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HILFSORGANISATIONEN Tragödie der guten Tat

Der Verein KBU holt kranke afghanische Kinder zur Behandlung nach Deutschland. Die Schattenseiten der Hilfsaktion: überforderte Gastfamilien und seelisch versehrte Schützlinge.
aus DER SPIEGEL 8/2009

Als Bibi begriff, dass sie zurück nach Afghanistan muss, stürzte sie sich die Kellertreppe hinunter. Reines Glück, dass sie sich nicht schwer verletzte, dass es bei ein paar Prellungen blieb.

Ein anderes Mal belauschte Bibi ein Telefongespräch, in dem es um ihre Rückkehr ging. Das Mädchen fing an, eine Duftkerze zu essen, groß wie ein Kaffeebecher. Fast die Hälfte würgte Bibi hinunter, bevor ihre deutsche Gastmutter sie fand.

»Ich will da nicht hin«, sagt die zwölfjährige Bibi. »In Deutschland könnte ich aufs Gymnasium gehen, in Afghanistan wird mir mein Vater kein einziges Buch lassen.«

Mehr als drei Jahre ist es her, dass sie über die Mülheimer Hilfsorganisation Kinder brauchen uns (KBU) zu ihren Gasteltern Jutta und Nicolas Müller-Wiehl nach Bad Bentheim kam. Ihr Bruder war auf eine Mine getreten, tot, ihr selbst hatte ein Splitter die Kniescheibe zertrümmert - in Afghanistan nicht zu behandeln, in Deutschland schon. Ohne KBU hätte Bibi heute noch ein steifes Bein. Und wegen der KBU-Initiative hat das zierliche Mädchen mit den schwarzen Locken seine Familie aus der Provinz Wardak seit 2005 nicht mehr gesehen. Und will auch nicht mehr zurück.

»Ich würde alles tun, damit ich in Deutschland bleiben darf«, sagt Bibi. »Alles!« Ihre Gasteltern haben »keine Ahnung«, wie sie damit umgehen sollen. »Wie verkraftet eine Kinderseele diese brutale Entfremdung von der Heimat?«, fragt Jutta Müller-Wiehl, 38. »Und was erwartet sie in Afghanistan?«

Fragen, mit denen KBU die Gasteltern weitgehend allein lässt. Die Hilfsorganisation holt zwar die Kinder nach Deutschland und besorgt ihnen einen Krankenhausplatz. Mit beinahe allem anderen müssen die Familien allein klarkommen.

Mit nur drei festangestellten Mitarbeitern in Deutschland und einigen ehrenamtlichen fehlen KBU die Kapazitäten und das Geld, um die über das ganze Bundesgebiet verstreuten Gastfamilien und Kinder intensiv zu betreuen, geschweige denn einen Psychologen zu beschäftigen. »Ich habe bisher die Erfahrung gemacht, dass das nicht nötig ist«, sagt der Vereinsvorsitzende Markus Dewender, 42. »Der Anteil der Fälle, wo solche Probleme auftreten, ist verschwindend gering.«

Allerdings hat KBU Schwierigkeiten, den Überblick zu behalten; zu sehen, wo sich deutsch-afghanische Dramen abspielen, wo die gute Tat zur Tragödie wird.

Der Verein, ein Bambi-Preisträger, kam bereits vor einem Jahr ins Gerede: Dewender hatte Doktortitel missbraucht, wurde dafür verurteilt und musste kurzzeitig zurücktreten (SPIEGEL 1/2008).

Diese Probleme haben den Vereinschef aber nicht davon abbringen können, weiterhin im großen Stil Jungen und Mädchen nach Deutschland zu holen. Erst Ende Januar kam wieder ein Hilfsflug mit 79 Kindern in Hamburg an. Die Bundesregierung und die afghanische Botschaft sind mit solchen Transporten so lange einverstanden, bis es in Afghanistan entsprechende Behandlungsmöglichkeiten gibt. »Vorrangiges Ziel muss es sein, den afghanischen Gesundheitssektor zu stärken«, sagt Botschafterin Maliha Zulfacar. »Wenn die Kinder eines Tages zu Hause operiert werden können, wäre das für alle das Beste.«

Derzeit sind etwa 130 Mädchen und Jungen in Deutschland - eigentlich zu viele für KBU, sagt selbst Dewender. »Das ist mein persönliches Problem. Ich sehe das Elend in Afghanistan, dann treibe ich die Zahlen in die Höhe.« Vor lauter gutem Willen hat der Vereinschef das Projekt inzwischen so aufgebläht, dass es ihm immer wieder zu entgleiten droht.

So hätte das zuständige Ausländeramt den jüngsten Hilfsflug beinahe untersagt - einen Tag bevor das Flugzeug starten sollte. Für 18 Kinder fehlten die Papiere. Erst nach mehrmaliger Mahnung sei Dewender mit den Unterlagen beim Amt erschienen, berichtet Sozialamtsleiter Klaus Konietzka. »Der Verein war wohl mit der Organisation des Fluges schlicht überfordert.«

Seit vergangenem Dezember liegt der Stadt eine Selbstverpflichtung von KBU vor. Darin erklärt der Verein sich erstmals bereit, Mülheim eine vollständige Auflistung der Patientennamen und Adressen von Gastfamilien auszuhändigen. Zudem müssen die Eltern ein polizeiliches Führungszeugnis abliefern. Bisher wurden die Familien kaum überprüft, häufig wussten die zuständigen Ämter nichts von der Existenz der Kinder. »Es war reines Glück, dass kein Kind in falsche Hände geraten ist«, sagt ein ehemaliger Partner Dewenders.

KBU weiß selbst um die Probleme. »Strukturelle und inhaltliche Defizite bei der Auswahl und Betreuung von Gasteltern« waren intern bereits im Januar 2008 bemängelt worden, in dem Protokoll einer Mitgliederversammlung. Sechs Monate später heißt es in einer Versammlungsmitschrift, es fehle »weiterhin an einer konzeptiven Betreuung der Gasteltern«.

Mit dem jüngsten Hilfstransport sollte nun zwar alles besser werden, der Verein wollte die Gasteltern sorgfältiger auswählen, die Jugendämter sollten frühzeitig informiert werden. Allerdings gibt Dewender zu, dass er und seine Leute kurz vor dem Flug noch für ein Dutzend Kinder Familien suchte. Erst zwei Tage vor dem Start war das letzte Elternpaar gefunden. Das Führungszeugnis müssen die Kurzentschlossenen nachreichen. Und wenn etwas schiefgeht? »Dann liegt der Schwarze Peter bei uns«, sagt der KBU-Chef.

Gastfamilien, Behörden und ehemalige Mitglieder - viele bemängeln die Arbeitsweise des Vereins. Doch oft nur hinter vorgehaltener Hand. Denn die Zweifler und Mahner stehen vor einem Dilemma: Zu viel öffentlicher Druck könnte bedeuten, dass keine Spenden mehr fließen. Dutzenden Kindern bliebe die Chance auf eine Operation verwehrt. Ist dann überhaupt noch Kritik erlaubt? So unterstellen Dewender-Gegner ihm zwar, »Kinder einzusammeln wie Trophäen«, »völlige Überforderung« und »übertriebene Geltungssucht«. Aber schuld am Niedergang der Organisation möchte niemand sein.

Bibis Flug nach Afghanistan plant KBU für März. Diese Woche soll ihr Arzt entscheiden, ob das Bein so weit geheilt ist, dass sie mit ihrer Schiene auch in der Heimat zurechtkommen könnte.

Wenn sie nicht inzwischen ganz und gar eine Bentheimer Bibi geworden wäre. Sie sagt, sie verstehe die Sprache in Afghanistan gar nicht mehr. Ihre besten Freundinnen heißen Ilka, Carolin und Lena-Marie. Sie spielt am liebsten mit Barbies, und ihr Lieblingsgericht ist Milchreis mit Zucker und Zimt. Die vier Söhne der Familie empfindet sie als Brüder, das Ehepaar Müller-Wiehl, er Immobilienkaufmann, sie Hausfrau, nennt Bibi Mama und Papa.

In einer Info-Broschüre rät der Verein den Familien, »die Kinder von vornherein auf die Rückreise vorzubereiten. Dieses Thema völlig zu verschweigen könnte zu fatalen Hoffnungen bei den Gastkindern führen«.

»Das ist ja schön und gut«, sagt Jutta Müller-Wiehl. »Wir haben Bibi nie verschwiegen, dass sie eines Tages zurückmuss.« Aber nach mehr als drei Jahren verdränge ein Kind, dass dieser Tag tatsächlich einmal kommen könnte. Müller-Wiehl hat den anderthalbjährigen Claudio, ihren Kleinsten, auf dem Schoß, während sie erzählt: »Wir wollten etwas Gutes tun, und das Resultat ist eine Katastrophe.«

Einer anderen deutschen Gastfamilie geht es ähnlich. Ihr Pflegekind ist dreieinhalb Jahre alt und soll ebenfalls im März zurück. »Man macht sich keine Vorstellung, wie stark die Bindung zu so einem Kind wird«, sagt die Mutter. »Wir haben das völlig unterschätzt.« Vor einem Jahr hat KBU den afghanischen Jungen zu der

Familie gebracht - mit Granatsplittern im Bein und traumatisiert. »Die haben das Kind hier abgeladen, und das war's«, klagt die Gastmutter. Sie möchte anonym bleiben, aus Angst, Dewender als alleiniger Vormund könnte den Jungen abholen.

Das Konzept von KBU sieht eigentlich vor, dass die Kinder nicht länger als ein halbes Jahr in Deutschland bleiben. Manchmal aber lässt es sich nicht vermeiden, dass sich die Behandlung der Kinder in die Länge zieht. Bei Bibi dauerte es allein schon anderthalb Jahre, ein Ärzteteam zu finden, das sich die komplizierte Operation zutraute.

»Es kam vor, dass Kinder nach Deutschland geholt wurden, ohne dass hier zügig ein Behandlungsplan aufgestellt und abgearbeitet wurde«, sagt Axel Petershofer, ein ehemaliges KBU-Vorstandsmitglied. »Das war unverantwortlich, hat den Aufenthalt vieler Kinder verlängert und damit unnötiges seelisches Leid ausgelöst.« Um dies zu vermeiden, verlangt das Auswärtige Amt mittlerweile die Behandlungszusage eines Krankenhauses, bevor es ein Visum für das betreffende Kind ausstellt.

Wie viele Kinder bereits länger als ein Jahr in Deutschland sind, ist nicht klar. KBU sagt, es seien zwölf. Das Sozialamt Mülheim spricht von sieben. Ein ehemaliges Vereinsmitglied glaubt, die Zahl liege »deutlich höher als ein Dutzend«.

Bibi hat in den vergangenen Jahren alles gelesen, gesehen und gespeichert, was ihr über Afghanistan vor die Augen kam. Viel Gutes war es nicht. Ihre Erinnerungen haben sich mit den Negativzeilen der Presse zu einem düsteren Bild verwoben. Immer wieder meint sie, Verwandte zu entdecken, wenn sie Schreckensbilder im Fernsehen oder in der Zeitung sieht.

Bibi ist sich sicher, dass ihre Mutter nicht mehr lebt und ihr Vater neu geheiratet hat. Er habe beim letzten Mal das Bild einer Frau geschickt, die ihrer Mutter »nicht einmal ähnlich sieht«. Ihr Vater, glaubt sie, wünsche sich ihre Rückkehr sowieso nur, damit er sie zu einem »guten Brautpreis« verkaufen könne. »In Afghanistan ist das so«, sagt Bibi. »Als Frau wirst du zwangsverheiratet und hast keine Rechte.«

Ob das stimmt oder nicht, spielt keine Rolle. In Bibis Welt sieht die Wahrheit so aus.

Das Mädchen sitzt mit seinem gleichaltrigen Pflegebruder David auf dem Teppichboden, eine Playmobil-Eisenbahn fährt durchs Zimmer. »Dass ich wirklich zurückmuss«, sagt Bibi, »das kann doch gar nicht sein.« JÜRGEN DAHLKAMP, KATRIN ELGER

* Bei ihrer Ankunft auf dem Hamburger Flughafen am 30. Januar.

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