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Psychologie Tratsch und Terror

Magenkrämpfe, Migräne, Kündigung - Angestellte leiden unter Mobbing.
aus DER SPIEGEL 31/1992

Viele Jahre lang war die technische Zeichnerin eine »ganz normale kleine Angestellte«. Dann kam »die Chance meines Lebens": Sie durfte Aufgaben übernehmen, die sonst Architekten oder Ingenieuren vorbehalten sind. Voller Eifer stürzte sie sich in die neue Arbeit.

Doch statt der Karriere begann die Krise. Eifersüchtige Kollegen fingen an zu lästern, schnitten die Aufsteigerin, und »nach ein paar Wochen sprach niemand mehr mit mir«. Die Frau bekam Depressionen und versuchte schließlich, sich umzubringen.

Als sie nach überlebtem Selbstmordversuch an ihren Arbeitsplatz zurückkehrte, kam es noch schlimmer. »Ach? Nicht mal das haben Sie geschafft?« sagte eine Kollegin zum Empfang. »Probieren Sie's doch am besten noch mal.«

»Das Klima in den Betrieben ist härter geworden«, sagt Udo Möckel, der als Sozialsekretär des Kirchlichen Dienstes in der Arbeitswelt immer öfter von solchen Fällen hört. Mobbing heißt das neue, vom englischen »mob« (Pöbel) abgeleitete Wort für die gute alte Büro-Intrige - und gemobbt wird überall.

Seit Arbeitsplätze und Karrierechancen härter umkämpft sind als je zuvor in der Geschichte der Bundesrepublik, hat sich der »neue fiese Trend« (Bild) breitgemacht. Als Möckel kürzlich zu einer Diskussion über Tratsch und Terror im Betrieb aufrief, meldeten sich gleich 15 Gedemütigte zu Wort; beim nächsten Mal waren es schon doppelt so viele. Im Herbst steigen die ersten Wochenendseminare für Angestellte, die sich am Arbeitsplatz gehänselt fühlen.

Auch die Deutsche Angestellten Gewerkschaft nimmt die Sache ernst; sie hat einen »No Mobbing«-Leitfaden für Personalchefs und Betriebsräte herausgegeben und fordert Betroffene auf, ihr Beschwerderecht zu nutzen.

»Mobbing«, definiert der Stockholmer Psychiater und Arbeitspsychologe Heinz Leymann, »ist eine feindliche und unethische Kommunikation, die systematisch gegen ein Individuum gerichtet wird.« Leymann brachte die erste Studie über verbale Kollegengemetzel hinter dem Schreibtisch, über organisierte Ekelhaftigkeiten im Vorzimmer und gezielte Abschüsse ins Rentenjenseits heraus. Das Fazit ist auf deutsche Verhältnisse übertragbar: Etwa eine Million Berufstätige, so läßt sich hochrechnen, leiden derart unter Mobbing, daß sie Magenkrämpfe, Migräne oder Herzrhythmusstörungen bekommen, krank zu Hause bleiben oder vorzeitig in Rente gehen.

Deutsche Untersuchungen stützen den Befund. Knapp die Hälfte aller Arbeitnehmer fühlten sich, einer Studie der Evangelischen Kirche Deutschlands zufolge, durch Kollegen »emotional belastet«. Bei einer Infas-Umfrage nannten 70 Prozent aller Arbeitnehmer Intrigen als Hauptursache für schlechtes Betriebsklima.

Mobbing-Opfer leiden still. »Man spricht sowenig darüber wie früher über Alkohol im Job«, sagt Martin Resch vom Institut für Arbeitspsychologie und Arbeitspädagogik in Seevetal bei Hamburg. Deshalb ruft der Arbeits- und Organisationspsychologe bei Seminaren ("Vom Kollegenscherz zum Psychoterror") vor allem Führungskräfte dazu auf, Mobbing-Opfer aufzuspüren und ihnen zu helfen.

Wo der Scherz endet und der Terror anfängt, haben Arbeitspsychologen ziemlich genau definiert. Wird das Lehrmädchen vom Chef einmal »blöde Ziege« genannt, so reicht das noch nicht, um als Gemobbte in die Statistik zu gelangen. Man muß regelmäßig (mindestens einmal in der Woche) und lange (mindestens ein halbes Jahr) gequält werden, wobei 48 Methoden in Frage kommen: vom systematischen Informationsentzug ("Das ist für Sie wohl nicht mehr wichtig") übers Anbrüllen ("Sie Sau") bis zum gezielten Rufmord.

Zwei Krankenhausärzte zum Beispiel kriegten sich in die Haare, weil der Chirurg unter ihnen meinte, der Internist schicke ihm »immer die Gallensteine weg«. Der Operateur fühlte sich benachteiligt: Jedes Mal überweise der Kollege die Kranken nicht an ihn, sondern an die Konkurrenz. Der lange Streit gipfelte darin, daß einer der beiden nach einem längeren Urlaub in seinem Heimatort überraschte Patienten traf: »Sie hier? Ich habe mehrmals gehört, Sie seien tot.«

Das Muster, nach denen sich Mobber und Gemobbte verhalten, ist immer gleich. Am Anfang gibt es Streit in der Sache, später wird's kindisch, am Ende gemein: Taxifahrer einer Firma im Ruhrgebiet beispielsweise glaubten, daß ein sprachbehinderter Kollege bei der Fahrtenvergabe bevorzugt würde. Sie bogen sich vor Lachen, wenn sie den Mann stotternd per Sprechfunk veralberten; schließlich lockten sie den Kollegen so oft zu »toten Adressen«, bis er kündigte und woanders anfing.

Gibt der Berufsalltag nicht genügend Munition fürs Mobbing her, werden Schwachstellen im Privatleben eines Opfers gesucht. In einem Düsseldorfer Verlag packten die Kollegen einem promovierten Wissenschaftler, den sie für homosexuell hielten, so lange täglich Fotos von nackten Frauen auf den Schreibtisch, bis er kündigte. Eine Frau aus Dresden, die nach der Wende in West-Berlin als Telefonistin arbeitete, merkte plötzlich, wie die neuen Kollegen versuchten zu sächseln und über »zonigen Scheiß« und »ostzonales Niveau« herzogen. Schließlich ging sie in ihre Heimat zurück. Eine West-Berlinerin, die Freundin einer Kollegin, bekam den Posten.

Beschwerden beim Chef helfen bisher kaum gegen Mobben. Wenn jemand petzt oder verpetzt wird, »neigt die Geschäftsleitung dazu, die Vorurteile der Kollegen zu übernehmen«, hat Psychologe Leymann herausgefunden. Wer meckert, der fliegt, wird degradiert oder landet im »Betriebssibirien«, dem einsamen Büro am Ende des Ganges. Zum Schluß bleibt nur noch die Kündigung.

Nach Ansicht von Udo Möckel muß das nicht so sein. Häufig ließen sich »die Leute zu schnell in die Märtyrerrolle drängen« und kämen »gar nicht mehr auf die Idee, sich zu wehren oder ihr Verhalten zu überprüfen«. In Seminaren für Mobbing-Opfer geht es deshalb vor allem darum, daß die Betroffenen »erst mal an sich selbst arbeiten«, um Konflikte zu vermeiden. Möckel: »Wenn jemand unbedingt mit grünen Fingernägeln das Abendmahl austeilen will, darf er sich nicht wundern, wenn er bei der Kirche aneckt.«

Hat allerdings ein Kollege auch letzte Sympathie-Reste verspielt, hilft gar nichts mehr, wie ein kaufmännischer Angestellter aus der Konstruktionsabteilung eines Automobilkonzerns erfuhr. Der Mann hatte seinen Computer so programmiert, daß er jeden Morgen vom Bild einer jungen Frau und dem Text »Willkommen, lieber Otto« begrüßt wurde.

Eines Morgens erschien statt dessen auf dem Bildschirm eine Kröte, die quakte, was die Kollegen wünschten: »Hau ab, du Arschloch.«

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