und inszenierten sie zum politischen Skandal. Auf Dauer konnte das in einem CDU-Land und zu einer Zeit, die sich klimatisch total gewendet hatte, nicht gutgehen. Johannes: »Ich bin dann auch von der Schule geflogen, im achten Schuljahr.« Katharina: »Wir sind zusammen von der Schule weg.«

»Es fing damit an«, erzählt Johannes, »daß wir in der Schülerzeitung viel Politisches geschrieben hatten und die Lehrer direkt angriffen wegen irgendwelcher Verfehlungen. Die wurde dann zweimal zensiert, wir mußten was rausschneiden. Und dann bei der dritten Nummer haben wir uns geweigert: Wir lassen uns nicht mehr verarschen. Da haben wir uns auch angebrüllt, der Direktor und ich, und wir mußten die Zeitungen vor dem Schulhof verkaufen.«

Die Eltern standen hinter ihnen, aber Unterstützung von linken Lehrern bekamen die Kinder wenig - es gab kaum welche. Und die beiden, die Johannes zunächst beeindruckten, betrachtet er rückwirkend mit gemischten Gefühlen. Da ist einmal seine Deutschlehrerin, »die war links, und die hat uns sehr unterstützt. Das war so die schönste Zeit in der Schule, sie hat die ganze Klasse wirklich voll bearbeitet und auf ihre Seite gezogen. Die war phantastisch, die Frau. Die hat mich sehr geprägt. Die hat aber auch immer Ärger gekriegt. Im achten Schuljahr hat sie über Berufsverbote geredet und gesagt, daß ein Kollege von ihr deswegen nicht angestellt wird.«

Nach der ersten Begeisterung wird Johannes reservierter. Schließlich »hat die ja dann auch das Handtuch geworfen«. Der zweite linke Lehrer an der Schule, »der Udo, den wir dann geduzt haben und der zu Grillpartys eingeladen hat«, störte Johannes wegen seines ständigen Gejammers: »Das war wirklich so ein 68er, der immer gesagt hat: 'Mein Gott, früher, das war was. Aber die Schüler heute, die interessieren sich ja nur noch für Videos.' Und ich hab gedacht: Dann setz dich doch damit auseinander und mach was daraus, aber behaupte nicht, die sind heute alle so, daß man mit denen nichts mehr machen kann. Weil - das stimmt überhaupt nicht. Ich denke eher, daß diese ganzen 68er keine Lust mehr haben, was zu machen.«

Rückblickend fühlen sich Johannes und Katharina bei ihren Kindheits- und Jugendgehversuchen im Geist von '68 von der älteren Generation ziemlich alleingelassen. Das gilt auch für ihre Eltern.

Katharina: »Früher hatte ich immer das Gefühl, meine Eltern sind was Besonderes, die sind progressiv, die heben sich auch ab von allen anderen Leuten in der Umgebung. Sie stehen hinter uns und bringen uns was bei, was andere Eltern ihren Kindern nicht beibringen. Doch dann irgendwann habe ich angefangen zu zweifeln. Es gingen Gerüchte rum, weil ich schon sehr früh einen Freund hatte. Die Lehrer wohnten hier im Ort und hatten das irgendwie mitgekriegt. Und dann haben sie gedroht, meine Eltern zu erpressen. Und da hat meine Mutter gesagt, ich solle gefälligst aufpassen, daß das keiner mitkriegt. Die Leute sollten nicht über mich oder über uns reden. Das kam mir dann wieder alles ziemlich spießig vor.«

Volker: »Dazu muß man aber wissen, daß sie 13 war und einen Freund hatte, der wurde 18.« Irmgard: »Damit war ich ja auch irgendwo nicht einverstanden.«

Katharina: »Es ist aber ein Unterschied, ob meine Mutter mir das verbietet und mir sagt: Ich find' das ganz beschissen, daß du jetzt schon einen Freund hast, oder ob sie sagt: Du mußt aufpassen, daß die Leute nicht über dich reden. Die wußte nämlich selber nicht, was sie dazu sagen sollte. Da hatte ich das Gefühl, sie macht nicht das, wo sie dahinter steht.«

»Sittengemälde der 68er, im Jahre zehn nach ihrer Jugend«, gemalt weitere zehn Jahre später von einem »traurigen« und »wütenden« Bernd Ulrich, Jahrgang '60, in der Zeitschrift »Kommune": »Sie sind die einzige, richtige und gleichförmige Opposition innerhalb dieser schrecklich gleichförmigen deutschen Verhältnisse, versinken in Melancholie, finden das aber achtenswert und weinen über die vormals herbeispintisierte Revolution.«

Unter der Rubrik »Wir und '68« rechnen im April auch in »Tempo« die Jüngeren mit der Möchtegern-Revoluzzer-Generation ab, die sie geprägt hat und enttäuscht: »Nostalgische Klugscheißer ... unsicher ... Ewiggestrige ... verlogene Revolutionsgewinnler ... ein Haufen Spießer ... Phrasen, Geschwätz und fauler Zauber ... fanatische Lebenskultur-Banausen.«

In ihnen allen, inzwischen um die 30, haben sich die entscheidenden Eindrücke Mitte bis Ende der siebziger Jahre festgesetzt - in einer Zeit, da viele 68er, soweit überhaupt noch sichtbar, tatsächlich einer trostlosen Karikatur ihrer selbst glichen: zergrübelte Figuren, schwankend zwischen großmäuligem Veteranen-Geschwätz und jammeriger Depression, die ihre Träume im Halbdunkel schmuddeliger Pinten in Bier ertränkten. Die Jugend war mit ihnen ein für allemal zu Ende gegangen.

»Was uns bisweilen als Abkömmlinge des 'Ritters von der traurigen Gestalt' erscheinen ließ, das war eben dies, daß der wirkliche Geist von '68 so schnell verflog«, schreibt Detlev Albers, Jahrgang '43, heute - und der Jammer hallt noch nach.

Dafür gab es Gründe genug. Zu den objektiven gehörte nicht nur die Aufrüstung des Staates gegen sie. Zum erstenmal seit Ende der fünfziger Jahre war im Januar 1975 auch die Zahl der Arbeitslosen auf über eine Million geklettert. Hart prallten ihre Reformpläne an die Grenzen des Wachstums. Dazu kam die entmutigende Erfahrung, wie all ihre kulturrevolutionären Anstöße von der kapitalistischen Wirtschaft in harte Münze umgesetzt worden waren.

Doch der »subjektive Faktor« - so entscheidend für die Revolte - ist auch entscheidend für ihr scheinbar totales Scheitern. Alles oder nichts - unfähig zu trauern über schmerzliche Erfahrungen, aber blind auch für den Sickereffekt ihrer Erfolge, versackten sie in tiefe Depression.

Ein Teil war gewiß Erschöpfung nach einem Leben in einer Art permanentem Ausnahmezustand. »Ich fürchte«, weiß Thomas Ziehe heute, »es war damals alles ein wenig viel auf einmal. Die lebensgeschichtlichen Brüche verarbeiten und gegenüber dem Herkunftsmilieu absichern, dem Außendruck standhalten; die innere Dynamik einer Bewegung zu verkraften, in der jeder Fehlschlag und jede Krise die Tendenz zur Selbstradikalisierung verstärkte« - kurz, die gleichzeitige totale Veränderung der Gesamtgesellschaft, aller eigenen Lebensbereiche und der eigenen Person.

Und das alles unter der inneren Fuchtel eines linksgerichteten »preußischen Moralasketismus Kantscher Prägung«, wie Horst-Eberhard Richter sich erinnert, der jahrelang mit seinen Studenten in sozialen Projekten arbeitete:

Was Freude machte, war schon dadurch allein nfragwürdig. Jahre hindurch übte man sich in moralischer nSelbstkasteiung. Es gehörte sich - so auch in unserer nGruppe -, daß man sich fortwährend bezichtigte zu nversagen, Widersprüche nicht klar genug herauszuarbeiten, nDinge zu oberflächlich zu sehen, zu harmonisierend und nkompromißlerisch zu arbeiten, Schlimmes unter den Teppich nzu kehren, nicht genug »politisch« zu sein, die Mächtigen nzu wenig herauszufordern. Erst wenn man sich nunnachsichtig aller möglichen Schwächen und Fehler nüberführt hatte, konnte man sich einmal zaghaft ein nkleines Eigenlob gönnen.

Eine positive, konkrete Vorstellung von einem geglückten oder gar glücklichen Leben fehlte dieser Generation, deren Eltern allein schon die Abwesenheit von Fliegeralarm als Glück galt. Und so klammerten sie sich an die rauschhaften Erlebnisse der wilden sechziger Jahre, begnügten sich als »Dilettanten der Erwachsenheit« (Ernst Bloch) mit sentimentalen Erinnerungen an die kurze jugendliche Phase.

Viele, vor allem die älteren 68er, waren ja nicht wirklich jung gewesen in den Fünfzigern, sie holten ihre Pubertät wie im Zeitraffer dann nach. Nun hielten sie ihren Lebensfilm an, blieben jugendlich bis zur Lächerlichkeit. Sie versuchten den Mythos ihrer ewigen Jugend zu stabilisieren, indem sie die Nachwachsenden »zu nur flott aufgemachten Greisen« (Jörg Bopp) stempelten. Unaufhörlich nölten die 68er an den Jüngeren herum und klebten ihnen dieselben Etiketten auf, die sie auch ihren Eltern angepappt hatten: angepaßt, konsumorientiert, unpolitisch und theoriefeindlich. Die Jungen, viele wenigstens, haben es ihnen nicht verziehen.

»Woran ich mich wirklich erinnern kann«, sagt Johannes, »ist die Schleyer-Entführung. Mogadischu. Stammheim, die Selbstmorde. Ich weiß nicht, warum mich das so erschüttert hat, aber ich weiß, das war so das erste, was mir tief im Bewußtsein geblieben ist. Da habe ich dann auch ernsthaft gefragt: Was passiert da? Was sind das für Leute? Ihr habt auch geantwortet. Aber genau erfuhr ich erst später im Gymnasium so langsam, worum es wirklich ging.«

Volker: »Wir haben darüber mit Johannes sehr viel diskutiert und mit Katharina, obwohl die erst 12 und 13 waren. Ich hatte Angst, daß meine Kinder auch irgendwann mal radikal werden. Die fingen ja schon früh an, den Mund aufzureißen. Deshalb sagte ich immer: Das geht zu weit. Das ist nicht gut. Gewalt nicht.«

Irmgard: »Aber aus der Angst heraus, unsere Kinder könnten zu weit nach links abdriften, hat Volker, denke ich, sehr konservative Standpunkte bezogen, Gewaltlosigkeit sehr betont.«

Volker: »Klar, denn andererseits konnte ich natürlich die Wut und die Motive auch wieder gut nachvollziehen. Daß sie sich ausgerechnet den Vertreter der Industrie rausgepickt hatten, den Schleyer, der auch für mich die ganze etablierte Gesellschaft verkörperte mit seinem Schmiß und seiner Nazivergangenheit. Der stand doch für alles, wogegen die 68er Sturm gelaufen waren. Ich mochte den ja auch nicht, er war mir zutiefst unsympathisch. Die Art, wie der sich darstellte und seine Interessen vertrat, fand ich unerträglich. Aber das konnte doch kein Grund sein, ihn einfach umzubringen. Deshalb habe ich gesagt, daß das ein Irrweg ist, was die RAF macht. Das ist absoluter Wahnsinn.«

Irmgard: »Das waren ganz schön ambivalente Botschaften für unsere Kinder damals.« Volker: »Und natürlich rührte meine Angst und Betroffenheit auch daher, daß die Gudrun Ensslin ja so 'ne ähnliche Vergangenheit hatte wie wir, daß sie aus gutbürgerlichem Hause kam, aus frommem Hause. Und irgendwie konnte ich diesen Schritt verstehen von der Frömmigkeit zu dieser Art von mörderischer Gläubigkeit. Das macht mir angst, aber insgeheim habe ich das auch bewundert, diese absolute Konsequenz.«

Der Entwicklungsprozeß, der von den heißen Sommern 1967 und 1968 zum »Deutschen Herbst« 1977 führte, ist auch zehn Jahre danach nicht zu Ende. Er hatte ja auch nicht in den Sechzigern begonnen. Wollte man ihm einen Namen geben, dann müßte er wohl heißen: Wir Deutschen nach Auschwitz.

»Bis zu diesem 'Deutschen Herbst'«, bilanziert Stefan Aust in seinem Buch über den »Baader Meinhof Komplex«, »waren 28 Menschen bei den Anschlägen oder Schußwechseln ums Leben gekommen. 17 Mitglieder der 'Stadtguerilla' fanden den Tod. Zwei gänzlich Unbeteiligte waren bei Fahndungsmaßnahmen versehentlich von der Polizei erschossen worden. 47 Tote. Das ist die Bilanz von sieben Jahren Untergrundkampf in der Bundesrepublik Deutschland. Es waren sieben Jahre, die die Republik veränderten.«

Aus der Hysterie der vielen während der Sympathisanten-Hetze und den bedächtigen Warnungen weniger, die den Mut hatten, Reden oder »Briefe zur Verteidigung der Republik« zu formulieren, blieben grundsätzliche Fragen an beide Lager.

Schon am 17. November 1977 richtete Max Frisch seine Fragen an den SPD-Parteitag in Hamburg. Die Genossen, deren Kanzler Helmut Schmidt bei seinen Entscheidungen die Mehrheit der Bevölkerung hinter sich wußte, lauschten mit mehr poetischer als politischer Einfühlung:

Alle, die als terroristische Täter auf der nFahndungsliste stehen oder im Gefängnis sind, gehören der njungen Generation an. Ich frage: Wieviel Wirkungsraum nwurde dieser Generation eingeräumt, um ihre Epoche zu ngestalten, zusammen mit den Vätern? Das rührende Signal, das die Hippies damals gegeben haben, und dann, schon närgerlicher, die Gammler, sie schon eine Perversion der nSehnsucht nach einem neuen und eigenen Sein-Dürfen, dann die Drogensucht, die Selbstvernichtung, haben wir all das nicht gesehen? Und dazu das andere Ärgernis: An den Hochschulen die junge Linke, hauptsächlich Bürgerkinder, bald abgeblockt von beiden Seiten, theoriewütig und für die nArbeiterschaft unverständlich - wieviel Wirkungsraum nwurde ihnen eingeräumt, um Erfahrung zu machen im Staat: um das Potential ihrer Erwartungen einzubringen in die nPraxis, so daß sie sich mit dem Staat, der daraus nentsteht und fragwürdig wäre wie jeder Staat, hätten nidentifizieren können? Erwartet wurde ihre Unterwerfung, geblieben ist im Extrem: die Resignation, verbunden mit nKarriere, die Glaubensverlust und damit Selbstverlust nniemals aufhebt, und die Paranoia der Terroristen. Mindestens eines dieser beiden Phänomene wird die nPolizei, wie verstärkt auch immer und spezialisiert und nvolksverbunden durch Telephon-Abhören bis an die Grenzen des Rechtsstaats, nicht aus der Welt schaffen: die nResignation. Außer der Einladung zum fröhlichen Konsum nals Voraussetzung für Wirtschaftswachstum, was finden sie ndenn vor, welches Ziel über die eigene Person hinaus, nwelchen Daseinssinn?

Erst Jahre später, nach weiteren Mordanschlägen, richtete Peter Schneider, Jahrgang '40, die Fragen Max Frischs an die Apo-Generation. Schneider, der 1968 zu den Führungsfiguren der Revolte in Berlin gehörte, schrieb in der »Zeit":

Als Gruppen wie die »Bewegung 2. Juni« und die »Rote Armee Fraktion« Ernst machten, wich der theoretische nFlirt mit dem bewaffneten Kampf rasch einer hastigen nAbgrenzung. Diese Abkehr war aber nicht das Ergebnis neiner energischen Kritik und Selbstkritik. Sie fand nebenso still und fast sprachlos statt wie die Abwendung nvon anderen Ideen jener Zeit, die sich als illusionär noder falsch herausstellten. Was den Umgang mit der neigenen Vergangenheit angeht, haben es die Söhne kaum nbesser gemacht als die Väter: Was sich nicht bewährte, nvergaß man lieber und überließ es der natürlichen nhistorischen Selektion. Nach der Niederlage wurde man nHals über Kopf demokratisch, gewaltfrei und fing an, die Verfassung zu lesen. Fortan nannte man sich nicht mehr nMarxist, sondern links, nicht mehr revolutionär, sondern radikal, und was bei diesem Namenswechsel alles mit über Bord ging und über Bord geworfen zu werden verdiente, nwollte man nicht so genau wissen. Der Gang der Dinge nersetzte den Lernprozeß. Die Sprachlosigkeit, in die sich die meisten Wortführer der Studentenbewegung Mitte der nsiebziger Jahre zurückzogen, war nie mit bloßer nTheoriemüdigkeit zu erklären. Diese Müdigkeit ist das nErgebnis einer Verdrängung.

Im Arzthaus des Doktor Volker L. und seiner Frau Irmgard in der Eifel ist es in den folgenden Jahren vorbei mit der idyllischen Ruhe am Rande des politischen Geschehens. So um 1977/78 bemerkte Johannes plötzlich, »daß irgendwas aufbricht«. Es wurde turbulent.

Volker zog eine vorläufige Lebensbilanz. Ergebnis: »So möchtest du nicht leben.« Irmgard entdeckte: »Ich halte das nicht mehr aus, ich will wieder raus.« Katharina, seit ihrem 13. Lebensjahr ständig mit Jungen unterwegs, verliebte sich in einen Punk: »Das lief aber weniger politisch, sondern ich habe das Punk-Leben einfach miterlebt, habe alles mögliche mitgemacht.« Und Johannes geriet über eine Liebesgeschichte in die Berliner Hausbesetzer-Szene: »Ich habe mir da Gedanken über die RAF gemacht, ich habe die Selbstmorde in Stammheim in Zweifel gezogen.« Volker: »Ich hatte große Angst, daß du da mitmachst.«

Im nächsten Heft

Die Kinder von '68 zerren die Eltern in die Friedensbewegung - Das Jahr der Revolte liegt der Wende im Weg - Der politische Rückzug ins Private

*Tobias Mündemann: »Die 68er - ... und was aus ihnen geworden ist«.Wilhelm Heyne Verlag, München; 244 Seiten; 9,80 Mark.

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